Polen & Deutschland

Ein neuer Ost-West-Konflikt? „Den Osten gibt es nur im Plural“

36 Jahre deutsche Einheit: Ein Gespräch mit dem renommierten Soziologen Steffen Mau über ostdeutsche Identitäten, die Strategie der AfD in Ostdeutschland, Fehler der Einheit und die Frage, warum Polen die Wende anders bewältigt hat.
Ein Mann sitzt auf einer alten Treppe im Treppenhaus.
Ein Mann sitzt auf einer alten Treppe im Treppenhaus.
Der renommierte Soziologe Steffen Mau ist selbst in Ostdeutschland geboren. Seine Werke über die deutsche Einheit wurden Bestseller. © IMAGO / photothek

In vielen Geschäften werden NVA-Dosensuppen und T-Shirts mit Sprüchen wie „Ossi durch Geburt, stolz darauf“ verkauft. Dazu die jüngsten Debatten rund um die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Man kann eher den Eindruck bekommen, dass im 36. Jahr der deutschen Einheit ein neuer innerdeutscher Ost-West-Konflikt entsteht. Täuscht das?

Ich habe zumindest das Gefühl, dass es eine neue Achse ist, entlang derer die Gesellschaft sich politisiert, und zwar von beiden Seiten. Im Osten wird die ostdeutsche Identität auf eine neue Art bewirtschaftet, durch die AfD, aber auch durch andere. Und im Westen gibt es einen kritischer werdenden, manchmal auch weniger großzügigen Blick auf Ostdeutschland: Was machen die da eigentlich? In der „FAZ“ gab es vor einigen Wochen einen vielbeachteten Artikel mit dem Tenor „Wehe, wenn der Langmut des Westens endet“. Das war eine wenig diplomatisch verpackte Drohung, man könne den Geldhahn auch zudrehen.

Was ist das überhaupt, die ostdeutsche Identität?

Eine einheitliche ostdeutsche Identität gibt es nicht. Sie ist ein Steinbruch, aus dem sich ganz unterschiedliche Leute bedienen. In den 1990er Jahren war das vor allem DDR-Nostalgie, eine Art Phantomschmerz der Älteren. Heute ist es häufig die Identität der Nachgeborenen, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben. Es gibt sie von rechts, in AfD-nahen Kreisen, die die DDR feiern, weil dort Ordnung herrschte, weil sie wenig divers war und die Vorstellung einer nationalen Volksgemeinschaft transportierte. Es gibt sie aber genauso bei jüngeren linken Intellektuellen, die einen neuen Oststolz entwickeln und auf ungleiche Lebenschancen hinweisen. Und es gibt sie als Auseinandersetzung mit dem Erbe des totalitären DDR-Regimes.

Ein großes Gebäude mit mehreren Schildern. Grenzübergang und Gedenkstätte.
Der ehemalige Grenzübergang Marienborn an der einstigen deutsch-deutschen Grenze ist seit 1996 eine Gedenkstätte. © IMAGO / Markus Matzel

Wobei es den Vorwurf gibt, dass das neue ostdeutsche Identitätsbewusstsein eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR verhindert.

Es gibt beides. Einerseits ein Ostdeutschsein als Gegennarrativ zur offiziösen Geschichtsschreibung, in der es um Unrechtsstaat, Mauerschützen und Stasi geht. Dem setzt man entgegen: Es war nicht alles schlecht, es gab einen ganz normalen Alltag, und malt die DDR dabei oft in rosaroten Farben. Andererseits gibt es eine strengere Auseinandersetzung, die das Beschönigen autoritärer Strukturen kritisiert und eine intensivere Aufarbeitung fordert, auch eine Anerkennung der langfristigen Folgen der Sozialisation in einer Diktatur. Auch um dieses Erbe kann es in Identitätsdebatten gehen.

Welche Rolle spielt die DDR, wenn es um die aktuelle Situation in Ostdeutschland geht?

Im öffentlichen Diskurs stehen sich zwei Deutungen gegenüber. Die eine sieht die Demokratieprobleme im Osten und das Erstarken der AfD als Langzeitfolge der DDR. Die andere sieht darin Schäden der Transformation der 1990er- und Nullerjahre. Beides ist mir zu einseitig. Natürlich wirft die DDR einen langen Schatten, aber natürlich spielen auch die 1990er Jahre eine Rolle. Man muss beides zusammendenken. Deshalb spreche ich selbst von „ostdeutschen Frakturen“: Ostdeutschland ist eine mehrfach gebrochene Gesellschaft. Durch den Staatssozialismus, aber auch durch die enormen Transformationslasten, von der Demografie über Brüche in den Biografien bis zu massenhaften Deklassierungserfahrungen.

Warum entdecken gerade die Nachwendegeborenen die Ostidentität für sich?

In unseren Studien sehen wir: Im Westen gilt die Sozialisationsthese – je älter die Leute, desto eher sehen sie Unterschiede zwischen Ost und West. Im Osten sagen das Junge wie Alte gleichermaßen. Die Jungen reklamieren also ein Sonderbewusstsein für sich, aber nur im Osten, nicht im Westen. Wir nennen das „Negation von Alterität“. Die Ostdeutschen behaupten eine Differenz, die Westdeutschen sagen, wir sehen die gar nicht, ihr seid doch wie wir. Das ist eine unglaublich schwierige kommunikative Situation. Für die Ursachen selbst gibt es verschiedene Deutungen. Eine ist das Tocqueville-Paradox, wonach in Gesellschaften mit starker Gleichheitsnorm verbleibende Unterschiede umso stärker politisiert werden. Vielleicht sind die Ostdeutschen erst jetzt in der Lage, Unterschiede in den Lebenschancen so zu artikulieren, wie sie es in den 1990er Jahren nicht konnten. Eine andere zieht eine Parallele zu Migrantinnen und Migranten, bei denen man in der zweiten und dritten Generation oft eine Rekulturalisierung sieht. Die erste Generation, zu der ich oder Angela Merkel gehören, hat sich geräuschlos angepasst. Der größte Ritterschlag war der Satz: „Ich habe gar nicht gemerkt, dass du Ostdeutscher bist.“ Die Nachgeborenen haben eine Zugehörigkeitssicherheit und können Herkunft und tatsächliche Unterschiede offensiver zum Thema machen. Dieses Ostbewusstsein ist auch nicht per se problematisch. Häufig ist es einfach eine regionale Identität, die sich auf einen spezifischen Erfahrungsraum bezieht. Ostdeutschland ist tatsächlich anders als Bayern oder Baden-Württemberg. Problematisch wird es, wenn diese politisiert wird.

So wie es die AfD tut. Welches Bild verkauft sie von den Ostdeutschen?

Die ostdeutsche Identität wird ein Stück weit von der AfD gekapert und als Gegenidentität aufgebaut. Das reicht bis in den politischen Konsum: DDR-Produkte, die Simson als DDR-Jugendmoped auf AfD-Veranstaltungen, zu denen Tausende mit solchen Mopeds anreisen. Das hat fast etwas Folkloristisches, ist aber hoch politisch. Die AfD hat damit aber etwas sehr Cleveres gemacht. Einer Bevölkerungsgruppe, von der 60 Prozent sagen, sie seien Bürger zweiter Klasse und damit nicht gehört und nicht repräsentiert zu sein, hat sie zu verstehen gegeben: Ihr seid eigentlich Deutschlands Avantgarde, die besseren Deutschen. Die soziale Wertigkeit wurde umgedreht. Das geht so weit, dass der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke, eigentlich ein hessischer Gymnasiallehrer und Beamter, sagt, er wünsche sich nichts sehnlicher, als Ostdeutscher zu sein, wodurch er im Gegenzug die Westdeutschen abwertet. Diese Umkehrung des Prestigegefälles ist, neben allen völkischen, migrationsfeindlichen und rassistischen Positionen, wohl Teil ihrer Attraktivität. Sie hat Menschen, die sich übersehen und deklassiert fühlten, wieder ein positives Lebensgefühl verschafft.

Der Rücken eines Mannes in einer Lederjacke mit der Aufschrift Germania Thüringen, im Hintergrund mehrere Mopeds der Marke Simson.
Simson-Mopeds bei einem AfD-Sommerfest: „Ostdeutsche Identität wird ein Stück weit von der AfD gekapert.“ © IMAGO / Funke Foto Services

Wobei das Bild, das die AfD verkauft, auch widersprüchlich ist. So war laut einigen Aussagen von AfD-Politikern in der DDR nicht alles schlecht, dann wiederum lebe man heute wieder fast wie in der DDR, weil man angeblich nicht mehr alles sagen darf.

Es ist wirklich beides und unglaublich widersprüchlich. Einerseits wird die DDR als anheimelnde, organisch gewachsene Gesellschaft idealisiert. Was wohl auch daran liegt, dass die AfD in ihren Reihen Leute hat, die bei der Stasi oder staatsnah waren. Andererseits dient die DDR als Schreckensbild der Gegenwart, die jetzt wiederkomme. Und man stellt sich seit Jahren in das Erbe der Revolution von 1989: „Vollende die Wende“ oder „Wende 2.0“, lauteten nur einige der AfD-Wahlparolen. Das ergibt ein sehr inkonsistentes Weltbild, ist aber der Versuch, ganz unterschiedliche Leute abzuholen. Ein zentrales Element, das aus der DDR mitgenommen wird, ist allerdings der Nationalismus. Die DDR verstand sich als erster sozialistischer Staat auf deutschem Boden. Man konnte dort in den 1980er Jahren wahrscheinlich unbefangener Deutscher sein als in der alten Bundesrepublik, wo man von Verfassungspatriotismus oder postnationaler Identität sprach. Und die Wiedervereinigung formierte sich um die nationale Gemeinschaft. Man hat den Ostdeutschen zu verstehen gegeben: Ihr kommt als Landsleute, als Brüder und Schwestern in unser Haus. Das ist euer Eintrittsticket. Viele haben das sehr ernst genommen.

Dabei verstand sich die DDR als antifaschistisch.

Das war ein verordneter Antifaschismus, der nicht die gesamte Gesellschaft durchdrungen hat, auch wenn manches verfangen hat. Allerdings wurde auch in der alten Bundesrepublik die NS-Vergangenheit keineswegs perfekt aufgearbeitet. Bis vor Kurzem gab es Kasernen, die nach Wehrmachtsgenerälen benannt waren. Es gab Vorbehalte gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, auch in der CDU 1990, und Widerstand dagegen, Wehrmachtsdeserteure zu ehren. Und die DDR hat ihrerseits Elemente aus der NS-Zeit stillschweigend integriert. Die Blockpartei NDPD wurde eigens gegründet, um frühere Wehrmachtsoffiziere und NSDAP-Mitglieder einzubinden.

Ein weiterer Widerspruch, der bezüglich der AfD und Ostdeutschland auffällt, ist die Herkunft ihrer Politiker. Viele von ihnen kommen aus Westdeutschland, dabei wird im Osten beklagt, dass die Spitzenpositionen in Politik, Medien und Wirtschaft von Westdeutschen besetzt werden. Wie lässt sich diese Ambivalenz erklären?

Diese westdeutschen AfD-Repräsentanten dienen sich den ostdeutschen Mentalitäten an und machen sich zu deren Sprachrohr. Die Funktion ist eine andere, de facto ist es aber sehr nah an dem Vorwurf, dass Spitzenpositionen umso wahrscheinlicher von Westdeutschen besetzt sind, je wichtiger sie sind. Da lässt man sich offensichtlich gern fremdbestimmen. Viele dieser Funktionäre kamen schon in den 1990er Jahren aus Zusammenhängen, in denen sie im Westen nicht reüssieren konnten. Der Osten wurde zum Versuchslabor für neue rechtsextreme Netzwerke, die Ostdeutschen ein Stück weit zur Manövriermasse. Es hat dort besser funktioniert, weil die Zivilgesellschaft weniger widerstandsfähig war.

Warum ist die Zivilgesellschaft in Ostdeutschland so schwach?

Der Zivilgesellschaft fehlt es an Geld und Personal. Und die etablierten Parteien, vor allem die CDU in Sachsen und Thüringen, haben lange geglaubt, sie seien die unumschränkten Gestalter der Verhältnisse. Sie waren Scheinriesen. Die CDU hatte 1990 durch die Übernahme der Block-CDU plötzlich 130.000 Mitglieder im Osten, heute sind es noch 30.000. Die FDP hatte 70.000, heute 6.000. Trotz der Wahlerfolge ist die Verwurzelung der alten Volksparteien in den Kommunen nie so gelungen wie im Westen, weil die parteibezogenen Milieus fehlen – die kirchliche Bindung der CDU, die Gewerkschaften für die SPD. Außerdem ist die Wählerbindung schwach und die Wechselwähler wandern nicht zu benachbarten Parteien, sondern verlassen ganze ideologische Lager. Ostdeutsche wählen zudem stärker Personen. Mit einem starken Ministerpräsidenten kann man Menschen noch binden. Jetzt fällt das zusammen wie ein Soufflé. Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern, die dort zeitweise über 30 Prozent hatte, fliegt mit 4,8 Prozent aus dem Landtag.

War es ein Fehler, dass die etablierten Parteien die ostdeutsche Identität zuerst der PDS und nun der AfD überlassen haben?

Der Soziologe Wolf Lepenies hat geschrieben, die Parteien hätten sich Anfang der 1990er Jahre gegen eine Politik der Mentalitäten entschieden. Ich halte das für einen Fehler, auch wenn es nachvollziehbar ist: Man dachte, wenn man die Ost-Soziokultur bestärkt, verlängert man ihre Lebensdauer. Man glaubte, das Thema erledige sich durch die Abfolge der Generationen von selbst. Heute sehen wir, dass dieses Kulturelle ein starkes Eigengewicht hat. Die Parteien täten gut daran, das besser in ihre Programmatik zu integrieren.

Welche Fehler wurden bei der Einheit gemacht?

Das ist ein weites Feld. Naiv war die Vorstellung, dass sich im Osten alles ändern muss und im Westen nichts ändern darf und dass sich der Osten dem Westen anverwandeln wird. Ich spreche gern von Ossifikation, der Bildung von Knochengewebe nach einem Bruch: Nach historischen Brüchen bleiben Dinge. Ostdeutschland ist sozialstrukturell, demografisch, wirtschaftlich und bei den Vermögen nach wie vor sehr anders, und eine Angleichungsdynamik ist nicht mehr erkennbar. Man hätte mehr in Köpfe investieren sollen als in Straßen und Hausfassaden. Man hätte auch den Elitentransfer anders organisieren müssen. In Polen etwa gab es nach dem Abgang der alten Eliten viele junge Aufsteiger, die rasch in einflussreiche Positionen kamen. In Ostdeutschland übernahmen Zehntausende, vor allem Männer, aus dem Westen die Schaltstellen in Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik. Eine Gesellschaft ohne eigene Eliten ist anfällig für populistische Elitenkritik – die da oben, wir hier unten.

Ein schön renovierter Altmarkt-Platz.
Sanierte Häuser in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt: „Man hätte mehr in Köpfe investieren sollen als in Straßen und Hausfassaden.“ © IStock / bbsferrari

Und bei der wirtschaftlichen Transformation?

Der zweite große Unterschied zu Polen oder Tschechien ist die Treuhandprivatisierung. 95 Prozent des privatisierten Produktivvermögens gingen an Westdeutsche und andere ausländische Investoren. Die Ostdeutschen wurden Marktteilnehmer, aber keine Marktteilhaber. Einen Voucher-Kapitalismus mit breit gestreuten Anteilscheinen gab es nicht. In viereinhalb Jahren wurden über 8.000 Betriebe für kleines Geld verkauft, nur wenige saniert, die meisten Arbeitsplätze gingen verloren. Ostdeutschland ist bis heute ein Land der kleinen Leute. Dort gibt es gerade den ersten Milliardär, in Polen sind es 11, in Tschechien ebenfalls.

In Polen heißt es oft, das seien vor allem Postkommunisten.

Natürlich spielen alte Seilschaften eine Rolle. Trotzdem: Polen hat nur einen Bruchteil der Transfers erhalten, die nach Ostdeutschland flossen, und ist eine extrem dynamische Volkswirtschaft mit Wachstumsraten über drei Prozent, einer breiten unternehmerischen Kultur und viel Eigeninitiative, auch weil die Menschen Zugang zu Kapital haben. Davon kann Ostdeutschland nur träumen. Kein DAX-Unternehmen hat dort seinen Hauptsitz. Es gibt Technologiekerne um Dresden, Carl Zeiss in Jena, Teile der Chemieindustrie, aber das ist zu wenig für eine eigene Wachstumsdynamik. Ostdeutschland bleibt eine verlängerte Werkbank.

Man hat bei ihnen den Eindruck, dass es für Polen und Tschechien eher ein Vorteil war, keinen großen Bruder im Westen zu haben.

Kurzfristig brachte die Wiedervereinigung riesige Vorteile, langfristig aber auch kollektivpsychologische Nachteile. Jürgen Habermas hat gesagt, den Ostdeutschen sei anders als den Mittel- und Osteuropäern die Möglichkeit genommen worden, eigene Fehler zu machen und daraus zu lernen. Das trifft zu. Die DDR galt als vormundschaftlicher Staat, und dieses Vormundschaftsverhältnis wurde im Einigungsprozess fortgesetzt. Die Westdeutschen übernahmen die Vormundrolle. Das erzeugt ein permanentes Gefühl, nicht zu genügen. So wurden die ökonomischen Vorteile durch kollektivpsychologische Nachteile konterkariert.

Menschen sitzen auf der Berliner Mauer, im Vordergrund stehen Soldaten.
Pariser Platz, einen Tag nach dem Fall der Mauer: Viele Ostdeutsche hatten falsche Vorstellungen vom Westen. © IStock/ Roland Blunck

Hatten viele Ostdeutsche 1989/90 nicht auch falsche Vorstellungen? Der aus Ostdeutschland stammende Schriftsteller Ingo Schulze schrieb in seinem Wenderoman „Neue Leben“ von gläsernen Tankstellen und beheizten Straßen als Traum.

In gewisser Weise schon. Durchs Fernsehen kannten sie die Bundesrepublik gut, aber eben nur ausschnittsweise. Ein Traum spiegelt die Teile der Realität, die man sich wünscht, wie die Reihenhaussiedlung aus den Vorabendserien. Angekommen ist man aber auch in der Döner-Kebab-Bundesrepublik, die migrantisch geprägt war, mit sozialen Brennpunkten, Arbeitslosigkeit und sozialen Härten.

Ein typisches Ost-West-Thema ist die Haltung zu Russland. Dabei standen viele DDR-Bürger den Sowjetsoldaten skeptisch gegenüber und waren über deren Abzug nicht unglücklich. Woher kommt die heutige Wandlung?

Es gibt eine gewisse Idealisierung des Vielvölkerstaats Sowjetunion. Der friedliche Abzug von 500.000 Soldaten samt Angehörigen hat vielleicht den Eindruck vermittelt, ein solches Imperium sei gar nicht so gefährlich. Und viele haben nicht realisiert, wie stark sich Russland vor allem unter Putin seit Anfang der 2000er Jahre verändert hat, wie stark das postsowjetische Trauma und die imperialen Gelüste wirken. Man hängt an einem Russlandbild der frühen 1990er Jahre fest. Ostdeutschland ist jedoch keine Ausnahme. Auch in Tschechien oder Bulgarien sind die Gesellschaften bezüglich Russland und der Unterstützung für die Ukraine gespalten.

Was würden Sie sich von den Westdeutschen wünschen?

Ich halte nichts davon, zu sagen, alle Westdeutschen müssten jetzt in den Osten fahren, eine Gesprächstherapie machen, und dann wird alles gut. Im Westen gibt es derzeit eine Tendenz, die unter „Critical Westdeutschness“ firmiert: den Ostdeutschen nicht mehr paternalistisch zu begegnen, sie aus Angst vor Trotzreaktionen nicht zu stark zu kritisieren. Ich glaube, wir brauchen westdeutsche Positionen und auch harte Kritik an politischen Entwicklungen, aber ohne Pauschalisierung und Kollektivkritik. Man muss anerkennen, dass Ostdeutschland in sich tief gespalten ist, mit einer schwachen Mitte und starken Rändern. Nach Generationen, Regionen und politischen Orientierungen gibt es sehr unterschiedliche Ostdeutschlands. Den Osten gibt es nur im Plural. Wer das anerkennt, ist schon ein Stück weiter.

Auf dem Hintergrund der deutschen Flagge die Landkarte Deutschlands.
Ist die Einheit ein Erfolg? © Piotr Mordel

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen? Sehen Sie sich als ostdeutscher Professor als Ausnahme?

Ja, ich bin eine Ausnahme. Auch meine Sichtbarkeit hat damit zu tun, dass ich Ostdeutscher bin und einer der wenigen, die öffentlich so darüber sprechen. Wir sind eine Handvoll Leute, die sich kennen und schätzen, auch wenn wir unterschiedliche Positionen haben. Nehmen Sie auch die Zusammensetzung der Humboldt-Universität hier in Berlin. Unter den Professuren kämen Sie auf vielleicht drei Prozent Ostdeutsche, in den Sekretariaten und technischen Abteilungen auf etwa 70 Prozent. Und bei den Reinigungskräften sind etwa 70 Prozent Migrantinnen und Migranten. Das ist die Statusordnung der Humboldt-Universität.

Mussten Sie für die akademische Karriere Ihre Herkunft verbergen?

Nein. Es gibt unterschiedliche Gelegenheitsstrukturen. Wer aus einem Akademikerhaushalt kommt, hat deutlich bessere Chancen. Man spricht in Ostdeutschland von der „Generation der Unberatenen“. Leute wie ich, die in den 1990er Jahren Anfang zwanzig waren, konnten von ihren Eltern wenig Unterstützung beim Einfädeln in das System erwarten, weil diese es nicht kannten. Es kam auf Gelegenheiten und Förderer an, und darüber entstanden Netzwerke. Dass man als Ostdeutscher per se diskriminiert wird, mag es im Einzelfall geben, sehe ich aber nicht. Mit Rassismus ist das nicht vergleichbar.

Ist die Einheit ein Erfolg?

Insgesamt und historisch gesehen, ja. Man muss sich die Dimension vergegenwärtigen: Da kamen nicht einfach zwei Länder zusammen, die eine Grenze trennte, sondern zwei gesellschaftliche Systeme, verfeindete, antipodische Gesellschaften, die friedlich zu einer verschmolzen sind. Dass es dabei zu Friktionen und späten Abstoßungsreaktionen kommt, ist nicht überraschend. Die Leistung der deutschen Einheit schmälert das nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Steffen Mau sprach Thomas Dudek. 

Steffen Mau wurde 1968 in Rostock geboren. Den Tag des Mauerfalls erlebte er als Soldat der NVA. Nach der Wiedervereinigung studierte er Soziologie und Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Sein 2019 erschienenes Buch „Lütten Klein. Leben in der Transformationsgesellschaft“ wurde ein Bestseller. Mit „Triggerpunkte“ und „Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt“, folgten 2023 und 2024 weitere vielbeachtete Werke über die deutsche Einheit. Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit Oktober 2025 Direktor der Abteilung „Ungleichheit, Transformation und Konflikt“ am Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissenschaft. 2021 erhielt er den Leibniz-Preis, die höchstdotierte Forschungsauszeichnung Deutschlands. 

Ein Mann sitzt auf einer alten Treppe im Treppenhaus.

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Thomas Dudek
Eine Musikgruppe spielt in einem Zugwagen auf ihren Instrumenten.

Der Kulturzug ist wieder da. Diesmal zwischen Berlin und Warschau

Bis zum 10. Oktober verbindet der Kulturzug Berlin und Warschau. Fahrgäste erwartet ein Programm mit Literatur, Musik, Performances und Workshops.
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Polnische Presseschau vom 28.09.2026

Treffen zwischen Wadephul und Lawrow, die AfD-Erfolge und ihre Folgen, Russlands hybrider Krieg gegen Polen und die aktuellen Verfilmungen des Literaturklassikers „Die Puppe“ – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
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