Presseschau

Polnische Presseschau vom 28.09.2026

Treffen zwischen Wadephul und Lawrow, die AfD-Erfolge und ihre Folgen, Russlands hybrider Krieg gegen Polen und die aktuellen Verfilmungen des Literaturklassikers „Die Puppe“ – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.
Polnische Presseschau © Lisa from Pexels /pexels

Treffen zwischen Wadephul und Lawrow aus polnischer Sicht

Die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ kommentiert am Montag das Treffen des Bundesaußenministers Johann Wadephul mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow am Rande der UN-Vollversammlung am Samstag in New York. „Russland will Deutschland zurückgewinnen“, schreibt der Deutschland-Experte Marek Cichocki.  Das deutsch-russische Treffen stand „im Widerspruch zum eindrucksvollen Redefluss“ des polnischen Außenministers Radosław Sikorski, der bei seinem UN-Auftritt „in seinem Stil“ Lawrow direkt ansprach, wobei dieser so tat, „als ob er Sikorski gar nicht zuhörte“.

Laut Cichocki veranschaulichen diese beiden Szenen „das Wesen des polnischen Problems“. „Die Diplomatie ist oft ein Täuschungsmanöver, das das Wesentliche versteckt. Aus russischer Sicht gibt es in Europa kein wichtigeres Land als Deutschland. Deutschland ist für Moskau auch heute ein Schlüsselland. Deshalb ist die Politik der jetzigen Regierung in Berlin, die Russland als die größte Gefahr definiert und die Unterstützung für die Ukraine fortsetzt, auf längere Sicht nicht akzeptabel. Russland wird alle möglichen Mittel nutzen (Gespräche, Drohungen, Einfluss), um diesen Zustand zu ändern“, lesen wir in der renommierten Tageszeitung.

Polen steht nach Meinung Cichockis vor einem Dilemma, welches sich seit Langem nicht geändert hat: Die Hauptaufgabe polnischer Politik besteht darin, „nicht zuzulassen, dass zwischen Deutschland und Russland wieder eine starke Verständigung und Interessengemeinschaft entsteht“.

Die Erfolge der AfD und ihre Folgen

Ein wichtiges Thema in der polnischen Presse bleiben die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, das gute Abschneiden der AfD und die sich daraus ergebenden Folgen für die deutsch-polnischen Beziehungen.

Vom „Wind aus dem Osten“ berichtet die linke Wochenzeitung „Przegląd“. „Die Alternative für Deutschland demoliert die deutsche Politik“, schreibt Krzysztof Pilawski und zitiert die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel: „Wir haben die CDU als Volkspartei abgelöst“.

„Die AfD erscheint ihren Wählern als echte Alternative, die das Land von Migranten befreit, die von Brüssel den Deutschen aufgezwungenen Bremsen beseitigt, die EU-Energiepolitik ablehnt und die Sanktionen gegen Russland beendet“, nennt der Autor als Gründe für die hohe Zustimmung der in Teilen rechtsextremen Partei. Er betont, dass das Versprechen, die Lieferungen billiger Rohstoffe aus Russland wiederherzustellen, ein wichtiges Thema des AfD-Wahlkampfes war.

„Przegląd“ verweist auf den wachsenden Einfluss der AfD auf die deutsche Arbeiterschaft und betont, dass die Partei von Weidel und Chrupalla bei Volkswagen sogar eine eigene Gewerkschaft hat. Diese Entwicklung beunruhigt die SPD stark.

„Die AfD hat ihr wichtigstes Ziel, die absolute Mehrheit der Mandate in einem der Landtage im Osten Deutschlands, nicht erreicht“, betont Pilawski und fügt hinzu, dass Weidel „nun zum Kreis führender europäischer Politiker“ gehöre. „Offenes Wohlwollen zeigen ihr Washington und Moskau, Peking beobachtet sie aufmerksam“, unterstreicht der Kommentator und formuliert eine Warnung: „Die Machtübernahme durch die AfD in Deutschland, dem Schlüsselland der EU, würde die ganze europäische Gemeinschaft qualitativ schwächen. Dies könnte den Weg zu einem weiteren großen politischen Umbau der Welt ebnen.“

Warnung an Polen vor einem Revanchismus der AfD

Die „Rzeczpospolita“ veröffentlichte ein Gespräch mit dem deutschen Journalisten und Publizisten Sergej Lochthofen, der von 1990 bis 2009 Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ war.

„Ich empfehle den Polen, langsam mit dem Bau von Befestigungsanlagen an der Oder-Neiße-Grenze zu beginnen“, warnt Lochthofen. Wenn die Nationalisten von der AfD in Deutschland an die Macht kommen, werden sie geneigt sein, „Polen mit den Russen zu teilen“, so der Journalist, der lange Jahre der einzige Ostdeutsche auf dem Chefredakteurposten einer regional bedeutenden Tageszeitung war.

„Polen sollten sich besonders bedroht fühlen. Zwar sprechen führende AfD-Politiker in der Öffentlichkeit nicht über die Übernahme der polnischen Gebiete, allerdings finden solche Gespräche hinter den Kulissen statt“, behauptet Lochthofen. Ein Teil von AfD-Politikern stammt aus Familien, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Westgebieten des heutigen Polens vertrieben wurden. Offiziell sprechen sie das Thema Grenzveränderung nur deshalb nicht an, weil sie „nicht zu früh zitiert werden wollen“.

Russlands hybrider Krieg gegen Polen

Die Sicherheitslage und die Bedrohung Polens durch den hybriden Krieg Russlands bleibt ein wichtiges Thema der Berichterstattung. In Polen mehren sich Vorfälle mit Drohnen und Raketen sowie Brandstiftungen, hinter denen die polnische Regierung russische Geheimdienste vermutet. Hubschrauber und Flugzeuge des russischen Militärs verletzen zudem den polnischen Luftraum.

„Ist das schon der Krieg?“, fragt dementsprechend Bartosz Wieliński in der „Gazeta Wyborcza“. Noch vor zwei Jahren, schreibt der Journalist, ging man davon aus, dass Russland erst 2030 seine Waffenarsenale ausreichend aufgefüllt hätte, um die NATO anzugreifen. „Heute sind sich die Geheimdienste der NATO-Staaten darüber einig, dass es zum russischen Angriff noch in diesem Jahr kommen kann“, betont Wieliński.

Das schwarze Szenario geht von einer Massenattacke mit Drohnen aus, die verschiedene Ziele im Land angreifen. Ziel: „möglichst viele Objekte zu zerstören und Panik in der Bevölkerung auszulösen“. Als besonders bedrohte Objekte gelten Treibstoffterminale, Flughäfen, Seehäfen, Kraftwerke und Erdölraffinerien.

Russlands Ziel ist „die Bloßstellung der NATO“. „Nach Jahrzehnten des Friedens und Wohlstandes in Europa scheint es, dass es ausreicht, Europa stärker unter Druck zu setzen, damit es wieder, wie 2014 nach der Annexion der Krim, vor Russland einknickt“, schreibt die „Gazeta Wyborcza“.

Die liberale Zeitung hebt die Bedeutung von Belarus hervor. „Der Kreml signalisiert, dass der Zusammenschluss von Russland und Belarus bald abgeschlossen sein wird. Das bedeutet, dass unsere Nachbarn zu einer Republik der Russischen Föderation werden, mit der Folge, dass die belarusischen Streitkräfte und ihre Infrastruktur zum Teil der russischen Kriegsmaschinerie werden“, heißt es in dem Blatt.

Wieliński kritisiert die Äußerungen einiger Politiker von PiS, der größten Oppositionspartei. Er erinnert an die jüngsten Aussagen des Ex-Verteidigungsministers Mariusz Błaszczak, der in einem Interview sagte, die polnische Armee sollte im Kriegsfall Polen und nicht die NATO-Verbündeten verteidigen.

Zweifel an russischer Gefahr

Die PiS-nahe Presse spielt dagegen die Warnungen der Regierung vor einer unmittelbaren Gefahr seitens Russlands herunter. Premier Donald Tusk warnte Mitte September im Parlament vor russischen Provokationen, die Polen einschüchtern und das Land an der Ostflanke der NATO von der Unterstützung der Ukraine abbringen sollten. Tusk berief sich dabei auf einen CIA-Bericht, den der für die Geheimdienste zuständige Minister Tomasz Siemoniak erhalten haben soll. Siemoniak sprach mit dem CIA-Chef John Ratcliff kurz nach dessen Moskau-Reise.

„Ein Bericht, den es nicht gegeben hat“, behauptet die Wochenzeitung „Sieci“ und wirft der Regierung Täuschung und Panikmache vor. „Wir wissen von den Amerikanern, dass der Premier keinen Bericht direkt von der CIA erhalten hat. (…) Das war eine Lüge, um die Öffentlichkeit mit der Sicherheitsthematik zu elektrisieren“, zitiert das Blatt einen Vertreter der Präsidialkanzlei.

Die EU-skeptische Wochenzeitung „Do Rzeczy“ warnt vor angeblichen Versuchen, „Polen in den Krieg gegen Russland hineinzuziehen“. Das nationalkonservative Blatt bezweifelt, dass hinter allen Drohnenattacken tatsächlich Russland steht. „Die liberal-europäischen Kreise schreiben Russland die Täterschaft zu. Aber welches Ziel sollte Putin damit verfolgen? Will Russland einen Krieg gegen Westeuropa vom Zaun brechen? Ich habe keine Zweifel, dass das nicht zutrifft“, schreibt Adam Wielomski und behauptet, Russland sei „nur noch ein Schatten seiner alten Macht“.

Laut „Do Rzeczy“ kann für einen Teil der Zwischenfälle die Ukraine verantwortlich sein, um eine aufgebrachte polnische Gesellschaft zu einem Krieg gegen Russland zu provozieren, wodurch 200.000 polnische Soldaten an die Front geschickt werden könnten. „Russland kann sich einen Krieg gegen Europa nicht leisten, und Europa will nicht für die Ukraine kämpfen“, fasst „Do Rzeczy“ zusammen.

Wielomski stellt zudem die These auf, dass Brüssel die Kriegsrhetorik brauche. Einerseits, um eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik durchzusetzen, andererseits um endlich auch innerhalb der EU das Mehrheitsrecht durchzudrücken. „Um die Föderalisierung zu erzwingen, braucht die EU den steigenden Konflikt mit Russland, so wie Otto von Bismarck den Krieg gegen Frankreich brauchte, um die deutsche Öffentlichkeit für die Vereinigung Deutschlands zu mobilisieren“, heißt es in dem Wochenblatt.

Die Verfilmungen des Literaturklassikers „Die Puppe“

Der gesellschaftskritische Roman „Lalka“ (Die Puppe) von Bolesław Prus ist ein Klassiker der polnischen Literatur und ein Schlüsselwerk des europäischen Realismus des 19. Jahrhunderts. Im vergangenen Jahr erschien eine neue deutsche Übersetzung, die im April 2026 mit dem Usedomer Übersetzerpreis ausgezeichnet wurde. Seit September können die Zuschauer zwei neue Verfilmungen des Bestsellers aus dem Jahr 1890 sehen. Eine sechsteilige Serie unter der Regie von Paweł Maślona läuft seit Mitte September auf Netflix. Am 30. September kommt die Filmversion von Maciej Kawalski in die Kinos. Beide Produktionen haben eine lebhafte Debatte über den Sinn solcher Projekte, die Grenzen der künstlerischen Freiheit, die Treue gegenüber dem literarischen Original sowie die Aktualität der Klassenproblematik ausgelöst.

„Die Auseinandersetzung um Lalka endet mit einem Erfolg. Es hat sich herausgestellt, dass der Roman immer noch einen leidenschaftlichen Streit auslösen kann. Die Interpretation von Maciej Kawalski ist korrekt, die von Paweł Maślona bilderstürmerisch. Wenn dadurch weitere Menschen zum Buch von Prus greifen, wird die polnische Kultur profitieren“, schreibt Paweł Rzewuski in der „Rzeczpospolita“.

„Lalka“, die Geschichte von der Beziehung des Händlers Stanisław Wokulski zu der Aristokratin Izabela Łęcka, „gehört zum polnischen Kulturkanon, der die Generationen verbindet“.  Kawalski bietet eine „korrekte, schulische, schemenhafte, sichere, aber im Grunde genommen sehr durchschnittliche Deutung“. Sein Film ist ein „Märchen ohne Tiefe und die dunkle Seite des Verhältnisses zwischen Wokulski und Łęcka, sowie ohne den ganzen gesellschaftlichen Hintergrund“.

„Lalka“ von Maślona „spielt in einer anderen Liga“. Die Netflix-Serie hat vom ersten Tag an die Zuschauer gespalten und zeigt die Ereignisse aus der Perspektive von Łęcka. „Sie ist ein beleidigtes Fräulein, realitätsfern, das aus Spaß um Frauenrechte kämpft“, schreibt die „Rzeczpospolita“.

Die Wochenzeitung „Sieci“ hingegen zerreißt die Version von Maślona und bezeichnet den Film als eine „billige Provokation, Demontage des Klassikers und Entstellung des Sinns des Romans“.

„Grossmäulige Feministin Łęcka läuft auf dem Bildschirm mit einem Baseballschläger und sucht Gelegenheit, um zuzuschlagen“. Nach Meinung des Autors Maciej Walaszczyk steht die Netflix-Produktion beispielhaft für den Verfall der polnischen Massenkultur. So kritisiert er u. a. die vulgäre Sprache der Figuren. Sein Urteil: Der Film ist eine „Kriegserklärung“ mit dem Ziel, unsere symbolische Hinterlassenschaft anzugreifen beziehungsweise zu stehlen.

Ein Mann sitzt auf einer alten Treppe im Treppenhaus.

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Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

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