Polen & Deutschland

Russlands hybrider Krieg: Deutschland und Polen rücken zusammen

Deutschland und Polen sehen sich einer zunehmend intensiven hybriden Kriegsführung Russlands ausgesetzt. Jüngst bekannt gewordene Fälle zeigen, dass Berlin und Warschau bei der Abwehr und Aufklärung hybrider Angriffe eng zusammenarbeiten.
Ein Flughafenzaun mit Stacheldraht und ein Schild, das auf das Drohnenflugverbot hinweist
Drohnen, Hackerangriffe, Sabotageakte: Russland verstärkt seine hybriden Angriffe auf Polen und Deutschland © IMAGO/Ardan Fuessmann

Bereits im Oktober vergangenen Jahres soll Vadym S. sich von Polen aus auf den Weg nach Berlin gemacht haben. Der 24-jährige Ukrainer soll in der deutschen Hauptstadt Pakete mit Waffen entgegengenommen und sie am Stadtrand, in einem Waldstück am Müggelsee, vergraben haben. Die Koordinaten dieses geheimen Waffenlagers übermittelte er noch seinen Kontaktleuten und machte sich danach auf den Rückweg nach Polen. S. wurde später in Rumänien festgenommen und sitzt dort seitdem in Untersuchungshaft.

Das Waffenversteck in Berlin soll einer Recherche des „Spiegel“ zufolge mutmaßlich in Zusammenhang mit einem russischen Agentennetzwerk stehen. Im August dieses Jahres bestätigte Innenminister Alexander Dobrindt den Fund des Waffenlagers. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Vadym S. wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Unterstützer der Ukraine im Fokus Russlands

Der Fall Vadym S. steht im Schatten anderer versuchter oder durchgeführter Sabotage- oder Spionagefälle Russlands in Europa, vor allem in den wichtigsten europäischen Unterstützerländern der Ukraine, in den vergangenen Monaten: Da ist etwa der fehlgeschlagene Drohnenanschlag von Leipzig am 4. August. Auf dem Flughafengelände wurde in der Nähe einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine eine Drohne samt Sprengstoff gefunden. In den darauffolgenden Tagen wurden weitere Drohnen und Drohnenteile von den Ermittlern entdeckt. Nur wenige Wochen danach machte die Bundesregierung Russland öffentlich für den Vorfall verantwortlich.

Polizisten arbeiten auf dem Rollfeld und stellen Teile der Drohne sicher
Am Flughafen Leipzig wurde eine bewaffnete Drohne gefunden. Berlin machte Moskau dafür verantwortlich © IMAGO / EHL Media

Am 31. August kam es im polnischen Skarżysko-Kamienna mutmaßlich zu einem Brandanschlag auf einen Standort des polnischen Rüstungsunternehmens WB Electronics. Nur einen Tag später wurde ein Flugkörper an einem Umspannwerk in Jänschwalde in der Nähe der Grenze zu Polen gefunden. Es kam zu Kurzschlüssen, ein Kraftwerksblock musste abgeschaltet werden.

Was den Waffenfund vom Müggelsee jedoch von den bekannteren Fällen hybrider Kriegsführung gegen Deutschland oder Polen abhebt, ist, dass Schlimmeres auch dank der deutsch-polnischen Zusammenarbeit verhindert werden konnte. Das gilt als gesichert. Demnach wurde das Versteck in Berlin nach einem Hinweis eines polnischen Geheimdienstes gefunden. Die Polen hatten Vadym S. offenbar auf dem Schirm. Beobachter dürfen davon ausgehen, dass polnische Geheimdienste ihren deutschen Kollegen in der Vergangenheit schon bei anderen Fällen durch die Weitergabe von Informationen geholfen haben. Bei den Ermittlungen zum gescheiterten Drohnenangriff in Leipzig etwa berief sich die Bundesregierung auch auf Erkenntnisse von „Partnerdiensten“. Wie „WELT“ später berichtete, wird im Fall Leipzig unter anderem ein Belaruse verdächtigt, der auch mit einem Sabotagefall 2024 im polnischen Łódz in Verbindung gebracht wird.

Zusammenarbeit der deutschen und polnischen Nachrichtendienste

Im Angesicht der russischen Bedrohung arbeiten deutsche und polnische Behörden immer enger zusammen. Der nachrichtendienstliche Austausch gilt dabei als exzellent. Das wurde DIALOG online aus Sicherheitskreisen in Warschau und Berlin bestätigt. Beide Seiten beschreiben die Arbeit mit der jeweils anderen als eng und von gemeinsamen Interessen geleitet – unabhängig von möglichen politischen Missstimmungen.

Die Zentrale des deutschen Auslandsnachrichtendienstes in Berlin: der große Schriftzug „Bundesnachrichtendienst“ und der Bundesadler an der Wand
Der deutsche Auslandsnachrichtendienst BND und der polnische Geheimdienst Agencja Wywiadu vertiefen ihre Zusammenarbeit © IMAGO / Steinach

Als besonders gut gilt die Zusammenarbeit zwischen den Auslandsnachrichtendiensten beider Länder, zwischen dem BND und dem AW (Agencja Wywiadu). Diese Zusammenarbeit ist offenbar so gut, dass beide Dienste 2025 beschlossen haben, das über Facebook publik zu machen. Es ist eine ungewöhnliche Form der Öffentlichkeitsarbeit für zwei Nachrichtendienste. Mit einem simplen Foto von einer deutschen und einer polnischen Fahne vor den Logos beider Dienste auf einem Bildschirm taten BND und AW ihre Kooperation kund.

Russland intensiviert seine hybride Kriegsführung

Wenig zu tun haben sie nicht. Denn die obigen Beispiele sind lediglich vier von einer ganzen Reihe zuletzt bekannt gewordener Versuche oder tatsächlich erfolgter Fälle von Sabotage, Spionage, Anschlägen, Einflussnahme oder Desinformation in Deutschland und Polen. Die Entwicklung zeigt, dass Russland seine hybride Kriegsführung gegen Europa intensiviert. Im Zentrum stehen offenbar nicht mehr nur die Länder an der Nato-Ostflanke, Polen und die baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland, sondern mittlerweile auch Deutschland.

Lange blieb Deutschland von bestimmten Sabotage- oder Angriffsphänomenen, die vielfach in Polen aufgetreten sind, verschont: Am 9. September 2025 drangen 19 Drohnen in den polnischen Luftraum ein. Sie wurden teilweise von F-16- und F-35-Jets abgeschossen; zweimal sind bereits russische Marschflugkörper in Polen eingeschlagen.

Kampfjets stehen auf dem Vorfeld eines Militärflugplatzes
F-16-Kampfjets auf dem 32. Luftwaffenstützpunkt in Łask in Zentralpolen am 11. September 2025 © IMAGO / Eastnews

Nun sind in Deutschland Vorfälle zu beobachten, die in jener Häufung in Polen bislang nicht vorgekommen sind, wie die Anschlagsversuche auf die Energieinfrastruktur. Experten vermuten, Deutschland sei in den Fokus russischer Aktivitäten gerückt, da das Land sich zu einem der wichtigsten und verlässlichsten Unterstützer der Ukraine entwickelt hat, finanziell wie auch militärisch. Sichtbare hybride Maßnahmen sollen demnach Einfluss auch auf die Bevölkerung haben, wodurch Druck auf die Bundesregierung erzeugt werden soll, von ihrem Ukraine-Kurs abzulassen.

Deutschland könnte russischen Stellen in diesem Zusammenhang als verhältnismäßig leichtes Ziel gelten, da die Unterstützung der Ukraine in Deutschland in der Bevölkerung umstrittener ist als in Polen. Jüngste Wahlerfolge bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern von Parteien am rechten und linken Rand, von der AfD und Die Linke, die teilweise anti-ukrainisch oder pro-russisch auftreten, bestätigen das oder spielen in diese Lage hinein. Das wiederum könnte ein zusätzlicher Anreiz für russische hybride Maßnahmen sein.

Gemeinsame Interessen verbinden

In der Abwehr hybrider Angriffe, allgemein der sicherheitspolitischen Kooperation, rücken Berlin und Warschau enger zusammen. Deutschland und Polen haben heute so viele gemeinsame Interessen wie nie zuvor: Dazu zählt die Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland sowie der Schutz des eigenen Territoriums. Beide Länder sind in einer ähnlichen Lage oder einer ähnlichen Bedrohungslage ausgesetzt. Polen ist als großes Land an der Nato-Ostflanke und mit dem Flughafen Rzeszów-Jasionka als Drehkreuz für die militärische Unterstützung der Ukraine beinahe automatisch von russischen Aktivitäten betroffen, Deutschland ist als größtes finanzielles und militärisches europäisches Unterstützerland der Ukraine in den Fokus Russlands geraten.

Eine Drohne schwebt am Himmel
Die Bundesregierung will die Kompetenzen des BND und des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) erweitern © IMAGO / Maximilian Koch

Als Nachbarländer und die Verflechtung von Industrie und Handel wie die gemeinsame Unterstützung der Ukraine arbeiten die Nachrichtendienste sowie anderen Behörden Deutschlands und Polens immer enger zusammen. Der Waffenfund von Berlin, aber auch der Anschlagsversuch von Leipzig zeigen, dass Russlands hybride Kriegsführung oft über eine deutsch-polnische Komponente verfügt.

Wie wichtig die Zusammenarbeit bei der Abwehr hybrider Angriffe ist, zeigt sich auch im deutsch-polnischen Verteidigungsabkommen, das am 17. Juni dieses Jahres unterzeichnet wurde. Es soll nicht nur die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Polen zementieren und ausbauen; erkennbar ist, dass Sicherheitspolitik umfassender gedacht wird und eben auch die gemeinsame Abwehr hybrider Angriffe erweitert werden soll.

Reform deutscher Nachrichtendienste

In diesem Zusammenhang ist auch die Reform der Nachrichtendienste in Deutschland zu sehen. Der Bundestag berät im September in erster Lesung über das Vorhaben der Bundesregierung, im kommenden Jahr dürfte das Gesetz zur Reform des Nachrichtendienstrechts, wie es vollständig heißt, in Kraft treten. Es soll unter anderem die Kompetenzen des BND und des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) erweitern, teilweise durch sogenannte aktive Maßnahmen. In Ausnahmefällen dürfte der BND zum Beispiel Gegenmaßnahmen wie Sabotage oder Cyberangriffe durchführen.

Von den Partnerdiensten in Polen wird die deutsche Reform grundsätzlich begrüßt. Andere europäische Dienste, einschließlich der polnischen, verfügen längst über Kompetenzen wie BND und BfV sie bekommen sollen. Die Überzeugung in Berlin und demnach auch in Warschau ist, dass auch die deutschen Dienste sich vor dem Hintergrund der angespannten Sicherheitslage in Europa nicht mehr auf das Sammeln und Auswerten von Informationen allein konzentrieren dürfen.

Ganz ohne Sorge aber blicken auch die Partner in Polen nicht auf das Vorhaben. Ähnlich wie im Fall vom Ausbau der Bundeswehr zur „größten konventionellen Armee“ Europas, wie Bundeskanzler Friedrich Merz es gesagt hat, stellt sich die Frage, wie eine in den Ländern und künftig womöglich auch im Bund stärkere AfD Einfluss auf die Dienste nehmen könnte. Für den Moment aber sehen Berlin und Warschau die Notwendigkeit für eine engere deutsch-polnische Zusammenarbeit bei der Abwehr hybrider Angriffe und damit einen guten nachrichtendienstlichen Austausch.

Grafisch verändertes Bild mit dem deutschen und dem polnischen Grenzpfosten.

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