Lange wurde darüber gemunkelt, dass Berlin und Warschau etwas vorbereiten. In vertraulichen Gesprächen gaben Diplomaten bereits Anfang des Jahres Hinweise auf ein mögliches Verteidigungsabkommen zwischen Deutschland und Polen – spätestens nach Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz während der deutsch-polnischen Regierungskonsultationen im Dezember 2025 in Warschau. Die Verteidigungsminister beider Länder seien beauftragt worden, etwas „auszuarbeiten“, sagte Merz damals.
Konkretes indes verrieten der Kanzler wie auch sein polnischer Amtskollege Donald Tusk nicht. Erst Miguel Berger, deutscher Botschafter in Polen, erklärte Mitte Mai auf der Impact’26-Konferenz in Poznań öffentlich, ein deutsch-polnisches Verteidigungsabkommen sollte bald unterzeichnet werden. Pawel Zalewski, stellvertretender polnischer Verteidigungsminister, bestätigte Aussage Bergers: „Wir haben einen Plan“, meinte er.
Pünktlich zum 35. Jahrestag des Nachbarschaftsvertrags
Dieser „Plan“ soll nun am 17. Juni dieses Jahres in die Tat umgesetzt werden. Anlässlich des 35. Jahrestags der Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags soll eben jenes Verteidigungsabkommen beschlossen werden.
Die sicherheits- und verteidigungspolitische Zusammenarbeit beider Länder wird – so die Hoffnung der Verantwortlichen in den beteiligten Ministerien – damit auf eine neue Grundlage gestellt, sie bekommt einen Rahmen und ein Ziel. Doch was bedeutet das? In welchem politischen Kontext findet die Unterzeichnung des Abkommens statt? Und was eigentlich ist konkret über dessen Inhalt bekannt?
Nicht viel vorerst. Verlässlich sagen lässt sich jedoch schon: Die Zusammenarbeit in Sachen Rüstung und Beschaffung soll ausgebaut werden; auch die für das Militär wichtige Bahn- und Straßeninfrastruktur zwischen beiden Ländern soll erneuert werden. Übungen, Beratungen und Austausch sollen regelmäßig stattfinden.
Ein wichtiges Signal
Doch das Abkommen hat Bedeutung über das deutsch-polnische Verhältnis hinaus. Für die Ukraine sei die deutsch-polnische Annäherung ein wichtiges Signal, sagt DIALOG Norbert Röttgen, stellvertretender Vorsitzender der Fraktion der CDU und CSU im Deutschen Bundestag, einer der renommiertesten deutschen Außenpolitiker. „Zwei der bedeutendsten europäischen Partner stehen geschlossen hinter der Ukraine. Konkret bedeutet das weitreichende Unterstützung, militärisch und finanziell. Gleichzeitig wollen beide Länder den Druck auf Moskau durch verschärfte Sanktionen erhöhen. Als Teil dieser Partnerschaft unterstützt Deutschland die Einrichtung des NATO-Ukraine-Zentrums in Bydgoszcz, das Lehren aus dem Krieg zieht und die Interoperabilität der Ukraine mit der Nato stärkt“, erklärt Röttgen weiter.
Sicher kann jetzt schon gesagt werden, dass das Vorhaben hochsymbolisch ist, allein weil es mit dem Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags zusammenfällt. Der 1991 unterzeichnete Vertrag gilt als historisch. Denn er schreibt die gute Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern fest, bekräftigt, dass die Oder-Neiße-Grenze die endgültige Grenze ist, und verpflichtet beide Länder zur Arbeit an einem geeinten, friedlichen und freien Europa.
Doch in den vergangenen Jahren, vermehrt in den vergangenen Monaten, wurde von Experten und auch aus der Politik immer öfter gefordert, den Nachbarschaftsvertrag zu erneuern. Er stamme, so die Argumentation, aus einer anderen Zeit; Russlands Krieg gegen die Ukraine und seine Konfrontation mit Europa stellen die europäische Gemeinschaft, speziell Deutschland und Polen, vor neue Herausforderungen.
Kai-Olaf Lang etwa argumentierte in einer Analyse für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) schon im Mai 2025 für eine deutsch-polnische Sicherheitspartnerschaft und sah für Polen dabei ein „europäisches Moment“. Zwar setzt sich Warschau demnach weiterhin für eine enge sicherheits- und verteidigungspolitische Partnerschaft mit Washington ein, aber das Vertrauen in die USA hat in Polen mit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump spürbar nachgelassen.
Polen als Vorbildverbündeter der USA
Trotz der Ankündigung des US-Präsidenten, 5.000 weitere US-Soldaten nach Polen zu verlegen, glauben viele Menschen im Land nicht mehr an das Schutzversprechen der USA.
Dass Washington die Hilfen für die Ukraine zurückgefahren hat, mit Zöllen aktiv Politik gegen die EU betreibt, Trump regelmäßig gegen europäische Politiker wettert und nicht zuletzt, dass der US-Präsident die Nähe zu Wladimir Putin sucht, ja für ihn offenbar Großmachtvereinbarungen mit Moskau über die Köpfe der Europäer hinweg erstrebenswert sind, irritieren und verunsichern die polnische Gesellschaft und die politische Klasse gleichermaßen.
Aussagen Trumps über die Rolle europäischer Verbündeter im Afghanistan-Krieg – Polen war aktiv an Kampfhandlungen beteiligt und hatte Verluste zu beklagen – und seine rhetorischen Entgleisungen gegenüber Papst Leo XIV. verstören die Menschen im überwiegend katholischen Polen zusätzlich und entfremden sie von den USA. Polen galt lange als ausgesprochen pro-amerikanisch und „model ally“, also „Vorbildverbündeter“ der USA.
Das besonders enge polnisch-amerikanische Verhältnis, gerade im Sicherheitsbereich, hat lange als Verstärker für polnischen Einfluss in Europa gewirkt. Das ist heute nicht mehr der Fall. Ganz Europa ist bei militärischen Schlüsselfähigkeiten abhängig von den USA, Polen aufgrund der vielen Rüstungsbeschaffungen in den USA ganz besonders. Einige Experten erachten das vor dem Hintergrund der schwer berechenbaren Politik Trumps als Risiko.
Neukalibrierung der Sicherheitspolitik
Tatsächlich treibt nicht nur Russlands aggressive Politik Polen zu einer Neukalibrierung seiner Außen- und Sicherheitspolitik, sondern auch die weltpolitische Neuorientierung der USA – Washingtons Fokus auf Asien und mittelfristig ein Rückzug aus Europa oder eine deutliche Reduktion der US-Truppenpräsenz auf dem Kontinent.
Polen reagiert darauf bereits sichtbar mit einer „Hinwendung“ nach Europa: Warschau hat Verteidigungsverträge mit Paris, den Vertrag von Nancy (2025), und London, den Northolt-Vertrag (2026), unterzeichnet. Im Januar und Mai 2026 sind sie in Kraft getreten. Beide Dokumente enthalten sogar Beistandsklauseln für den Fall eines Angriffs. Wird das deutsch-polnische Verteidigungsabkommen dahinter zurückstehen? Nicht unbedingt, obwohl es als bilaterales Regierungsabkommen völkerrechtlich einen anderen Charakter hat.
Der Fokus wird auf einer stärkeren Zusammenarbeit liegen, in der Rüstung und bei gemeinsamen Übungen; es geht um eine Stärkung dessen, was heute bereits ist. Die Verträge mit Frankreich und Großbritannien haben Polen und vor allem Deutschland politisch unter Druck gesetzt, ebenfalls ihre Sicherheitspartnerschaft zu vertiefen. Nun kommt es also zu einer Erweiterung des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags von 1991 um ein Sicherheitsabkommen.
Dass es einen anderen Charakter hat als der polnisch-französische und der polnisch-britische Vertrag, macht es nicht weniger bedeutsam. Das liegt an den Rollen, die Deutschland und Polen in Europas neuer, angespannter Sicherheitslage einnehmen: Polen ist der sogenannte Frontstaat der NATO, das Land grenzt an Russland, dessen Vasallen Belarus und den Kriegsschauplatz in der Ukraine. Polen ist dadurch besonders exponiert, gleichzeitig aber unverzichtbar als Hub für die Versorgung der Ukraine mit militärischen und anderen Gütern; es verfügt heute schon nach den USA und der Türkei über die drittgrößten Streitkräfte der NATO und gibt beinahe fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung aus.
Damit steht Polen im Bündnis an der Spitze. Deutschland wiederum ist trotz einer Wirtschaftskrise immer noch die größte Volkswirtschaft der EU und die drittgrößte der Welt mit einem großen industriellen Potenzial. Im Konflikt- oder Kriegsfall wäre Deutschland das Aufmarschgebiet und die logistische Drehscheibe der NATO.
Der Ausbau der Infrastruktur, zum Beispiel von Brücken und Schienen, zwischen Deutschland und Polen ist daher wichtig und folglich ein Teil des Verteidigungsabkommens. „Eine engere deutsch-polnische Sicherheitspartnerschaft stärkt die NATO-Ostflanke und schafft Mehrwert weit über das Militärische hinaus. Beide Länder bringen komplementäre Stärken mit, gemeinsame Beschaffung senkt Kosten, und industrielle Kooperation schafft wirtschaftliche Anreize.
An der NATO-Ostflanke, wo die Bedrohung durch Russland unmittelbar ist, entsteht so glaubwürdige Abschreckung“, sagt CDU-Politiker Röttgen. Doch die Partnerschaft habe, betont Röttgen, eine weitere Dimension: „Manche Kräfte in Polen instrumentalisieren anti-deutsche Ressentiments für den Wahlkampf. Dagegen helfen keine Appelle, sondern belastbare Zusammenarbeit“, sagt er.
SAFE als „deutsche Verschwörung“
Vor allem die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) macht regelmäßig gegen Deutschland Stimmung, sie setzt darauf, dass aufgrund von gravierenden Fehlern deutscher Politik, wie der gescheiterten deutschen Russlandpolitik, das Vertrauen in Deutschland in Polen zurückgegangen ist. Präsident Karol Nawrocki, der von der PiS gestützt wird, steht beispielhaft für diese Politik, etwa mit seinem Veto gegen das polnische SAFE-Gesetz; 44 Milliarden Euro in Form günstiger EU-Kredite soll Polen erhalten – wobei das Nawrocki-Lager versuchte, das Programm als eine Art deutsche Verschwörung gegen Polen zu inszenieren. Erfolglos. Letztlich ist die Auszahlung des Geldes durch den Präsidenten nicht zustimmungspflichtig. Aber das Beispiel zeigt, dass Zusammenarbeit mit Deutschland, wenn sie denn sichtbar wird, in Polen bisweilen Mut von den Regierenden erfordert. Premierminister Tusk hat sich selbst oft von deutschlandfeindlicher Stimmung treiben lassen.
Dass das Abkommen unterzeichnet wird, zeugt davon, dass die realen Umstände letztlich gegen das Ressentiment gewinnen. Deutschland und Polen sind als Nachbarländer eng miteinander verbunden, gesellschaftlich, sozial, aber eben auch wirtschaftlich. Deutschland ist Polens wichtigster Handelspartner, Polen steht für Deutschland auf Platz fünf. Das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern belief sich 2025 auf mehr als 180 Milliarden Euro. Eine rüstungs- und verteidigungspolitische Verzahnung zwischen Deutschland und Polen ist deswegen nur konsequent.
Kritiker mögen einwenden, Polen setze seine großen Rüstungsprogramme vor allem mit den USA und Südkorea um und es gebe kaum Raum für europäische oder deutsch-polnische Großvorhaben mehr. Allerdings lohnt ein genauerer Blick auf den Sachverhalt.
Theoretisch enormes Potenzial
Marek Świerczyński, angesehener Sicherheitsexperte bei der Warschauer Denkfabrik Polityka Insight, ordnet das rüstungspolitische Potenzial des Abkommens wie folgt ein: Theoretisch sei es enorm, sofern beide Seiten bereit seien, es voll auszuschöpfen und umzusetzen. „Dies wird zum Teil durch die Geografie bestimmt – durch die gemeinsame Nutzung desselben Einsatzraums zu Lande, in der Luft, auf See, im Weltraum, im Cyberspace und im Informationsbereich sowie durch die Ähnlichkeit, Synergie und Komplementarität der jeweiligen Rüstung“, erklärt Świerczyński.
Betrachte man diese Rahmenbedingungen genauer, eröffnen sich unzählige Wege der Zusammenarbeit, Integration oder gegenseitigen Weiterbildung. „Zweifellos könnten Polen und Deutschland beispielsweise eine ‚gepanzerte Faust‘ an der Ostflanke der Nato bilden; es gibt keine Hindernisse für die Zusammenarbeit der Marinen, einschließlich der U-Boot-Streitkräfte, und auch die Luftwaffen werden viel gemeinsam haben, insbesondere wenn Deutschland die F-35-Flugzeuge erhält, die Polen bereits jetzt einführt“, sagt der Experte. Praktisch in jedem Bereich der Fähigkeiten eröffne sich ein „Fenster der Möglichkeiten“ – doch dann schiebt Świerczyński nach: „Nur dass es von den Politikern und nicht vom Militär abhängt, ob dieses genutzt wird – und selbst wenn das Militär die Möglichkeiten erkennt, ist es nicht besonders überzeugt vom deutschen Engagement für die Verteidigung der Ostflanke gegen Russland.“
Trotz des Abkommens muss also weiter an gegenseitigem Vertrauen gearbeitet werden. Deutschland und Polen sind gute Partner, das Verteidigungsabkommen zementiert und formalisiert eine bereits bestehende Zusammenarbeit. Aber sie ist, darauf deuten Stimmungsmache in Polen und vergangene Fehler deutscher Politik, eben keine Selbstverständlichkeit.