Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem polnischen und dem deutschen Jazz ist voller Momente, in denen die Initiative einzelner Menschen stärker war als die Geopolitik. Einer dieser Menschen war Werner Wunderlich, Organisator, Jazzliebhaber und ein Mann, der es verstand, seine private Faszination in eine dauerhafte Kulturinstitution zu verwandeln. Am 15. September 2026 hätte er seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Das ist eine gute Gelegenheit, an sein größtes Werk zu erinnern: die Konzertreihe „Jazz im Palmengarten“ in Frankfurt am Main, die von 1959 bis heute ununterbrochen in jedem Sommer stattfindet.
Polen als Ausgangspunkt
Wunderlichs Biografie liest sich wie ein Filmdrehbuch. 1926 geboren, kam er gegen Ende des Krieges an die Ostfront und geriet 1945 in polnische Gefangenschaft. Dort verbrachte er vier Jahre und arbeitete als Elektriker und Funker. Er lernte Polnisch, schloss Freundschaften und, was am wichtigsten war, nahm die ersten Nachkriegsklänge des Jazz begierig auf. Bereits als Sechzehnjähriger hatte er begonnen, Jazzmusik von Platten zu hören, die ins Deutsche Reich geschmuggelt worden waren. Doch es war ihm nicht vergönnt, sich lange daran zu erfreuen.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 begann er ein Bauingenieurstudium in Darmstadt und gründete dort einen Amateur-Jazzclub. Er knüpfte Kontakte zur Frankfurter Jazzszene – damals die stärkste des Landes. Er lernte Emil und Albert Mangelsdorff, Joki Freund und Rudi Sehring kennen, die die Elite des Jazz im Nachkriegsdeutschland bildeten. Die polnische Episode schien damit zunächst abgeschlossen.
Sopot 1957 – eine Lücke im Eisernen Vorhang
Der Durchbruch erfolgt durch Zufall. Wunderlich bekommt die erste Ausgabe der polnischen Monatszeitschrift „Jazz“ in die Hände. Er nimmt Kontakt zur Redaktion auf, bittet um ein Abonnement und daraufhin erhält er eine Einladung zum zweiten Jazzfestival in Sopot im Jahr 1957. Damals entsteht in seinem Kopf die Idee, führende westdeutsche Musiker für dieses Festival nach Polen zu holen.
Aus heutiger Sicht lässt sich die Bedeutung dieser Initiative kaum überschätzen. Es war der erste Besuch von Jazzmusikern aus der Bundesrepublik in Polen nach dem Krieg, in einer frühen Phase des politischen Tauwetters. Für diejenigen, die die Details dieser außergewöhnlichen Expedition kennen, gewinnt der Begriff „Pionierarbeit leisten“ eine neue Bedeutung. Infolgedessen traten in Sopot unter anderem Emil und Albert Mangelsdorff, Joki Freund, Rudi Sehring auf. Dabei war auch Joachim Ernst Berendt, die spätere Legende der deutschen Jazzjournalistik und herausragender Organisator von Konzerten und Festivals.
Dieses Ereignis hatte nicht nur musikalische Bedeutung. Die Offenheit der Musiker aus Westdeutschland für persönliche Kontakte, ihre Neugier auf die polnische Realität und die entstandenen Freundschaften trugen möglicherweise dazu bei, den Prozess des Tauwetters zu beschleunigen. Aus zahlreichen Interviews und Erinnerungen deutscher Teilnehmer von Sopot 1957 ergibt sich das Bild von Polen und den Polen als einer Gesellschaft, die zwar durch den Eisernen Vorhang vom Westen getrennt war, aber offen und hungrig nach Neuem war und sich nicht nur im Jazz, sondern auch in der internationalen Kunst und Literatur bestens auskannte.
Die in Sopot geknüpften Kontakte wurden zu einem der ersten wirklichen Durchbrüche in den kulturellen Beziehungen zwischen Ost und West.
Die Auftritte deutscher Musiker 1957 wurden begeistert aufgenommen und die gesamte Reise trug die Zeichen eines kulturellen Umbruchs. Es waren gerade polnische Musiker und Kritiker, die als Erste den Begriff „Frankfurt Sound“ verwendeten, mit dem in Deutschland seitdem dieser damalige Jazzstil beschrieben wird, der in den 1950er und 1960er Jahren von Musikern repräsentiert wurde, die sich um die Brüder Mangelsdorff und Joki Freund versammelt hatten.

Die Entstehung von „Jazz im Palmengarten“
Knapp zwei Jahre nach Sopot ‘57 nimmt Wunderlich, inzwischen Sekretär der Deutschen Jazz-Föderation (DJF), die Umsetzung eines weiteren Projekts in Angriff. Er will den Jazz aus den Clubs herausholen einem breiteren, auch altersmäßig vielfältigeren Publikum zugänglich machen. Als idealer Ort erweist sich der Frankfurter Palmengarten. Paradoxerweise suchte der damalige Direktor des Palmengartens seinerseits nach Möglichkeiten, das Publikum des Gartens zu „verjüngen“, indem er Attraktionen für junge Besucher anbot. So konnte die Idee, ein Konzert im Palmengarten zu organisieren, dazu führen, dass sich der Jazz einem generationenübergreifenden Publikum öffnete.
1959 findet das erste Konzert statt. Es spielen Musiker aus der Frankfurter Szene – dieselben, die zwei Jahre zuvor in Sopot aufgetreten waren. Albert Mangelsdorff war gerade aus Newport zurückgekehrt, wo er in der „International Youth Band“ von Marshall Brown aufgetreten war. Dort kam es auch zu einem Wiedersehen nach Sopot mit Jan Wróblewski. Mangelsdorff, der von Newport stark beeindruckt war, wollte die dort gewonnenen Erfahrungen in den Palmengarten in Frankfurt übertragen.
Das Publikum erwies sich als überraschend vielfältig. Wunderlich erinnerte sich später an seine Freude beim Anblick einer älteren Dame, die den Jazzrhythmus auf der Stuhllehne mitklopfte. Jazz hört auf, Musik einer jugendlichen Subkultur zu sein. Er wird zu einer generationsübergreifenden Erfahrung.

Aus den ursprünglich nur wenigen geplanten Konzerten entstand eine Reihe mit mehr als 400 Veranstaltungen. Wunderlich organisierte die Reihe 44 Jahre lang, bis einschließlich 2002. Dann übernimmt der Verein „Jazz-Initiative Frankfurt am Main“ (JIF) die Trägerschaft. „Jazz im Palmengarten“ wird zu einer festen Institution im Kulturleben Frankfurts und Deutschlands.
Im Palmengarten dominierte der Modern Jazz, der in den ersten Jahrzehnten stark an den zeitgenössischen amerikanischen Vorbildern orientiert war. Dixieland und Swing wurden den Clubs für traditionellen Jazz überlassen, an denen es in Frankfurt keinen Mangel gab. Die Veranstalter erlaubten sich jedoch gelegentlich Experimente, indem sie stilistisch völlig unterschiedliche Bands zusammenbrachten und das Publikum „tolerierte“ solche Kombinationen. An einem Abend konnte traditioneller Barrelhouse erklingen, gefolgt vom Free-Jazz-Quintett „Modern Jazz Quintet Karlsruhe“.
Ein Risiko für den Jazz unter freiem Himmel
Jazzkonzerte im Palmengarten sind, wie alle Open-Air-Konzerte, mit Risiken verbunden. Es kommt vor, dass ein tieffliegendes Flugzeug die Aufführung erheblich stören kann. Ähnlich verhält es sich im Frankfurter Palmengarten mit einer lauten Gänseschar, wobei Letzteres sowohl beim Publikum als auch bei den Musikern eher Heiterkeit hervorruft, bei den Radiotechnikern jedoch für Irritationen sorgt.
Das größte Problem blieb das Wetter. Die Organisatoren haben jedoch immer einen Plan B parat, nämlich die Verlegung des Konzerts in den Festsaal des Gesellschaftshauses Palmengarten für etwa 800 Personen (bestuhlt). Obwohl dieser kleiner war als der Platz für das Publikum im Freien mit etwa 1100 Zuhörern (der Rekord lag bei 1540 im Jahr 2009), behielt er den Charakter des Ortes bei: Tische, Getränke, die Atmosphäre mit Club-Lässigkeit.
Um die Konzerte einem breiten Publikum zugänglich zu machen, spielte die Preispolitik eine nicht unerhebliche Rolle. Ende der 1950er Jahre kostete der reguläre Eintritt in den Palmengarten 1,50 DM, und das Konzert war bereits in diesem Preis enthalten. Nach einigen Jahren wurde der Ticketpreis auf 2,50 DM angehoben. Das waren sehr erschwingliche Preise für jeden, auch für Studenten und Schüler.
Polnische Akzente
Der polnische Faden im Palmengarten beginnt Anfang der 1970er Jahre, als in Polen die Lockerung der Reisebeschränkungen es Künstlern ermöglicht, in den Westen zu reisen. Die Rhein-Main-Region wird zu einem der Hauptziele für Musiker aus Polen.

Viele von ihnen, die sich für einen vorübergehenden oder dauerhaften Aufenthalt in Deutschland entschieden, bevorzugten gerade die Rhein-Main-Region, also den Ballungsraum in Südhessen mit Städten wie Frankfurt am Main, Darmstadt, Wiesbaden und Offenbach. Viele polnische Jazzmusiker lebten hier vorübergehend, wie Zbigniew Seifert, Michał Urbaniak, Urszula Dudziak, Wanda Warska und Andrzej Kurylewicz, während andere hier sich dauerhaft niederließen, wie Vitold Rek oder Janusz Maria Stefański. Die hier ansässig gewordenen Musiker prägten und prägen die Kultur und das gesellschaftliche Leben der Region maßgeblich. Die Region war auch ein Anziehungspunkt für Emigranten aus anderen Teilen Deutschlands. Der „Hamburger“ Wladyslav (Adzik) Sendecki oder der „Münchner“ Leszek Żądło traten regelmäßig in Darmstadt und Frankfurt auf.
Wunderlich nimmt viele von ihnen bewusst in das Programm des Palmengartens auf. Als erster Pole in der Geschichte der Reihe tritt hier 1971 Michał Urbaniak auf. Danach konzertierten polnische Musiker regelmäßig. Insgesamt nehmen sie an 29 Konzerten teil. Janusz Stefański, Vitold Rek und Leszek Żądło treten mehrfach auf.
1975 spielte Zbigniew Seifert in der Formation von Joachim Kühn.
Ein besonderes Konzert fand im August 2006 statt. Wunderlichs 80. Geburtstag wurde mit einem Auftritt des Polish Jazz Quartet in der Besetzung Andrzej Olejniczak, Vladyslav Sendecki, Vitold Rek und Janusz Stefański gewürdigt.
Im Jahr 2013 fand das Konzert „In Memoriam Zbigniew Seifert“ statt, an dem unter anderem Mateusz Smoczyński, Andrzej Olejniczak und Janusz Stefański teilnahmen.
Große Resonanz fand auch das Konzert „The Polish Folk Explosion“ im Jahr 2002. Es handelte sich um ein Projekt von Vitold Rek, an dem die Kapelle „Resoviana“ sowie unter anderen Albert Mangelsdorff und der Saxophonist Charlie Mariano mitwirkten. Mariano trat mehrfach in verschiedenen Formationen im Palmengarten auf, darunter mit Rek und Sendecki.

Amerikanische Vorbilder und die Eigenständigkeit des europäischen Jazz
In den Nachkriegsjahren galt für deutsche Jazzmusiker eine Reise in die USA und Auftritte dort als Zeichen von Prestige und als Sprungbrett für den Erfolg in Europa. Gemeinsame Auftritte mit amerikanischen Musikern spielten eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung ihrer Ambitionen und nahmen einen wichtigen Platz im Lebenslauf jedes Musikers ein.
Genau in dieser Atmosphäre wuchs in den 1950er Jahren auch Werner Wunderlich auf. Es überrascht daher nicht, dass es sein Ziel war, bekannte amerikanische Jazzmusiker in den Palmengarten zu holen und dem deutschen Publikum das Beste des amerikanischen – und damit des weltweiten – Jazz näherzubringen. Dank seiner umfangreichen Kontakte und seines Organisationstalents gelang ihm dies hervorragend.
Unter den von Wunderlich eingeladenen Musikern finden sich zahlreiche bedeutende Namen des amerikanischen Jazz, darunter: Pat Metheny, Burton Greene, Gary Burton, Woody Shaw, John Carter und James Newton. Lee Konitz war zweimal zu Gast im Palmengarten, davon einmal zusammen mit der Mangelsdorff-Gruppe, und das Quartett von Charles Lloyd trat dreimal auf.
Die Frankfurter Jazz-Initiative übernimmt die Trägerschaft für den Palmengarten
Der 1990 gegründete Verein „Jazz-Initiative Frankfurt am Main – JIF“ übernahm 2003 von Wunderlich die Leitung von „Jazz im Palmengarten“ und nahm eine schrittweise, aber deutliche Neuausrichtung des Programms vor. Diese Veränderungen spiegelten die Wandlungen wider, die sich bereits seit Jahren im deutschen und europäischen Jazz vollzogen. Nachfolgende Generationen europäischer Jazzmusiker betrachteten den Jazz nicht mehr als eine aus Übersee entlehnte „Sprache“, sondern begannen, ihn mit ihren eigenen Traditionen und Erfahrungen zu verbinden und Elemente der nationalen modernen Musik, nicht selten auch der Folklore, in ihn zu integrieren. Der European Jazz entwickelte sich zu einer eigenen Kategorie. Diese Entwicklung wurde auch institutionell gefördert: durch Jazzabteilungen an Musikschulen, die öffentliche Finanzierung lokaler Initiativen sowie durch Stipendien und Künstlerresidenzen. Die Gründung des Plattenlabels ECM durch Manfred Eicher 1969 in München beschleunigte und verstärkte den Prozess der Europäisierung des Jazz. Eine „Legitimierung“ in den USA war für den Erfolg in Europa nicht mehr notwendig. Die deutsche, skandinavische oder polnische Jazzszene wurden zu gleichberechtigten Akteuren.
So setzte auch „Jazz im Palmengarten“, wenn auch später als andere Zentren in Deutschland, unmittelbar nach dem Wechsel des Kurators im Jahr 2003 konsequent auf die Präsentation vorwiegend europäischer Jazzmusik. Die JIF übernahm teilweise die Rolle eines ‚Seismografen‘, indem sie versuchte, europäische Trends zu identifizieren und aufzugreifen.
Was die JIF aus dem Erbe von Wunderlich übernommen hat, ist die Haltung gegenüber Polen und dem polnischen Jazz. Der neue Kurator setzte nicht nur die Einladung polnischer Künstler zu Konzerten fort, sondern organisierte auch spezielle Veranstaltungen mit Schwerpunkt auf dem polnischen Jazz.

Das German-Polish Jazz Jamboree wurde 2005 gemeinsam mit dem Adam-Mickiewicz-Institut in der Frankfurter Oper veranstaltet. Die Veranstaltung trug den Untertitel „Three Jazz Generations 1957–2005“, in Anlehnung an das denkwürdige Jazzfestival in Sopot im Jahr 1957, also den ersten Kontakt zwischen Jazzmusikern aus Polen und Deutschland. Es traten 30 Jazzmusiker aus beiden Ländern auf, für das künstlerische Konzept war Janusz Stefański verantwortlich. Werner Wunderlich moderierte die Podiumsdiskussion.
„Violins of Jazzworld“ wurde 2015 von der JIF in Zusammenarbeit mit der Zbigniew-Seifert-Stiftung organisiert. Das Projekt hatte zum Ziel, das Erbe von Zbigniew Seifert zu erhalten sowie junge Jazzgeiger zu fördern.
Wunderlichs Vermächtnis
Jazz im Palmengarten gilt heute als die weltweit älteste kontinuierlich veranstaltete Open-Air-Jazzkonzertreihe. Sie hat ästhetische Veränderungen, politische Umbrüche und sogar die Corona-Pandemie überstanden. Es ist ein seltenes Beispiel für ein Projekt, das sich gemeinsam mit dem europäischen Jazz entwickelt hat: von der Faszination für amerikanische Vorbilder über die Entstehung einer eigenen Identität bis hin zur heutigen stilistischen Vielfalt. Es ist eine Chronik, die in den aufeinanderfolgenden Sommerabenden festgehalten wurde. Unter ihnen gab und gibt es bahnbrechende und ganz gewöhnliche Momente, Konzerte von Stars und Debüts junger Formationen. In diesem Sinne bleibt der Palmengarten immer ein realer und kein symbolischer Ort: Jazz funktioniert hier in einem natürlichen Kreislauf, inmitten eines Publikums aus Musikliebhabern, zufälligen Spaziergängern und treuen Stammgästen.
In dieser langen Geschichte bleibt der polnische Strang besonders deutlich – präsent von den Erfahrungen des jungen Kriegsgefangenen Wunderlich über Sopot 1957 bis hin zu den zahlreichen Konzerten polnischer Musiker im Palmengarten. Im Jahr des hundertsten Geburtstags von Werner Wunderlich gibt es kaum eine bessere Zusammenfassung seines Wirkens: Er schuf einen Raum, in dem sich Musiker und Publikum über Grenzen hinweg trafen und der Jazz, ganz seiner Natur entsprechend, eine offene, alltägliche und lebendige Sprache bleibt.
Die Redaktion von DIALOG Online bedankt sich bei folgenden Institutionen und Personen für die freundliche Bereitstellung der im Beitrag verwendeten Fotos: Jazz-Initiative Frankfurt am Main e. V., Jazzinstitut Darmstadt, Anna Meuer, Hans Kumpf, Michael Prüfer, Andy Sikora und Sławek Heller.