Polen & Deutschland

Das Seil im Nebel. Über Polen und Deutschland

Was 35 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaft über das heutige Europa erzählen.
Ein Seil auf einem Berg
Deutschland und Polen gehen einen gemeinsamen Weg. © StefanieDegner/iStock

Wer schon einmal in einem Hochgebirge unterwegs war, kennt diesen Moment. Der Gipfel liegt noch irgendwo über den Wolken. Die Sicht wird schlechter. Der Wind frischt auf. Die Markierungen am Weg verlieren sich im Nebel. Jeder Schritt verlangt Konzentration. In einer solchen Situation gibt es etwas, das wichtiger wird als jede Landkarte: das Seil. Man vertraut darauf, dass die Menschen am anderen Ende nicht loslassen. Vielleicht ist genau dies die treffendste Metapher für die deutsch-polnischen Beziehungen der vergangenen 35 Jahre.

Am 17. Juni 1991 unterzeichneten Deutschland und Polen den Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Damals konnte niemand wissen, welche Stürme Europa noch bevorstanden. Niemand ahnte, welche Höhen erklommen und welche Abgründe umgangen werden müssten. Doch der Vertrag schuf etwas, das bis heute trägt. Er knüpfte ein Seil zwischen zwei Nachbarn, deren Geschichte von den tiefsten Schluchten Europas geprägt worden war.

Ein Aufbruch in unbekanntes Gelände

Europa erinnerte Anfang der 1990er Jahre an eine Gebirgslandschaft nach einem Erdbeben. Der Eiserne Vorhang war überwunden. Neue Wege wurden sichtbar. Alte Gewissheiten zerfielen wie Felswände nach der Schneeschmelze. Für Deutschland und Polen bedeutete dies eine historische Chance. Die Grenzfrage war geklärt. Die staatliche Souveränität Polens stand außer Zweifel. Nun galt es, etwas zu schaffen, das sich nicht vertraglich verordnen lässt: Vertrauen.

Wer damals auf die deutsch-polnischen Beziehungen blickte, sah jedoch keine idyllische Almlandschaft. Unter der Schneedecke lagen Gletscherspalten. Die Erinnerung an den deutschen Vernichtungskrieg gegen Polen war lebendig – und das ist sie heute immer noch. Millionen Opfer, zerstörte Städte, Besatzungsterror, Vertreibungen und die Erfahrung jahrzehntelanger Teilung Europas bildeten ein Gelände, das niemand leichtfertig betreten konnte. Gerade deshalb war der Nachbarschaftsvertrag ein so bemerkenswerter Schritt. Er war kein Gipfelsieg. Er war der Aufbruch.

Die eigentlichen Bergführer

Rückblickend wird oft auf die Außenminister, Regierungschefs und Staatspräsidenten geschaut. Doch die eigentlichen Bergführer dieser deutsch-polnischen Expedition waren häufig andere: Lehrkräfte, Bürgermeister, Wissenschaftler:innen, Vereinsvorsitzende. Studierende. Unzählige gemeinsame Familien und Mixed-Biografien beiderseits der Grenze. Menschen, die Partnerschaften gründeten, Begegnungen organisierten, Schüleraustausch ermöglichten oder wissenschaftliche Projekte auf den Weg brachten. Sie alle befestigten Haken im harten Felsen. Jede Städtepartnerschaft, jede Schülerbegegnung, jedes gemeinsame Forschungsprojekt machte die Route ein wenig sicherer. Heute erscheint vieles selbstverständlich.

Die offenen Grenzen… Die wirtschaftliche Verflechtung… Die zahllosen persönlichen Kontakte… Die engen Beziehungen zwischen Universitäten, Kommunen und Kulturinstitutionen…

Doch nichts davon war (und bleibt) selbstverständlich. Jeder dieser Fortschritte musste erarbeitet werden – Schritt für Schritt, Höhenmeter für Höhenmeter.

Als Polen schneller die Gefahr erkannte

Wer gemeinsam einen Berg besteigt, sieht nicht immer dieselbe Landschaft. Manchmal erkennt ein Mitglied der Seilschaft die Gefahr früher als die anderen. Ein solcher Moment kam im Februar 2022. Als Russland die Ukraine überfiel, reagierte Polen mit einer Entschlossenheit, die viele Menschen (nicht nur) in Deutschland überraschte.  Für zahlreiche Polen war die Bedrohung unmittelbar erkennbar. Zu tief saßen die historischen Erfahrungen mit imperialer Gewalt, Fremdherrschaft und Krieg.

Deutschland benötigte mehr Zeit. Die politischen Debatten waren länger. Die Bewertungen unterschieden sich. Entscheidungen wurden langsamer getroffen. Aus polnischer Sicht wirkte dies bisweilen wie ein gefährliches Zögern vor einer herannahenden Lawine. Die Irritationen waren erheblich. Und doch lohnt sich heute ein genauerer Blick. Denn gerade diese Krise zeigte, wie eng beide Länder inzwischen miteinander verbunden sind. Die Enttäuschung war so groß, weil die Erwartungen hoch waren. Man erwartet Verständnis nicht von Fremden. Man erwartet es aber von Partnern.

Die Schatten, die geblieben sind

Jede Berglandschaft besitzt Orte, an denen der Schnee auch im Sommer nicht schmilzt. So verhält es sich mit manchen Fragen der deutsch-polnischen Verflechtungsgeschichte. Die Debatten über Reparationen und Wiedergutmachung haben gezeigt, dass historische Wunden nicht verschwinden, nur weil Jahrzehnte vergangen sind. Hinzu kommt eine Entwicklung, die eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist: Polen hat in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten einen bemerkenswerten wirtschaftlichen und geopolitischen Aufstieg erlebt. Das Land gehört heute zu den einflussreichsten Ländern der Europäischen Union, nicht nur als EU-Frontsaat – im Rahmen einer erweiterten Mitgliedschaft wurde Polen von den USA (während ihrer G20-Präsidentschaft) zu den Treffen eingeladen. Mit diesem Wandel wuchs verständlicherweise der Wunsch, nicht nur als Nachbar, sondern als gleichrangiger Partner wahrgenommen zu werden.

Auch daraus entstanden deutsch-polnische Verstimmungen, ja auch Spannungen. Doch vielleicht liegt gerade hierin ein Zeichen der Reife. Die deutsch-polnischen Beziehungen kreisen längst nicht mehr ausschließlich um die Vergangenheit.

Sie drehen sich zunehmend um die gemeinsame Gestaltung der Zukunft.

Warum das Seil gehalten hat

Der eigentliche Erfolg des Nachbarschaftsvertrages besteht nicht darin, dass Konflikte verschwunden wären. Sie sind geblieben.

Manche sind sogar deutlicher sichtbar geworden.

Der Erfolg besteht vielmehr darin, dass die Konflikte das Fundament der Beziehungen nicht zerstört haben. Vor 35 Jahren hätte manch ein Beobachter bezweifelt, ob Deutschland und Polen dauerhaft ein solches Maß an Nähe erreichen würden.

Heute sind politische Verstimmungen zwar regelmäßig Gegenstand öffentlicher Debatten. Doch niemand stellt ernsthaft infrage, dass beide Länder aufeinander angewiesen sind, nicht nur mit Blick auf wirtschaftliche, aber eben auch auf existenzielle sicherheitspolitische Aspekte.

Das ist keineswegs selbstverständlich. Die europäische Geschichte kennt zahlreiche Beispiele von Nachbarn, die an weniger schweren Belastungen gescheitert sind. Deutschland und Polen hingegen haben gelernt, mit den Spannungen zu leben, ohne das gemeinsame Ziel aus den Augen zu verlieren.

Der Gipfel liegt noch vor uns

Vielleicht besteht die größte Leistung des Nachbarschaftsvertrages darin, dass er die Geschichte nicht „beendet“ hat. Denn Geschichte im Sinne wichtiger historischer Lektionen sollte in die Gegenwart hinein fortwirken. Der Vertrag hat vor allem einen Rahmen geschaffen, in dem Geschichte weitergeschrieben werden kann. Gemeinsam. Das ist schon sogar gelungen in Form eines gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtslehrwerks mit dem wegweisenden Titel „Europa – Unsere Geschichte / Europa. Nasza historia“. Wer hätte das noch vor zehn, fünfzehn Jahren für realisierbar gehalten?

Der gemeinsame Blick in die Vergangenheit ist nötig, wenn man gemeinsam auch die Zukunft in den Blick nehmen will. Das ist mehr als nötig, denn Deutschland und Polen brauchen einander. Europa steht heute erneut vor gewaltigen Herausforderungen, eine Lawine bahnt sich ihren Weg.

Der Krieg in der Ukraine – und ja, der Krieg in Europa.

Die Fragen der europäischen Sicherheit.

Migration.

Wirtschaftlicher und arbeitsmarktpolitischer Wandel, den KI-generierte Tools schon jetzt massiv beeinflussen.

Der Aufstieg autoritärer Kräfte.

Die geopolitischen Verschiebungen einer neuen, noch nicht festgelegten Weltordnung.

All dies erinnert an einen Berggrat, auf dem der Wind stärker geworden ist. Gerade deshalb kommt es auf verlässliche Seilschaften an. Auf Partner, die unterschiedliche Erfahrungen mitbringen, die nicht immer dieselben Wege bevorzugen und die sich bisweilen heftig über die beste Route streiten. Aber dennoch verbunden bleiben.

Die wichtigste Bilanz nach 35 Jahren

Wenn man nach 35 Jahren eine Bilanz ziehen möchte, dann vielleicht diese: Deutschland und Polen haben nicht gelernt, immer einer Meinung zu sein. Sie haben etwas Schwierigeres gelernt. Sie haben gelernt, trotz unterschiedlicher Erfahrungen, bisweilen auch anders gewichteter Interessen oder Ansprüche und nicht zuletzt trotz historisch bedingter Empfindlichkeiten gemeinsam weiterzugehen.

Das klingt unspektakulär.

In Wahrheit ist es eine außergewöhnliche Leistung. Denn die Geschichte Europas erzählt unzählige Geschichten vom Reißen der Seile.

Die deutsch-polnische Geschichte der vergangenen 35 Jahre erzählt eine andere. Sie erzählt von unzähligen Menschen, die sich entschieden haben, das Seil festzuhalten. Auch dann, wenn Nebel aufzog. Auch dann, wenn der Weg steil wurde. Auch dann, wenn man den Gipfel nicht mehr sehen konnte.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft des Nachbarschaftsvertrages von 1991: Nicht die Abwesenheit von Konflikten macht gute Nachbarn aus. Sondern die Fähigkeit, gemeinsam weiterzusteigen. Auf diese Gemeinsamkeit baut Europa, bauen wir alle.

Deshalb dürfen wir uns gegenseitig auf die Schulter klopfen – nicht, um einander zu beschwichtigen, sondern um den Staub aufzuwirbeln, der sich wie jeder Nebel irgendwann legt und für noch klarere Sicht der Dinge sorgt.

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