Kultur

Autor Martin Piekar: „Polen – eine Nische, die gerade erst aufgeht“

Viele Polinnen und Polen in Deutschland hätten sich lange nicht offen zu ihren polnischen Wurzeln bekannt. Sie fingen gerade erst an, dazu zu stehen, sagt Martin Piekar, Autor des Buches „Vom Fällen eines Stammbaums“.
Ein Mann in Hemd und Weste schaut in die Kamera.
Martin Piekar hat 2026 seinen ersten Roman veröffentlicht © Charlotte Werndt

Dein Buch „Vom Fällen eines Stammbaums“ tut beim Lesen richtig weh. Für wen hast du es geschrieben – für die Leserinnen und Leser oder für dich selbst?

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, es nicht auch für mich geschrieben zu haben. Allerdings war der eigentliche Antrieb nicht ich, sondern die Geschichte meiner Mutter, in der weit mehr steckt als nur unsere Beziehung zueinander. Da steckt so viel Nationales und Internationales, so viel Zwischenmenschliches, Geschichtliches und außerdem ganz konkrete gesellschaftliche Aspekte wie Pflege, migrantisches Erziehen oder Postmigration.

Dein Buch besteht aus verschiedenen Abschnitten – deine Kindheit, dein Leben mit deiner alkoholkranken Mutter, andererseits dein Leben mit deiner später pflegebedürftigen Mutter. Welche Teile fielen dir besonders schwer?

Tatsächlich habe ich sehr fragmentiert gearbeitet. Ich habe stets an dem geschrieben, was mich gerade interessiert hat – mal die paranoiden Anfälle meiner Mutter, in denen sie glaubte, ich wolle sie vergiften, mal eine Kindheitserinnerung ans Altersheim, mal die Pflegesituation. Ich habe sehr lange gebraucht, um die Ordnung des Buches zu finden.

Mit dieser Ordnung kam der Wunsch, für die jeweiligen großen Abschnitte eine etwas andere Sprache zu finden. Es gibt durchgängige Stilmittel von Anfang bis Ende. Trotzdem erkennt man, wie sich Sprache und Stil je nach Zeit und Beziehung, in der man gerade steckt, leicht verändern. Ansonsten habe ich, wie immer, sehr viel redigiert: viel gestrichen, viel zusammengefügt, viel fiktionalisiert. Ich habe Dinge konstruiert und gebaut. Es ist also keineswegs nur die Niederschrift des Geschehenen – ich glaube ohnehin nicht, man könne einfach aufschreiben, was passiert ist. Es ist letztlich die Frage, was ein gutes Werk ausmacht.

Für ein deutsches Buch enthält es erstaunlich viel Polnisches. Wie gehen deutsche Leserinnen und Leser damit um? Hatte der Rowohlt Verlag keine Einwände oder Bedenken?

Ich musste mich meinen Lektorinnen gegenüber nie verteidigen. Wir leben im 21. Jahrhundert: Man kann jederzeit sein Handy nehmen und alles übersetzen lassen. Darüber hinaus gehört ein Geheimnis unbedingt dazu. Wen ein solches nicht interessiert, der kann darüber hinweglesen und es funktioniert trotzdem. Als Autor muss ich mit allen diesen Möglichkeiten klarkommen.

Deine polnische Herkunft scheint für dich sehr wichtig zu sein – hängt das mit deiner Mutter zusammen?

Polen ist Teil meiner Geschichte. Ohne Polen gäbe es mich nicht, weil es eine wichtige Komponente meiner Kultur, meiner Erziehung, meines Aufwachsens ist. Ohne funktioniert es nicht. So vieles in meinem Leben ist davon geprägt, man kann es nicht übersehen oder vergessen.

Links ein Buch-Cover, rechts ein Mann mit langem Haar, der auf einer Bank sitzt.
Im Roman „Vom Fällen eines Stammbaums“ setzt sich Martin Piekar mit seiner deutsch-polnischen Biografie auseinander. © Natalia Prüfer

Im Buch schreibst du über deine erste Reise nach Polen. Wie war der erste Eindruck?

Ich war begeistert, weil ich die Leute verstehen und alles lesen konnte, zum Beispiel Speisekarten. Ich hatte einfach eine Orientierung, obwohl ich noch nie dort gewesen war.

Mich hat die Passage schockiert, in der du schreibst, deine Mutter sei beleidigt gewesen, als du nach Polen gefahren bist.

Da ist sie eben nicht die typische Polin.

Du bist zweisprachig. Das ist eigentlich eine Superpower. Aber war es früher ein Grund für Minderwertigkeitskomplexe?

Früher ja, aber ich habe sie schon längst überwunden. Das polnische Element ist Teil meines Lebens, und die Zweisprachigkeit ist hochinteressant, weil man andere Zugänge hat und merkt, wie unterschiedlich und wie ähnlich Sprache funktionieren kann. Eine Sprache trägt stets ein eigenes Weltverständnis in sich.

Musstest du als Kind leise Polnisch sprechen?

Meine Mutter hat das ständig verlangt. Doch ich fand es super, eine Sprache zu haben, in der ich mal etwas anderes sagen konnte – eine Geheimsprache. Außerdem zeigt das eine gewisse Intimität innerhalb der Familie, weil man sich privat verständigen kann. Dennoch weiß ich von sehr vielen Polinnen und Polen, was sie von ihren Eltern wiederholt zu hören bekamen: „Sprich hier kein Polnisch.“

Viele Menschen im heutigen Deutschland mögen es nicht, wenn man kein Deutsch spricht. Dabei war dieses Land seit jeher multikulturell. Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn man auf der Straße angemeckert wird, man solle Deutsch reden.

Die Stimmung in Deutschland ist leider aggressiver geworden, genauso wie in Polen – gerade gegenüber Ukrainern. Es ist ein grundsätzlich aggressives Klima, das sich in vielen Ländern breitmacht gegen jede Form von Andersartigkeit, die doch ganz normal zum Leben dazugehört. Es gab schon immer eine deutschsprachige Gemeinde in Polen, und es gab schon immer Polinnen und Polen in Deutschland. Wenn man jetzt so tut, als gäbe es eine deutsche Hoheit, betrachte ich es kritisch, zumal es in Deutschland selbst verschiedene Dialekte gibt, die in anderen Bundesländern gar nicht verstanden werden.

Die Stimmung und die politische Lage sind sehr angespannt. Verfolgst du, was gerade in Polen passiert? Liest du polnische Nachrichten?

Ich verfolge ein paar polnische Nachrichtenmedien und bin auf Instagram mit vielen polnischen Seiten vernetzt. Das interessiert mich schon, trotzdem habe ich nicht denselben Durchblick wie hier in Deutschland, weil es eine andere Form von Konfrontation ist: Hier kann ich mit vielen Menschen über deutsche Politik reden, über polnische Politik kann ich das nicht.

Was denkst du über die deutsch-polnischen Beziehungen?

Sie gestalten sich problematisch – nicht, weil man sich streitet, sondern weil es ein grundlegendes Desinteresse gibt. Die Deutschen hatten bislang wenig Interesse an Polen. Immer mehr Deutsche entdecken Polen als Urlaubsland, aber das deutsche Interesse an Polen insgesamt hängt fast nur mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Und da hört es oft auf.

Oder mit günstigeren Einkaufsmöglichketen: Benzin, Zigaretten …

Das gilt nur für Leute in Grenznähe. Ich war einmal in Frankfurt/Oder und in Słubice – da gibt es eine Form von Verbindung, aber so etwas funktioniert meiner Meinung nach nur regional, nicht national. Oder eher überregional: Frankfurt am Main, wo ich lebe, und Krakau sind Partnerstädte, allerdings könnten die viel mehr zusammenarbeiten als bis jetzt.

Nach meinem Eindruck gibt es in Frankfurt beziehungsweise in Hessen eine große polnische Community, aber nicht besonders viele polnische Kulturveranstaltungen.

Das stimmt, wobei ich nicht weiß, ob das politisch willkommen wäre oder nicht. Genauso schwierig abzuschätzen ist, wie groß das Interesse Polens an Deutschland tatsächlich aussieht. Alles, was ich sehe, sind Reparationsforderungen oder Kritik an der deutschen Regierung. Versuche einer Zusammenarbeit sieht man selten, was ich bedaure. Dabei ist man Nachbar und bleibt Nachbar. Man könnte mehr zusammen gestalten.

Was schwebt dir vor?

Kleine Kulturfeste oder Festivals mit Essens- und Getränkeständen wären schön. Mehr Zusammenarbeit zwischen Museen, die Exponate austauschen und so zur Aufklärung beitragen. Man könnte versuchen, mehr Künstlerpartnerschaften aufzubauen, damit deutsche und polnische Künstlerinnen und Künstler stärker in Beziehung treten.

Ein Volksfest an einer Uferpromenade.
Martin Piekar wünschte sich mehr deutsch-polnische Kulturfeste in Frankfurt am Main. © Istock/travelview

Ansonsten könnte man kleiner anfangen und die Fernverkehrsverbindungen vereinfachen. Wenn ich von hier nach Krakau will, muss ich fliegen. Wollte ich der Umwelt zuliebe mit dem Zug fahren, würde es zwölf bis vierzehn Stunden dauern.

Menschen müssen sich verbinden können – regional und kulturell. Das ist für mich das Wichtigste. Ich war vor zweieinhalb Jahren mit Freunden auf Polenreise. Sie waren begeistert und schockiert, dass sie von diesem Nachbarland so wenig wussten.

Hast du überlegt, dein Buch in Polen zu veröffentlichen? Ist es denn übersetzbar?

Das ist eher eine Aufgabe für die Übersetzerinnen und Übersetzer. Als Literat denke ich gewiss daran, weil ich mit Sprache kreativ umgehe. Die Frage ist, ob man den Text übersetzen kann und welche Form man dafür finden muss. Es ist für mich nicht unbedingt wichtig, eins zu eins zu übersetzen. Wichtiger ist, zu überlegen, wie man dieselben Momente, denselben Duktus, dieselben Emotionen übertragen kann, auch mit anderen Codes oder Worten.

In deinem Buch sind auch Gedichte und einige Passagen auf Englisch zu finden. Du hast aber recht, selbst ohne Übersetzung funktioniert das. Die Schriftstellerin Oliwia Hälterlein hat in ihrem Buch ebenfalls zwei Sprachen verwendet. Andere Autoren wie Paul Bokowski, Przemek Zybowski oder Mariusz Hoffmann taten es genauso. Ihr alle seid eine kleine Gruppe, die sich mit Nischenthemen beschäftigt. Kennt ihr euch, unterstützt ihr euch gegenseitig?

Ja, so gut es geht. Mit Oliwia und Paul hatte ich neulich darüber diskutiert, ob Polen vielleicht bald cool sein wird. Kontakt halte ich auch zu Artur Becker und Matthias Nawrath, die etwas älter sind, und so können wir uns generationenübergreifend untereinander vernetzen.

Ein Mann und eine Frau schauen in die Kamera.
Auch bei Paul Bokowski und Oliwia Hälterlein sind ihre polnischen Wurzeln ein Thema © Jan Kopetzky / MiNZ&KUNST

Mein Traum ist, Polen als ein cooles Land darzustellen. Aus meiner Sicht ist das kein Nischenthema – es ist eine Nische, die gerade erst aufgeht, weil so lange so viele Polinnen und Polen in Deutschland nicht offen zugegeben haben, sie seien Polinnen und Polen. Ich habe neulich eine Influencerin gesehen, der ich auf Instagram folge, weil sie lustigen Content macht. Sie hat zum allerersten Mal ein Reel auf Polnisch gemacht und gesagt, das habe sie noch nie zuvor getan.

In der Öffentlichkeit gibt es viele Menschen mit polnischen Wurzeln, wie etwa deutsch-polnische Comedians und Influencer auf Instagram und TikTok, zum Beispiel den Polenpapa [StachMat, Mateusz Stach; Anm. d. Red.]. Sie setzen auf das Lustige. Früher gab es eher das Negativbeispiel: Wenn es polnische Comedians waren, machten sie sich oft darüber lustig, dass „Polen“ angeblich ständig Autos klauen – sie setzten auf Stereotype.

Ich denke, Humor funktioniert immer dann, wenn es eine Form von Distanz gibt, die beim Lachenden entsteht. Für mich ist Humor deshalb so wichtig, weil er einen ein wenig ohnmächtig macht; das Lachen kann man nicht kontrollieren. Man ist einem Witz ausgesetzt und lacht einfach. Humor ist ein großer Öffner. Ich nehme Witze sehr ernst. Ich schätze, Polinnen und Polen fangen gerade an, dazu zu stehen, polnisch zu sein, das ernst zu nehmen und zu verteidigen.

Vor allem ist das die Generation von Menschen wie dir, die hier geboren sind und diese Komplexe nicht mehr haben. Deutsch ist eigentlich eure Muttersprache, aber es kommt dieser besondere Bonus hinzu. Die früheren Arbeitsmigrantinnen und -migranten hatten das nicht.

Wenn mich Leute in der Schule gefragt haben, ob ich Deutscher sei, hatte ich nicht das Gefühl, einfach Ja sagen zu können. Irgendwie war das seltsam. Was heißt überhaupt Deutschsein? Ich bin auch deutsch. Ich bin hier geboren, mit dieser Kultur aufgewachsen. Zugleich bin ich mit der polnischen Kultur zu Hause aufgewachsen, mit polnischer Sprache, mit polnischer Literatur und Musik. Es ist seltsam, wenn Leute diese Eindeutigkeit verlangen.

Bei Wikipedia steht, du seist ein polnischer Schriftsteller. Was hältst du davon?

Ich fühle mich als deutsch-polnischer Schriftsteller. Ich kann nur diese Mischung annehmen. Mich gibt es eben nur so. Es funktioniert nicht, wenn ich sage, das eine sei stärker als das andere. Es gibt beides. Und weil wir Menschen anpassungsfähig sind, können wir Verschiedenes gleichzeitig sein. Das ist sehr interessant. Es funktioniert ebenfalls nicht, Menschen aus diesen Kontexten herauszunehmen.

Findest du Anpassung wichtig?

Es gab dieses Buch „Wir Strebermigranten“ von Emilia Smechowski. Ich vermute, diese Überangepasstheit ist manchmal ein Problem, weil sie zu weit in Richtung Assimilation geht. Das eigentlich Schlimme daran ist, dass viele trotzdem keine Akzeptanz in der Gesellschaft finden. Ich als Pole hatte es noch vergleichsweise leicht, weil ich weiß bin, was hierbei leider gesagt werden muss. Doch es gibt genug türkischstämmige, arabische, syrische, afghanische Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, die Doktortitel haben und trotzdem nicht anerkannt werden.

Die Anpassung ist stets eine heikle Sache. Wir müssen uns soweit aneinander anpassen, dass wir zusammenleben können. Ich mit dem Syrer, mit dem Deutschen, mit dem Afghanen, mit dem Türken, mit dem Griechen. Allerdings sollte man nicht glauben, die erste Pflicht eines Menschen sei es, deutsch zu sein. Sich verständigen zu können, ist sehr wichtig. Indes höre ich wiederholt von Menschen, deren Eltern als Gastarbeiter hierhergekommen sind, um zu arbeiten – für sie gab es keine Deutschkurse. Und dann beschweren sich manche, diese Gastarbeiter hätten 40 Jahre lang kein Deutsch gelernt, während alles, was diese Menschen getan haben, harte Arbeit zum Beispiel in Fabriken war. Wann hätten sie denn Deutsch lernen sollen?

Mein Buch hat seine eigene Persönlichkeit. Es trägt meinen polnischen Stempel: die schwierige Beziehung zwischen meiner Mutter und mir, Posttraumata ohne Ende. Zudem hat es diesen postmigrantischen Anteil, in den man sich hineinfühlen kann, wenn man weiß, was das bedeutet.

Die Gastarbeitergeschichte ist universal, und damit identifizieren sich Menschen aus verschiedenen Ländern, deren Eltern Arbeitsmigranten in Deutschland waren.

Sie hängt nicht zuletzt mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Die einzigen Menschen, die nicht verstehen, was der Zweite Weltkrieg bis heute bewirkt hat, sind jene, die behaupten, jetzt müsse endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Der Zweite Weltkrieg wirkt sich bis heute auf den ganzen Kontinent aus, von Portugal bis Russland. Und damit will ich nicht in eine Schuldfrage hineingehen, sondern einfach nur anerkennen, dass es ein historisches Ereignis war, das diesen Kontinent extrem umstrukturiert hat.

Hast du Angst, so etwas kommt wieder?

Klar, ich bin Pole, ich habe immer Angst vor Krieg.

Es wäre schön, wenn die Deutschen diesmal auf polnischer Seite stünden.

Ich bin ehrlich: Ich habe jeden Tag den Eindruck, der Krieg könnte über Belarus an die polnische Grenze kommen. Ich vermute, das ist eine transgenerationale polnische Sache. Man hat einfach Angst davor. Es sind die Traumata des Zweiten Weltkrieges und, wenn man ehrlich ist, auch die der Teilungen Polens.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Martin Piekar sprach Natalia Prüfer.

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: „Bastardecho“ (2014), „Amokpervers“ (2018) und „Livestream & Leichen“ (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem KELAG-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Sein im Mai 2026 beim ROWOHLT-Verlag erschienener Roman „Vom Fällen eines Stammbaums“ ging bereits in die 2. Auflage und erreichte das Finale des ZDF-„aspekte“-Literaturpreises für das beste literarische Debüt des Jahres. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main. 

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