Polen & Deutschland

Ein Ort der Geschichte. Das Berghaus in Kreisau wiedereröffnet

Nach dreijähriger Renovierung wurde in Kreisau (Krzyżowa) das Berghaus wiedereröffnet. Ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wurde.
Eine Vitrine mit alten Fotos.
Die Ausstellung im Berghaus in Kreisau © Aureliusz M. Pędziwol

Am Mittwoch, den 3. Juni 2026, ist das Berghaus mit einem roten Band umwunden, am Haus ist eine große Kokarde angebracht. Und in dem gleich daneben errichteten Zeit versammeln sich allmählich die Menschen, die zur Wiedereröffnung des Hauses nach Kreisau gekommen sind.

Im Zentrum des Interesses steht der Sohn der früheren Hausherren des Guts in Kreisau, des heutigen Krzyżowa, der 88-jährige Helmuth Caspar Graf von Moltke, der hier seine ersten Lebensjahre verbrachte. Seine Familie war aus dem tiefer gelegenen Herrenhaus in das Berghaus gezogen, weil die Heizkosten nicht mehr zu tragen waren.

Caspar ist einer der letzten noch lebenden Bewohner des Anwesens in Kreisau. Sein Vater wurde 1945 von den Nazis hingerichtet, sein jüngerer Bruder Konrad starb 2005, seine Mutter, Freya von Moltke, fünf Jahre darauf. Erstmals nach dem Krieg besuchte er Kreisau vor fünfzig Jahren, im Juni 1976. Dann wieder 1984, als seine Mutter für das ostdeutsche Fernsehen einen Film über Kreisau drehte. Seit den 1990er Jahren ist er zum regelmäßigen Besucher geworden, zumal er viele Jahre im Beirat der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung saß.

„Bene Merito“ für den Grafen Moltke

Jetzt steht er am Rednerpult im Zelt. Botschafter Jan Tombiński, seit zwei Jahren Chargé d’affaires der polnischen Botschaft in Berlin, steckt ihm die Ehrennadel des polnischen Außenministers „Bene Merito“ ans Revers. Augenblicks darauf wird Helmuth Caspar Graf von Moltke Ehrenbürger der Gemeinde Świdnica/ Schweidnitz, zur der Krzyżowa gehört. Er dankt gerührt.

Jan Tombiński steckt Helmuth Caspar Graf von Moltke die Ehrennadel des polnischen Außenministers „Bene Merito“ ans Revers
Botschafter Tombiński und Helmuth Caspar Graf von Moltke (r.) © Aureliusz M. Pędziwol

Als gerade das Berghaus wiedereröffnet werden soll, beginnt es zu regnen, doch das tut den Festlichkeiten keinen Abbruch. Als alle bereits vor dem Haus stehen, kommen einige Kinder heraus, alle so etwa in dem Alter, das Caspar hatte, als er hier wohnte. Sie lösen den Knoten des Bands und nehmen achtsam die Kokarde ab.

Das neue Berghaus

Das Berghaus ist wiedereröffnet, nach drei Jahren Renovierung und Umbauten. Das Publikum kann eintreten.

Im Erdgeschoss zeigen drei aneinandergrenzende Räume die Geschichte von Kreisau. Die Ausstellung ist sehr asketisch. Im ersten Raum, genannt „Kreisau“, herrscht die Geometrie: ein auf den Boden gezeichneter Kreis, vier Schemel, Bogenabschnitte eines weiteren Kreises, die zusammen einen runden Tisch bilden, zwei Stühle. Im Schaukasten ein gutes Dutzend kantiger Säulen mit dreieckigem Sockel und Fotografien der Mitglieder des Kreisauer Kreises, der Gruppe der deutschen Anti-Hitler-Opposition, die sich im Zweiten Weltkrieg an diesem Ort traf. Auf einer der Säulen sind keine Bilder, ihre Seiten sind weiß. „Sie symbolisiert alle übrigen Mittglieder des Kreises“, erläutert Dominik Kretschmann, Leiter des Erinnerungsorts.

Der zweite Raum heißt „Kreisau-Krzyżowa“. Dort befinden sich an den Wänden vier große, flache Kästen. Darauf Fotografien: Freya von Moltke mit ihren Söhnen; ihr Freund Eugen Rosenstock-Huessy aus den USA, zu dem sie 1960 aus Westberlin zog; Ewa Unger, Mitbegründerin des heutigen „Nowa Krzyżowa“; schließlich ein großer Fingerabdruck. Dieser gehört dem Ukrainer Mykola Olchynyk, einem Kriegsgefangenen, der zur Zwangsarbeit nach Kreisau geschickt wurde. Er wurde nie fotografiert, deshalb sind von ihm nur Fingerabdrücke hinterlassen. Er starb 1941 in Kreisau.

Ein Haus, umwickelt mit einer großen, roten Kokarde
Das Berghaus kurz vor der Wiedereröffnung © Aureliusz M. Pędziwol

Die Kästen können geöffnet werden und lassen im Innern schematische Karten sehen, auf denen die Wege eingetragen sind, welche die Person jeweils durch die Welt genommen hat. So wird die Geschichte des Ortes vor, während und nach dem Krieg zusammengebracht.

Der dritte Raum heißt „Krzyżowa“ und zeigt auf einem großen Spiegel ein Foto der Teilnehmer des Symposiums in Breslau von 1989, mit dem ein neues Kapitel in der Geschichte des vormaligen Anwesens der Familie von Moltke begann, sowie einige Ausstellungsstücke in Vitrinen. Außerdem zwei Sessel, auf denen der damalige polnische Ministerpräsident Jerzy Buzek und Bundeskanzler Helmut Kohl am Tag der Eröffnung des Berghauses 1998 saßen.

Daneben gibt es noch einen kleinen Vortragssaal. Und die Treppe in den zweiten Stock, in dem sich Zimmer für die künftigen Gäste von Krzyżowa befinden. Die Ausstellung im Berghaus wurde von Mitarbeitern der Stiftung Kreisau erstellt, der Wohnbereich beruht auf einem Entwurf des Architekten Christopher Schmidt-Münzberg.

„Mir war es natürlich bewusst, dass mein Vater tot war“

Helmuth Caspar verließ das Haus in Kreisau 1945, als er acht Jahre alt war. Natürlich habe er Erinnerungen an diese Zeit, sagt er im Gespräch mit dem DIALOG. Er hatte dort mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder gelebt, es hatte noch andere Kinder gegeben, die mit ihrer Mutter in Kreisau Unterschlupf gefunden hatten. Auch noch weitere Familienangehörige lebten dort. Denn in Kreisau herrschte Frieden, die Front zog nie darüber hinweg. Doch manchmal habe er ein Problem damit, nicht unterscheiden zu können, was er selbst erlebt hat oder doch nur von Fotos kennt. Der Vater habe die ganze Zeit in Berlin gearbeitet. Doch er weiß ganz bestimmt: den Vater sah er im Dezember 1943 zum letzten Mal. Damals lag er im Krankenhaus in Breslau, und der Vater kam ihn besuchen. Im Januar darauf nahmen die Nazis Helmuth James Graf von Moltke fest. Ein Jahr darauf wurde er hingerichtet.

„Mir war es natürlich bewusst, dass er tot war. Meine Mutter hat mir das erzählt. Und ich war noch im Grunde zu jung. Ich hatte ohne ihn gelebt, im Grunde mein ganzes bewusstes Leben. Und deswegen änderte sich wenig an meinem normalen Leben. Sodass ich den Verlust des Vaters erst langsam gemerkt habe.“

Der Kreisauer Kreis

Der Kreisauer Kreis wurde geleitet von Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg, beide aus schlesisch-preußischen Adelsfamilien. Sie planten keine bewaffneten Anschläge auf Hitler. Sie diskutierten über die Zukunft Deutschlands und Europas nach seinem Fall.

Beide wurden in der Strafanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet. Yorck wurde für seine Teilnahme an dem fehlgeschlagenen Attentat des Obersten Claus von Stauffenberg auf Hitler vom 20. Juli 1944 am 8. September 1944 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde noch am selben Tag vollstreckt.

Moltke war seinerseits dagegen, eine neue historische Ära Deutschlands mit einem Staatsstreich zu beginnen, weil er davon ausging, der Nazismus werde sich selbst zerstören. Er wurde bereits im Januar 1944 verhaftet, und zwar nicht für seine Aktivitäten im Kreisauer Kreis, weil die Gestapo von diesem noch gar nichts wusste. Sein Todesurteil wurde fast ein Jahr später verkündet, am 11. Januar 1945, gleichfalls nicht wegen des Kreisauer Kreises; denn die Teilnahme konnte ihm nicht nachgewiesen werden, weil er während des Krieges meist in Berlin gewesen war. Die Begründung waren seine Pläne für den Aufbau eines demokratischen Deutschlands nach dem Fall des Naziregimes. Er wurde zwölf Tage später hingerichtet, am 23. Januar 1945.

Gesten, die das Denken leiten

Vierunddreißig Jahre nach dem Krieg gewann Kreisau erneut historische Bedeutung. Denn hier wurde die Versöhnungsmesse gehalten.

„Dies ist ein Ort, der Bedeutung für die deutsch-polnischen Beziehungen gewann, weil hier am 12. November 1989 eine symbolträchtige Messe gefeiert wurde, bei der sich während des von Bischof Alfons Nossol abgehaltenen Gottesdienstes Helmut Kohl und [der damalige polnische Ministerpräsident] Tadeusz Mazowiecki das Friedenszeichen gaben“, erklärt Botschafter Jan Tombiński. „Das war ein Zeichen, welches das Denken leitete. Wir haben in Erinnerung, welchen Eindruck die Aufnahmen von de Gaulle mit Adenauer oder von Kohl mit Mitterrand machten. Ähnlich sind jene Geste und jene Messe in Kreisau im kollektiven Gedächtnis von Polen und Deutschen haften geblieben.“

Zwei Männer umarmen sich.
Bundeskanzler Helmut Kohl umarmt am 12. November 1989 in Kreisau den polnischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki. © picture-alliance / dpa | Martin Athenstädt

Die Bilder, von denen Tombiński spricht, zeigen Präsident Charles de Gaulle und Kanzler Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims, als sie dort 1962 gemeinsam während einer historischen Messe ihr Gebet verrichteten, und ebenso ihre Umarmung bei der feierlichen Unterzeichnung des Elysée-Vertrags im Januar 1963 in Paris; ferner den Augenblick, in dem Kanzler Kohl und Präsident François Mitterrand sich im September 1984 vor dem Beinhaus von Douaumont auf dem Schlachtfeld von Verdun an den Händen fassten.

Warum Kreisau?

Bis 1945 hatte das Dorf Kreisau für Polen keinerlei Konnotationen. Als es nach dem Krieg an Polen gefallen war, wurde das Gut der Familie von Moltke in eine Staatliche Landwirtschaft (PGR) umgewandelt und verfiel. Vom Kreisauer Kreis hatte damals in Polen allenfalls eine Handvoll Menschen gehört.

Daher war es für viele einigermaßen überraschend, dass ausgerechnet Krzyżowa/ Kreisau für das Treffen von Bundeskanzler Helmut Kohl mit Tadeusz Mazowiecki im November 1989 gewählt wurde.

Die Versöhnungsmesse sollte ursprünglich im Oppelner Gebiet, am St. Annaberg abgehalten werden. Für polnische wie deutsche Katholiken aus Oberschlesien ist das ein heiliger Ort und Ziel für Pilgerfahrten. Andererseits assoziieren beide Nationen den Annaberg auch mit dem Dritten Schlesischen Aufstand von 1921. Genau darin bestand das Problem, denn die Assoziationen waren doch sehr gegensätzlicher Art. Das löste Befürchtungen aus, die Begegnung könnte nicht der Versöhnung dienen, sondern zu neuen Spannungen führen. Daher entschied sich die Regierung in Warschau für Krzyżowa.

Woher wusste Ministerpräsident Mazowiecki von Kreisau?

Mitglieder des Breslauer Klubs der Katholischen Intelligenz (KiK) meinten lange Zeit, die Wahl Krzyżowas für die Begegnung des polnischen mit dem deutschen Regierungschef sei darauf zurückgegangen, dass sie ein internationales Symposium zum Kreisauer Kreis organisiert hatten, zu dem sich am 3. und 4. Juni 1989 Teilnehmer aus Polen, der Bundesrepublik, der DDR und den Niederlanden in Breslau einfanden. Als kurz darauf ihr Klubmitglied Tadeusz Mazowiecki Regierungschef wurde, richteten sie an ihn einen Brief mit ihren Plänen für Krzyżowa.

Ausstellung im Berghaus
Ausstellung im Berghaus, Symposium zum Kreisauer Kreis © Aureliusz M. Pędziwol

Doch Jahre später sagte Mazowiecki im Gespräch mit Ewa Unger, die zu den engagiertesten Leuten bei der Rettung des Guts aus den Ruinen zählte, er habe selbst von dem Ort erfahren, weil er viel über einen anderen Nazigegner gelesen habe, den in Breslau geborenen Dietrich Bonhoeffer, und dabei sei er auf den Kreisauer Kreis gestoßen.

„Wir kommen erst, wenn die Polen uns einladen“

Am 12. November 1989 war niemand aus der Moltkefamilie in Kreisau, obwohl Kanzler Kohl das sehr gewünscht hätte.

„Helmut Kohl hat meinen Sohn James angerufen, der damals in England studierte, und ihn eingeladen, mitzukommen. Er hat mich nicht erreicht“, erinnert sich Helmuth Caspar im Gespräch mit DIALOG. Zu jener Zeit lebte er in den Vereinigten Staaten.

James Adam Mark von Moltke soll sich höflich beim Kanzler bedankt haben, aber er müsse erst seine Großmutter Freya fragen. „Dann hat Kohl seine Großmutter angerufen. Und sie hat sofort nein gesagt. ‚Wir kommen erst, wenn die Polen uns einladen‘“, erinnert sich Helmuth Caspar. Die Einladung folgte sofort.

Ein wahrer Diamant

Die Renovierung des Berghauses kostete etwa 3,8 Millionen Złoty, das sind 900.000 Euro, wie die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung mitteilt, der die vormaligen Besitzungen der Familie Moltke gehören, die in den 1990er Jahren zur Internationalen Jugendbegegnungsstätte umgewandelt wurden. Das Geld für die Sanierung wurde vor allem von deutschen Privatstiftungen und von privaten Sponsoren aufgebracht, von einem deutschen Konzern und dem Nationalen Freiheitsinstitut Warschau.

„Für mich persönlich ist Kreisau ein Ort, wo ich immer wieder erlebe, wie ältere Menschen, Menschen mittleren Alters, junge Menschen, gesunde Menschen, Menschen mit Handicap, teils aus zwei Ländern, manchmal sogar auch aus drei Ländern sich treffen“, sagt der deutsche Schriftsteller Matthias Kneip im Gespräch mit DIALOG.

Der Name Kreisau begegnete ihm bereits in der Schule. Aber das war so, wie von Verdun oder Waterloo zu hören. Diese Orte kennen wir aus dem Geschichtsunterricht, aber kaum jemand weiß, wo sie sich eigentlich befinden. Das gilt erst recht für das Dorf Kreisau-Krzyżowa. „Ich würde sagen, dass viele Deutsche, auch die, die sich mit Polen auskennen, nicht unbedingt Kreisau auf der Landkarte zeigen können“, meint Kneip.

Kneip ist gerade dabei, ein Buch über die kleinen Orte in Polen zu schreiben, die große Geschichte gemacht haben. Darunter befindet sich auch das Berghaus.

„Gerade das Berghaus ist ja der eigentliche Kern dieses Guts hier“, erklärt er. „Aber man sieht das Schloss, man sieht diese Riesenanlage, man denkt sich, wow, das ist Kreisau. Und dann ist da so ein Wurmfortsatz mit dem Berghaus. Aber genau dieser Wurmfortsatz ist der eigentliche Diamant. Weil es so unauffällig ist, weil es so klein ist, weil es so abgelegen von dem Gutshof ist, waren dort diese Begegnungen des Kreisauer Kreises möglich.“

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

Die Collage zeigt die Gesichter von Mateusz Morawiecki, Karol Nawrocki und Jarosław Kaczyński

Kaczyński schwächelt. Die polnische Rechte ordnet sich neu

Jarosław Kaczyński beherrschte über Jahre die rechte Seite der polnischen politischen Bühne. Jetzt schwächelt er, und auf der Rechten beginnt ein Machtkampf. Könnte Präsident Karol Nawrocki zum Schirmherrn des gesamten Lagers werden?
Rafał Kalukin
ine Collage zeigt eine Frau, umrahmt von Motiven, die mit dem Polentum assoziiert werden

Polonia, wer bist du? Auf der Suche nach polnischer Zugehörigkeit

Der Begriff „Polonia“ scheint eindeutig. Doch je näher die Autorin ihm kommt, desto unklarer wird ihr, wer dazugehört – und warum sie selbst sich darin nicht wiederfindet.
Oliwia Hälterlein
Menschen in einem Ausstellungsraum.

Die Vergangenheit ist bis heute da. Ostgebiete – Ziemie Zachodnie

Die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“ erzählt unaufgeregt und persönlich deutsch-polnische Beziehungsgeschichten ohne Versöhnungskitsch.
Felix Ackermann