Ukraine

Die Ukraine ist kein Anhängsel zur Geschichte Russlands

Die Europäer tun sich schwer, die Ukraine, die jahrhundertelang im Schatten der Imperien stand, zu verstehen. Deshalb ist es heute von besonderer Bedeutung, die Ukraine als Teil der europäischen Geschichte anzuerkennen.
Ein Gemälde von Ilja Repin: Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief
Ilja Repin: Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief, 1880-81 ©Public Domain

Der Beziehungsstatus der Europäer zur Ukraine ist komplizierter als der der Ukrainer zu Europa. Während letztere seit 2005 in mehreren Revolutionen ihren Willen zur Zugehörigkeit manifestiert haben und unter anderem dafür von Russland seit 2014 mit Krieg überzogen werden, so ist die Haltung der Bürger:innen Europas zur Ukraine ambivalent und fragmentiert.

Europäische Ukraine-Bilder

Die tiefsten, aber auch mit den meisten Schmerzen verbundene Kenntnis der Ukraine gibt es sicherlich in Polen, gegründet in der gemeinsamen, aber über lange Perioden konflikthaften Verflechtungsgeschichte seit den Zeiten Polen-Litauens bis zur Zweiten Republik. Esten, Letten und Litauer wiederum teilen mit den Polen und Ukrainern die gemeinsame Erfahrung von 1939, Verfügungsmasse der Aufteilung Osteuropas zwischen NS-Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion gewesen zu sein. Balten und Ukrainer teilen die Erfahrung, was es bedeutete, eine nichtdominante Nation im Sowjetimperium der Nachkriegsordnung zu sein, in der die kulturelle und politische Selbstbestimmung unterdrückt wurde. In Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland wiederum gibt es insbesondere in der Linken traditionelle nostalgische Gefühle gegenüber der Sowjetunion, die seit der Zeit des Zweiten Weltkrieges und des Widerstands gegen den Faschismus andauern. Nach 1991 übertrug man diese Anhänglichkeit umstandslos auf Russland. Redete man von „Russland“, war die Ukraine als Landschaft mitgemeint. Den ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen gab man keine Sympathie, es handelte sich doch um „Nationalismus“, der in Europa längst überwunden sein sollte.

Europäer streiten über den russisch-ukrainischen Krieg

Viele vor allem linksgerichtete Europäer betätigen sich im Kontext des Ukraine-Krieges als „Alternativimperialisten“, wie der linke deutsch-polnische Publizist Tomasz Konicz konstatierte: Für sie ist die Ukraine Spielball, Durchgangsraum, Aufmarschgebiet zwischen Großmächten. Aus dieser Perspektive, die auch von etlichen Experten vertreten wird, die nie mit der US-Vorherrschaft im Westen ihres Kontinents warm wurden, ist der Ukraine-Krieg ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und ihrem russisch-chinesischen Gegenhegemon. Ukrainerinnen und Ukrainern wird in diesem Narrativ abgesprochen, ihre Geschichte selbst zu machen. Sie kommen nur als anonyme Masse, als Opfer im Dazwischen vor; häufig wird ihnen auch vorgeworfen, ihre Regierung sei von Rechtsextremen beeinflusst. Sogar öffentlich-rechtliche Fernsehsender in Deutschland verbreiteten 2014 das Narrativ Russland-naher Fachleute, die Majdan-Revolution sei ein von Rechten getragener „Putsch in Kiew“ gewesen.

Als ob es notwendigerweise ein Überschwingen ins andere Extrem geben müsste, entstand in Europas linksliberalen und grünen Milieus nach dem Schock der Totalinvasion von 2022 eine neue Lesart, welche Ausbeutungsmotive und Beutezugskoalitionen (aktuell die der trumpistischen USA) genauso ignoriert wie die geostrategischen Motive der militärischen Akteure im östlichen Europa. In dieser Interpretation ist der Ukraine-Krieg ein Befreiungskrieg, ein postkolonialer Krieg, ein Krieg der Werte. Von Nicaragua und Rojava geht eine wenig reflektierte Solidarität nun zum Überlebenskampf einer sich unfreiwillig militarisierenden demokratischen Gesellschaft gegen ein faschisiertes Russland.

Unser Verhältnis zu Russland

Es wird in den europäischen Positionsbestimmungen zur Ukraine also auch immer das eigene Verhältnis zu Russland mitverhandelt. Und hier klaffen, mit Ausnahme des östlichen Europas, doch große Wahrnehmungslücken zwischen dem imaginierten und dem realen Russland, auch wenn der andauernde Krieg diese allmählich auffüllt. Das imaginierte Russland ist in den europäischen Köpfen immer noch als Großmacht verankert, die legitime Sicherheitsinteressen in ihrem Nahraum verteidige. Eine knappe Hälfte der EU-Europäer ist Umfragen zufolge skeptisch gegenüber der Militärhilfe für die Ukraine.

Doch von den wirklichen, den im Inneren Russlands wirkenden Treibern dieses Krieges wissen Europäer immer noch erstaunlich wenig – oder wollen es nicht wissen. Die Ukrainer allerdings wissen nur zu gut, was sie nach einem „Frieden“ nach Putins Willen in von Russland besetzten oder annektierten Gebieten zu erwarten haben: eine brutale rechte Diktatur, eklektisch ausstaffiert mit Ikonen und Zarenprunk, eine Landschaft von Folterkellern und Umerziehungslagern. Wie in einem Labor lassen sich in Russland die Verheerungen eines Racket-Kapitalismus beobachten, der, wenn die Rohstoffrenten erschöpft sind, die sozialen Verwerfungen mit Aggression nach außen und nationalistischer Abschließung nach innen zu integrieren sucht: nichts typisch Russisches, sondern das schlechthin Barbarische dieser Gesellschaftsformation, wiederholbar überall. Das spezifisch Russische in diesem Aggressionsgeschehen ist das Trauma von 1991: der Zerfall der Sowjetunion wird auch als Ende von „Russlands“ Größe und Macht wahrgenommen. Vladimir Putin will sich in die russische Geschichte als Wiederhersteller und Sammler des Imperiums einschreiben, der diese Demütigung tilgt. Ohne die Ukraine kann dieses Projekt nicht vollendet werden. Putin ist von Geschichte besessen, und der Fluchtpunkt seiner Revisions-Obsession ist die Ukraine. Das erklärt die Brutalität der Kriegführung, die Rücksichtslosigkeit gegenüber den immensen Verlusten der russischen Armee und die Indifferenz gegenüber dem wirtschaftlichen Schaden, den der Krieg auch Russland zufügt.

Nur wenige Europäer verstehen, dass Putins Regime keine Nachfolge der Sowjetunion anstrebt, sondern eher eine Restitution des Romanov-Imperiums. Die russische Aggression gegen die Ukraine definiert sich nachgerade über die Zerschlagung der letzten Dinge, die ältere Russen und Ukrainer noch nostalgisch mit der Sowjetunion verbunden hatten. Programmatisch formuliert wurde dieser Zerstörungsakt in Putins Kriegsreden, in denen der russische Präsident seine Verachtung gegen die „Wladimir-Iljitsch-Lenin-Ukraine“ herausspie. Mit diesem Begriff will der Diktator ausdrücken, Lenins Nationalitätenpolitik habe die Axt an die Einheit Russlands gelegt und die Sowjetukraine sei, genau wie der ukrainische Staat, der in ihren Grenzen entstand, ein Irrtum der Geschichte. Ein Hirngespinst von Deutschen, Polen oder eben Bolschewiken, ein Hebel, um Russland zu zerstören.

Die Ambivalenzen des antikolonialen Kampfes

Europäische Unterstützer der Ukraine sind im Umkehrschluss begeistert, weil die heutigen Ukrainer keine Kleinrussen in einer imperialen kulturellen Hierarchie der ostslawischen Völker mehr sein wollen. Sie bewundern den zähen Befreiungskampf und das Durchhaltevermögen der Ukrainer. Doch der antikoloniale Kampf der Ukrainer hat seine Ambivalenzen. Für massive Verwerfungen gerade in Polen sorgte die Tatsache, dass dem faschistischen Terroristen der 1930er und Nationalistenführer der 1940er Jahre, Stepan Bandera, in Lwiw ein Denkmal im Mussolini-Stil errichtet wurde. Etliche ukrainische Politiker und auch der ehemalige Botschafter der Ukraine in Deutschland ehren Bandera als Freiheitskämpfer. Warum sie das tun, ist nur vor dem Hintergrund anderer antikolonialer Bewegungen verstehbar, deren Befreiungs-Ikonen – mit wenigen Ausnahmen wie Nelson Mandela – blutige Guerilleros oder Terroristen waren, Männer vom Schlage eines Bandera. Rationalisiert man die Bluttat an Unschuldigen als Nebenfolge des Befreiungskampfs, so wie die Massenmorde von Banderas Organisation ukrainischer Nationalisten an polnischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg, so kann sie auch ausgeblendet und historisch beiseitegelegt werden. Ähnliche Erinnerungs-Operationen sehen wir jetzt in ganz Europa, insbesondere in „antiimperialistischen“ Kreisen, bei der Verharmlosung des Hamas-Pogroms gegen Israel am 7. Oktober 2023.

Israelisierung

Es war paradoxerweise aber diese Untat der Hamas, die Israelis und Ukrainer stärker zusammengeführt hat, als es Europäer sich vorstellen können. In der Ukraine hat sich unter dem Eindruck des russischen Vernichtungswillens ein Lebensgefühl entwickelt, die man auch bei der Genese des Staates Israel beobachten konnte: Hier formiert sich eine übersprachliche Nation des „Nie wieder“, der große Visionen abhandengekommen sind, in der aber absolute Priorität hat, einen Flecken auf der Erde zu schaffen, der ein sicherer Ort für Ukrainerinnen und Ukrainer ist: ohne echte Freunde und Bündnisse, nur auf sich selbst vertrauend, bis an die Zähne bewaffnet, womöglich bald wieder nuklear bewaffnet. Nie wieder soll das geschehen: nicht das Martyrium der ukrainischen Zwangsarbeiter, auf deren Knochen Sankt Petersburg errichtet wurde, nicht die Pogrome, nicht die als Strafaktion Moskaus inszenierte genozidale Hungersnot der 1930er Jahre, nicht der Massenterror desselben Jahrzehnts, der die gerade herangewachsene ukrainische Intelligenz vernichtete, nicht der Holocaust der Kugeln, der die ukrainischen Juden auslöschte, nicht die Ermordung und Versklavung Millionen ukrainischer Rotarmisten und Zwangsarbeiterinnen durch deutsche Besatzer, nie wieder Tschernobyl, nie wieder dieser russische Krieg.

Hybride Identitäten

In meinen Forschungsjahren in der Ukraine seit 1989 konnte ich auch die Genese eines pragmatischen neuen Staatspatriotismus beobachten. Ich wanderte damals auf den Spuren meiner Projekte zwischen den Glockentürmen des barocken Lemberg/ Lwiw und den Kühltürmen der Atomstadt Kusnezowsk, die man nach einer NKWD-Spionagegröße benannt hatte und die 2015, im ersten Krieg, diesen Namen abwarf und zu ihrem eigentlichen Namen zurückkehrte: Warasch. Warasch war ein winziges Dörfchen inmitten der Sümpfe Polesiens, auf dessen Gemarkung man in den frühen 1970er Jahren die modernen Plattenbauten von Kusnezowsk und das Atomkraftwerk Rivne gebaut hat. Nahebei, in den Wäldern, lagen die Stätten, wo die Deutschen die Juden des Landkreises ermordet hatten. Im AKW wechselten die Arbeiter, mit denen ich zur Schicht ging, zwischen Ukrainisch und Russisch, wie es gerade kam. Man hatte zu arbeiten. Das Gefühl der Zugehörigkeit, der gemeinsamen Verantwortung und der Zusammengehörigkeit war nicht über Sprache definiert, sondern über das, was man gemeinsam hatte und machte. Das Kraftwerk. Die Stadt. Das Land musste mit Strom versorgt werden. Man feierte nach wie vor an sowjetischen Feiertagen, am 22. Dezember, Tag des Energetikers, Tag des großen sowjetischen Elektrifizierungsplans. Aber im Mai, am Tag der Nationaltracht, gingen sie im bestickten ukrainischen Hemd zur Arbeit.

Die plebejische Nation

Erklärbar sind diese Ungleichzeitigkeiten, diese für (West-) Europäer irritierende Nebeneinander-Existenz von sowjetischem Erbe und nationaler, aber übersprachlicher Neuerfindung mit dem Selbstverständnis der Ukrainer:innen als plebejischer Nation. Fast alle haben auch heute noch Bindungen in die Dörfer, viele können sich noch an Großmütter erinnern, die weder lesen noch schreiben konnten. Ein Bauernvolk, en Rebellenvolk, natürliche Antagonisten der russländischen Autokratie, so schrieben es ihre Nationaldichter und Nationalhistoriker, der ehemalige Leibeigene Taras Schewtschenko, der Sozialist und Föderalist und Träumer eines geeinten Europa Mychajlo Drahomanov, der Sozialdemokrat Mychajlo Hruschewskyj. Ihre Nationsbildung begann an der Steppengrenze zwischen sesshaften ostslawischen Bauern und turksprachigen Nomaden, die Vieh züchteten, Handel trieben und auf Raubzüge gingen. Dieser Grenzsaum des polnisch-litauischen Reiches und des Moskauer Staates, der Grenzraum des christlichen Europas, hat der Ukraine, „Grenzmark“, ihren Namen gegeben. Grenzüberschreitend war aber auch die Kultur der ukrainischen Kosaken, jener Wehrbauern, die den Grenzsaum absicherten, sich in Habitus und Kriegskunst den nomadischen Tataren anverwandelten und im siebzehnten Jahrhundert am Unterlauf des Dnipro einen Proto-Staat gründeten.

In der Frühmoderne überzogen die Ukrainer die polnischen Magnaten und Könige mit Aufständen – und im sozialen Aufruhr verübten sie die entsetzlichsten Judenpogrome der Frühneuzeit, denn die jüdische Landbevölkerung klemmte als Mittler- und Verwalterschicht zwischen Herr und Bauer, sie traf der Hass auf die Eliten zuerst. Eine plebejische Nation blieben die Ukrainer eigentlich bis zum Zweiten Weltkrieg, als solche erlitten sie die Verheerungen des Zeitalters der Extreme. Erst unter Chruschtschow setzte ihre große soziale Mobilisierung ein, in die Städte, die Universitäten, in die neu gebauten Industriebetriebe – und auch in die dominante Sprache, das Russische. Das war eine Zeit des kleinen Wirtschaftswunders, des Aufbruchs in die Welt, der Pioniertaten in den inneren Peripherien der Sowjetunion, in Orten wie Warasch. Damals entstand erst die heutige moderne, zweisprachige Nation, zu der inzwischen auch die sowjetukrainischen Juden gefunden haben, verkörpert in der Gestalt des ukrainischen Kriegspräsidenten Volodymyr Zelenskyj. Aber erst in der unabhängigen Ukraine begann man, sich positiv vor allem auf das Land, das Staatsgebiet zu beziehen. Und erst im Krieg wurde die kulturell-soziale Entflechtung von Russland vollendet, die Beziehungen gekappt – bis hin zum Sprachwechsel zurück zum Ukrainischen, den viele russischsprachige Ukrainer in den letzten Jahren vollzogen haben.

Die Anforderung an die Europäer besteht darin, die Stimmen der Ukrainer in ihrer Pluralität und Ambivalenz überhaupt erst einmal zur Kenntnis zu nehmen, statt sie gemäß unserer eigenen Narrativen zu objektivieren. Es muss gar keine Partei ergriffen werden. Es muss auch nicht die Frage gestellt werden, ob die Ukrainer „dazugehörten“ – das tun sie bereits kraft ihres plébiscite de tous les jours (eine tagtägliche Volksabstimmung, so Ernest Rénan über die moderne Nation), seit sie die Unabhängigkeit erlangt haben und sich für den Beitritt zu europäischen transnationalen Strukturen entschieden. Es genügt, wie im Falle anderer Kolonialgeschichten auch, erst einmal die Geschichte dieses Landes als Geschichte aus eigenem Recht zu hören, zu lesen und zu lernen, statt sie als Anhängsel einer russischen Imperialgeschichte wahrzunehmen. Haben wir diese Lektion nachgeholt, können wir mit den Ukrainern streiten, die ihre Geschichte stets selbst machten und machen, wenn auch nicht aus freien Stücken.

Der Beitrag erschien in der DIALOG-Ausgabe Nr. 152 (2025-2026).

 

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