Ukraine

Ukraine-Wiederaufbaukonferenz. „Patriotismus allein reicht nicht“

Auf der fünften Ukraine-Wiederaufbaukonferenz wurden über 200 Verträge im Wert von rund 10 Milliarden Euro abgeschlossen.
Mehrere Politiker bei einem Gruppenfoto
Ukraine Recovery Conference UCR2026 in Danzig © PAP/Adam Warżawa

Auf der Ukraine Recovery Conference rund ums bernsteinfarbene Fußballstadion von Danzig scheint der Krieg in der Ukraine überraschend weit weg zu sein. Nur selten sieht man einen ukrainischen Kriegsveteranen in Uniform, stattdessen wimmelt es von Krawatten und graublauen Anzügen. Darunter mischen sich seltsam wenige Frauen, viele davon in mit typisch ukrainischen Trachtenmotiven bestickten Blusen. Weit über 2.000 Teilnehmer aus 70 westlichen Staaten sind zur fünften Ukraine-Wiederaufbaukonferenz im polnischen Danzig zusammengekommen, darunter 12 Staats- und Regierungschefs. Laut polnischen Medienberichten waren im Vorfeld gut 160 Verträge initiiert worden. Ein paar Dutzend kamen in den zwei Konferenztagen hinzu.

Solidarität des Westens

Gastgeber der URC 2026 genannten wichtigsten Wiederaufbau-Konferenz ist Donald Tusk, der aus Danzig stammende Regierungschef. Der Pole stellt das aus der Asche des Zweiten Weltkrieges wiederauferstandene Danzig als erfolgreiches Beispiel für die Ukraine dar. Aus der hier 1980 gegründeten anti-kommunistischen Gewerkschaft Solidarność (Solidarität) leitet er in seiner Eröffnungsrede die heutige Solidarität Polens und des Westens mit der von Russland angegriffenen Ukraine ab. Die ukrainische Co-Gastgeberin Julia Swyrydenko bedankt sich für die von Polen und allen weiteren anwesenden Staaten geleistete Ukrainehilfe.

Am Herzen liegt Premierministerin Swyrydenko der nun nach dem Ende des ungarischen Vetos mögliche EU-Beitrittsverhandlungsbeginn. „Ich danke allen, die dazu beigetragen haben“, sagt sie. Dann bestätigt die Ukrainerin die Auszahlung der ersten Tranche des EU-Stabilisierungskredits über 3,2 Mrd. Euro noch am ersten Konferenztag, dem Donnerstag. Insgesamt erhält die Ukraine 90 Mrd. Euro, die vor allem für zivile Regierungsgeschäfte eingesetzt werden. Dazu leistet die EU „in den nächsten Tagen“ eine Zahlung von 6 Mrd. Euro für die Produktion von Drohnen.

Drei Männer an einem Tisch, die geben sich die Hand
In Danzig wurden mehrere Verträge und Absichtserklärungen unterzeichnet, wie hier zwischen der Polnischen Rüstungsgruppe (Polska Grupa Zbrojeniowa) und der TAF Industries © PAP/Marcin Gadomski

Wolodymyr Selenskyj, der große Abwesende

Die junge ukrainische Regierungschefin vertritt den großen Abwesenden Wolodymyr Selenskyj. Der Staatschef hatte seine Reise nach Polen kurzfristig abgesagt, nachdem ein schon lange schwelender historischer Streit zwischen den beiden Nachbarländern explodiert war. Es geht dabei um die Bewertung der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ (UPA). Die von den deutschen Besatzern tolerierten Partisanenverbände ermordeten 1942–1944 schätzungsweise 100.000 polnische Zivilisten und auch Tausende Juden. Doch nach der Vertreibung der deutschen Besatzer durch die Rote Armee kämpfte die UPA bis Mitte der 1950er Jahre gegen die Sowjets. Vor allem dafür wird sie in der Ukraine verehrt. Selenskyj hatte deshalb Ende Mai einen Armee-Bataillon den Beinamen „Helden der UPA“ erlaubt. Polen und auch Israel protestierten dagegen; schließlich erkannte Polens Staatspräsident Karol Nawrocki Selenskyj den ihm 2023 für seinen Einsatz für die polnisch-ukrainische Aussöhnung verliehenen „Orden des Weißen Adlers“ ab. Selenskyj sagte daraufhin seine Teilnahme am URC 2026 ab, obwohl er seit 2022 zu allen Wiederaufbaukonferenzen, die bisher in Lugano, Berlin, London und Rom stattgefunden hatten, angereist war.

Deeskalation erlernen

„Wir müssen alle die Deeskalation erlernen, neben der militärischen auch die politische und diplomatische“, kommentierte der Schweizer Ukraine-Sonderbeauftragte Jacques Gerber im Gespräch am Rande der Konferenz in Danzig. Laut Gerber hätte doch jedem bewusst sein müssen, dass es bei dieser Konferenz nicht um Polen geht. Immerhin: Selenskyjs An- oder Abwesenheit habe keine Auswirkung auf die wirklichen Gespräche und Vereinbarungen, da diese auf anderen Ebenen geführt würden, stellt der Spitzendiplomat Gerber klar.

Während der pro-westliche deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und der pro-russische slowakische Regierungschef Robert Fico in Danzig unisono „Friedensverhandlungen“ zwischen Kyjiw und Moskau forderten und Merz und Tusk mit Blick auf den Beginn des Zweiten Weltkrieges auf der Danziger Westerplatte betonten, Europa wisse, wie Frieden ginge, wurden in fünf Hallen des neben des Fußballstadions gelegenen Bernstein-Expo-Geländes vor allem Wirtschaftskontakte geknüpft. Denn die meisten Anwesenden wollen vom Wiederaufbau der Ukraine profitieren. Viele von ihnen bereits jetzt, während Moskaus Angriffskrieg und Kyjiws Abwehrkampf weiter tobt.

Über 500 Wiederaufbauprojekte haben 24 Regionen der Ukraine, darunter 10 frontnahe Gebietseinheiten (Oblasts) vorbereitet. In Halle A haben die meisten Oblasts Stände aufgebaut. Oleksandr Martschenko steht am Stand der drei größtenteils russisch besetzten Verwaltungseinheiten „Donezk, Luhansk und Krim“. Zusammen mit vier weiteren Bürgermeistern sucht Martschenko ausländische Geldgeber für fünf kleine, konkrete Wiederaufbauprojekte, die bereits beginnen können, während die russische Offensive gegen die Ukraine noch andauert.

580 Wohnungen

Der Mittfünfziger Martschenko ist Vize-Bürgermeister der im Mai 2023 von den Russen vollständig eroberten Stadt Bachmut. Er selbst lebt seit seiner Flucht in Dnipro, doch rund 400 Einwohner seien nach Hoschtscha in der Westukraine geflüchtet, erzählt der Beamte. In dem 5.000 Einwohner zählenden Dorf rund 200 Kilometer östlich der polnisch-ukrainischen Grenze sowie rund 300 Kilometer westlich von Kyjiw möchte die ehemalige Stadtverwaltung von Bachmut für 45 Mio. Euro 580 Wohnungen errichten. „Die Gemeinde hat uns das Land für den Bau von 10 Wohnblocks gratis zur Verfügung gestellt“, erzählt Martschenko. Bis September soll das Gelände erschlossen werden. Bezahlt wird dies aus Restgeldern des Budgets der völlig zerstörten Stadt Bachmut. „Wir wollen in Hoschtscha eine neue Heimat für unsere Kriegsveteranen und Großfamilien schaffen, für Mieten, die 10 Prozent unter dem Marktpreis liegen werden“, so Martschenko. Für ihn scheint klar, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine trotz der aktuellen ukrainischen Erfolge auf der bereits im Jahre 2014 völkerrechtswidrig von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim noch lange dauern wird.

Hoschtscha im Oblast Riwne eigne sich besonders gut als neue Heimat, weil es dort Arbeit in einem Steinbruch, einer Süßwaren- und einer Wurstfabrik sowie im 25 Kilometer entfernten AKW Riwne gäbe, betont Martschenko, der durchaus bereit ist, auf Russisch zu diskutieren. Die vier jüngeren Kollegen sprechen alle Englisch, teils jedoch etwas holprig.

Als Publikumsmagnet in der von der Fülle der Wiederaufbauprojekte etwas erschlagenden Halle erweist sich ein multimedialer, würfelförmiger Stand des Entwicklungsministeriums. Im Inneren wird alle paar Minuten ein in bestem Englisch eingesprochenes Video über den „intelligenten Wiederaufbau“ gezeigt. Dieser strotzt von Optimismus. So dauert es in dem Film nur kurze Zeit, bis die weitgehend zerstörte, derzeit noch von Kyjiw verteidigte Stadt Kupjansk direkt an der über 1000 Kilometer langen Frontlinie im Donbas entmint wird. In Wirklichkeit könnte dies mehrere Jahre in Anspruch nehmen; das weit weniger kriegsversehrte Kroatien etwa brauchte nach dem Dayton-Abkommen vom Dezember 1995 insgesamt 30 Jahre bis zur vollständigen Minenräumung.

„Erst wenn die Stadt wieder sicher ist, kann der Wiederaufbau beginnen“, erklärt eine Sprecherin aus dem Off. Dabei würden bei dem zu 90 Prozent zerstörten Kupjansk sämtliche EU-Direktiven angewandt. Fast 27.000 neue Jobs sollen durch den für 2027–2037 geplanten Wiederaufbau geschaffen werden, der 3,1 Mrd. Euro kosten soll. Nun wachsen in dem Videofilm neue Wohnblöcke aus dem Bildschirm, die Stadt bekommt einen neuen Bahnhof, eine für Rollstuhl fahrende Kriegsveteranen problemlos zugängliches Niederflur-Tram, Krankenhäuser, Schulen und moderne Industriebetriebe. Am Ende zeigt ein glückliches Kind mit einem Teddybär, der bereits am Anfang des Videos im schummrigen zerstörten Kinderzimmer am Boden lag, sein helles, neues Heim.

Das gleiche KI gestützte Programm des Ministeriums könne alle zerstörten Frontstädte der Ukraine analysieren; Ziel sei es, nicht die Vergangenheit zu rekonstruieren, sondern energieeffiziente Städte für die Zukunft zu bauen, wird in dem Werbevideo erklärt. Die Schätzungen über den Finanzbedarf für den Wiederaufbau gehen derzeit noch auseinander; es wird gemeinhin mit 500–850 Mrd. Euro gerechnet.

Tusk und Merz reichen sich die Hand
Friedrich Merz und Donald Tusk bei der URC2026 © PAP/Adam Warżawa

In Danzig wird viel über Verteidigung und Sicherheit gesprochen. Der Ende 2024 erstmals für diesen neuen Posten bestimmte EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius, zweimaliger Regierungschef von Litauen, etwa bricht eine Lanze für die Integration der europäischen Waffenindustrie mit der ukrainischen. „Die Luftraum verletzenden Drohnen im Baltikum und Polen haben gezeigt, wie viel wir noch von der Ukraine lernen müssen“, stellt Kubilius fest.

Nicht nur das Bestmögliche kaufen

Die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Anna Gvozdiar meint indes, auch Kyjiw habe noch viel zu lernen. Immerhin aber hätten heimische Start-Ups die Waffenproduktion seit 2022 verfünfzigfacht. Es seien aber zu wenige Verteidigungsindustrie-Joint-Ventures zwischen ukrainischen und ausländischen Firmen, sind sich die Podiumsteilnehmer einig. Die 27 EU-Mitglieder produzierten auch deshalb zu wenig Waffen, weil sie nur das Bestmögliche bauten, welches am Ende eh von den jeweiligen Verteidigungsministerien gekauft würde, kritisiert Kubilius. Die Ukraine hingegen produziere nach dem Prinzip „gut genug zum Einsatz“. Von dieser pragmatischen Einstellung könne die EU lernen. „Russland ist bei ihrer Waffenproduktion genauso modern wie die Ukraine“, warnt Kubilius.

Vom ewigen technologischen Kampf mit Russland ein eigenes Lied singen kann die kaum dreißigjährige Liya. In der Firmenmessehalle steht sie am Stand der westukrainischen Firma Sine Engineering, die sich auf die Kommunikation zwischen Bodenpersonal und Drohnen spezialisiert hat. Liya will weder ihren vollen Namen angeben noch fotografiert werden. „Dies ist zu heikel, ich will weiterleben“, wehrt sie ab.

Laut eigenen Angaben liefert die vor vier Jahren von drei Ingenieuren gegründete Firma inzwischen Kommunikationslösungen für 80 Prozent der ukrainischen Abfang-Drohnen. Diese werden eingesetzt, um feindliche Drohnen bereits von Luft aus zu neutralisieren. „Wir achten darauf, möglichst weit weg von chinesischen IT-Lösungen zu bauen“, erzählt Liya, denn China sei dem Kriegsfeind Russland zugewandt. Sine hat Modems für Drohnen mit einer Reichweite von 60 bis 120 Kilometer entwickelt und will noch dieses Jahr eine Lösung für 200 Kilometer weit fliegende Drohnen lancieren.

Die Firma hat inzwischen Hunderte von Mitarbeitern in der ganzen Ukraine und gerade eine Außenstelle in Finnland gegründet. „Wir hatten heute an unserem Stand Interessenten aus ukrainischen Gemeinden, die ihre Städte besser gegen russische Angriffe sichern wollen, aber auch viele ausländische Besucher“, sagt Liya am Ende des Kongresstages müde, aber zufrieden. „Noch haben wir Kapazitäten“, versichert die junge Ukrainerin. Dann rüttelt sie auf: „Wir brauchen Joint-Ventures, denn Patriotismus alleine reicht nicht für den Sieg.“

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