Die UN-Organisation „Global Pulse“ hat in ihrer diesjährigen, in 84 Ländern durchgeführten Befragung danach gefragt, welches Land die Respondenten als größte Gefahr für die Welt einstufen. China wurde nur in einem Land genannt, nämlich in Japan. Russland kam in den Antworten bestimmter Länder vor allem in Ostmittel‑ und Mitteleuropa vor. Doch in 65 Ländern nannten die meisten Menschen die Vereinigten Staaten von Amerika die größte Gefahr für die Welt. Das ist keine besondere Überraschung; denn in einer Gallup-Umfrage vom April dieses Jahres zog Peking im globalen Vertrauensranking an Washington vorbei.
Diese beiden Umfragen liefern ein eindrucksvolles Bild davon, wie die meisten Menschen aktuell die USA sehen, geben aber auch einen Eindruck, welch langen Weg das Land zurückgelegt hat, das daraus sein Credo gemacht hatte, alle anderen Staaten in materieller wie moralischer Hinsicht auszustechen. Während die USA gegenwärtig ihre bisherige Position als unbestrittene Hegemonialmacht einbüßen, versuchen sie in aggressiver Weise, ihre Identität neu zu definieren. Die Folgen dieses konfliktreichen Vorgangs bekommt die ganze Welt zu spüren.
Das unvollendete Experiment
1776 rebellierten dreizehn, nebenbei bemerkt voneinander sehr verschiedene Kolonien gegen die britische Regierung und schlossen sich zu einem Land zusammen. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später erarbeiteten die hervorragendsten Köpfe der jungen Nation eine Verfassung, die zum wegweisenden Dokument republikanischer Regierungsweise wurde. Das amerikanische Experiment war seinem Wesen nach der Versuch, mit der alten europäischen Ordnung zu brechen und ein Modell zu schaffen, in dem sich die Macht von den Bürgern und nicht von Gott oder einem Monarchen herleitet.

Von Anfang an waren die Vereinigten Staaten mit schwerwiegenden Konstruktionsfehlern behaftet. Nicht alle Einwohner galten als Bürger, die in den Nordstaaten nicht betriebene Sklaverei blieb in den Südstaaten die Norm, und das Land expandierte mittels blutiger Unterwerfung in Richtung Pazifik. Die Ausgangsphilosophie der Gründerväter blieb dabei unverändert: Die USA waren gewissermaßen ein unvollendetes Experiment, das der unablässigen Überarbeitung und Pflege bedurfte. Sie waren weit von einem idealen Staatswesen entfernt, und es war Obacht zu geben, wie Benjamin Franklin 1787 in einem berühmten Diktum warnte („a republic, if you can keep it“), dass die junge Nation sich nicht eines Tages in eine Tyrannei verwandele. Was dabei aber wesentlich blieb: Die US-Amerikaner selbst waren der Meinung, ihre Bestrebungen zielten auf höhere Zwecke als diejenigen der Europäer, bei denen die Regierung sich immer noch durch Tradition und Machtakkumulation und nicht durch die Gesellschaft legitimierte.
Was für ein Amerika?
Noch in den 1870er Jahren bemängelte der US-amerikanische Nationaldichter Walt Whitman, zwar hätten die politischen Institutionen der USA an Dauerhaftigkeit und Stabilität gewonnen, doch würden Kultur und Bürgertugenden der USA noch viel zu wünschen übriglassen. Whitman befürchtete für den Fall, dass sich das nicht ändern sollte, die amerikanische Demokratie werde mit der Zeit schwächer und krisenanfälliger werden. Er meinte, Entwicklung des Wohlstands ohne entsprechende geistige und kulturelle Entwicklung könne den Staat zwar weltweit an die Spitze bringen, doch würden seine politisch-konstitutionellen Grundlagen unablässig weiter gefährdet sein.
Die folgenden Jahrzehnte schienen seine pessimistische Einschätzung nicht zu bestätigen. Die Vereinigten Staaten wurden in fast jeder Hinsicht stärker, ihre politischen Institutionen erwiesen sich in Krisen und Kriegen als widerstandsfähig, die checks and balances funktionierten, also das System, die verschiedenen Zweige der Regierung gegenseitig unter Kontrolle zu halten. Mit der Zeit bildete sich auch das aus, woran Whitman am meisten gelegen war: Eine eigenständige US-Kultur in Kunst, Literatur und Philosophie, die sich aus den typisch amerikanischen Erfahrungen speiste.
Ungefähr seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts und bis in unsere Gegenwart haben sich die politischen Institutionen in ihrer Funktionsweise jedoch immer weiter von der Lebenswirklichkeit der Bürger entfernt. Das Gemeinwohl begann gegenüber dem Parteienhader immer mehr an Bedeutung zu verlieren, und die zunehmende Übermacht der Oligarchie wurde zu einem der größten Probleme der US-Politik. Bemerkenswerterweise vollzogen sich diese Prozesse nicht isoliert vom Rest der Welt, sondern im Zuge eines zunehmenden globalen Engagements der Vereinigten Staaten. Unter anderem in dieser Hyperaktivität der US-Außenpolitik sind die Gründe für die nationalistische Wende der USA zu finden, deren Zeugen wir gegenwärtig sind.
Die USA ziehen in die Welt
Bereits an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden die Vereinigten Staaten zum weltweit mächtigsten Land. Es trifft dagegen nicht zu, dass sich ihre Demokratie und Wirtschaftsmacht in Isolation vom Rest der Welt entwickelten.
Die ersten Kriege, welche die USA außerhalb ihrer eigenen Hemisphäre führten, die Kriege gegen die sogenannten Barbareskenstaaten, fanden ganz am Beginn des 19. Jahrhunderts statt [Militärinterventionen der USA gegen die von Tripolis aus geführte Piraterie im Mittelmeerraum 1801–1805; Anm. d. Übers.]. Im Anschluss eigneten sie sich immer größere Landstücke auf ihrem eigenen Kontinent an und erklärten sich mit der Monroe-Doktrin und ihren zahlreichen Ergänzungen zum Hegemon in der eigenen Hemisphäre. Als sie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert Spanien seine letzten Kolonien in der westlichen Hemisphäre [sowie die Philippinen; Anm. d. Übers.] abnahmen, waren sie sich ihrer Macht schon überaus bewusst, betrieben aber immer noch so weit die Wahrung des Status quo, dass sie sich nicht allzu sehr in europäische Angelegenheiten einmischen wollten. Erst im Gefolge der Gemetzel des Ersten Weltkrieges nahmen sie gemeinsam mit den schwächer werdenden Briten größere Verantwortung für das internationale Finanzsystem auf sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwarfen die US-Amerikaner nicht nur gleich ein ganz neues System der Weltfinanzen, sondern auch ein politisches System. Doch als die Sowjetunion auseinanderbrach, entstand eine präzedenzlose Situation: Die Vereinigten Staaten blieben als einzige Supermacht übrig und konnten dem Rest der Welt neue Spielregeln diktieren.

Zwar distanzierten sich die USA nach ihrer Gründung zunächst von der Art des Imperialismus, wie er von den europäischen Mächten praktiziert wurde, doch wurden sie über die Jahre selbst zu einem informellen Imperium, mit einer klar ausgebildeten imperialen Metropole in Washington und Peripherien in Europa und Asien, die wirtschaftlich und insbesondere militärisch abhängig waren. Bis zum Ende des Kalten Krieges betrieben die Amerikaner eine im Allgemeinen auf Erhaltung des Status quo ausgerichtete Außenpolitik (der Vietnamkrieg kann zu den Ausnahmen gerechnet werden). Deren hauptsächlicher Zweck schwankte zwischen der Einhegung der UdSSR und der Aufrechterhaltung des strategischen Gleichgewichts im Verhältnis zu Moskau. Doch nach dem Wegfall des größten Rivalen änderte sich die Lage grundsätzlich.
Seit Anfang der 1990er Jahre erweiterten die USA systematisch ihre globale Einflusszone: Sie propagierten Globalisierung, Liberalisierung des Handels und liberale Demokratie. Viele Länder einschließlich Polens profitierten von diesem Wandel, aber nicht überall stieß er auf dieselbe enthusiastische Aufnahme. Dies umso weniger, als nicht alle US-Administrationen der Versuchung widerstanden, Gewalt anzuwenden, um ihre Ziele zu erreichen. Das lief auf die „ewigen Kriege“ in Afghanistan und im Irak hinaus. Die Amerikaner konnten diese Kriege nicht gewinnen, und diese trugen zu den tiefen Brüchen in der US-Gesellschaft bei.
Damit nicht genug. Das Scheitern dieser militärischen Expeditionen in fernen Ländern, welche diesen Demokratie und Frieden bringen sollten, überschnitt sich zeitlich mit der großen Finanzkrise. Diese Entwicklungen schufen ideale Bedingungen für Bewegungen und Individuen, die mit wachsendem Impetus infrage stellten, ob die liberale Demokratie das beste politische System für die USA sei und der liberale Internationalismus die beste außenpolitische Strategie. In den Augen vieler hatte die auf liberale Überzeugungen gestützte Politik schlicht versagt. Diese Haltungen waren mitbestimmend für den Ausgang der Wahlen von 2016, bei denen Donald Trump erstmals Präsident wurde. Trump gewann, weil er die Wähler überzeugt hatte, nicht allein die Kriege im Nahen und Mittleren Osten waren ein Fehler, sondern überhaupt die liberalen Prinzipien, auf die frühere Administrationen ihre Politik aufbauten.
Das zweihundertfünfzigjährige Experiment
Wenn die US-Amerikaner nunmehr ihr 250-jähriges Jubiläum begehen, mögen sie gar nicht so viele Gründe haben, zufrieden auf ihre Geschichte zurückzublicken. Da gilt nicht nur für die von Donald Trump geführte Politik. Trump ist nämlich die manchmal bessere, meist aber schlechtere Reaktion auf die Lage, in der sich die Vereinigten Staaten befinden. Er ist ein Barometer der Zeit. Die US-Amerikaner haben ihn zweimal zum Präsidenten gewählt, weil sie glauben, seine Diagnosen zum Zustand der Gesellschaft und zur Position der USA seien richtig.

Ob das nun zutrifft oder nicht, eins ist offenkundig: Die Vereinigten Staaten befinden sich schon lange nicht mehr im Aufstieg. Ihre Wirtschaft und ihr Militär sind immer noch die stärksten der Welt, werden aber immer anachronistischer. Die Jahre der misslungenen weltweiten Proselytenmacherei für die Demokratie haben ihre Position als „shining city on a hill“ [Bezug auf einen Vers aus der Bergpredigt (Matthäus 5:14: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.“), der in der Tradition des amerikanischen Exzeptionalismus auf die USA umgedeutet wurde; Anm. d. Übers.], von der aus nachahmenswerte Ideen in die Welt ausstrahlen. Vor allem aber ist den US-Amerikanern selbst die Überzeugung abhandengekommen, ihr Land befinde sich in einer Blütezeit und werde in absehbarer Zukunft die Nummer Eins auf der Welt bleiben.
Das ändert nichts an der Tatsache, dass die USA auch nach 250 Jahren das bleiben, was sie am Anfang waren: ein unvollendetes Experiment, ein ständig im Aufbau befindliches Projekt, das bessere und schlechtere Zeiten durchläuft. In den letzten Jahrzehnten hat es aber derart gewaltige Turbulenzen erlebt, dass der Erfolg des Unternehmens durchaus nicht mehr garantiert scheint, wie bereits Benjamin Franklin ahnte.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann