Diesen Kinobesuch konnte ich kaum abwarten: Ob denn wohl, nach „Ida“ und „Cold War“, Paweł Pawlikowskis neuer Film „Vaterland“ ein würdiger Abschluss dieser in Schwarz-Weiß gedrehten, hochästhetischen Trilogie sein würde? Ob er wohl dem Thema Thomas Mann gerecht geworden sei? Welche Geschichte er um dessen Besuch im geteilten Nachkriegsdeutschland spinnen würde? Nicht zuletzt, was nach dem Anschauen davon im Gedächtnis haften würde – welche Bilder und Gefühle, und ob der Film als Ganzes gelungen sei?
Stehende Ovationen in Cannes
Die Premiere von „Vaterland“ fand beim Festival von Cannes, der Feier des europäischen Kinos statt. Die ersten Reaktionen waren überschwänglich, und der neue Film des Regisseurs von „Die geheimnisvolle Fremde“ und „My Summer of Love“ wurde mit stehendem Applaus und anhaltenden Bravorufen bedacht. „Vaterland“ war im Wettbewerb des 79. Filmfestivals von Cannes und gewann den Preis für die Regie.

Diesmal nimmt uns Pawlikowski mit in das vom Krieg zerstörte Deutschland, das durch einen Konflikt geteilt war, zu dessen Symbol es wurde. Das okkupierte und in Besatzungszonen aufgeteilte Land wartete auf den Mann, der während der Gesamtdauer des Krieges aus den USA im Radio Ansprachen („Deutsche Hörer!“) an diejenigen Deutschen gehalten hatte, die ihre Angst überwanden, um ihn anzuhören. Denn das Hören ausländischer Sender war im Extremfall mit der Todesstrafe bedroht. Manns kurze Ansprachen dauerten jeweils zwischen fünf und zehn Minuten, begannen im Oktober 1940 und wurden bis Kriegsende fortgesetzt. Dem Schriftsteller ging es dabei vor allem darum, den Deutschen die Augen für Hitlers Verbrechen zu öffnen und sie dazu zu bringen, sich dem Regime zu widersetzen.
Vom „Zauberer“ zum eigenen Drehbuch
Ursprünglich sollte „Vaterland“ die Verfilmung von Colm Tóibíns Roman „The Magician“ von 2021 sein (dt. „Der Zauberer“, München: Hanser). Der irische Autor schreibt von dem großen, anerkannten Schriftsteller Thomas Mann, der sein Privatleben, seine sexuellen Vorlieben und Wünsche sorgsam vor der Öffentlichkeit verbarg. Es ist ein Roman über das Verhältnis Thomas Manns zu seinem Bruder Heinrich, seiner Frau Katia und ihren gemeinsamen Kindern vor dem Hintergrund des bewegten 20. Jahrhunderts.
Ein italienischer Produzent wandte sich an Pawlikowski, um das Buch entweder in einen Kinofilm oder eine Fernsehserie umzusetzen. Aus dem Projekt wurde schließlich nichts, auch wenn die Planungen nach Auskunft des Regisseurs bereits fortgeschritten waren. Aber nach der Lektüre von Tóibíns Buch war bei Pawlikowski die Beschreibung von Manns Rückkehr in das Deutschland der Nachkriegszeit nach sechzehnjähriger Emigration haften geblieben. Anlass war Goethes Geburtstag, der sich 1949 zum 200. Mal jährte. Pawlikowski bekundete in einem Interview, wie er unablässig darüber nachdachte, diesen Besuch filmisch umzusetzen. Was ihn interessierte, waren der Zerfall der alten Ordnung, die geistige Heimatlosigkeit, die geteilte Welt, die beiden um die Seele des alten Thomas Mann ringenden Ideologien, dem es angelegen ist, über den Dingen zu stehen und einfach seinen Weg zu gehen. Schließlich blieb Pawlikowski nur, Tóibín beiseitezulegen und alle zugänglichen Mann-Biografien sowie Berichte über seine Reise von 1949 zu lesen. So entstand ein Drehbuch, das nicht als dokumentarische Erzählung von der Deutschlandreise des Autors des „Zauberbergs“ zu verstehen ist. Denn Pawlikowski hat vielfach bekundet, ihn interessierten keine Filmbiografien im klassischen Sinne.
Fünf Tage statt einer langen Reise – künstlerische Freiheiten
In der Realität wie im Film fällt Manns Deutschlandreise in das Jahr 1949. Die wirkliche Reise zog sich sehr in die Länge. Sie besaß keine filmische Dramaturgie. Für den Film wurden daher Kürzungen und Vereinfachungen vorgenommen, auch die Chronologie wurde verändert, selbst die daran beteiligten Personen. Die Reise selbst wurde auf fünf Tage kondensiert, so dass daraus gewissermaßen ein Roadmovie geworden ist.

In Pawlikowskis Version fährt der von Hanns Zischler gespielte Thomas Mann aus dem in amerikanischen Händen befindlichen Frankfurt am Main auf direktem Wege nach Weimar, das in der sowjetischen Besatzungszone liegt. Er fährt nicht mit einem Chauffeur und seiner Frau Katia, sondern mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller). Nach Auffassung des Regisseurs geschah diese Änderung, um eine viel interessantere und kompliziertere Persönlichkeit auftreten lassen zu können. Denn als junge Frau hatte Erika eine Autorallye quer durch Europa absolviert, und nach dem Krieg diente sie ihrem Vater als Assistentin und Redakteurin. Daher stammte die Idee, den Vater von Erika chauffieren und begleiten zu lassen.
Dasselbe gilt für die Anfangsszene des Films (die übrigens ausgezeichnet ist) und die zeitliche Verschiebung des Selbstmords von Klaus Mann (August Diehl), Thomas’ Sohn und Erikas Bruder. In Wirklichkeit hatte Klaus Mann drei Monate früher Selbstmord begangen, als sein Vater eine Rede in Stockholm hielt. So wie im Film, unterbrach Thomas Mann auch in Wirklichkeit seinen Aufenthalt nicht und fuhr nicht zur Beerdigung des Sohns nach Cannes (was vielleicht ein zusätzliches Motiv war, die Filmpremiere dort zu veranstalten). Pawlikowski erzählte bei einem Gespräch zur Bewerbung des Films, er habe sich der künstlerischen Freiheit bedient, um auch noch Gustaf Gründgens auftreten zu lassen, den Lieblingsschauspieler Hermann Görings und Ex-Ehemann Erikas, ihre frühere Geliebte Betty Knox sowie Richard Wagners Enkel (eine ausgezeichnete Szene). So kam eine ziemlich explosive Mischung heraus. Doch der Film erzählt das alles in gradliniger und ruhiger Weise.
Katia Mann: die unsichtbare Stütze
Da Manns Frau im Film von seiner Tochter ersetzt wird (sie tritt nur in einem Telefongespräch mit Erika in Erscheinung), möchte ich an dieser Stelle ein paar Anmerkungen zu Katia Mann machen. Diese war eine geborene Pringsheim, aus einer sehr vermögenden jüdischen Familie von Bankiers und Unternehmern, Kunstliebhabern und Mäzenen – zu den von ihr geförderten Künstlern zählte Richard Wagner. Katias Vater, Alfred Pringsheim, träumte davon, dass seine Tochter in seine Fußstapfen treten, eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen und wie er Professorin werden würde, in einem von ihr gewählten Fach, ob nun Mathematik, Quantenphysik, Philosophie oder Kunstgeschichte. Doch der junge Thomas Mann stand Katias Karriere im Wege; er musste übrigens lange um Katia werben.
Vom Beginn ihrer Ehe an las Katia am Nachmittag, was Thomas am Vormittag geschrieben hatte, machte Korrekturen und Verbesserungsvorschläge, wobei sie auch suggerierte, wie es weitergehen sollte. Sie widmete ihr gesamtes Leben Thomas und der Familie. Sie kümmerte sich um die sechs Kinder und die Angelegenheiten ihres Mannes, begleitete ihn auf Reisen, war die erste Lektorin seiner Schriften und schrieb Briefe an Bekannte, die er zuvor beleidigt hatte. Schließlich begleitete sie ihn auf die lange Reise durch das kriegszerstörte Deutschland.
Erika und Klaus – eine besondere Beziehung
In „Vaterland“ geht es eigentlich nicht in erster Linie um Thomas Mann als Schriftsteller. Das bleibt eher im Hintergrund. Der Film erzählt mehr von Erika und ihr Hin- und Hergerissensein zwischen dem geliebten und bewunderten Vater und dem Bruder, mit dem sie eine wahrhaft symbiotische Beziehung verband. Erika bildet das emotionale Zentrum der Geschichte. Sie und Klaus waren wie Zwillinge zueinander, dabei war Erika ein Jahr älter als Klaus. Seit Kindertagen taten sie alles gemeinsam. Sie verfassten zusammen Bücher, reisten, spielten Theater und hatten sogar gemeinsame Liebhaber.

Nachdem sie Hitlerdeutschland hatten verlassen müssen, wurde ihr Verhältnis im Exil brüchiger. Klaus war drogenabhängig, verfiel in Depressionen, versuchte zweimal, seinem Leben ein Ende zu machen. Erika wusste sich keinen Rat, wie ihm zu helfen sei. Noch dazu musste sie sich um den kränkelnden Vater kümmern. Sie war sein Lieblingskind. Mit Kriegsende beendete sie ihre Tätigkeit als Kriegsreporterin und hielt auch keine Vorträge zu Deutschland und Nationalsozialismus mehr, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess befand sie sich 1945/46 im Reporterpool und berichtete für die Presse. Ohne recht zu wissen, wie es weitergehen sollte, wurde sie Redakteurin und Assistentin des Vaters. Interessanterweise hatte sie eine Affäre mit dem berühmten Dirigenten Bruno Walter, einem engen Freund und Altersgenossen ihres Vaters, der in Los Angeles Nachbar der Manns war.
Der Intellektuelle in der Kapsel
„Vaterland“ vermittelt das Gefühl, Thomas Mann lebe wie von der Welt abgekapselt. Der schwarze Buick, an dessen Lenkrad Erika sitzt, wird zu seiner Kapsel, und Erika bildet die Membran, die den Vater von der Realität abschirmt. Für die Welt ist Thomas Mann der große Intellektuelle und die moralische Autorität, im Alltag ist er dagegen ausgesprochen lebensunfähig. Wo immer er im Film auftritt, ist er von Ordnung und Schönheit umgeben, wo doch in Wahrheit ringsum alles in Trümmern liegt.
Łukasz Żals Kamera: Ordnung gegen Trümmer
Für die Kameraführung in „Vaterland“ zeichnet Łukasz Żal verantwortlich. Als er zur Mitwirkung eingeladen wurde, überlegte er, wie dieser Kontrast ins Bild zu setzen sei, die ordentliche Welt im Gegensatz zu der zerbrochenen Ordnung. Im Gespräch erwähnte er ein Foto, das Thomas Mann zeigt, wie er aus einem Auto steigt – dies wurde zum Bildschlüssel für den gesamten Film, zu visuellen Inspiration. Die Menschen mit ihren Gesichtern und Blicken formen das eigentliche Szenenbild.

Ebenso eindrücklich gestalten sich die Bildfolgen der in Weimar spielenden Szenen. Das grelle Mittagslicht wirft auf die Straßen einen dunklen Schatten, und die Schwarz-Weiß-Bilder lassen den Raum in außergewöhnlicher Plastizität erscheinen. Dieser Kontrast dient nicht nur der visuellen Ästhetik. Er ist eine Metapher einer politisch und moralisch geteilten Welt, in der es immer schwieriger wird, einen Platz zwischen den entgegengesetzten Rationalitäten zu finden. Daran hat Łukasz Żal großen Verdienst. Seine Bilder machen den Film besonders. Seine Kamera entwickelt den Kontrast zwischen der Eleganz der Figuren und der zerstörten Landschaft Nachkriegsdeutschlands.
Schwarz-Weiß als Erzählform, nicht als Nostalgie
Einmal mehr stellt Pawlikowski unter Beweis, dass er das Schwarz-Weiß nicht als nostalgische Verbeugung vor der Geschichte der bewegten Bilder, sondern bewusst als Erzählsprache einsetzt. Jede Einstellung ist präzise geplant, und das Bild vertritt häufig den Dialog. Es gibt Szenen, die sich vorwiegend wegen der Stärke ihrer Bilder einprägen. Eine davon ist die erste Szene des Films, das Telefongespräch zwischen Erika und Klaus. August Diehl sitzt nackt mit einer Zigarette in der Hand auf dem Boden – das Bild wirkt intim und verwundbar. Wenige Minuten reichen, um von Einsamkeit, Verzweiflung und der Unfähigkeit zu erzählen, den nächststehenden Menschen zu retten.
Ebenso wirkmächtig sind die Bilder von der Fahrt durch die Straßen des in Ruinen liegenden Frankfurt. Vater und Tochter fahren durch die noch vom Krieg gezeichnete Stadt. Diese Bilder prägen sich dem Zuschauer am nachhaltigsten ein. Übrigens hat Legnica/Liegnitz die Ruinenkulisse „gespielt“.
„Vaterland“ ist kein effekthascherischer oder pittoresker Film. Er drückt nicht auf die Tränendrüsen und macht keinen Versuch, Thomas Manns Biografie in einfache Antworten zu fassen. Dies ist ein nachdenkliches Kino, das Stille, Blicke und perfekt komponierte Bilder einsetzt. Pawlikowski zeigt wieder einmal, wie er eine Geschichte mit Bildern erzählen kann. Diese Bilder allein machen es lohnend, den Film anzuschauen.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann