Die Bundesrepublik gibt es in zwei Gemütsverfassungen: Das eine platzt geradezu vor Selbstbewusstsein. Das andere Deutschland ist von Selbstzweifeln geplagt, deprimiert und verängstigt. Beide Versionen sind für die Partner in Europa schwer zu ertragen.
Bis zur Corona-Pandemie war Deutschland seinem nationalen Selbstbild zufolge kaum zu übertreffen. Seither jedoch üben sich Bürger und Wirtschaft in kollektiver Selbstgeißelung. Nach dem Motto: Alles Mist, nichts funktioniert.
Die Extremnationalisten von der AfD machen längst Politik mit diesem negativen Selbstbild. In gegenwärtigem Zustand sei dieses Land es nicht wert, militärisch verteidigt zu werden, ätzt Björn Höcke, AfD-Anführer des ostdeutschen Bundeslands Thüringen. Wehrpflicht lehnen die Rechtsausleger genauso ab wie Aufrüstung, egal wie groß die Bedrohung von außen ist.
Deutschland, eine Zumutung
Klar, viele Bundesbürger sehen das anders. Mehrheiten wollen auch nicht aus dem Euro aussteigen, die EU zerstören oder Bürger mit Migrationshintergrund außer Landes bringen. Alles wahnwitzige AfD-Forderungen, die Europa ökonomisch verheeren und sicherheitspolitisch zur leichten Beute machen würden. Dennoch führt die AfD die Meinungsumfragen an. Wie kann das eigentlich sein?
Deutschland als Nation ist eine Zumutung – für seine Partner in Europa, aber auch für sich selbst.
Ein gefährlicher Hang zur Bipolarität ist unübersehbar. Mehr nüchterner Pragmatismus würde eindeutig helfen. Auch diese Strömung gibt es, selbstverständlich, aber sie wird immer wieder überdeckt von kollektiven Gefühlsschwankungen – pendelnd zwischen forschem Auftrumpfen und Untergangsgefasel.
Warum ist das so? Was bedeutet das für unsere Nachbarn, gerade für eine so eng verbundene Gesellschaft wie die polnische?

Wirtschaftsfaktor Patriotismus
Vor 20 Jahren erschien ein Buch von mir mit dem Titel „Wirtschaftsfaktor Patriotismus“. Es war der Versuch zu erklären, warum sich manche Nationen leichter als andere tun, sich auf veränderte äußere Rahmenbedingungen einzustellen. Deutschland mühte sich damals, seinen Platz in der globalisierten Welt zu finden. Die Stimmung, gerade in den Führungsetagen der Wirtschaft, war in den 1990er und frühen 2000er Jahren defätistisch. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Staatsdefizite stiegen. Während andere westliche Länder boomten und in Mittelosteuropa eine ebenso tiefgreifende wie beeindruckende Transformation ablief, war Deutschland in einem flagellantischen Narrativ gefangen. Mutlosigkeit und Schwarzmalerei trugen zu einer seltsamen politökonomischen Lähmung bei.
Dann kam das Jahr 2006. Damals passierten zwei Dinge: Zum einen wurde schließlich auch die deutsche Wirtschaft vom globalen Millenium-Boom erfasst. Dabei halfen die einige Jahre zuvor verabschiedeten Arbeitsmarktreformen („Hartz-Gesetze“). Zum anderen überraschten sich die Deutschen selbst mit einer Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land, die zum „Sommermärchen“ wurde – zu einem großen Fest, bei dem sich Deutschland als weltoffenes, cooles Land präsentierte.
Neue Selbstbewusstsein
Was folgte, war eine Wirtschaftswunder-2.0-Phase. Die deutsche Wirtschaft wuchs robust, gerade die Industrie, die vom Aufholprozess in Polen und im übrigen Mittelosteuropa sowie in den asiatischen Schwellenländern profitierte. Die Staatsfinanzen kamen ins Lot. Die Angst vor Arbeitslosigkeit verschwand. Weder die Finanz- noch die Euro-Krise konnten diesem langen Aufwärtstrend etwas anhaben – und dem prallen Selbstbewusstsein, welches damit einherging. So war das anderthalb Jahrzehnte lang. Bis die Schocks der 2020er Jahre das Land zum Stillstand brachten: Corona, Trumps Protektionismus, die russische Aggression und das Ende der billigen Gasimporte, Chinas neoimperialistische Handelspolitik.
Seither spielen wir teutonisches Ballett: rien ne va plus – nichts geht mehr. Scheinbar jedenfalls.
Volkswagen – ein Symbol und ein Fanal
Der Kapazitätsabbau bei Volkswagen, einer der größten Arbeitgeber Europas, ist ein Symbol und ein Fanal, das weit über Deutschland hinweg tönt. Quer durch die EU – von Palmela (Portugal) bis Poznań (Polen) – betreibt Volkswagen Fabriken. Zulieferverbindungen bestehen nach quasi überall. Wenn VW wackelt, sind die Erschütterungen grenzüberschreitend zu spüren.

Die Deutschlandblockade ist längst keine rein nationale Angelegenheit mehr. Sie ist ein europäisches Problem. Im Schnitt sind die EU und die Eurozone dynamischer als die Bundesrepublik. (hier finden Sie einige Grafiken https://henrikmueller.substack.com/p/die-produktivitatslucke) Wegen der ökonomischen und geografischen Zentralität ist dies ein europäisches Thema. Für Polen und andere mittelosteuropäische Länder ist Deutschland der wichtigste Handelspartner.
Auch aus bundesrepublikanischer Sicht ist Europa wichtig. Die übrige EU nimmt die Hälfte der Exporte ab. Polen ist Deutschlands viertgrößter Ausfuhrmarkt, wichtiger als China oder Italien. Es ist auch der viertgrößte Importmarkt Deutschlands, vor Frankreich.
Mehr als zwei Millionen Menschen, die aus Polen stammen oder zumindest einen polnischen Elternteil haben, leben in Deutschland. Unter den hier gemeldeten Ausländern bilden die 840.000 polnischen Staatsbürger eine der größten Gruppen. Dazu kommen Millionen Pendler und entsandte Arbeitskräfte. Ihr Wohlergehen hängt auch davon ab, was aus Deutschland wird.
Die Schwankungen der nationalen Stimmung
Eine These meines „Wirtschaftsfaktor-Patriotismus“-Buches lautete, ökonomischer Erfolg mache den Kern der deutschen Identität aus. Deshalb schwankt die nationale Stimmung mit der wirtschaftlichen Großwetterlage. In schlechten Phasen implodiert das kollektive Selbstvertrauen, was es unnötig erschwert, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen. Bereits dem frühzeitigen Erkennen einer strukturellen Problemlage steht im Wege, dass es mit dem Eingeständnis identitätsverstörender Schwächen verbunden ist. So geschieht stets zu wenig zu spät.
Das heißt nicht, dass sich in Deutschland nichts bewegen würde. Die Gesellschaft reagiert, aber nicht kollektiv, sondern individuell – vor Ort, in den Betrieben, unkoordiniert, häufig widersprüchlich. In den 1990er Jahren gab es quer durchs Land hunderte „Bündnisse für Arbeit“, also Absprachen zwischen Management und Betriebsräten, die sich um mehr Arbeitszeitflexibilität bemühten. Lohnzurückhaltung seitens der Gewerkschaften verbesserte sukzessive die preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Das genügte, um auf die Gewinnerseite der Globalisierung zurückzukehren. Die tradierten Industriebranchen wussten das weltumspannende Spielfeld zu nutzen. Deutschlands angestammte Traditionsbranchen – Auto, Maschinenbau, Chemie – prosperierten und expandierten.
Verglichen mit heute war die damalige Problemlage trivial. In den düsteren Zwanzigerjahren sind Deutschlands Stärken weniger gefragt als früher. Schwellenländer, insbesondere China, können vieles nun selbst und sind nicht mehr auf Importe angewiesen. In vielen neuen Industriebranchen spielen deutsche Firmen bloß noch Nebenrollen. E-Autos, Robotik, Künstliche Intelligenz oder Weltraum-Business – Deutschland ist überall vertreten, immerhin, aber nirgends führend.
Deutschland hängt hinterher
Junge Firmen entstehen, aber kaum welche wachsen zu überzeugender Größe heran, weil der Kapitalmarkt unterentwickelt ist. Das gilt vielerorts in Europa, aber in Deutschland ganz besonders. Die Marktkapitalisierung aller börsennotierten Firmen hierzulande entspricht gerade mal der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Frankreich sind es über 100 Prozent des BIP, in den USA über 220 Prozent. Investiert wird zu wenig, zumal in geistiges Eigentum, das hohe Renditen verspricht. Wir hängen hinterher.
Die Erwerbsbevölkerung schrumpft. Die Zuwanderung ist, politisch gewollt, rückläufig. Seit sieben Jahren tritt Deutschland wirtschaftlich auf der Stelle. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt immer noch auf dem Niveau des Vor-Corona-Jahrs 2019. Das Potenzialwachstum – also der Zuwachs an gesamtwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten – liegt nur noch knapp über Null. Und bald darunter, wenn es so weitergeht, so hat es die Strategieberatung McKinsey kürzlich vorgerechnet.
Unausgeschöpftes Potenzial
Alles schlecht also? Positiv gewendet, könnte man sagen: Deutschland hat enormes unausgeschöpftes Potenzial.
Die dürftige Infrastruktur wird derzeit instandgesetzt. Irgendwann werden die Autobahnbrücken tatsächlich wieder befahrbar und die Bahn halbwegs pünktlich sein.

Oder: Die Jahresarbeitszeiten gehören zu den niedrigsten international. Beschäftigte hierzulande arbeiten fast 500 Stunden weniger als polnische. Im Schnitt gehen sie mit 64,5 Jahren in Rente, zwei Jahre vor der derzeit gültigen Ruhestandsgrenze. Ein paar Feiertage weniger, ein paar Stunden mehr im Teilzeitjob, ein paar Jahre später in Renten, ein paar qualifizierte Arbeitsimmigranten mehr könnten das gesamtgesellschaftliche Aktivitätsniveau enorm anregen.
Oder: Deutschland hat immer noch eine ansehnliche Forschungslandschaft. Institute und Universitäten sind attraktiv und schaffen anständigen Output. Etwas mehr Forschungsgelder und ein Kapitalmarkt, der wachstumsorientierten Ausgründungen auf die Sprünge hilft, könnten einen großen Unterschied ausmachen. Die bisher angeschobenen Reformen der Regierung Merz kratzen allenfalls an der Oberfläche und konzentrieren sich darauf, die sozialstaatlichen Kostensteigerungen im Zaum zu halten.
Ein Optimist könnte mit Recht behaupten, durch das Drehen an wenigen Stellschrauben ließe sich eine Menge zum Besseren bewegen.
In der derzeit pessimistischen Gemütsverfassung jedoch glauben zu wenige Leute im Lande an nachhaltige Besserung. Stattdessen verhaken sie sich in Verteilungskämpfen, sodass sich der teure, lähmende Sozialstaat als unreformierbar erweist. Schlimmstenfalls wählen sie die antieuropäische und zunehmend extremistische AfD.
Wie gesagt, Deutschland als bipolare Nation ist eine Zumutung. Höchste Zeit für einen Perspektivwechsel.