Polen & Deutschland

Die Vergangenheit ist bis heute da. Ostgebiete – Ziemie Zachodnie

Die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“ erzählt unaufgeregt und persönlich deutsch-polnische Beziehungsgeschichten ohne Versöhnungskitsch.
Menschen in einem Ausstellungsraum.
Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung © Katharina Hamann

Im Ringen um ein neues Gesetz zur Schaffung einer selbstständigen Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung geht es im Kern um die Zukunft der deutschen Erinnerung an Zwangsmigration. Die Gegenwart der Erinnerung an die „Kultur und Geschichte der Vertreibungsgebiete“, wie es im 1953 verabschiedeten Bundesvertriebenengesetz heißt, ist weit entfernt vom Versuch einer Engführung auf das Leid von ethnischen Deutschen. Das zeigt die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“, die noch bis zum Januar 2027 im Dokumentationszentrum am Anhalter Bahnhof zu sehen ist. Die Kuratoren Barbara Kurowska und Arvid Peschel haben zusammen mit der künstlerischen Leiterin Karolina Gembara aktuelle fotografische Blicke auf Schlesien, das südliche Ostpreußen, Hinterpommern und den historischen Osten Brandenburgs miteinander ins Gespräch gebracht.

Die Ausstellung demonstriert, wie vorsichtig, entspannt und kitschfrei eine neue Generation von Künstlern in beiden Ländern mit dem Thema Verlust und Ankommen umgeht. In den ausgewählten Arbeiten werden die Erfahrungen von Vertriebenen aus deutschen Ostprovinzen ebenso sichtbar wie die Lebensgeschichten derjenigen, die ab 1945 in ihre Häuser zogen.

Am Eingang ist eine Arbeit aus dem Kunstmuseum der Stadt Łódź zu sehen. Jerzy Lewczyński seziert darin das Foto eines Zugs mit polnischen Umsiedlern in Neiße / Nysa, indem er einzelne Ausschnitte herausgreift und vergrößert. So werden einzelne Menschen auf ihrer Reise aus dem verlorenen Osten der Polnischen Republik in den neuen Westen der Volksrepublik Polen sichtbar. Thomas Müller steuert ein unaufgeregtes Portrait des Dorfes Lubów und seiner heutigen Einwohner bei. Es hieß bis 1945 Lübchen und war ein wiederkehrender Topos der NS-Durchhaltepropaganda in den letzten Monaten des Weltkrieges. Müller zeigt die Ortschaft im Herbst und Winter ohne Pathos und ohne den leisesten Hauch von Versöhnungskitsch. Die NS-Propagandabilder laufen eher beiläufig auf einem Bildschirm, der am Rand der Fotowand zu sehen ist. In die Reihe unaufgeregter Werke gehören die Fotografien von Annette Hauschild, die ihre familiäre Auseinandersetzung mit Oberschlesien in starke Bilder übersetzt. Die 1965 in die Bundesrepublik ausgereiste Familie verbindet heute ganz unterschiedliche Dinge mit der zurückgelassenen Welt: Gegenstände, Speisen, die schlesische Mundart und den Kosenamen der Großmutter, die sich die Fotografin und ihre Schwester tätowieren ließen.

Ein altes Kloster und spielende Kinder; ein Mädchen in einem roten Mantel.
Wie hat es unsere Mutter geschafft. Kloster Lehnin, 2017 © Linn Schröder / OSTKREUZ; Wir vier, Maria, Mutter und viele Tanten. Pustków Żurawski, 2018 © Linn Schröder / OSTKREUZ

Ein anderer Teil der in Berlin ausgestellten Arbeiten beweist, wie die über 80 Jahre zurückliegende Vergangenheit bis heute anwesend ist. Die Archäologin und Künstlerin Katarzyna Mirczak ordnet alte und neue Fotoartefakte so an, dass die zeitliche Ebene vor 1945 als Hintergrundfolie der Gegenwart sichtbar wird. Zugleich hinterlässt ihre Arbeit eine Irritation: die postdeutschen Territorien wirken wie eine Geisterlandschaft. Heinrich Völkel setzt seinem Vater aus Goldberg ein fotografisches Denkmal. Er lichtete für die Ausstellung dessen Heimatstadt in Schlesien ab. Auch Völkel nutzt Fotografien für einen archäologischen Zugang zur Gegenwart. Die Stadt Złotoryja wird in ihren heutigen Farben sichtbar. Zugleich schimmern Zeitschichten der Anwesenheit der deutschen Vergangenheit in konkreten Details wie einem Grabstein durch.

Eine besondere Rolle spielen in der Ausstellung die Heimatreisen ehemaliger Einwohner und ihrer Kinder in den Westen Polens. Linn Schröder von der Agentur Ostkreuz nutzt eine Reise auf den Spuren ihrer Mutter in Niederschlesien, um Bilder für die Traumata in der eigenen Familie zu finden. Karolina Gembara verweist in ihrem Werk „Geist des Winters“ auf den langen Schatten, den Zwangsmigration in Familien wirft. Sie bringt Fotografien aus unterschiedlichen Nachkriegsjahrzehnten in eine bestimmte Reihenfolge, wodurch eine gewisse Unabgeschlossenheit mit den Händen zu greifen ist. Damit beschwört sie den Geist der Vorläufigkeit, der als Syndrom der gepackten Koffer die Neuankömmlinge in den 1945 verlassenen Häusern über Jahre begleitet hatte. Beeindruckenderweise verweist gerade diese Botschaft darauf, dass das Leben der Höfe in Schlesien und anderen Regionen nach 1945 nicht stillstand.

Eine alte, blaue Küche und ein altes Haus.
Aus der Serie „Wir sind einfach geblieben / We Just Stayed“; Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung © Filip Piotrowicz

Die einzelnen Arbeiten nehmen in der Ausstellung durch Hängung, Farblichkeit und Licht aufeinander Bezug. Der Dialog mit der Gegenwart der Vergangenheit offenbart, wieso 1945 nicht etwas Deutsches zu Ende ging und etwas Polnisches begann. Vielmehr wird eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher zeitlicher Ebenen sichtbar: der lange nachwirkende Verlust von Heimat in den einstigen Ostgebieten des Deutschen Reichs, das langesame Ankommen der neuen Bewohner der neuen polnischen Westgebiete, die bis heute geisterhafte Anwesenheit der ehemaligen Einwohner und die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart. Diese Gegenwart ist geprägt von Zwischentönen, von sehr unterschiedlichen Jahreszeiten und von Farben, die nie voll gesättigt sind.

Wenn das neue Gesetz im September in den Bundestag eingebracht wird, ist allen Parlamentariern zu empfehlen, die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“ anzusehen, um zu verstehen, welchen Spagat das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung machen muss. Sejm-Abgeordneten ist hingegen eine Reise aus Warschau zu raten. Sie können sich dann davon überzeugen, dass eine komplette Regermanisierung des Blicks auf Schlesien an der Spree derzeit nicht droht. Für die deutschen Abgeordneten wäre ebenso wie für reguläre Besucher hilfreich, wenn es am Eingang oder bei den einzelnen Arbeiten eine Karte gäbe, auf der schnell zu erkennen ist, wo Lubów, Złotoryja, Nysa und andere Orte der Ausstellung liegen.

Weitere Informationen zur Ausstellung unter:

https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/ostgebiete-ziemie-zachodnie-eine-deutsch-polnische-spurensuche/ 

 

Ein Mann in Hemd und Weste schaut in die Kamera.

Autor Martin Piekar: „Polen – eine Nische, die gerade erst aufgeht“

Viele Polinnen und Polen in Deutschland hätten sich lange nicht offen zu ihren polnischen Wurzeln bekannt. Sie fingen gerade erst an, dazu zu stehen, sagt Martin Piekar, Autor des Buches „Vom Fällen eines Stammbaums“.
Natalia Prüfer
Ein Publikum sitzt draußen vor einer beleuchteten Bühne.

Werner Wunderlich zum 100. Geburtstag. Polen und Jazz im Palmengarten

Am 15. September wäre Werner Wunderlich 100 Jahre alt geworden. Ein Mensch, der durch den Jazz wegweisende deutsch-polnische Kontakte ermöglicht hat.
Sławek Heller
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

Polnische Presseschau vom 7.09.2026

Der AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt, ein Vorblick auf die polnischen Parlamentswahlen 2027, die Staatsfinanzen Polens und die Reparationsforderungen – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
Jacek Lepiarz