Im Ringen um ein neues Gesetz zur Schaffung einer selbstständigen Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung geht es im Kern um die Zukunft der deutschen Erinnerung an Zwangsmigration. Die Gegenwart der Erinnerung an die „Kultur und Geschichte der Vertreibungsgebiete“, wie es im 1953 verabschiedeten Bundesvertriebenengesetz heißt, ist weit entfernt vom Versuch einer Engführung auf das Leid von ethnischen Deutschen. Das zeigt die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“, die noch bis zum Januar 2027 im Dokumentationszentrum am Anhalter Bahnhof zu sehen ist. Die Kuratoren Barbara Kurowska und Arvid Peschel haben zusammen mit der künstlerischen Leiterin Karolina Gembara aktuelle fotografische Blicke auf Schlesien, das südliche Ostpreußen, Hinterpommern und den historischen Osten Brandenburgs miteinander ins Gespräch gebracht.
Die Ausstellung demonstriert, wie vorsichtig, entspannt und kitschfrei eine neue Generation von Künstlern in beiden Ländern mit dem Thema Verlust und Ankommen umgeht. In den ausgewählten Arbeiten werden die Erfahrungen von Vertriebenen aus deutschen Ostprovinzen ebenso sichtbar wie die Lebensgeschichten derjenigen, die ab 1945 in ihre Häuser zogen.
Am Eingang ist eine Arbeit aus dem Kunstmuseum der Stadt Łódź zu sehen. Jerzy Lewczyński seziert darin das Foto eines Zugs mit polnischen Umsiedlern in Neiße / Nysa, indem er einzelne Ausschnitte herausgreift und vergrößert. So werden einzelne Menschen auf ihrer Reise aus dem verlorenen Osten der Polnischen Republik in den neuen Westen der Volksrepublik Polen sichtbar. Thomas Müller steuert ein unaufgeregtes Portrait des Dorfes Lubów und seiner heutigen Einwohner bei. Es hieß bis 1945 Lübchen und war ein wiederkehrender Topos der NS-Durchhaltepropaganda in den letzten Monaten des Weltkrieges. Müller zeigt die Ortschaft im Herbst und Winter ohne Pathos und ohne den leisesten Hauch von Versöhnungskitsch. Die NS-Propagandabilder laufen eher beiläufig auf einem Bildschirm, der am Rand der Fotowand zu sehen ist. In die Reihe unaufgeregter Werke gehören die Fotografien von Annette Hauschild, die ihre familiäre Auseinandersetzung mit Oberschlesien in starke Bilder übersetzt. Die 1965 in die Bundesrepublik ausgereiste Familie verbindet heute ganz unterschiedliche Dinge mit der zurückgelassenen Welt: Gegenstände, Speisen, die schlesische Mundart und den Kosenamen der Großmutter, die sich die Fotografin und ihre Schwester tätowieren ließen.

Ein anderer Teil der in Berlin ausgestellten Arbeiten beweist, wie die über 80 Jahre zurückliegende Vergangenheit bis heute anwesend ist. Die Archäologin und Künstlerin Katarzyna Mirczak ordnet alte und neue Fotoartefakte so an, dass die zeitliche Ebene vor 1945 als Hintergrundfolie der Gegenwart sichtbar wird. Zugleich hinterlässt ihre Arbeit eine Irritation: die postdeutschen Territorien wirken wie eine Geisterlandschaft. Heinrich Völkel setzt seinem Vater aus Goldberg ein fotografisches Denkmal. Er lichtete für die Ausstellung dessen Heimatstadt in Schlesien ab. Auch Völkel nutzt Fotografien für einen archäologischen Zugang zur Gegenwart. Die Stadt Złotoryja wird in ihren heutigen Farben sichtbar. Zugleich schimmern Zeitschichten der Anwesenheit der deutschen Vergangenheit in konkreten Details wie einem Grabstein durch.
Eine besondere Rolle spielen in der Ausstellung die Heimatreisen ehemaliger Einwohner und ihrer Kinder in den Westen Polens. Linn Schröder von der Agentur Ostkreuz nutzt eine Reise auf den Spuren ihrer Mutter in Niederschlesien, um Bilder für die Traumata in der eigenen Familie zu finden. Karolina Gembara verweist in ihrem Werk „Geist des Winters“ auf den langen Schatten, den Zwangsmigration in Familien wirft. Sie bringt Fotografien aus unterschiedlichen Nachkriegsjahrzehnten in eine bestimmte Reihenfolge, wodurch eine gewisse Unabgeschlossenheit mit den Händen zu greifen ist. Damit beschwört sie den Geist der Vorläufigkeit, der als Syndrom der gepackten Koffer die Neuankömmlinge in den 1945 verlassenen Häusern über Jahre begleitet hatte. Beeindruckenderweise verweist gerade diese Botschaft darauf, dass das Leben der Höfe in Schlesien und anderen Regionen nach 1945 nicht stillstand.

Die einzelnen Arbeiten nehmen in der Ausstellung durch Hängung, Farblichkeit und Licht aufeinander Bezug. Der Dialog mit der Gegenwart der Vergangenheit offenbart, wieso 1945 nicht etwas Deutsches zu Ende ging und etwas Polnisches begann. Vielmehr wird eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher zeitlicher Ebenen sichtbar: der lange nachwirkende Verlust von Heimat in den einstigen Ostgebieten des Deutschen Reichs, das langesame Ankommen der neuen Bewohner der neuen polnischen Westgebiete, die bis heute geisterhafte Anwesenheit der ehemaligen Einwohner und die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart. Diese Gegenwart ist geprägt von Zwischentönen, von sehr unterschiedlichen Jahreszeiten und von Farben, die nie voll gesättigt sind.
Wenn das neue Gesetz im September in den Bundestag eingebracht wird, ist allen Parlamentariern zu empfehlen, die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“ anzusehen, um zu verstehen, welchen Spagat das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung machen muss. Sejm-Abgeordneten ist hingegen eine Reise aus Warschau zu raten. Sie können sich dann davon überzeugen, dass eine komplette Regermanisierung des Blicks auf Schlesien an der Spree derzeit nicht droht. Für die deutschen Abgeordneten wäre ebenso wie für reguläre Besucher hilfreich, wenn es am Eingang oder bei den einzelnen Arbeiten eine Karte gäbe, auf der schnell zu erkennen ist, wo Lubów, Złotoryja, Nysa und andere Orte der Ausstellung liegen.
Weitere Informationen zur Ausstellung unter:
https://www.museumsportal-berlin.de/de/ausstellungen/ostgebiete-ziemie-zachodnie-eine-deutsch-polnische-spurensuche/