In Polen sind zurzeit mehrere tausend amerikanische Soldaten stationiert. Sie rotieren ständig und kehren nach einer bestimmten Zeit nach Amerika zurück. Polens Regierungen bemühen sich seit Langem um eine ständige Präsenz der US-Soldaten. Um die Amerikaner für diese Idee zu gewinnen, schlug bereits vor Jahren der damalige polnische Präsident Andrzej Duda vor, den US-Stützpunkt in Polen „Fort Trump“ zu nennen.
Warten auf Fort Trump
Die Debatte darüber scheint nun in eine entscheidende Phase zu treten – am 17. September berichtete Trump auf seiner Plattform Truth Social über „große Fortschritte“ bei den Bemühungen um die Errichtung eines US-Stützpunkts in Polen. „Wenn es dazu kommt, wird der Standpunkt bald bekannt gegeben“, postete Trump. „Es wird ein historischer Schritt für unser Großes Bündnis USA/Polen sein“, fügte der US-Präsident hinzu.
„Die ständige Präsenz amerikanischer Soldaten in Polen ist ein Element der neuen Strategie des Pentagons. Ihr Ziel ist es, den chinesisch-russischen Block einzudämmen“, schreibt die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ (5.10.2026). Die endgültige Entscheidung über den Standort soll frühestens am 1. Dezember fallen, vielleicht einige Wochen später – informiert das Blatt unter Berufung auf polnische Regierungsquellen.
„Russland betrachtet den Krieg in der Ukraine als einen Teil der Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten. Washington sieht das anders, nimmt aber die wachsende Abhängigkeit Moskaus von China zur Kenntnis und will dem Einfluss des chinesisch-russischen Blocks klare Grenzen setzen. Ein ständiger US-Stützpunkt in Polen soll diesem Ziel dienen“, erklärt Jędrzej Bielecki. Ein Wechsel vom Rotationsprinzip zur ständigen Anwesenheit bedeutet zwar eine Steigerung der Kosten, weil mit den Soldaten auch ihre Familien nach Polen übersiedeln sollen. Polens Regierung bietet allerdings bis zu 10 Milliarden Zloty für die neue Infrastruktur sowie 15.000 Dollar jährlich für jeden Uniformierten.
Erwarten die Amerikaner eine Gegenleistung?
In Warschau soll es Gerüchte geben, wonach die Amerikaner als Gegenleistung den Auftrag für den Bau des zweiten Atomkraftwerkes in Polen erwarten könnten. „Weil EU-Recht solche Tauschgeschäfte verbietet, wird ein solches Angebot offiziell niemals unterbreitet“, erklärt „Rzeczpospolita“. Wie die Zeitung betont, auch ohne solche Angebote machen die Amerikaner an der Weichsel gute Geschäfte. Westinghouse Electric Company und Bechtel bauen das erste Atomkraftwerk für 45 Milliarden Euro. Polen kauft amerikanische Waffen für 30 Milliarden Dollar. US-Stützpunkt würde weitere Projekte positiv beeinflussen, sagt „Rzeczpospolita“ voraus.
Die Wochenzeitung „Gazeta Polska“ meint, die Vorbereitungen für die Errichtung des Fort Trump befinden sich „auf der Zielgerade“. „Wir sind überzeugt, dass nach der Trump-Erklärung (die Entscheidung) nur noch eine Frage der Zeit ist“, zitiert das Blatt Polens Präsident Karol Nawrocki. Das Staatsoberhaupt äußerte die Hoffnung, Trump würde persönlich zur Eröffnung der Basis kommen. „Gazeta Polska“ wirft unterdessen der Regierung von Donald Tusk vor, die Verhandlungen mit Amerika zu verzögern und dem Projekt Hindernisse in den Weg zu legen. „Es wird befürchtet, dass die Regierung von Donald Tusk das Projekt nicht zu Ende führen will“, heißt es.
Anfang Oktober berichteten mehrere polnische Medien, dass es in diesem März in Washington zu einem Gespräch des Verteidigungsministers Władysław Kosiniak Kamysz mit Trump gekommen war. Die Themen sowie das Treffen selbst waren bis jetzt geheim gehalten. Die Presse spekuliert, beim Gespräch im Weißen Haus könnte es auch um den US-Stützpunkt gegangen sein.
Nach einer Umfrage des Instituts SW Research, die „Rzeczpospolita“ Ende September veröffentlicht hat, sind 67,3 Prozent der Befragten der Meinung, ein solcher Stützpunkt würde die Sicherheit Polens stärken. 17,5 Prozent verneinten dies, 15,2 Prozent hatten keine Meinung.
Messerattacke wirft Schatten auf die polnisch-ukrainische Beziehungen
Bei einem Messerangriff in einem Kloster in Jarosław im Südosten Polens wurde im September ein Priester getötet und vier weitere Menschen verletzt. Als Tatverdächtiger wurde ein 31-jähriger Ukrainer festgenommen, der kurz vor dem Angriff aus Deutschland eingereist war. Er sitzt in U-Haft, sein Motiv ist unklar. Der Vorfall belastet zusätzlich die polnisch-ukrainischen Beziehungen, die sowieso seit einiger Zeit äußerst angespannt sind. Die Medien befürchten eine weitere Steigerung der antiukrainischen Stimmung in Polen. In den Mittelpunkt der Berichterstattung rückte die versöhnliche Geste eines anderen Priesters, der beim Angriff im Kloster selbst verletzt wurde und nach der Entlassung aus dem Krankenhaus gegen Hass und Vergeltung predigte.
Wie „Gazeta Wyborcza“ berichtete, vergab Priester Adrian Mantykiewicz dem Angreifer, bat die Menschen, für den Angreifer zu beten und appellierte an die Landsleute, für die Tat des Einzelnen nicht die ganze Nation in die Verantwortung zu ziehen. „Die Nationalisten nutzen den Vorfall in Jarosław, um ihr Narrativ von Angst und Gefahr zu verbreiten, obwohl der angegriffene Priester um Barmherzigkeit bittet“, schreibt am 5. 10. 2026 „Gazeta Wyborcza“. Die Zeitung macht die Leser darauf aufmerksam, dass der traditionelle Marsch der Unabhängigkeit, der wohl am 11. November in Warschau stattfinden wird, eine „fremdenfeindliche Ausrichtung“ bekommt, weil er unter der Parole „Der Pole ist Gastgeber in Polen“ laufen soll. Auf der Pressekonferenz ergänzten die Organisatoren, der Gastgeber in Polen könne „weder ein Ukrainer noch ein Inder sein“. „Die Nationalisten nutzen zynisch den Angriff in Jarosław, trotz des Appells des Priesters, um das Böse mit dem Guten zu besiegen. Es herrscht Pogromstimmung. Die Ukrainer haben Angst vor der Vergeltung. Ukrainische Kinder wurden beschimpft und beschuldigt, für den Angriff verantwortlich zu sein. (…) Mantykiewicz gelang es, die Situation zu entschärfen und wenigstens einen Teil der Menschen vom Weg des Hasses abzubringen“, kommentiert „Gazeta Wyborcza“.
„Wie vor einem Pogrom“
Auch „PlusMinus“, die Wochenendbeilage der „Rzeczpospolita“ lobt den mutigen Priester. „Priester Adrian zeigte das schönste Gesicht der Kirche – der barmherzigen Kirche, die voll von Liebe ist und den Christus nachahmt.“ Chefredakteur Michał Szułdrzyński verweist auf die Hasssprache im Netz, die auf die versöhnliche Botschaft des Priesters folgte, und nannte die Reaktionen „erschreckend“. „1060 Jahre nach der Taufe Polens liegt auf der Hand, dass sich die christliche Barmherzigkeit in unserem Staat nicht durchgesetzt hat. Eigentlich sollte die Ethik über die Politik stehen: in diesem Fall ist es aber umgekehrt – die Politik siegt, dominiert. Die Abneigung gegen die Ukrainer erweist sich stärker als das Bekenntnis zu christlichen Werten“, schreibt „Rzeczpospolita“.
Auch der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch nimmt Stellung zur Messerattacke in Jarosław und den Folgen. „Die Stimmung ist wie vor einem Pogrom, sie muss aber nicht unbedingt zu einem echten Pogrom ausarten“, sagte Twardoch im Interview für die Wochenzeitung „Newsweek“ (41/5-11.10.2026). „Solange der Staat funktioniert und das Gewaltmonopol behält, solange es für dich außer Frage steht, dass du innerhalb von 24 Stunden im Knast landest, wenn du einen Ukrainer verprügelst, solange wird es keine Pogrome geben“, meint Twardoch. Der Schriftsteller, dessen neuester Roman „Waldkauz“ am 14. Oktober erscheint, betont, wegen der demografischen Probleme braucht Polen dringend die Ukrainer als Immigranten. „Die Ukrainer assimilieren sich blitzschnell, sie lernen in einem halben Jahr die polnische Sprache, sind uns kulturnah. Man kann sich keine besseren Migranten vorstellen“, so Twardoch in „Newsweek“.