Kultur

„Unsere Deutschen“. Ein Buch von Maciej Falkowski

Die Arbeitsmigration der Polen nach Deutschland ist allgemein bekannt, aber wir wissen wenig darüber, dass es über Jahrhunderte hinweg die Deutschen waren, die nach Osten zogen, sagt Maciej Falkowski, Autor des Buches „Unsere Deutschen“.
Ein Mann steht vor einer Wand.
Maciej Falkowski © Privatarchiv

Noch vor hundert Jahren lebten Deutsche in der Nähe von Lodz, an der Weichsel und in Masowien, und der Begriff „unsere Deutschen“ überraschte niemanden. Die Geschichte der Deutschen auf polnischem Boden endete mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dabei lebten innerhalb der Grenzen der Zweiten Polnischen Republik eine Million polnische Staatsbürger deutscher Nationalität. Ihrem Schicksal ist das Buch „Nasi Niemcy“ von Maciej Falkowski gewidmet.

In Ihrem Buch „Unsere Deutschen“ suchen Sie nach Spuren deutscher Siedler auf polnischem Boden. Ein Teil Ihrer Familie stammt auch von ihnen ab – haben Sie sich deshalb mit diesem Thema beschäftigt?

Tatsächlich hat mich das Thema aus diesem Grund interessiert. Meine Familie behandelte dies ein wenig wie ein Geheimnis, was mich umso mehr zu meinen Nachforschungen animierte. Aber das war nicht der Hauptgrund. Ich habe eine Vorliebe für Ethnologie und bin schon immer gerne durch Polen gereist, oft an wenig bekannte Orte, um verschiedene interessante Geschichten zu entdecken. Ich lebe fest in Warschau, und wenn ich durch Masowien, durch die Umgebung von Warschau, fuhr, stieß ich sehr oft auf alte evangelische Friedhöfe. Diese Orte haben mich fasziniert. Ich fragte mich, wie sie hierhergekommen waren. Das Wissen über deutsche Siedler in Zentralpolen ist nicht weit verbreitet. Auch für mich war das eine Überraschung, also begann ich, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Irgendwann kam mir die Idee, all das aufzuschreiben.

Warum zogen deutsche Siedler in den vergangenen Jahrhunderten nach Osten, etwa in polnische Gebiete?

Wenn wir einen Blick auf die letzten 1000 Jahre werfen, können wir eine gewisse Regelmäßigkeit, ein bestimmtes Phänomen feststellen. Aus den deutschen Ländern gingen nach Osten – aber nicht nur nach Polen – praktisch ununterbrochen Menschen, sowohl Bauern als auch Handwerker und später Fabrikanten. Es handelte sich um andere Migrationsbewegungen als um die, an die wir uns im 20. Jahrhundert gewöhnt hatten. Wir wissen von Auswanderungen nach Deutschland auf der Suche nach Arbeit, wissen aber kaum, dass es die meiste Zeit genau umgekehrt war. Es waren nämlich die Deutschen, die nach Osten zogen – nach Polen, nach Russland, in die baltischen Staaten, nach Rumänien. Die Gründe waren selten politischer Natur, sondern eher materieller Art. Deutschland war überbevölkert, was oft zu einer schwierigen wirtschaftlichen Lage führte. Die Menschen suchten ihr Glück. Früher konnten sie noch nicht über den Ozean auswandern, und Amerika war noch nicht entdeckt worden. Später waren die deutschen Staaten nicht vereint, hatten keine politische Macht und besaßen keine eigenen Kolonien. Dieser Strom von Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben musste ein Ziel finden und fand es ganz natürlich im Osten.

Im Osten war die Lage dagegen anders – es gab weniger Menschen, viel Land, und jemand musste dieses Land nutzbar machen. Die Zuwanderung lag daher im Interesse der lokalen Herrscher. Sie brauchten Arbeitskräfte und manchmal auch Menschen, die beispielsweise in der Lage waren, schwieriges Gelände zu bewirtschaften. Man suchte solche Menschen in Deutschland und holte sie von dort her. Sie ließen sich an Orten nieder, wo zuvor nichts war. Sie rodeten den Urwald, bestellten Felder, gründeten Dörfer usw. Teilweise war es auch so, dass Menschen, die sich zuvor in Polen niedergelassen hatten, später noch weiter nach Osten wanderten, zum Beispiel nach Russland, wo man sie mit noch besseren Perspektiven lockte. Man darf nicht vergessen, dass sich die Träume der Migranten nicht immer erfüllten.

Nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg holten die Deutschen Gastarbeiter aus Italien und der Türkei zur Arbeit am Wiederaufbau des Landes. Jahrhunderte zuvor hatte Polen solche Helfer zu sich geholt. Die ersten Siedler auf polnischem Boden – im 16. und 17. Jahrhundert – waren die sogenannten Hauländer, die ursprünglich aus Friesland und den Niederlanden stammten. Später kamen Arbeiter aus den deutschen Kleinstaaten und schließlich aus Deutschland. Sie gründeten Dörfer in Königlich-Preußen, entlang der Weichsel und ihrer Nebenflüsse, in Kujawien, Masowien und Großpolen. Sie waren damals die wohlhabendste Gruppe der Bauern. Da Polen tolerant war, konnten sie ihre persönliche Freiheit, ihre eigene Religion und ihre Werte bewahren. Warum handelte es sich hauptsächlich um Siedler von jenseits der Oder und nicht etwa aus Skandinavien?

Deutschland verbinden wir vor allem mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, mit den Kreuzrittern – kurz gesagt: mit Konflikten. Betrachtet man jedoch die Karte der Ersten Republik Polen, so fällt auf, dass sich ihre östlichen Grenzen ständig veränderten. Die westliche Grenze hingegen, die natürlich anders aussah als heute, blieb praktisch unverändert. Dort herrschte relativer Frieden, es gab im Grunde keine größeren Kriege. Natürlich marschierten Truppen durch diese Gebiete, zum Beispiel während des Nordischen Krieges, doch handelte es sich dabei nicht um Konflikte zwischen Polen und Sachsen oder Brandenburg. Es war eine recht beständige und friedliche Grenze. Für friedliche Migranten war es einfacher, diese zu überqueren. Im Osten hingegen tobten ständig Kriege, weshalb die Migration von dort erschwert war. Außerdem bedeutet „Deutschland“ auch geografische Nähe. In Skandinavien hingegen lebten nur wenige Menschen, was nicht heißt, dass sich niemand aus dieser Gegend in Polen „verirrt“ hätte. Auf einem orthodoxen Friedhof in Podlachien stieß ich zum Beispiel auf ein Grab mit dem Namen „Peterson“, geschrieben in kyrillischer Schrift. Es stellte sich heraus, dass dies für die Bewohner dieses Dorfes ein ganz normaler Name ist. Sie wussten auch, dass dieser erste Peterson ein Schwede war, ein Kriegsgefangener aus der Zeit der „Schwedischen Sintflut“ im 17. Jahrhundert, der einfach dortgeblieben war. Seine Nachkommen verloren zwar ihre schwedische Identität und ihre protestantische Religion, aber der Name blieb.

Ihr Buch besteht aus vielen kleineren Erzählungen, die ein zusammenhängendes Bild ergeben. Jeder Leser hat sicherlich „seine“ Passagen. Am bewegendsten erscheinen jene, in denen die Nachkommen der Siedler zum Spielball politischer Machenschaften wurden. Natürlich unterschieden sich diese Machtspiele vor dem Ersten Weltkrieg und vor der Weimarer Republik von denen, die unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg stattfanden oder währenddessen. Welche dieser Geschichten haben Sie am meisten bewegt?

Ich möchte zwei solche Momente ansprechen. Der erste betrifft die allgemein bekannten Tragödien im Zusammenhang mit den Volkslisten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Weniger bekannt ist hingegen, was mit den deutschen Siedlern während des Ersten Weltkriegs geschah. Die russischen Behörden begünstigten sie im 19. Jahrhundert, indem sie den Gebrauch der deutschen Sprache in den Schulen erlaubten, die Holung von Pastoren aus Deutschland gestatteten und diese Besiedlung allgemein unterstützten, da sie das polnische Element verdünnte. Als jedoch der Erste Weltkrieg ausbrach, begann man diese Menschen als fünfte Kolonne zu betrachten. Im Sommer 1915 erhielten Hunderttausende Deutsche – die bis dahin friedlich an der Weichsel, bei Warschau, bei Lodz und in Ostpolen gelebt hatten – den Befehl zur Evakuierung und wurden oft auf brutale Weise tief nach Russland deportiert. Gleichzeitig wurden ihre Besitztümer beschlagnahmt. Mehrere Jahre lang irrten sie durch Russland. Nach ihrer Rückkehr kam es zu Konflikten mit den alten Nachbarn, viele von ihnen befanden sich zudem in einer schwierigen finanziellen Lage. Sie wurden Opfer von Repressionen, wurden in Lagern festgehalten. Das sind oft bewegende Geschichten, denn diese Menschen wollten gar nicht nach Deutschland. Sie hatten keinerlei Verbindungen zum damaligen Zweiten Reich und standen kulturell wohl Moskau näher als Berlin, und doch waren sie unerwünscht. Außerdem handelte es sich bei den Deutschen, die beispielsweise in Warschau, in Lodz oder bei Płock blieben, meist um Einzelpersonen oder einzelne Familien. Um weiterhin in Polen leben zu können, mussten sie entweder ihre deutsche Herkunft verbergen oder in die westlichen Gebiete ziehen, wo sie niemand kannte. Noch schwieriger war es für sie nach dem Zweiten Weltkrieg, als ihnen das Prinzip der Kollektivschuld auferlegt wurde. Allen wurde die polnische Staatsbürgerschaft und ihr Vermögen entzogen, und die meisten mussten Polen verlassen. Mir scheint sogar, dass die Popularität der nationalsozialistischen Ideen unter den polnischen Deutschen teilweise gerade darauf zurückzuführen sein könnte, dass ihnen ihre Wurzeln genommen wurden, dass sie während des Ersten Weltkriegs Verfolgungen erlebten und dass sie sich von den Gemeinschaften entfremdet hatten, in denen ihre Vorfahren gelebt hatten. Das ist meine Theorie, aber vielleicht wird sich irgendwann einmal jemand wissenschaftlich damit befassen.

Für viele mag der Titel Ihres Buches – „Unsere Deutschen“ – provokativ wirken. War das auch Ihre Absicht? Auf welche Reaktionen stieß Ihr Buch?

Die Reaktionen waren überwiegend positiv, auch wenn einige diesen Titel tatsächlich als eine gewisse Provokation auffassen. Dies hängt sicherlich zum Teil mit der Ausstellung „Unsere Jungs. Die Bewohner von Danzig-Pommern in der Armee des Dritten Reiches“ im Museum von Danzig, die den Polen gewidmet ist, die in der Wehrmacht gedient haben [über die Ausstellung schrieb Piotr Leszczyński in DIALOG Nr. 152 (2025–2026) – Anm. d. Red.]. Diese Assoziation drängt sich also auf. Mein Titel ist einfach wahr. Wir könnten genauso gut ein Buch mit dem Titel „Unsere Juden“ oder „Unsere Ukrainer, Armenier, Ruthenen, Weißrussen“ schreiben… Denn über Jahrhunderte hinweg lebten in Polen Vertreter vieler Religionen und Nationen, die ein natürlicher Teil der polnischen Gesellschaft waren. Würden wir hundert Jahre zurückgehen, etwa nach Ostpolen oder irgendwo in die Nähe von Lodz fahren und den erstbesten Menschen fragen, ob er in den letzten Tagen Kontakt zu einem Juden, einen Deutschen oder einen Russen gehabt habe, würde er höchstwahrscheinlich antworten: „Ja, natürlich, das ist mein Nachbar, ich kaufe bei einem jüdischen Ladenbesitzer in der nahegelegenen Kleinstadt ein, und die Deutschen wohnen in dem Dorf nebenan.“ Und wahrscheinlich hätte er angefangen, ihre Namen aufzuzählen, denn er kannte sie und hatte persönlichen Kontakt zu ihnen. Denn sie waren in gewisser Weise unsere Leute. Unsere Juden, die hier vor dem Krieg lebten, hatten mehr mit Polen gemeinsam als beispielsweise mit dem damals entstehenden Israel. Auch viele der hier lebenden Deutschen mussten nicht polonisiert werden, da sie mehr mit Polen gemeinsam hatten als mit den Deutschen. Sie alle waren ein bisschen anders, aber es waren unsere Leute. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir uns daran gewöhnt, dass unser Land ethnisch homogen ist, dass ein polnischer Staatsbürger ein ethnischer Pole ist. Doch während des größten Teils der Geschichte war das nicht so. Ein polnischer Staatsbürger konnte Jude, Deutscher, Protestant, Orthodoxer, Muslim oder Tatar sein. Sicherlich könnte auch in Deutschland ein Buch mit dem Titel „Unsere Polen“ entstehen, denn schließlich lebten dort über Jahrhunderte hinweg viele Polen. Wenn man es also genauer betrachtet, habe ich nicht provoziert. Ich habe die Realität beschrieben.

Im heutigen Polen wurde lange Zeit nicht darüber gesprochen, wie nach dem Krieg mit dem Eigentum der ermordeten Juden umgegangen worden war oder was in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“, also ehemaligen deutschen Ostgebieten, geschah. Erst seit kurzem sind diese Themen bei Schriftstellern, Reportern und Künstlern populär geworden. Woher kommt plötzlich dieser Trend, schwierige Themen aufzudecken und zu beschreiben?

Der Grund dafür ist die Reife der Gesellschaft und die Freiheit. Politiker sagen vor allem das, was ihre Wähler hören wollen, und kein Wähler hört gerne unangenehme Geschichten. Ich denke jedoch, dass die Darstellung so objektiv und umfassend wie möglich sein sollte. Das gelingt nicht immer, aber Historiker und Wissenschaftler sollten dies tun. Im Falle der deutsch-polnischen Beziehungen muss die Erzählung Parallelen aufweisen. Das Wissen über die Verfolgung von Deutschen im Nachkriegspolen muss mit dem Wissen über die Verbrechen der Deutschen in Polen während des Zweiten Weltkriegs einhergehen. Und damit – wie ich in den Medien lese – sieht es unterschiedlich aus. Vor allem unter der jungen Generation in Deutschland ist dieses Wissen gar nicht so verbreitet. Was für uns beispielsweise selbstverständlich ist, wer die Konzentrationslager in Polen errichtet hat oder wie viele Menschen die Deutschen in Polen getötet haben, wie viele Städte sie zerstört haben usw. – das weiß man in Deutschland nicht.

Mit Maciej Falkowski sprach Arkadiusz Łuba. 

Maciej Falkowski: Nasi Niemcy. Verlag Czarne, Wołowiec 2026, 392 S., 57,90 PLN. 

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