Ukraine

Ziemowit Szczerek: „Die Ukrainer in Polen haben verloren“

Wenn sich Polen und Ukrainer über die „Helden der UPA“ streiten, haben die in Polen lebenden Ukrainer am meisten zu verlieren. Sie bekommen im Alltag Hass und Ressentiments zu spüren, so der Autor und Publizist Ziemowit Szczerek.
Menschen mit ukrainischen Flaggen schauen nach vorn.
Warschau, 5.4.2023, Präsident Wolodymyr Selenskyj zu Besuch in Polen © PAP/Andrzej Lange

Der polnische Präsident Karol Nawrocki hat dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den Weißen-Adler-Orden aberkannt, die höchste Auszeichnung Polens. Dies war eine Reaktion darauf, dass Selenskyj einer ukrainischen Militäreinheit den Namen „Helden der UPA“ [Ukrainische Aufstandsarmee] verliehen hatte. Die UPA wird in der Ukraine mit dem Kampf um die Unabhängigkeit assoziiert. Dagegen war sie für Polen eine nationalistische Organisation, verantwortlich für Massaker an der Zivilbevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien, wo in den Jahren 1943 bis 1945 etwa 100.000 Polen ums Leben kamen.

Vor vier Jahren öffneten die Polen ihre Heime, um ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen, die polnische Armee räumte ihre Lager leer, um Waffen an die Ukraine zu liefern, und die polnische Politik machte sich zum Fürsprecher Kyjiws in Europa. Heute werden in Polen Forderungen laut, die Ukrainer zu deportieren, Präsident Nawrocki erkennt Präsident Selenskyj den Weißen-Adler-Orden ab, letzterer boykottiert die wichtige Ukraine-Wiederaufbaukonferenz in Danzig. Haben Sie erwartet, dass die Dinge diese Wendung nehmen würden? 

Ja, das war abzusehen. Die anfänglich ungeheure Steigerung der Hilfsbereitschaft ging auf den Kriegsausbruch zurück, nicht auf besondere Sympathien für die Ukraine. Es war klar: früher oder später würde sich dies erschöpfen.

Ich hatte auch erwartet, dass die Verbrechen in Wolhynien wieder aufs Tapet gebracht werden würden. Denn es war ein unvermeidliches Aufeinanderprallen zweier gegensätzlichen Sichtweisen. Die Polen versuchen ständig, den Ukrainern begreiflich zu machen, wie sehr sie das schmerzt; erinnert sei nur an den Film „Wolhynien“ [dt. unter dem Titel: „Sommer 1943 – das Ende der Unschuld“, Polen 2016; die Aufführung wurde in der Ukraine verboten; A.d.Ü.], oder daran, wie Präsident Nawrocki gleich bei der ersten Begegnung Wolodymyr Selenskyj ein Buch über Wolhynien schenkte. Die Polen wollen glauben, wie jeder in einer Beziehung in der Krise, wenn sie den Ukrainern nur ausdrücklich und drastisch genug zeigen, wie sehr sie gelitten haben, dann werden die das schon verstehen. Ukrainer hingegen betrachten das als Effekthascherei. Das läuft völlig auseinander – je mehr die Polen zeigen, wie sehr ihnen das wehtut, desto mehr verdrängen es die Ukrainer. Solche Botschaft funktioniert einfach nicht.

Ebenso ist zu bedenken, was die Polen von den Ukrainern erwarten, und zwar eine kritische Reflexion der eigenen Geschichte. Die polnische Geschichte haben wir nämlich – mehr oder weniger – aufgearbeitet. So haben wir das Verbrechen von Jedwabne dank Jan Tomasz Gross einigermaßen verarbeitet. [Mit seinem Buch „Nachbarn“ machte Gross erstmals publik, dass das Massaker an den jüdischen Bewohnern der im Nordosten des heutigen Polen gelegenen Ortschaft Jedwabne im Juli 1941 nicht von den deutschen Besatzern, sondern von Polen begangen worden war; A.d.Ü.]. Seit den 1990er Jahren werden wir dazu erzogen, direkten, plumpen nationalistischen Stolz zu vermeiden, wir bekennen uns zu den Dingen, die wir getan haben. Das war eine große Bewegung, die übrigens von den heutigen Rechten infrage gestellt wurde, das heißt von denselben Leuten, die jetzt am meisten auf die Ukrainer losgehen.

Ein Mann schaut in Richtung Kamera.
Ziemowit Szczerek © PAP/Jarek Praszkiewicz

Präsident Selenskyj war sich doch im Klaren darüber, dass er mit der Benennung einer Einheit in „Helden der UPA“ Warschau in Rage versetzen würde.

Natürlich wusste er, wie Warschau auf die UPA reagiert. Aber Selenskyj sieht, wie sich die ukrainischen Nationalisten dieses Thema aneignen, wie es normalisiert wird und einfach in der Armee beliebt ist. Selenskyj ist immer noch in der Armee sehr schlecht angesehen, deshalb verbündet er sich mit Andrij Bilezkyj, mit jemandem, der seit der Unabhängigkeit der Ukraine immer schlicht ein Faschist war. Nach dem Majdan [nach den als „Euromajdan“ oder „Revolution der Würde“ bezeichneten Protesten auf dem Kyjiwer Majdan von 2013/14, die zum Sturz des prorussischem Präsidenten Wiktor Janukowytsch führten; A.d.Ü.] gründete er eine Militärschule und einige Militäreinheiten, darunter das Asow-Bataillon. Er stattete sie mit Abzeichen aus, die sich an Nazisymbolik anlehnen. Zum Beispiel ist das Symbol des Asow-Einheiten die Wolfsangel, die von Neonazis benutzt wird, auch wenn Bilezkyj etwas anderes behauptet. Er ist derzeit der einflussreichste Militär in der Ukraine. Er hat unter dem Namen Drittes Armeekorps eine eigene Einheit aufgestellt, und Selenskyj will sich gut mit ihm stellen. Daher hat er sich einverstanden erklärt, als der Vorschlag gemacht wurde, Einheiten den Namen UPA zu geben, wobei er wohl nicht damit gerechnet hat, welch heftige Reaktion gerade das in Warschau auslösen würde. In der Ukraine gibt es schließlich seit langem UPA-Straßen, [dem UPA-Kommandeur Stepan] Bandera gewidmete Denkmäler und sogar nach Roman Schuchewytsch [UPA-Kommandeur, dem Kollaboration mit den Deutschen bei der Verfolgung von Juden und Partisanen vorgeworfen wird; A.d.Ü.] benannte Straßen. Warschau bekundet hin und wieder seinen Unmut darüber, unternimmt aber eigentlich nichts dagegen. Deshalb nahm Selenskyj an, eine weitere Benennung nach Bandera oder UPA, für die es Unmengen an Denkmälern gibt, würde nicht zu einem solchen Eklat führen.

Braucht die Ukraine die UPA, um ein neues, patriotisches Narrativ zu kreieren? Umfragen zeigen, dass die Menschen noch vor ein paar Jahren eine negative oder neutrale Einstellung zur UPA hatten, aber jetzt wächst die Zustimmung.

Das ist genau das, wovon ich spreche. Wenn sich im Krieg solche Narrative verbreiten, wie sie vom Militär und von Veteranen gepflegt werden, dann bleiben sie haften. So wie das Narrativ von der UPA die Leute gepackt hat, ebenso wie Bilezkyjs Narrativ Wirkung gezeigt hat. Ob solche Narrative aber gebraucht werden, das vermag ich nicht zu entscheiden. Im Allgemeinen ist es in der Ukraine nicht gelungen, das zu tun, was in Polen oder der Slowakei getan wurde, es wurde nicht Mal versucht. Die Slowakei hat den Kult um den Pater Jozef Tiso abgelehnt, der Chef des ersten slowakischen Staats war, weil er jedoch mit Hitler kollaborierte, funktioniert der Kult nicht. Genauso in Kroatien – dort gibt es keinen Ustaša- oder Pavelić-Kult. In der Ukraine ist es anders gekommen, weil ihre Staatsbildung unter anderen Umständen passierte. Die Ukrainer haben keinen Reflex, wie ihn alle andere mitteleuropäischen Länder haben, nämlich sich von den Nazis abzugrenzen.

Wenn wir uns die polnischen Kommentare zur Auseinandersetzung mit Kyjiw anschauen, dann ist einerseits zu hören, Präsident Nawrocki habe keine andere Wahl gehabt, als auf einen solch unfreundlichen Vorgang zu reagieren. Andererseits wird gesagt, Polen habe durch diesen Streit nichts gewonnen, weil die Einheit immer noch „Helden der UPA“ heiße und Polen nur eine Imageeinbuße erlitten habe. Hätte sich eine andere Lösung finden lassen?

Ich denke schon. Nichts zu tun, ist immer noch besser, als etwas Dummes zu tun. Zum einen hat Selenskyj davon profitiert – er hat bekommen, was er wollte, nämlich die Nation um sich herum zu konsolidieren und sein Ansehen in der Armee zu verbessern, weil er Entschlossenheit gezeigt hat. Nawrocki hat gleichfalls profitiert, weil er das nationale, radikal-aggressive Umfeld um sich geschart hat. Dagegen haben die Ukrainer in Polen verloren, und zwar gewaltig, weil beide Präsidenten, der ihres eigenen Landes und der des Aufnahmelandes, ihr Spielchen auf ihre Kosten getrieben und sie anfällig für die Attacken der polnischen Radikalen gemacht haben.

Zwei Männer stehen in einem großen Raum mit polnischen und ukrainischen Flaggen im Hintergrund.
Warschau, 19.12.2025, die Präsidenten Nawrocki (r.) und Selenskyj (l.) © PAP/Paweł Supernak

Hat der Krach die antiukrainischen Stimmungen in Polen aufgepeitscht?

Ich weiß nicht, ob bereits Umfragen gemacht wurden, aber es ist kaum vorstellbar, bestimmte Konsequenzen zu vermeiden. Im Internet gibt es eine Hetze wie nie zuvor. Das wird sicher im Alltag Auswirkungen haben.

Der Publizist Sławomir Sierakowski sagte in einem Interview, es komme Pogromstimmung in Polen auf.

Die gibt es schon seit einiger Zeit, und zwar seit die [rechtsradikale Partei] Konfederacja ihren Senf beiträgt. Zum Glück hat es noch kein Pogrom gegeben. Aber es ist offenkundig, wenn wir diese Stimmungen schüren, dann läuft es darauf hinaus. Ich nenne denjenigen einen Pogromisten, der sich dieser Rhetorik gegen die Ukrainer bedient.

Offenkundig profitiert Russland von all dem. Hat Moskau dabei seine Hand im Spiel?

Das weiß ich nicht. Manchmal ist es schlicht so, dass die Verhältnisse in Polen und in der Ukraine sich zugunsten Russlands auswirken. Hat Russland die Hand im Spiel, wenn Bilezkyjs Soldaten faschistische Abzeichen tragen? Ich weiß nicht. Aber gießt das Wasser auf die Mühlen der russischen Propaganda? Ganz sicher.

Können Polen und die Ukraine der Konfrontation aufgrund historischer Sensibilitäten nicht entgehen? Sie sagten, die Ukraine habe den Prozess nicht durchlaufen, dem sich Polen zum Teil in den 1990er Jahren unterzogen hat. Jetzt ist die Ukraine von etwas anderem in Beschlag genommen – sie wehrt sich gegen den russischen Angriff. Sollte sie sich damit befassen, wenn ruhigere Zeiten angebrochen sind?

Ich möchte den Ukrainern nicht sagen, was sie zu tun haben, zumal sie sehr empfindlich darauf reagieren. Ich meine aber, wenn sie der Europäischen Union beitreten wollen, dann müssen sie sich gewisse Standards der EU aneignen. Ich war nie ein Freund des ukrainischen Nationalismus. Er ist wirklich aggressiv, konfrontativ und unzugänglich; mit ukrainischen Nationalisten lässt sich kaum diskutieren. Wenn wir uns darauf einigen, die Europäische Union sei eine Organisation mit bestimmten unveräußerlichen Standards, dann sollten wir vielleicht von den Ukrainern bestimmte Zugeständnisse im historischen Gedächtnis verlangen. Je mehr sich die UPA dort festsetzt, desto schwieriger wird das. Aber vielleicht lässt sich wenigsten erreichen, die direkt für die Verbrechen verantwortlichen Politiker aus dem Pantheon zu verstoßen, Roman Schuchewytsch und andere.

Mit Ziemowit Szczerek sprach Wojciech Szymański.

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

Ziemowit Szczerek ist Journalist, Schriftsteller und Kolumnist. Ausgezeichnet mit „Paszport Polityki”, mehrfach nominiert für den „Nike“-Literaturpreis und den Mitteleuropäischen Literaturpreis „Angelus“.

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