Der Streit um die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, einer ukrainischen Einheit den Ehrentitel „Helden der UPA“ zu verleihen, beherrscht seit Wochen die Schlagzeilen in Polen. Die Ukrainische Aufständische Armee UPA wird in Polen des Massenmordes an polnischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg beschuldigt, in der Ukraine gilt sie als diejenige Kraft, die sich der Sowjetisierung des Landes widersetzte. „Die antiukrainische Hetze gerät außer Kontrolle“, warnt der Chefredakteur der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ Michał Szułdrzyński in der Beilage „Plus Minus“ zur Wochenendausgabe (13/14.06.2026). „Der einmal entfachte Hass gegen die Ukrainer lässt sich nicht so einfach stoppen. Polnische Politik wurde von antiukrainischer Hysterie befallen. Die fatale Entscheidung des ukrainischen Präsidenten (…) hat zu einer Situation geführt, in der bald jemand vorschlägt, die Ukrainer sollten eine Armbinde mit dem Tryzub (Dreizack) tragen. Übertreibe ich? Eher nicht, wenn ein einflussreicher rechter Abgeordneter verlangt, alle in der polnischen Verwaltung beschäftigten Ukrainer zu feuern. Das zeigt, dass unsere Debatte eine Neigung zur Brandstiftung, zum Rückfall in extreme Positionen hat“, lesen wir in „Rzeczpospolita. „Zur schlichten Fremdenfeindlichkeit, zur Angst vor Fremden kommt der politisch motivierte Hass hinzu. Die rechten Politiker überbieten sich bei antiukrainischen Ausfällen. Sie sehen, wie die Stimmung nach vier Kriegsjahren kippt, die Abneigung gegen die Ukrainer wächst, und kommen zu dem Schluss, man solle diese Stimmung noch anheizen“, setzt Szułdrzyński fort. „Jeder, der an diesem Wahnsinn teilnimmt, verwandelt Polen in eine Hölle. Einmal gesäter Hass verschwindet nicht und wird eines Tages eine furchtbare Frucht bringen.“
In der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ ruft der stellvertretende Chefredakteur Bartosz Wieliński Polen und Ukrainer auf, sich ein Beispiel an den polnischen Bischöfen zu nehmen, die 1965 in dem Brief an ihre deutschen Amtsbrüder „wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“ geschrieben haben. Wieliński erinnert an die Anfänge der deutsch-polnischen Versöhnung und an die deutschen Vertriebenen, die mit ihren finanziellen Forderungen und den Plänen, die Geschichte umzuschreiben – mit Deutschen als Opfer, die Beziehungen mit Polen störten. Die Rechtsradikalen in Polen nutzten dies, um den Polen Angst vor den Deutschen zu machen. „Es gab eine Rückkopplung zwischen den Radikalen auf beiden Seiten.“ Wieliński warnt, dieses Schema könnte sich in den polnisch-ukrainischen Beziehungen wiederholen. „Das wäre fatal. Putin könnte noch vor dem ersten Schuss den Sieg erklären“, schreibt Wieliński und appelliert: „Hört auf die polnischen Bischöfe.“
Die Wochenzeitung „Polityka“ befasst sich mit der Ankündigung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, Selenskyj die höchste polnische Auszeichnung – den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Der Publizist Rafał Kalukin weist auf Nawrockis Worte hin, die Ukraine sei „wegen Glorifizierung von Banditen und Mördern“ nicht bereit, ein „Teil der europäischen Familie zu sein“. „Auf der Welle der Empörung ist einer der ältesten Axiomen polnischer Politik zusammengebrochen, der die Förderung der prowestliche Ausrichtung der Ukraine verordnete“, so Kalukin.
„Polityka“ widmet viel Platz der Aufrüstung polnischer Armee, die nach Angaben polnischer Politiker zur stärksten konventionellen Armee in Europa werden soll. Zwischen dem 28. und 30. Mai hat das polnische Verteidigungsministerium 62 Abkommen im Wert von mehr als 120 Millionen Zloty unterzeichnet. Polen hat im Rahmen des EU-Programms SAFE fast 44 Milliarden Euro erhalten. Autor Marek Świerczewski erinnert an die Schwierigkeiten bei der Umsetzung von SAFE. Der Präsident Karol Nawrocki legte sein Veto gegen ein Regierungsgesetz ein. Das rechtskonservative Staatsoberhaupt argumentierte, das Programm werde vor allem deutschen Firmen zugutekommen. Die größte Oppositionspartei PiS warnte vor SAFE, das Polen „unter den deutschen Stiefel“ bringen würde. Der Regierung von Premier Donald Tusk gelang es dennoch, mit Anordnungen das Veto zu umgehen.
An anderer Stelle berichtet „Polityka“ über die US-Kampfflugzeuge F-35, die soeben von Amerika an die polnische Luftwaffe geliefert wurden. Die Flugzeuge wurden in Polen „Husaren“ getauft – nach der gepanzerten polnischen Kavallerie aus dem 17. Jahrhundert. „Die ersten F-35 sind bereits in Polen, vorerst drei Stück von den bestellten 32 Maschinen im Jahr 2020. Sie symbolisieren die seit Jahrzehnten größte Modernisierung der polnischen Luftwaffe. Die stärkste Waffe dieses Flugzeugs sind nicht Bomben, Marschflugkörper und Raketen, sondern Informationen, die beim Flug gesammelt, übertragen und verarbeitet werden. Deshalb sprechen Politiker von F-35 als einer fliegenden Kommandozentrale oder einem Luftcomputer. Seine wichtigsten Aufgaben sind: das Vordringen in feindliches Territorium, Zielerfassung sowie Übermittlung der Informationen an die Einsatzzentrale. Für die Zerstörung der Ziele sind andere zuständig, etwa F-16.“ Zu rechnen ist mit Spekulationen, an wen die Informationen aus dem System gelangen und ob jemand im Pentagon den magischen Knopf hat, mit dem die Maschine ausgeschaltet werden könnte, wenn jemandem auf der höheren Ebene das anvisierte Ziel nicht gefällt. Polen ist der erste Staat an der NATO-Ostflanke, der über F-35 verfügt. Das allein ist ein wesentliches Element der Politik gegenüber Russland. Dieses Flugzeug bedeutet mehr als jede beliebige russische Maschine. Ein holländischer F-35 schoss russische Drohnen ab, die im September 2025 in den polnischen Luftraum eingedrungen waren.
„Gazeta Wyborcza“ erinnerte an die ersten halbfreien Parlamentswahlen in Polen am 4. Juni 1989, die die Transformation Polens zum demokratischen Staat eingeleitet haben. Aus diesem Anlass hat die Redaktion ein Interview mit Aleksander Kwaśniewski und Adam Michnik durchgeführt. Beide gehörten zu den Schlüsselfiguren bei den Gesprächen am Runden Tisch. Kwaśniewski, damals Mitglied der kommunistischen Regierungspartei, war von 1995 bis 2005 Polens Präsident; Michnik war der bekannteste polnische Regimekritiker und nach der demokratischen Wende Chefredakteur der „Gazeta Wyborcza“. „Adam meinte, wenn man den Friedensnobelpreis an Möbel vergeben würde, dann hätte ihn der Runde Tisch verdient. Dem stimme ich absolut zu, denn es handelte sich um ein Konzept für einen evolutionären, friedlichen Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems, der internationalen Bündnisse sowie der geopolitischen Kräfteverhältnisse in Mitteleuropa“, sagte Kwaśniewski. „Der Runde Tisch ist ein Fundament des demokratischen Polens“, ergänzte Michnik. Präsident Nawrocki ließ nach seinem Amtsantritt den Runden Tisch, der bisher am Originalplatz, im Amtssitz der polnischen Präsidenten in der Straße Krakowskie Przedmieście stand, demontieren und ins Museum für polnische Geschichte bringen.
Polens Regierungschef Donald Tusk hat vorgeschlagen, dem ersten nichtkommunistischen Premier Tadeusz Mazowiecki (1989–1990) vor dem Regierungssitz in Warschau ein Denkmal zu errichten. Die Wochenzeitschrift „Przegląd“ unterstützt diese Idee. „Tadeusz Mazowiecki war kein Demagoge, kein Betrüger. Er hat nicht das Blaue vom Himmel versprochen. Er spaltete nicht, sondern suchte Kompromisse. Er dachte an die Interessen des Staates, nicht der Partei. Er beleidigte niemanden, er schrie nicht, sondern sprach leise. Er glaubte den Menschen und gab ihnen einen breiten Handlungsspielraum. Darin bestand seine Kraft“, schreibt der Autor Robert Walenciak. Ein Mazowiecki-Denkmal würde ein tolerantes, europäisches Polen verkörpern.