Kultur

Nie gleichgültig: Skłodowska-Curie und Einstein

Der Briefwechsel zwischen Maria Skłodowska-Curie und Albert Einstein bezeugt eine faszinierende historische Episode. Er zeigt die besondere Beziehung zwischen den zwei großen Wissenschaftlern.
Eine Frau und ein Mann stehen an einem See.
Maria Skłodowska-Curie und Albert Einstein am Genfer See, 1925 oder 1929. © Wikimedia Commons, mit KI bearbeitet

Der Brief, mit dem Einstein den Kontakt begründete, verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. Er erreichte die Forscherin in einer für sie äußerst schweren Phase. Die Pariser Presse hat damals wegen ihrer Affäre mit Paul Langevin eine riesige Hetzkampagne gegen sie gestartet. Einstein war wütend über diese Ungerechtigkeit und hat ihr einfach geraten, auf die Meinung der Leute zu pfeifen. Das hat perfekt zu ihm gepasst: Einstein war eben schon immer ein Nonkonformist – egal ob in der Wissenschaft, der Kirche, der Politik oder im echten Leben. Er lief immer mit zerzausten Haaren rum und ging sogar ohne Socken zum Treffen mit Präsident Franklin D. Roosevelt. Als der Fotograf ihn anlässlich seines 72. Geburtstags bat, eine Pose einzunehmen, die sein Wesen symbolisieren sollte, entstand das berühmte Foto, auf dem er die Zunge herausstreckt. Ich liebe dieses Foto. Er tat, was er für richtig hielt, ohne sich um die Meinung der übrigen Welt zu kümmern. Ich glaube, er hatte Maria in seinem ersten Brief dasselbe geraten: den Kritikern einfach „die Zunge herauszustrecken“. Sie waren allerdings unterschiedliche Persönlichkeiten und ich bezweifle, ob Skłodowska zu einer so direkten Geste fähig gewesen wäre – ob sie dieselbe innere Freiheit besaß.

Ein Wandgemälde, auf dem eine Frau ist.
Łódź, 05.02.2026. Ein neues Wandgemälde mit dem Abbild von Maria Skłodowska-Curie auf der Fassade eines Wohnhauses. Das Gemälde leuchtet in der Nacht. © PAP/Marian Zubrzycki

Vom Labor an die Front

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte dazu, dass sowohl Maria Skłodowska-Curie als auch Albert Einstein von ihrem wissenschaftlichen Olymp herabstiegen, um sich sozial und politisch zu engagieren. Bei Einstein begann dieser Prozess etwas früher – kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland [im Jahr 1913 – Anm. d. Red.], wo er zum ersten Mal mit Antisemitismus konfrontiert wurde. Nur zwei Monate nach dem Kriegsausbruch überzeugte Maria die französische Regierung davon, militärische Röntgenzentren einzurichten. Gemeinsam mit ihrer siebzehnjährigen Tochter Irène fuhr sie in einem Kleinbus bis an die vorderste Front. Das von ihr mit Röntgengeräten ausgestattete Fahrzeug war die erste mobile medizinische Einheit der Geschichte, die außerhalb eines Krankenhauses operierte. Später übernahm die Wissenschaftlerin die Leitung des Röntgendienstes beim Roten Kreuz. Allein im ersten Kriegsjahr beaufsichtigte sie die Ausstattung von zwanzig radiologischen Sanitätswagen sowie die Installation von rund zweihundert Geräten in Feldlazaretten. Schätzungen zufolge erhielten dank ihres Einsatzes über eine Million verwundete Soldaten Hilfe.

Skłodowska-Curie bildete Frauen aus, um diese Maßnahmen zu unterstützen. Ihre Biografie verdeutlicht, dass ihre Kriegsmission und ihre Fürsorge für andere weit mehr als nur eine Ergänzung zu ihrer Forschung waren. Beides entsprang derselben inneren Leidenschaft, die auch ihren Drang nach wissenschaftlichen Entdeckungen antrieb.

Zu Kriegsbeginn unterzeichneten dreiundneunzig namhafte deutsche Intellektuelle den Aufruf „An die Kulturwelt!“. Viele von ihnen unterschrieben dieses heute als „Manifest der 93“ bekannte Dokument, ohne dessen Inhalt zuvor gelesen zu haben. Die Erklärung schwor der deutschen Armee bedingungslose Loyalität, wies Vorwürfe der Brutalität sowie der gezielten Zerstörung von Kulturgütern zurück und verklärte den Krieg als notwendige Lösung für die Probleme des Landes. Einstein, der sich gegen die aufkommende Welle des Nationalismus stellte, verfasste gemeinsam mit zwei Mitstreitern eine pazifistische Antwort: das Manifest „An die Europäer“. Darin kritisierte er chauvinistische Tendenzen und rief Gelehrte und Künstler dazu auf, die gemeinsame europäische Kultur zu schützen. Maria Skłodowska-Curie teilte Einsteins Standpunkt vollkommen. In einem Brief an den französischen Pazifisten Romain Rolland gestand sie offen, dass ihr jeder, der das Manifest der deutschen Intellektuellen unterzeichnet habe, menschlich fremd geworden sei.

Gemeinsamer Einsatz für Frieden und Verständigung

Obwohl Einstein und Skłodowska-Curie während der Kriegsjahre nicht korrespondierten, nahmen sie den Kontakt unmittelbar nach Kriegsende wieder auf. Im Frühjahr 1922 erklärten sich beide bereit, dem Internationalen Komitee für intellektuelle Zusammenarbeit des Völkerbundes [um den Weltfrieden zu sichern und internationale Konflikte friedlich zu lösen; Vorläufer der UNO – Anm. d. Red.] beizutreten. Kurz danach, im Juni, war Einstein am Boden zerstört: Sein enger Freund, der jüdisch-deutsche Außenminister Walther Rathenau, wurde ermordet. Hinter dem Anschlag steckten Rechtsradikale, die Adolf Hitler später sogar als „deutsche Helden“ feierte. Einstein unterstützte die Weimarer Republik und begrüßte den Sturz des Kaisers. Aber genau deshalb wurde er zum Ziel für Antisemiten und politische Hetze. Es gab sogar Hinweise, er selbst stünde auf einer Todesliste, weshalb er Deutschland verlassen müsste. Er beschloss daraufhin aus der „Völkerbund-Kommission“ auszutreten.

Marie Skłodowska-Curie war die Einzige, der er sich anvertraut hat. Er schrieb ihr: „Nicht nur bei Gelegenheit des tragischen Todes von Rathenau, sondern auch bei anderen Gelegenheiten habe ich wahrgenommen, dass in der Schicht, die ich gleichermaßen beim Völkerbund zu vertreten habe, ein sehr starker Antisemitismus […] herrscht, dass ich mich nicht dazu eigne, vertretende bzw. vermittelnde Person zu sein. Ich glaube, Sie werden dies wohl verstehen.“ [Brief vom 4.07.1922 – Anm. d. Red.].

Sie hat aber versucht, ihn umzustimmen: „Gerade weil es gefährliche und schädliche Meinungen gibt, muss man sie bekämpfen […]. Ich glaube, dass Ihr Freund Rathenau […] Sie dazu ermutigt hätte, zumindest den Versuch einer friedlichen intellektuellen Zusammenarbeit auf internationaler Ebene zu unternehmen. Könnten Sie Ihre Meinung nicht noch ändern?“ [Brief vom 7.07.1922 – Anm. d. Red.] Erst Tage später antwortete er: „[…] vom rein sachlichen Standpunkt [ist] ein Jude ungeeignet, als Verbindungsglied zu dienen zwischen der deutschen und der internationalen Intelligenz. […] In Berlin kann ich schon darum nicht bleiben, weil Anhaltspunkte dafür vorhanden sind, dass mir von Seiten der Ultra-Nationalisten nach dem Leben getrachtet wird.“ [Brief vom 11.07.1922 – Anm. d. Red.] Dank der Unterstützung von Skłodowska und anderen zog Einstein seinen Rücktritt schließlich zurück und trat dem Komitee im Juni 1924 wieder bei. In den folgenden sieben Jahren nahm er regelmäßig an den Jahrestreffen teil und arbeitete mit der Wissenschaftlerin eng zusammen.

Nie gleichgültig

Es wird manchmal gerne darüber spekuliert, was wohl passiert wäre, wenn … Auch ich frage mich manchmal, wie sich die Beziehung zwischen den beiden Persönlichkeiten entwickelt hätte und wie Skłodowska-Curie auf die Tragödie von Hiroshima und Nagasaki reagiert hätte, hätte sie noch zwanzig Jahre länger gelebt. Während des Kalten Krieges widmete Einstein seine Zeit und Energie der Aufgabe, die Menschheit vor den Gefahren von Atomwaffen zu warnen. Im Mai 1946 übernahm er die Leitung des Emergency Committee of Atomic Scientists. Die Organisation wurde zum Sprachrohr für eine internationale Kontrolle der Kernenergie – eine Struktur ähnlich der UNO, aber mit deutlich mehr Befugnissen. Einstein setzte sich leidenschaftlich für diese Vision ein. Als glühender Verfechter einer Weltregierung und eines globalen Rechtssystems betonte er immer wieder, der UN-Sicherheitsrat allein reiche nicht aus, um dauerhaften Frieden zu sichern.

Ein Wandgemälde zeigt einen Mann.
Albert Einstein an einer Hauswand in Vilnius, Litauen. © IMAGO / Jako

Ob Marie Curie wirklich so weit gegangen wäre, eine Weltregierung zu fördern? Schwer zu sagen. Aber sie hätte Einsteins Sorgen garantiert geteilt und – genau wie er – auch öffentlich den Mund aufgemacht. Ich bin mir sicher, sie wäre bei der Initiative von Bertrand Russell und Albert Einstein dabei gewesen und hätte das Russell-Einstein-Manifest von 1955 unterstützt. In diesem Dokument hieß es nämlich eindringlich: „Angesichts der tragischen Situation, welcher die Menschheit gegenwärtig gegenübersteht, meinen wir, daß sich die Wissenschaftler zur Aussprache zusammenfinden sollten, um die Gefahren, welche aufgrund der Entwicklung der Massenvernichtungsmittel entstanden sind, abzuschätzen.“

Das Manifest endete mit einem heftigen Appell: Man könne sich für Fortschritt und Glück entscheiden – oder eben für den Tod, nur weil man alte Streitigkeiten nicht ruhen lassen will. Die Kernbotschaft des Manifests: „Besinnt euch auf eure Menschlichkeit und vergesst alles andere. Wenn euch das gelingt, steht euch der Weg in ein neues Paradies offen. Gelingt es euch nicht, droht der gesamten Menschheit der Untergang.“ Hätte Marie Skłodowska-Curie dieses Dokument unterschrieben, wäre sie damals die einzige Frau unter elf Männern gewesen, die das Dokument unterschrieben haben. Mit dabei war auch ihr Schwiegersohn, Jean Frédéric Joliot-Curie, der später zusammen mit ihrer Tochter Irène den Nobelpreis erhielt.

Ein älterer Mann.
Hanoch Gutfreund ist Leiter des Einstein-Archivs an der Hebräischen Universität Jerusalem. © Arkadiusz Łuba

Der Briefwechsel zwischen den zwei Wissenschaftlern erschien erstmals in Polen, zufällig zum Zeitpunkt des Todes von Marian Turski, einem prominenten polnisch-jüdischen Bürger und Holocaust-Überlebenden. Einige Jahre vor seinem Tod veröffentlichte Turski ein Buch mit dem Titel „XI Thou shalt not be indifferent“ [Verlag Czarne, 2021 – Anm. d. Red.]. Für ihn war dieser Satz das elfte Gebot, und es kann als sein intellektuelles und moralisches Testament betrachtet werden. Damals wurde ich oft gefragt, ob ich eine Parallele zwischen Turskis Appell und dem öffentlichen moralischen Verhalten von Einstein und Skłodowska-Curie sehe. Natürlich hatte Turski sie nicht im Sinn, als er sein Buch schrieb. Er wollte sicherstellen, dass niemand jemals das durchmachen muss, was er und seine Familie erleben mussten. Gerade dieses „Nichtwegsehen“ zeichnet Menschen mit einem ausgeprägten moralischen Charakter und einem starken moralischen Engagement aus, die angesichts von Ungerechtigkeit und Diskriminierung nicht schweigen. Einstein und Skłodowska waren solche Menschen. Sie waren niemals gleichgültig.

In seiner New Yorker Gedenkrede für Maria Skłodowska-Curie hat Einstein wunderbar auf den Punkt gebracht, wer sie war und wofür sie stand: „Ich hatte das Glück, zwanzig Jahre lang eine tiefe und echte Freundschaft mit Frau Curie zu teilen. Mit jedem Tag habe ich sie mehr bewundert. Ihre Stärke, ihre Disziplin und ihre unerschütterlichen Überzeugungen – so etwas findet man nur ganz selten bei einem Menschen. Sie lebte für die Gesellschaft, und die Ungerechtigkeit in der Welt war für sie eine ewige Last“. Über ihren wissenschaftlichen Durchbruch sagte er: „Ihre größte Leistung – radioaktive Elemente nachzuweisen und zu isolieren – verdankte sie nicht nur ihrem Gespür, sondern vor allem ihrer unglaublichen Ausdauer. Sie hat unter Bedingungen gearbeitet, die man sich heute kaum noch vorstellen kann.“

Zwei Buchumschläge
Der Briefwechsel von Maria Skłodowska-Curie und Albert Einstein. © Arkadiusz Łuba

Der herausgegebene Briefwechsel ist eine Hommage an Maria Skłodowska-Curie und Albert Einstein – an ihre Werte, ihre wissenschaftlichen Leistungen und ihre außergewöhnliche Freundschaft.

Maria Skłodowska-Curie, Albert Einstein: Briefe (1911–1932). Übers. Sandra Ewers. Fundacja Rozwoju Edukacji dla Przemysłu, Muzeum Marii Skłodowskiej Curie w Warszawie, Warszawa 2026, 118 S., 130,00 PLN.

 

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