Presseschau

Polnische Presseschau vom 14.09.2026

Russische Drohnen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, ein Kulturkampf in den polnischen Schulmensen und der AfD-Erfolg – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.
Polnische Presseschau © Lisa from Pexels /pexels

Russische Drohnen treffen Ziele im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet 

Russlands Krieg gegen die Ukraine und die Folgen der Kriegshandlungen für Polens Sicherheit bleiben im Mittelpunkt des Interesses polnischer Medien. Am Sonntag (13.09.2026) hat Russland eine Tankstelle und die Lokomotive eines Personenzuges in der unmittelbaren Nähe des polnisch-ukrainischen Grenzübergangs in Dorohusk mit Drohnen attackiert. Es kam zur Evakuierung der Passagiere.

Die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ kommentiert am Montag (14.09.2026) den Vorfall. „Putin klopft an die Tür der NATO. Der Angriff in Dorohusk ist ein Test der Sicherheit Polens“, schreibt der Chefredakteur Michał Szułdrzyński.

„Der Angriff auf die Eisenbahnstrecke Warschau-Kiew ist nicht nur eine weitere russische Provokation. Es ist ein Versuch, Polen und den Westen einzuschüchtern, damit sie die Unterstützung für die Ukraine einschränken. Die Art und Weise, wie die polnischen Politiker darauf reagieren, wird zum Test der Verantwortung für die Sicherheit des Landes“, meint der Kommentator.

Laut „Rzeczpospolita“ handelt es sich dabei um einen „terroristischen Anschlag“. Die Russen hätten in letzter Zeit ihre Taktik geändert: „Sie greifen nicht mehr nur Militärziele und die kritische Infrastruktur an, sondern auch zivile Einrichtungen.“

Putin will das Leben der Ukrainer „in einen Albtraum verwandeln“. Er will, dass ihre Moral tief genug sinkt, um alle russischen Friedensbedingungen zu akzeptieren. „Der Winter ist ein Verbündeter Russlands“, fügt der Journalist hinzu.

Nach Meinung der „Rzeczpospolita“  schickt Putin so auch eine Botschaft an die westlichen Gesellschaften: „Hört auf, die Ukraine zu unterstützen“. „Warum wollt ihr Russland provozieren? Ist es nicht besser, den Frieden zu wählen?“, laut dahinter die rhetorische Frage. Für Szułdrzyński richtet sich die Botschaft auch an die AfD in Deutschland. Deren Politiker sagen offen, dass in die „gute alte Zeit“ zurückkehren wollen, in der die billigen Rohstoffe aus Sibirien die deutsche Wirtschaft ankurbelten.

Es wäre naiv, zu glauben, dass Europa Frieden bekommt, wenn es auf die Unterstützung für die Ukraine verzichtet, warnt Szułdrzyński. Polens Regierung müsse allerdings der polnischen Gesellschaft transparent erläutern, mit welchen Kosten die Verteidigung verbunden ist.

„Statt gegen die Ukrainer zu hetzen, sollten die Politiker den Menschen erklären, dass die Hilfe für die Ukraine kein Altruismus, sondern ein Kampf um Polens Sicherheit ist“, betont abschließend die „Rzeczpospolita“.

Das Thema des russischen Angriffs greift auch die „Gazeta Wyborcza“ auf. „Putin sendet uns ein Signal, dass er bereit ist, unsere Bürger zu töten“, schreibt Bartosz Wieliński.

„Die Ukraine kämpft in unserem Namen, denn es ist klar, dass Russland sein Imperium wieder aufbauen will. Wenn Putin die Ukraine bezwingt, wird Russland weiter Richtung Westen gehen. Deshalb ist dieser Krieg auch unser Krieg. Die Ukrainer verteidigen auch Polen“, betont der Kommentator.

Bisher haben die Russen die Grenzübergänge nach Polen verschont, weil sie wahrscheinlich fürchteten, NATO-Staatsbürger zu töten. „Der Angriff auf einen Zug nach Warschau zeigt, dass Russland dieses Risiko nicht mehr scheut, dass es bereit ist, die Opfer auf unserer Seite in Kauf zu nehmen. Es könnte sein, dass Russland die Menschen aus den NATO-Ländern bewusst jagt“, lesen wir in der „Gazeta Wyborcza“.

„Es ist ein Zeichen, dass Polen als nächstes Land dran sein kann. Dasselbe Signal haben die Deutschen bekommen, wo die Russen einen zum Glück misslungenen Anschlag auf den Flughafen in Leipzig ausgeübt haben“, schreibt Wieliński.

Es seien Aktivitäten „an der Schwelle zum Krieg“. Aus polnischer Sicht haben wir es mit der „schwersten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu tun“, urteilt der Kommentator und ruft seine Landsleute zur Wachsamkeit auf. Denn bald könnten wir zum Kriegsmodus übergehen.

Schweineschnitzel oder Gemüse: ein Kulturkampf an polnischen Schulen 

Die Ankündigung des Bildungsministeriums, bei Schulmahlzeiten weniger Fleisch und mehr Gemüse sowie Hülsenfrüchte anzubieten, hat starke Proteste des konservativen Milieus ausgelöst.

Unter dem Titel „Schweineschnitzel Minus“ schreibt die Wochenzeitung „Polityka“ (37/9.09-15.09.2026): „Die neuen Vorschriften sollen helfen, das Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen. Ein Drittel der Kinder zwischen dem siebten und neunten Lebensjahr wiegt zu viel.“

Die Anordnung sieht vor, dass mindestens ein Mittagessen in der Woche auf der Basis von Hülsenfrüchten zubereitet wird. Ein weiteres soll ein Fischgericht sein. Zweimal die Woche sollen die Kinder Mahlzeiten aus frischem Fleisch essen. Zu jeder Mahlzeit sollen Gemüse oder Früchte angeboten werden.

Essgewohnheiten gehören neben Impfungen zu den am stärksten umkämpften Themen aus dem Bereich Gesundheit, betont die „Polityka“. Vor einem Jahrzehnt tobte der Kampf um den Zuckergehalt im Schulessen, heute ist Fleisch der Stein des Anstoßes.

„Warum geht es bei diesem Thema in Polen um Kopf und Kragen?“, fragt die Autorin. Es ist ein ideologischer Streit. Der Verzicht auf Fleischkonsum wird eher mit der linken Weltsicht verbunden, viele Vegetarier begründen ihren Verzicht auf Fleisch mit der Sorge um die Tierrechte. Diese Haltung kollidiert mit den Ansichten der konservativen Kreise, die glauben, dass die Erde dazu da ist, um sie zu nutzen, und die Tiere, um sie zu essen.

„Der Schnitzelkrieg ist auch eine Folge der tiefen Spaltung der Gesellschaft. Jede Entscheidung der Regierung, die man auf eine einfache Formel bringen kann, in diesem Fall „in den Schulen wird es weniger Fleisch geben“, eignet sich gut für einen Angriff auf die Gegensaite“, schreibt die „Polityka“. „150 Jahre der Teilungen und sechs Besatzungen (durch fremde Mächte) haben die Polen nicht verhungern lassen. Erst die polnische Regierung wird das jetzt schaffen“, zitiert das Blatt einen wütenden Internet-User.

Die Argumente der rechtskonservativen Kreise werden in einem Beitrag in der Wochenzeitung „Do Rzeczy“ (38/14-20.09.2026) beleuchtet. „Bohnen statt Schnitzel“, schreibt Zuzanna Dąbrowska-Pieczyńska in ihrem Artikel „Ideologie auf dem Teller“. Die Autorin vermutet hinter der Entscheidung des Bildungsministeriums die Lobbyarbeit des Green REV Institute, das sich seit Jahren für Veränderungen auf den Speiseplänen der Schulen einsetzt. Auch verschiedene internationale Klimaorganisationen sollen ihre Finger im Spiel gehabt haben.

Die „Do Rzeczy“ zitiert den ehemaligen Premierminister Mateusz Morawiecki, der die Entscheidung als „ideologischen Wahnsinn“ kritisierte. Das Blatt schreibt, die Entscheidung stellt das Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder in Frage. Die Autorin verweist auf das Problem der Kinder, die eine neue Diät ablehnen. Sie beschreibt das Beispiel einer 10-Jährigen, die nach vier Tagen mit dem neuen Schulmenü an die Eltern appelliert hat, sie von dem „Gemüsebrei“ zu befreien.

Das Schicksal des neuen Speiseplans entscheidet sich laut „Do Rzeczy“ in den Speisesälen der Schulen. „Wenn Schulkinder die neuen Gerichte ohne Widerstand essen, werden die Befürworter der Reform starke Argumente in die Hand bekommen. Wenn aber volle Teller auf den Tischen liegen gelassen werden, wird eine weitere Idee des Bildungsministeriums mit einem Desaster enden“, lesen wir in der „Do Rzeczy“.

Die Deutschen nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt 

Viele polnische Medien haben den Erfolg der rechtspopulistischen AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zum Anlass genommen, um sich tiefere Gedanken über Deutschlands Vergangenheit und Zukunft zu machen.

Die Wochenzeitung „Do Rzeczy“ veröffentlicht ein Interview mit dem Soziologen Zdzisław Krasnodębski. Der Wissenschaftler und Politiker, der als Deutschland-Experte gilt, saß in den Jahren 2014-2024 für die rechtskonservative PiS im Europäischen Parlament.

Den Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt deutet Krasnodębski als einen „Ausdruck des Strebens nach einem Deutschland, das nationaler ist“. In Deutschland, so Krasnodębski, gibt es immer „die Gefahr einer Rückkehr zu schlechten Traditionen“. Er verweist auf einen Spruch aus dem letzten Wahlkampf: „Weniger Hitler, mehr Bismarck“. Statt die Erinnerung an die NS-Verbrechen zu kultivieren, sollte man mehr an das Jahr 1871 und die damalige Vereinigung denken. Die „Nationalisierung Deutschlands“ klingt nicht gut in den polnischen Ohren, betont der Wissenschaftler und erinnert an die lange Tradition des deutschen Antipolonismus. „Ohne Beseitigung der Polonophobie wird eine neue Formel des deutschen Patriotismus nicht möglich sein“, mahnt Krasnodębski.

Wie der Soziologe betont, existiert dieser Antipolonismus in der AfD und den Kreisen, die das Rückgrat dieser Partei bilden. Inakzeptabel ist aus polnischer Sicht nicht nur Bismarck, sondern auch die Interpretation des Dritten Reiches als einen „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte, wie es Alexander Gauland einmal ausdrückte.

„Die Deutschen unterscheiden sich von den Polen durch das ‚Reichssyndrom‘. Eine Überzeugung, die in Deutschland sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite lebendig war und besagt, dass Deutschlands Mission in der ‚Vereinigung Europas‘ besteht.“

Der polnische Euroskeptizismus ist „defensiv, wir wollen unabhängig und frei sein, aber zivilisatorisch und wirtschaftlich mit Europa verbunden bleiben“. „Deutschland will nicht von Europa gezähmt sein, sondern über Europa herrschen, über Osteuropa sogar direkt. Ich glaube, dass die Einstellung auch in der AfD existiert und sie immer stärker werden wird“, fasst Krasnodębski zusammen.

Angst vor der deutschen Erinnerungskultur

Die Deutschen haben den Krieg verloren, jetzt wollen sie den Kampf um die Erinnerung gewinnen, sagt der Historiker Andrzej Chwalba im Gespräch mit der Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ (12-17.09.2026).

„Das politische Ziel der deutschen Eliten lautet: wir haben den Krieg verloren und müssen nun die Erinnerung (an diesen Krieg) gewinnen“, kommentiert Chwalba, Professor an der Jagiellonen-Universität in Krakau. Diese Erinnerungspolitik haben nach Meinung des Wissenschaftlers alle etablierten Parteien umgesetzt. „Die AfD ist einen Schritt weiter gegangen und sagt offen, dass es keine deutsche Schuld gibt“, hebt Chwalba hervor.

Die Aufgabe der deutschen Erinnerungspolitik ist es zu betonen, dass „die Deutschen unter Hitler vom Nationalsozialismus erobert wurden. „So wie die Bolschewiki Russland unter ihre Kontrolle gebracht haben, so haben es auch die Hitler-Anhänger mit den Deutschen getan, die laut dieser Deutung das zweite Opfer nach Österreich waren“, meint der Historiker. „Im wiedervereinigten Deutschland wird die Geschichte seit Langem auf diese Weise dargestellt“, fügt er hinzu.

Chwalba erinnert an eine Umfrage, die 2020 von der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlicht wurde. Danach meinten nur drei Prozent der Befragten, ihre Familien hätten das NS-System unterstützt. 32 Prozent meinten dagegen, ihre Vorfahren hätten den Regimeopfern geholfen.

„Die Deutschen sehen fern, lesen und glauben, dass ihre Großeltern gegen Hitler gekämpft haben.“ Dieser Gedächtnisschwund sei laut Chwalba eine Ursache für die wachsende Popularität der extremen Rechten in Deutschland, die es „ablehnt, die Schuld für den Krieg auf sich zu nehmen“.

Menschen steigen in einen Zug ein.

Deutsch-Polnischer Freundschaftspass: Umsonst ins Nachbarland reisen

Ab jetzt kann man sich für den deutsch-polnischen Freundschaftspass bewerben. Mit diesem können insgesamt 60.000 junge Menschen aus Polen und Deutschland das jeweilige Nachbarland per Zug entdecken. Man muss schnell sein.
Thomas Dudek
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

Polnische Presseschau vom 14.09.2026

Russische Drohnen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, ein Kulturkampf in den polnischen Schulmensen und der AfD-Erfolg – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
Jacek Lepiarz
Ein Mann in Hemd und Weste schaut in die Kamera.

Autor Martin Piekar: „Polen – eine Nische, die gerade erst aufgeht“

Viele Polinnen und Polen in Deutschland hätten sich lange nicht offen zu ihren polnischen Wurzeln bekannt. Sie fingen gerade erst an, dazu zu stehen, sagt Martin Piekar, Autor des Buches „Vom Fällen eines Stammbaums“.
Natalia Prüfer