Polen & Deutschland

Neues Deutsch-Polnisches Barometer: „Asymmetrie in den Kontakten“

Zum 35. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags befasst sich das Deutsch-Polnische Barometer mit den Kontakten und Bildern, die Polen und Deutsche voneinander haben. Erstmals im Fokus steht die Grenzregion.
Grafisch verändertes Bild mit dem deutschen und dem polnischen Grenzpfosten.
Das Deutsch-Polnische Barometer untersucht die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen © IMAGO / Future Image, mit KI bearbeitet

Es läuft nicht alles rund in den politischen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau. Darüber können weder die engen wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und Polen hinwegtäuschen, noch die vielen Veranstaltungen, die es in diesem Jubiläumsjahr zum 35. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages auf beiden Seiten der Oder gab und gibt.

Doch wie denken die Menschen in Polen und Deutschland über den jeweiligen Nachbarn? Wie gut kennen sie ihn? Die Antwort auf diese Fragen gibt der nun veröffentlichte erste Teil des Deutsch-Polnischen Barometers 2026 mit dem Titel „Deutsche und Polen aus nächster Nähe. Kontakte und Bilder vom Nachbarn 35 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags“. Das Barometer ist eine jährlich erscheinende Studie, die sich zu einem unentbehrlichen Spiegelbild der deutsch-polnischen Beziehungen entwickelt hat.

Reisen ins jeweilige Land nehmen zu

Das Ergebnis zeigt eine positive Entwicklung in beiden Ländern, gleichzeitig aber auch eine weiterhin bestehende Diskrepanz zwischen Deutschen und Polen, was das Interesse für das jeweilige Land angeht. Erfreulich hervorzuheben ist, dass sowohl in Polen als auch in Deutschland die Zahl der Menschen zugenommen hat, die das Nachbarland besucht haben. Ein großer Unterschied besteht aber dennoch. Während 59 Prozent der Polen seit 1990 Deutschland besucht haben, haben sich seit 1989 nur 42 Prozent der Deutschen auf den Weg nach Polen gemacht. Eine weitere Diskrepanz zeigt sich in der Häufigkeit der Besuche. Während von den Polen, die Deutschland besucht haben, 32 Prozent es mehrmals taten, waren es umgekehrt nur ein Fünftel der Befragten.

Der Berlin-Warschau-Express steht am Bahnsteig.
Mehr Polen reisen nach Deutschland als Deutsche nach Polen © IMAGO / Rüdiger Wölk

Touristische Motive sind auf beiden Seiten der Oder der Hauptgrund für eine Reise ins Nachbarland. Während 59 Prozent der Polen dies als Grund angeben, sind es gleich 74 Prozent der Deutschen. 27 Prozent der Deutschen verbinden Polenreisen zudem mit Einkauf oder der Inanspruchnahme von Dienstleistungen. Ein Motiv, das für Polen eine eher untergeordnete Rolle spielt. Bei den Polen sind wiederum Arbeit und Familienbesuche wichtige Motive für ihre Deutschlandreisen.

„Die Ergebnisse zeigen eine dauerhafte Asymmetrie in den Kontakten. Polen liegt geografisch nah an Deutschland, bleibt für die Deutschen aber immer noch zu oft ein unbekanntes Land. Für viele Polen hingegen ist Deutschland Teil ihrer persönlichen Erfahrung – durch Reisen, Arbeit, sowie familiäre und berufliche Bindungen“, fasst Jacek Kucharczyk, Vorstandsvorsitzender des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten, zusammen. Und fügt, mit Blick auf das deutsch-polnische Jubiläumsjahr hinzu: „Anlässlich des 35. Jahrestags des Nachbarschaftsvertrags darf die Frage gestellt werden, wie dieser Unterschied verringert werden kann.“

Mehr persönliche Kontakte in der Grenzregion

Obwohl das Deutsch-Polnische Barometer seit 2000 veröffentlicht wird, wurde es erst für diese Studie um zusätzliche Stichproben aus der Grenzregion erweitert. Die Ergebnisse bestätigen die These, dass die Nähe den Kontakt fördert, wobei auch hier die Ergebnisse Unterschiede zwischen Polen und Deutschen aufzeigen. Während drei Viertel der Polen aus diesen Regionen mindestens einmal in Deutschland waren, hat es umgekehrt nur jeden zweiten Deutschen auf die andere Seite der Grenze gezogen. Was die Polen und Deutschen aus der Grenzregion von ihren restlichen Landsleuten unterscheidet, ist auch die Häufigkeit der Besuche. So geben gleich 15 Prozent der Polen aus der Grenzregion an, Deutschland regelmäßig zu besuchen. Auf landesweiter Ebene sind es dagegen nur drei Prozent.

Grenzpfosten Polen und Deutschland und das Schild mit der polnischen Grenze.
Die Deutschen und die Polen im Grenzgebiet haben mehr Kontakt zum Nachbarland © IMAGO / Future Image

„Die Grenzregion zeigt, dass geografische Nähe zu sozialer Nähe führen kann, dies geschieht jedoch nicht automatisch. Es bedarf guter Verbindungen, der Zusammenarbeit von Institutionen und konkreter Gründe für den Grenzübertritt – von Bildung und Kultur bis hin zur Arbeit, Dienstleistung und Tourismus“, betont Agnieszka Łada-Konefał, stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts.

Direkter Kontakt sorgt für ein positives Bild

Doch so groß die Asymmetrie zwischen Deutschen und Polen ist, was die Besuche im Nachbarland angeht, so sind diese dennoch wichtig für die deutsch-polnische Annäherung. „Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist einfach: Der direkte Kontakt wirkt. Wer das Nachbarland aus eigener Erfahrung kennt, bewertet es in der Regel besser“, erklärt Agnieszka Łada-Konefał. Was die Zahlen der Studie belegen. So halten 46 Prozent der Polen, die Deutschland besucht haben, die Deutschen für freundlich. Bei den Polen, die noch nie ihr westliches Nachbarland besucht haben, sind es nur 24 Prozent. Von den Deutschen, die nach Polen reisten, halten 69 Prozent der Besucher ihre Nachbarn für freundlich. Bei den Deutschen ohne persönliche Polen-Erfahrungen sind es nur 40 Prozent.

Eine lebendige Stadt in der Abenddämmerung.
Deutsche und Polen reisen ins Nachbarland mehrheitlich zu touristischen Zwecken © IMAGO / Schöning

Nicht anders sieht es in anderen Kategorien wie touristische Attraktivität, Sauberkeit oder Infrastruktur aus, obwohl es auch hier Unterschiede gibt. Während Polen vor allem die deutsche Straßeninfrastruktur, die touristische Attraktivität und das Eisenbahnnetz positiv bewerten, schätzen Deutsche vor allem die erschwinglichen Preise, die Freundlichkeit der Menschen und die touristische Attraktivität an Polen. Eine einzige Ausnahme ist jedoch das Thema Sicherheit. Während 40 Prozent der Deutschen Polen für sicher halten, halten nur 27 Prozent der Polen Deutschland für ein sicheres Land.

In Polen entscheiden auch politische Präferenzen

Sehr abhängig ist das jeweilige Bild vom Nachbarland auch von den parteipolitischen Präferenzen. Ein Phänomen, das vor allem für Polen gilt, wo die Wähler der Regierungsparteien Deutschland positiver bewerten als die der rechten Opposition. Was bei der regelmäßigen antideutschen Rhetorik von PiS oder der Konfederacja wenig erstaunlich ist. Überraschen mag dagegen auf deutscher Seite das Polenbild der AfD-Wähler. Laut der Untersuchung bewerten diese Polen besonders hoch. „Insbesondere in Polen wird das Bild von Deutschland stark durch politische Sympathien gefiltert. Das bedeutet, dass Politiker und Medien die positiven Auswirkungen persönlicher Erfahrungen verstärken oder abschwächen können. Eine gute Nachbarschaft erfordert die parallele Entwicklung sozialer Kontakte und einer verantwortungsvollen politischen Zusammenarbeit“, mahnt dementsprechend Jacek Kucharczyk.

Die Studie hat zudem Ergebnisse, die auch die Unternehmen in Deutschland und Polen interessieren würden. 38 Prozent der befragten Polen geben an, dass die Angabe der deutschen Herkunft sie zum Kauf eines Produkts anregt. Nur 10 Prozent der Polen hält das Siegel „Made in Germany“ von einem Kauf ab. In Deutschland geben wiederum 79 Prozent an, dass die polnische Herkunft eines Produkts sie weder zum Kauf animiert noch abhält. Bei den übrigen 21 Prozent ist die polnische Herkunft mehrheitlich ein Anreiz zu einer Anschaffung. Auch hier zeigt sich die Tendenz, dass sich in Deutschland die Meinung zu polnischen Produkten positiv ändert.

Der gesamte Deutsch-Polnische Barometer wird im November 2026 veröffentlicht.

Partner der Studie sind: das Institut für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, das Deutsche Polen-Institut, die Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. 

Hier können Sie die Ergebnisse des Barometers kostenlos herunterladen. 

Grafisch verändertes Bild mit dem deutschen und dem polnischen Grenzpfosten.

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