Obwohl die Parlamentswahl in Polen erst im Herbst kommenden Jahres stattfinden soll, spekulieren bereits jetzt die Medien über die eventuelle Regierungsbeteiligung von Grzegorz Braun. Der rechtsextreme Politiker, Vorsitzender der Konfederacja Korony Polskiej (Konföderation der Polnischen Krone) macht keinen Hehl aus seinen prorussischen, antiukrainischen und antiisraelischen Ansichten. Braun hatte mit einem Feuerlöscher Chanukka-Kerzen im Parlamentsgebäude gelöscht und eine Vorlesung im Deutschen Historischen Institut in Warschau gestört und unterbrochen. Falls bei der Wahl die rechten Parteien gewinnen, wird eine Regierungsbildung ohne Braun rechnerisch nicht möglich sein.
„Gazeta Wyborcza“ (11–16.07.2026) analysiert, ob die US-Regierung ihren Einfluss in Polen nutzen wird, um Braun wegen seiner Judenfeindlichkeit an der Regierungsbeteiligung zu hindern. Mateusz Mazzini verneint das. Er schreibt, Menschen aus dem Umkreis von Braun haben bereits enge Kontakte zu Trump-Leuten. Ihre Ansichten sind in Washington gut bekannt und stoßen auf keinen Widerstand. „Ohne Braun wäre eine parlamentarische Mehrheit der Rechte nicht möglich“, schreibt der Autor. Er verweist auf die geopolitischen Argumente. „Trump-Regierung spricht offen aus, dass die Aufhaltung der europäischen Integration ihr wichtigstes Ziel in Europa ist. Sie braucht auf der anderen Seite des Atlantiks einen Partner, mit dessen Hilfe sie der Europäischen Kommission Sand ins Getriebe streuen kann. Bisher erfüllte Orbán diesen Auftrag, aber Orbán gibt es nicht mehr und es fehlt an anderen Kandidaten, die die Rolle des MAGA-Vorpostens in Europa übernehmen wollten. (…) Es bleibt nur Polen, ein großes, geopolitisch immer wichtigeres Land, das in einem Jahr von Präsident und Premier regiert werden kann, die Trump nahestehen.“
In der Wochenzeitung „Polityka“ (Nr. 28, 8–14.07.2026) bezeichnet der Politologe Ivan Krastev die politische Situation in Polen als interessanter als in Frankreich, Italien oder Spanien, wo nächstes Jahr Wahlen anstehen. Das Jahr 2027 hat eine „Schlüsselbedeutung für das Schicksal von ganz Europa“, meint der Vorstandsvorsitzende des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Krastev betont, in Polen gebe es zwei stabile Lager – das liberale Lager, welches von Donald Tusk vollständig beherrscht wird, und das rechte Lager, das sich teilt. Neben der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) von Jarosław Kaczyński gibt es andere Akteure. „Konfederacja hat einerseits eine nationalistische Ausrichtung, andererseits setzt sie auf wirtschaftliche Themen. Darüber hinaus gibt es Braun, total extrem. Das ist nicht neu, weil es diese Art der Rechte schon immer in der polnischen Gesellschaft gegeben hatte, sie war nur bisher nicht so stark politisch vertreten. Braun und seine Gruppierung werden nicht verschwinden, egal, wer die nächsten Wahlen gewinnt“, prophezeit Krastev. Die PiS-Partei wird Braun brauchen, um zu regieren, weil ihr sonst Mandate fehlen, meint der Politologe. „Jarosław Kaczyński wird sich dann in einer Situation vorfinden, in der seit längerer Zeit Benjamin Netanjahu steckt. Ich glaube nicht, dass Netanjahu alle Forderungen der Siedler auf der Westbank unterstützt, er muss sie aber absegnen, weil er nur dank der Koalition mit den Radikalen regieren kann. PiS wird sich 2027 in einer ähnlichen Situation befinden“, sagt Krastev voraus und ergänzt: „Die Hoffnung, die extreme Rechte könnte ewig von der Regierung ferngehalten werden, ist absurd.“
Zu Deutschland äußert sich Krastev folgendermaßen: „Deutschland ist schwächer als noch vor einigen Jahren, und die Deutschen sind sich dessen nicht bewusst. Das deutsche Wirtschaftsmodell erodiert. (…) Die Deutschen haben verstanden, dass sie in einem Staat leben, der in vielerlei Hinsicht dysfunktional ist. Das ist ein zivilisatorischer Schock, gar der Zusammenbruch der nationalen Identität.“
In der Wochenzeitung „Newsweek“ (Nr. 29, 13–19.07.2026) schreibt Andrzej Stankiewicz zu diesem Thema: „Jarosław Kaczyński hat seinen Leuten den Auftrag gegeben, die Umfragewerte für Braun unter Fünfprozenthürde zu drücken“, damit seine Gruppierung den Einzug ins Parlament verpasst. „Deshalb versuchen PiS-Politiker, beim Nationalismus und beim antiukrainischen Wahnsinn Braun rechts zu überholen.“ „In den vergangenen 25 Jahren konnte niemand vom rechten Flügel Kaczyński besiegen oder ihm wenigstens einen beachtenswerten Teil der Wählerschaft wegnehmen. Braun hat Kaczyński innerhalb eines Jahres gut 10 Prozentpunkte weggeschnappt. Er hat keine Chance, Kaczyński bei der Wahl zu besiegen, kann ihn aber so stark schwächen, dass die PiS-Partei zerfällt. Für Kaczyński wäre das das Ende seiner Träume von der Rückkehr an die Macht. Deshalb ist Kaczyńskis Kampf gegen Braun ein Kampf auf Leben und Tod“, heißt es in „Newsweek“.
Die polnisch-ukrainischen Beziehungen bleiben weiterhin ein wichtiges Thema. Am Samstag (11.07.2026) beging Polen den Jahrestag des Wolhynien-Massakers. Der 11. Juli wird in Polen als gesetzlicher Gedenktag für die Opfer des Wolhynien-Massakers begangen. An diesem Tag vor 83 Jahren (1943) hat die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) 99 von Polen bewohnte Orte im umkämpften Gebiet angegriffen und tausende Menschen ermordet.
Die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ (12.07.2026) berichtet von einer Welle der Empörung, die die Rede des polnischen Geschäftsträgers Piotr Łukasiewicz bei der Gedenkfeier in Wolhynien ausgelöst hat. In seiner Rede in Ołyka sagte Łukasiewicz, bei Gedenkfeier für die polnischen Opfer ukrainischer Gewalt in Wolhynien sollte man auch „die ukrainischen Opfer des polnischen Staates vor und während des Krieges nicht außer Acht lassen“. „Kommentatoren, Journalisten und ehemalige Diplomaten haben die Äußerung von Łukasiewicz als ‚Skandal‘ angeprangert“, schreibt die Zeitung. Politiker der rechtskonservativen Opposition forderten die Abberufung des Diplomaten. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski stellte sich hinter seinen Mitarbeiter. Łukasiewicz habe im Geiste christlicher Versöhnung gesprochen und ließe sich von der Botschaft „wir vergeben und bitten um Vergebung“ leiten, so Sikorski laut „Rzeczpospolita“.
In „Gazeta Wyborcza“ (13.07.2026) rät der britische Historiker Norman Davies den Politikern in Polen und der Ukraine, den Streit über die UPA den Historikern zu überlassen. Er warnt vor „enormen politischen Kosten“ der Auseinandersetzung. „Ich glaube, es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um dieses Thema anzugehen. Polens Schicksal ist mit dem Ausgang des Krieges in der Ukraine verbunden. Wenn Putin siegt, werden die russischen Soldaten an der Grenze zu Polen stationieren – ein guter Ausgangspunkt für weitere Eroberungen.“ „Man darf die polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht auf historische Streitfragen reduzieren. Nach dem Krieg wird die Ukraine große Unterstützung brauchen. Das wird die Zeit des Aufbaus, und Polen sollte im Vordergrund dieses Prozesses stehen. Europa und Polen brauchen eine demokratische Ukraine“, betont Davies.