Kultur

Karl-Dedecius-Preis 2026: Gespräch mit dem Übersetzer Olaf Kühl

Olaf Kühl erhielt den diesjährigen Karl-Dedecius-Preis für seine Übersetzung von Szczepan Twardochs Roman „Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg“ aus dem Polnischen ins Deutsche.
Ein Mann steht vor einer weißen Wand
Olaf Kühl ist der diesjährige Träger des Karl-Dedecius-Preises © Elżbieta Nowakowska-Kühl

Olaf, du hast den diesjährigen Karl-Dedecius-Preis für Übersetzerinnen und Übersetzer bekommen. Was bedeutet diese Auszeichnung für dich? 

Der Dedecius-Preis bedeutet mir ungeheuer viel, zumal es für mich die zweite nach Karl Dedecius benannte Auszeichnung ist. Die Bedeutung beruht auf der Verehrung, die ich für diesen charismatischen Menschen und großartigen Übersetzer empfinde. 1984 hat Dedecius vier oder fünf Nachwuchsübersetzer nach Darmstadt eingeladen, um sie kennenzulernen und über die Pläne zur Polnischen Bibliothek zu sprechen. Einer von ihnen war ich. Von da an bis zu seinem Tode blieben wir immer im Kontakt.

Die Sprache, die Szczepan Twardoch in der „Nulllinie“ verwendet, bereitet sogar manchen polnischen Leserinnen und Lesern Schwierigkeiten. Twardoch benutzt den Militärjargon, ukrainische und russische Einschübe. Wie bist du damit umgegangen? 

Twardoch hat auch schon in „Demut“ (Pokora) Szenen des Ersten Weltkrieges so authentisch beschrieben, dass man ihn mit Ernst Jünger und Erich Maria Remarque verglich. Ich kannte diesen Jargon von anderen Autoren. Ich habe vier Bücher des Russen Arkadi Babtschenko übersetzt, der in beiden Tschetschenienkriegen gekämpft hat. Anfangs musste ich noch viel recherchieren, seitdem ist mir die Militärsprache vertraut. Bei den ostslawischen Einsprengseln war es Twardochs Wunsch, möglichst viel davon zu erhalten. Das ist im Deutschen natürlich schwieriger als im verwandten polnischen Sprachmilieu. Trotzdem habe ich einige typische Flüche im Original gelassen in der Hoffnung, die deutsche Leserschaft gewöhne sich im Laufe des Buches daran. Aus Gründen des Jugendschutzes werde ich sie hier nicht nennen. Stolz bin ich auf meine Erfindung des Wortes „Päderussen“ für „Pidarasy“. Hier sind nur die Vokale ausgetauscht, das Konsonantengerüst und die Bedeutung sind geblieben.

Du übersetzt Twardoch regelmäßig ins Deutsche. Was hältst du als Leser von der „Nulllinie“? 

Ich habe die „Nulllinie“ schon in der Entstehungsphase verfolgt und sofort gesehen, was für ein großes Buch es werden kann. Seine Bedeutung beruht auf der Authentizität der Fakten, die Twardoch selbst an der Front erlebt und in Gesprächen mit ukrainischen Soldaten erfahren hat, in Verbindung mit der grandiosen Darstellung der Lebensläufe jener Männer und Frauen, die für die Ukraine kämpfen. Der Drohnenkrieg ist grausam, aber unspektakulär. Das Aufregende sind die Geschichten und das Innenleben der Soldaten sowie die Interna der ukrainischen Armee. Wahrscheinlich hat das den Regisseur Fatih Akin bewogen, das Buch verfilmen zu wollen.

Eine Übersetzung sollte die Stimmung des Originalwerkes wiedergeben und eine vergleichbare Wirkung auf die Leserinnen und Leser entfalten. Wie gehst du mit dieser Herausforderung um? Die Bücher, die du übersetzt hast, gehören zu den sprachlich anspruchsvollsten Werken.  

Die Wirkung auf die Leserschaft ist schon deshalb anders, weil beide einer anderen Kultur angehören, mit ihrer ganzen literarischen und sprachlichen Vergangenheit. Mein Ehrgeiz wäre, dass das polnische Werk im Deutschen in den hiesigen Literaturkanon eingepflanzt wird und fortwirkt. Eine gelungene Übersetzung wirkt wie ein Implantat. Wenn sie vom Organismus der Zielkultur angenommen wird, entfaltet sie dort ihre Wirkung. Übersetzen wird für mich dort spannend, wo es eigene Kreativität erfordert. Paradebeispiel ist Dorota Masłowska, die sich gar nicht übersetzen lässt. Vieles bei ihr muss man neu erfinden, den Sprachwitz, die Ironie. Einiges geht in der Übersetzung verloren, anderes wird neu erschaffen. Ich teste da oft die Grenzen aus, spreche mich aber immer mit der Autorin ab und lasse manches von ihr autorisieren.  

Sind Übersetzerinnen und Übersetzer für dich auch Diplomaten und nicht nur Sprachmittler? Ist das kulturelle Verständnis genauso wichtig, wie reine Übersetzungsarbeit? 

„Reine Übersetzungsarbeit“ gibt es gar nicht. Masłowskas Theaterstück „Wir kommen gut klar mit uns“ („Między nami dobrze jest“) ist jetzt in chinesischer Übersetzung in Shanghai uraufgeführt worden. Es ist ein Wunder, dass das funktioniert, denn das Original ist ja tief verwurzelt in den polnischen Kriegstraumata und der Geschichte mehrerer Generationen. Wenn die Chinesen das rezipieren, dann lernen sie erstens etwas über Polen, zweitens erweitern sie ihren Horizont und verändern sich unmerklich auch selbst.

Wie gehst du bei der Auswahl der Bücher vor, die du übersetzt? Wie gestaltest Du die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Autorinnen und Autoren? Welche neuen Übersetzungsprojekte hast du geplant? 

Ich versuche, das Übersetzen einzuschränken und mehr eigene Sachen zu schreiben. Einige wenige Autorinnen und Autoren sind mir so wichtig, dass ich ihre Bücher nicht ablehnen kann und will. Dazu gehören Dorota Masłowska und Szczepan Twardoch, so unterschiedlich die beiden auch sein mögen. Nach der „Nulllinie“ habe ich Twardochs Buch „Sehnsucht“ („Powiedzmy, że Piontek“) übersetzt, das im Juni erscheint. Zurzeit arbeite ich an der Übersetzung eines 700-Seiten-Romans von Kira Jarmysch, der Pressesprecherin von Julia Nawalnaja, aus dem Russischen. Hier spielt wieder meine intensive Auseinandersetzung mit Russland hinein. Das Literaturübersetzen strukturiert mir den Tag. Ich habe festgestellt, dass ich die freie Zeit nicht intensiver nutze, wenn ich es ganz sein lasse, sondern einfach nur fauler werde.  

Künstliche Intelligenz wird zunehmend für Übersetzungen eingesetzt. Siehst du darin mehr eine Bedrohung oder ein nützliches Werkzeug? Welchen Unterschied siehst du bei literarischen Übersetzungen zwischen der emotionalen Intelligenz eines Menschen und der generativen KI? 

Der Mensch neigt dazu, sich selbst und seine Intelligenz zu überschätzen. Die KI ist für viele eine narzisstische Kränkung. Ich bin sicher, dass 90 Prozent der Literatur schon heute ohne weiteres durch KI übertragen werden kann. Bei einer Dozentur an der TU Berlin habe ich ein Kapitel von George Orwells „1984“ durch ein Übersetzungsprogramm übersetzen lassen und meinen Studierenden dieses Kapitel mit acht menschlichen Neuübersetzungen vorgelegt. Sie waren nicht imstande zu sagen, welches die eine nicht-humane Übersetzung war. Die KI wird die menschliche Intelligenz nicht nur erreichen, sondern sie schon bald übertreffen. Für mich ist das eine der wenigen tröstlichen Perspektiven in diesem Zeitalter, in dem die Menschen durch Kriege wieder beweisen, dass sie nach wie vor die gleichen blutrünstigen, primitiven, emotionsgesteuerten Neandertaler sind wie ganz am Anfang ihrer Geschichte.

Mit Olaf Kühl sprach Sabine Stekel.

Olaf Kühl ist Schriftsteller und literarischer Übersetzer (Dorota Masłowska, Szczepan Twardoch, Witold Gombrowicz u.v.a.). 2005 wurde er für sein Gesamtwerk und seine Verdienste als Vermittler zwischen deutscher und polnischer Literatur mit dem Karl-Dedecius-Preis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet. 2026 erhielt Kühl den Karl-Dedecius-Preis des Deutschen Polen-Instituts für seine Übersetzung von Szczepan Twardochs Roman „Die Nulllinie“. 

 

Die Collage zeigt die Gesichter von Mateusz Morawiecki, Karol Nawrocki und Jarosław Kaczyński

Kaczyński schwächelt. Die polnische Rechte ordnet sich neu

Jarosław Kaczyński beherrschte über Jahre die rechte Seite der polnischen politischen Bühne. Jetzt schwächelt er, und auf der Rechten beginnt ein Machtkampf. Könnte Präsident Karol Nawrocki zum Schirmherrn des gesamten Lagers werden?
Rafał Kalukin
ine Collage zeigt eine Frau, umrahmt von Motiven, die mit dem Polentum assoziiert werden

Polonia, wer bist du? Auf der Suche nach polnischer Zugehörigkeit

Der Begriff „Polonia“ scheint eindeutig. Doch je näher die Autorin ihm kommt, desto unklarer wird ihr, wer dazugehört – und warum sie selbst sich darin nicht wiederfindet.
Oliwia Hälterlein
Menschen in einem Ausstellungsraum.

Die Vergangenheit ist bis heute da. Ostgebiete – Ziemie Zachodnie

Die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“ erzählt unaufgeregt und persönlich deutsch-polnische Beziehungsgeschichten ohne Versöhnungskitsch.
Felix Ackermann