Presseschau

Polnische Presseschau vom 13. Oktober 2026

Interview mit dem Staatspräsidenten Karol Nawrocki über Russland, die USA und Premier Tusk, die Zunahme von Messerattacken an polnischen Schulen sowie die Staatsfinanzen des Landes – darüber berichtet die polnische Presse.
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.
Polnische Presseschau © Lisa from Pexels /pexels

Staatspräsident Karol Nawrocki im Interview

Im Mittelpunkt der polnischen Innenpolitik steht seit mehr als einem Jahr der Machtkampf zwischen Polens rechtskonservativem Präsidenten Karol Nawrocki und dem liberal-konservativem Premier der Mitte-Links-Regierung Donald Tusk. In einem am 13.10.2026 veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung „Rzeczpospolita” (13.10.2026) wirft Nawrocki seinem Rivalen eine „Verbreitung der Angst“ vor der Bedrohung aus Russland zu betreiben. Tusk hatte im September vor einer weiteren Eskalation an der NATO-Ostflanke durch Russland gewarnt und berief sich dabei auf einen CIA-Bericht. Im Zeitungsinterview bezeichnet Nawrocki seinen politischen Gegner als „prodeutsch“ und „antiamerikanisch“. Er selbst nennt sich „proatlantisch“.

„Ich sehe keine drastische Änderung der Bedrohung durch Russland. Sie existiert und wird weiter bestehen. Die Einschätzungen unserer Verbündeten, unserer und ausländischer Geheimdienste haben sich seit vielen Monaten grundsätzlich nicht geändert. Es gibt aber eine Verbreitung der Angst in Polen und in Europa“, so Nawrocki.

„Russland bleibt nach wie vor eine Gefahr für Polen. Wir müssen alles tun, um den Krieg zu verhindern. Sowohl der Präsident als auch Polens Premier sollten sich darum kümmern, dass das Land weiter aufrüstet. Sie sollten die stärksten Verbündeten nicht beleidigen und sie sollten sich davor hüten, aus privat-parteilichen Interessen die Angst zu verbreiten. Das nützt heute Polen nicht“, sagt der Präsident.

Nawrocki sprach sich für eine ständige Stationierung von US-Soldaten in Polen aus. „Die Präsenz der US-Truppen in Polen ist eine Sicherheitsgarantie. Ich sage immer, die wichtigste Garantie ist die polnische Armee und die Anwesenheit amerikanischer Truppen ist eine zusätzliche Garantie. (…) Es gibt in Europa keinen verantwortungsvollen Politiker, der nicht der Meinung ist, dass die Präsenz der US-Truppen auf seinem Territorium eine Schlüsselbedeutung für die Sicherheit hat“, betont Nawrocki. „Je mehr US-Soldaten in Polen, desto besser. Sie werden sehr positiv von den Polen aufgenommen“, ergänzte das Staatsoberhaupt.

„Donald Tusk ist ein prodeutscher Politiker und ich bin ein proatlantischer Politiker. Daraus ergibt sich auch ein gewisses Defizit an Verständigung“, erklärte Nawrocki.

Gewaltwelle an polnischen Schulen

Polen galt bisher als im Vergleich zu Deutschland oder Frankreich als ein sicheres Land. Eine Gewaltwelle an polnischen Schulen hat in der vergangenen Woche dieses positive Image stark erschüttert. Es kam zu mehreren Messerattacken. In einem Dorf nordöstlich von Warschau starb nach einer Messerattacke die 37-jährige Hausmeisterin einer Grundschule. Der Täter ist ein 15-jähriger Schüler dieser Schule.  In den sozialen Medien mehren sich Morddrohungen, Jugendliche bringen in die Schulen Messer und andere scharfe Gegenstände mit.

Der Staat reagierte mit verschärften Kontrollen: innerhalb von drei Tagen wurden 117 Menschen festgenommen. Im Einsatz waren 40.000 Polizisten, die 65.000 Kontrollen in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen durchführten. Viele Schulen blieben in den vergangenen Tagen aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die Eltern hatten Angst, ihre Kinder zum Unterricht zu schicken. Die unerwartete Gewaltwelle hat eine breite Debatte über die Ursachen und Gegenmaßnahmen ausgelöst.

„Statt die Eltern zu beruhigen, machen sich die Politiker gegenseitig Vorwürfe. Donald Tusk zeigt mit dem Finger auf Karol Nawrocki, die polnische Rechte schiebt die Verantwortung für die Gewaltwelle der Regierung in die Schuhe“, schreibt die Tageszeitung „Rzeczpospolita“.

„Das Letzte, was wir derzeit brauchen, ist eine Verwandlung der Gefahr, der die Schüler und Lehrer ausgesetzt sind, in ein Instrument eines politischen Krieges“, warnt der Chefredakteur des Blattes Michał Schułdrzyński.

Er kritisiert die Reaktion des Regierungschefs Donald Tusk, der in einer Videobotschaft auf X versuchte, die Gewaltwelle mit Präsident Nawrocki „in Verbindung zu bringen“. Im Januar hat Nawrocki mit seinem Veto ein von der Regierungskoalition beschlossenes Gesetz verhindert, welches die Entfernung krimineller Inhalte aus dem Netz erleichtern sollte.

Kritisch sieht die „Rzeczpospolita“ auch das Agieren rechter Medien wie dem Sender „Telewizja Republika“, der die ganze Verantwortung Tusk und Bildungsministerin Barbara Nowacka zugeschrieben hat. „Eine Serie von Attacken der minderjähriger Messerangreifer: Tusk finanziert Regierungspropaganda und linke Bildung statt Kinderpsychiatrie“, hieß es beispielsweise auf dem Bildschirm.

Die Radikalisierung der Kinder

„Wie kann man die Gewaltspirale aufhalten?“, fragt die „Gazeta Wyborcza“. „Wir müssen zunächst uns selbst ändern. Wir verharmlosen das Verhalten unserer Kinder, wenn sie andere Kinder auslachen oder ausschließen. Zuzugeben, dass unser Kind gewalttätig ist, fällt den Eltern sehr schwer. Das ist aber unsere Aufgabe. Wenn wir das nicht tun, wird sich die Gewaltspirale weiterdrehen“, erläutert Joanna Kopycka von der Stiftung „Wir geben den Kindern die Kraft“.

„Es gibt keine ‚guten‘ und keine ‚bösen‘ Kinder. Es gibt nur Kinder, die bessere und schlechtere Vorbilder hatten, die mehr oder weniger Unterstützung von den Erwachsenen bekommen haben“, sagt die Expertin. „Wenn ein Kind zu Hause oder im öffentlichen Raum Gewalt erfährt oder selbst Opfer von Gewalt wird, kann das zum Vorbild werden. Eine wichtige Rolle spielen auch das Internet und die sozialen Medien, die Inhalte mit Gewalt vermitteln“, setzt Kopycka fort. „Die Kinder empfinden solche Inhalte als ein Signal, dass man auf solche Weise die Konflikte lösen kann“.

Die Wochenzeitung „Sieci“ verweist auf die Erkenntnisse des polnischen Inlandsgeheimdienstes ABW. Aus einem vor einigen Wochen vorgestellten Bericht geht hervor, dass die Radikalisierung der Jugendlichen früher als bisher angenommen beginnt und nicht unbedingt durch eine Ideologie erfolgt. „Am Anfang kann der junge Mensch einsam sein. Er kann empfinden, dass er abgelehnt, dass er ungerecht behandelt wird, dass er keinen Einfluss auf sein Leben hat“, schreibt Dorota Łosiewicz. „Er kann den Eindruck haben, dass ihn niemand versteht und niemand ihm zuhört. Und dann findet er das Internet. Dort wird er gehört“, so die Autorin weiter.  „Das Netz sagt:  Du bist wütend? Du hast das Recht dazu. Zeig es ihnen“. So entsteht die Überzeugung, dass für alles „sie“ verantwortlich sind.

Das Blatt zitiert aus dem Bericht „Jugend 2026“, wonach 47 Prozent der Kinder im Alter zwischen 13 und 16 Jahren zugeben, dass sie überdurchschnittlich hohen Kontakt mit jugendgefährdenden Inhalten haben. 44 Prozent kann wahre von falschen Informationen nicht unterscheiden. Gewalt, Pornographie, Hassrede, brutale Szenen und Desinformation befinden sich in greifbarer Nähe. Die Gewalt braucht nicht immer eine Weltanschauung, manchmal geht es um die Rache oder eine nihilistische Einstellung.

„Die Sicherheit des Staates beginnt viel früher als im Moment des Attentats. Sie beginnt zu Hause, in der Schule, im Verhältnis zu den Eltern, im Gespräch mit dem Lehrer. In der Fähigkeit, die Wahrheit von der Manipulation zu unterscheiden“, heißt es in dem nationalkonservativen Nachrichtenmagazin.

„Wir verfügen über keine Instrumente, die uns erlauben, auf die Radikalisierung junger Menschen wirksam zu reagieren“, sagt dem Wochenmagazin „Newsweek“ der Sicherheitsexperte Michał Piekarski. Das Hauptinstrument der Radikalisierung ist das Internet. Es geht nicht um Kampf, um eine Idee oder Gesellschaftsreformen. Das Ziel sind Chaos, Schock, Grausamkeit und Zerstörung der Gesellschaftsformen“.

Die Wochenzeitung „Przegląd“ zeigt sich dagegen zuversichtlich. „In dieser traurigen Geschichte gibt es eine Prise Hoffnung“, schreibt Kornel Wawrzyniak und verweist auf ein vom Sejm verabschiedetes Gesetz, das den Behörden ermöglichen soll, kriminelle Inhalte, darunter Kinderpornographie und Hassrede, im Netz schnell zu blockieren.  Das Gesetz wird in Krafft treten, wenn Präsident Nawrocki diesmal kein Veto einlegt.

Wirtschaftsexperte: Polens Verschuldung ist gefährlich

Polen gilt in den deutschen Medien als ein Land des Wirtschaftswunders. Die Wochenzeitung „Polityka“ (41/7-13.10.2026) veröffentlicht ein Interview mit dem Finanzexperten Sławomir Dudek, der den Haushaltsentwurf 2027 der Regierung kritisiert und auf die Gefahr der Staatsverschuldung hinweist.

Als Vorsitzender des Fiskalrates analysiert Dudek den Haushaltsentwurf 2027 und spricht vom „fatalen Zustand der Staatsfinanzen“, der eine Folge „vieler falscher Entscheidungen“ sei, getroffen nicht nur durch die derzeit amtierende Regierung, sondern durch die von 2015 bis 2023 regierende PiS. Der Wirtschaftswissenschaftler lehrt an der renommierten Hochschule SGH in Warschau. Er verbrachte 25 Jahre in verschiedenen Funktionen im Finanzministerium.

„Die Regierung behauptet, dass der Haushalt verantwortungsvoll sei, dass in Europa Polen sich am schnellsten entwickelt, dass wir die 20. Volkswirtschaft der Welt sind und dass unsere Kaufkraft größer als die der Japaner ist. Das ist super! Wenn wir so reich sind, dass wir uns 800+ (Anm.d.Red.: Name des polnischen Kindergeldprogramms) für jede Familie mit Kind leisten können, warum sind die öffentlichen Leistungen auf einem solch peinlich niedrigem Niveau?“, fragt Dudek.

„Beide Seiten, die im politischen Clinch miteinander liegen, haben bei den Polen den Glauben gefestigt, dass sich der Staat alles leisten kann, wenn man ihn nur zwingt. Wir verblöden und der Krieg rückt immer näher“, warnt der Finanzexperte.

„In jedem Augenblick“, antwortet Dudek auf die Frage, wann es zum Zusammenbruch der Finanzen kommen könnte. „Die zwei Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine bedrohen die Stabilität der Welt, vor allem Polens. Es reicht ein kleiner Impuls, damit unsere Welt zusammenbricht. Es könnte ein gewaltiger Drohnenangriff in der Nähe unserer Grenze sein, es könnte aber auch eine Rückkehr zum Versprechen sein, die steuerfreie Quote auf 60.000 Złoty anzuheben“, sagt Dudek in dem Interview, mit dem vielsagenden Titel „Es gibt keine Wunder“.

 

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