Kultur

Daniel Chodowiecki: Berliner, Danziger, scharfsinniger Beobachter

Er war einer der gefragtesten Illustratoren seiner Zeit, ein herausragender Beobachter seiner Epoche. Vor dreihundert Jahren wurde in Danzig Daniel Chodowiecki geboren.
Eine Familie auf Reisen, die Kinder sitzen auf einem Esel.
Eine Familie auf Reisen, die Kinder sitzen auf einem Esel.
Chodowieckis Kupferstich „Wallfahrt nach Französisch-Buchholz“, 1775 © Public Domain

Daniel Chodowiecki (1726–1801) gehört zu den Künstlern, die tieferen Sinn in auf den ersten Blick alltäglichen Szenen zu entdecken vermögen. Der Zeichner, Maler und Grafiker war einer der interessantesten Beobachter seiner Zeit. Seine Zeichnungen halten den Alltag in der Epoche der Aufklärung fest, und zwar nicht in Gestalt der offiziösen Repräsentationsdarstellung, sondern aus der Sicht eines aufmerksamen Beobachters von Menschen, Straßenszenen und alltäglichen Vorgängen.

Chodowiecki feierte seine größten Erfolge in Berlin. Hier, in Preußens Hauptstadt, gewann er Ruhm und Vermögen. Gegen Ende seines Lebens wurde er zum Direktor der Königlichen Akademie der bildenden Künste ernannt. Dennoch vergaß er sein Leben lang nicht seine Heimatstadt Danzig. Intimster Ausdruck seiner Verbundenheit mit der Hafenstadt waren seine Reisebeschreibung und das Skizzenbuch „Die Reise von Berlin nach Danzig“.

Zwei Buchumschläge in deutscher und in polnischer Sprache.
„Daniel Chodowieckis Künstlerfahrt nach Danizg im Jahre 1773“ / „Daniela Chodowieckiego dziennik z podróży do Gdańska z 1773 roku” © Public domain

Kaufmann und Künstler

Daniel Nikolaus Chodowiecki kam am 16. Oktober 1726 in Danzig zur Welt, im Haus seiner Familie an der Heilig-Geist-Gasse Nr. 54 (allerdings weisen neuere Untersuchungen auch das Haus am Englischen Damm 1 (heute ul. Grobla) aus. Es war ein kleines, beengtes, dreistöckiges Haus, wie alle in der Nachbarschaft; auf dem Giebel trug es einen Pelikan, das Symbol elterlicher Liebe.

Chodowiecki wuchs in einem für das alte Danzig typischen Milieu heran, nämlich dem der kosmopolitischen und polyglotten Bürgerschaft. Seine Familie hatte polnische, französische und deutsche Wurzeln: Die Vorfahren des Vaters stammten aus einem Geschlecht großpolnischer Dissidenten, die Mutter kam aus einer Familie französischer Hugenotten. Im Hause wurde vorwiegend deutsch gesprochen, gelegentlich aber auch polnisch, die Sprache der Wahl blieb das Französische. Das Familienvermögen beruhte auf dem Handel, allerdings pflegte die Familie stets ein reges Interesse für die Kunst.

Somit lässt sich behaupten, der angehende Künstler sei in einem Umfeld aufgewachsen, in dem verschiedene Sprachen, Kulturen und Traditionen auf das Selbstverständlichste zusammentrafen. Doch war seine Zukunft keineswegs fest vorherbestimmt – ganz im Gegenteil.

Ein Kupferstich mit mehreren Personen.
„Der Raubdruck“, ein Kupferstich von Daniel Chodowiecki über die Teilung Polens, 1781 © IMAGO / H. Tschanz-Hofmann

Im Alter von siebzehn Jahren übersiedelte der Jüngling nach Berlin. Nicht um Kunst zu studieren; denn er hatte die Absicht, seine Kenntnisse der Gepflogenheiten des Handels zu vertiefen und sich auf den Beruf des Kaufmanns vorzubereiten. Er volontierte bei einem Onkel, der einen Handel mit Haushaltswaren betrieb. Der junge Chodowiecki hatte in Kommission die damals modischen Genreszenen auf Tabaksdosen auszuführen. Gleichwohl sollte sein eigentlicher Weg zur Kunst erst später beginnen. Das Berliner Umfeld bot dem Praktikanten reichliches Anschauungsmaterial für seine wachsende Neugier. Im Medium von Feder‑ und Bleistiftzeichnungen skizzierte er Bäume und Tiere, Straßenszenen und fertigte Porträts von Angehörigen an. Allmählich wurde die Beobachtung der Umwelt aus einer bloßen Liebhaberei für müßige Stunden zu seiner wahren Passion.

Jedoch erst im Alter von dreißig Jahren traf er den Beschluss, das Handelsgeschäft endgültig aufzugeben. Er wurde Künstler, auch wenn er dazu keine akademische Ausbildung durchlief. Seinen künstlerischen Rang verdankte er daher überwiegend seinen autodidaktischen Studien, seiner beharrlichen Arbeit und seinem Beobachtungsvermögen.

Berliner

Der Durchbruch kam mit der Entscheidung für die Kunst. Chodowiecki erobert sich mit der Zeit eine prominente Stellung in der Künstlerwelt von Berlin. Besonders machte er sich einen Namen als Buchillustrator, einer Spezialisierung, die ihm Ruhm und Vermögen einbrachte.

Er illustrierte die Werke der berühmtesten Schriftsteller seiner Zeit, darunter Goethe, Schiller, Diderot und Voltaire. Seine Kupferstiche fanden zudem Eingang in enzyklopädische Werke. Da grafische Buchillustrationen in Mode waren, erlangte er so einen hohen Grad an Bekanntheit. Zugleich entsprach das Medium perfekt seinem Talent für die Beobachtung von Menschen und die Präsentation der Welt in kleinen, sorgfältig komponierten Szenen.

Ein Kupferstich mit Personendarstellungen.
Eine Vignette zu Goethe’s Werther: Lotte im Ballanzug schneidet für ihre Geschwister Brot ab, indem Werther zur Thür hereintritt, um sie zum Balle abzuholen. © Wikimedia Commons

Chodowiecki hat ein erstaunlich umfangreiches Œuvre hinterlassen. Es sind allein viertausend Zeichnungen von ihm erhalten, zweitausend Radierungen und einige Dutzend Gemälde.

Seine künstlerische Laufbahn verlief geradlinig. 1797 wurde Chodowiecki Direktor der Königlichen Akademie der Künste in Berlin. Der Künstler, der als Siebzehnjähriger nach Berlin gekommen war, um sich in die Geheimnisse des Handelsgeschäfts einweihen zu lassen, hatte den Gipfel des Berliner Kunstlebens erklommen.

Berlin wurde sein Zuhause, doch vergaß Chodowiecki darüber nicht seine Danziger Heimat. Denn Jahre später reiste er noch einmal dorthin zurück, nunmehr schon als gereifter Künstler, der seinen Erinnerungen nachzugehen trachtete.

Die Reise nach Danzig

Wichtigstes Zeugnis dieser Rückkehr in die Heimat ist das „Journal d’un voyage à Danzig“ [3. Juni bis 20. Juli 1773; Original frz.; die jüngste deutschsprachige Ausgabe ist: Die Reise von Berlin nach Danzig, Bde. 1–2 (Skizzen u. Tagebuch), hg. v. Willi Geismeier, Berlin: Nicolai, 1994]. Das Tagebuch zeichnet nicht allein den Weg und den Aufenthalt in der Heimatstadt auf. Dazu gehören noch 108 Zeichnungen, die uns einen noch tieferen Einblick in Chodowieckis Welt erlauben als allein seine Worte.

Gerade am „Tagebuch“ wird deutlich, auf welche Art Chodowiecki die Welt betrachtete. Er beließ es niemals dabei, nur das Offizielle und Repräsentative wiederzugeben. Ihn interessierten das gewöhnliche Leben, die Menschen, das Detail. Die Zeichnung war sein Medium zur Aufzeichnung der Realität, die er zusätzlich mit einem persönlichen Kommentar zu einer Welt versah, die ihm seit Kindertagen vertraut war.

Eine schwarz-weiß Radierung zeigt einen Mann vor einem historischen Gebäude.
Daniel Chodowiecki bei einem Besuch in Danzig © IMAGO / H. Tschanz-Hofmann

Als er Danzig nach so vielen Jahren wiedersah, war das für ihn daher eine bestimmte Stadt, aber auch ein Ort der Erinnerung. Es war der Raum seiner Kindheit, seines Vaterhauses und ein Abschnitt seiner Biographie, aber auch eine Stadt, welche der Künstler nunmehr aus der mittels seiner Berliner Jahre gewonnenen Distanz betrachten konnte.

Das ist wohl der Grund, aus dem das „Tagebuch“ eine Bedeutung gewinnt, die über das persönliche Erinnerungsalbum hinausgeht. Es ist ein Zeitdokument und ein Zeugnis für den Blick eines Menschen, der Danzig aus der Innenperspektive kannte, die Stadt aber nach Jahren ganz neu zu sehen vermochte.

Die Erinnerung an Chodowiecki

In Danzig bestehen vieler Arten Erinnerungen an Chodowiecki weiter. Sein Porträt als Flachrelief ist am Erker der Fassade des Bankgebäudes an der Okopowa-Straße (Wiebenwall) zu sehen, nebst anderen um die Stadt verdienten Persönlichkeiten. In der Freien Stadt Danzig wurde 1926 anlässlich des 200. Jahrestages seiner Geburt an Chodowieckis Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht; das Haus wurde 1945 zerstört.

Eine Straße des Danziger Stadtteils Wrzeszcz/ Langfuhr trägt seinen Namen. Der frühere Chodowiecki-Weg, die heutige ulica Chodowieckiego, befindet sich in dem Danziger Viertel Aniołki/ Aller Engel. Die Erinnerung an den Künstler reicht übrigens über Danzigs Grenzen hinaus. 1992 gründete Günter Grass die Daniel-Chodowiecki-Stiftung, die neben anderen Aktivitäten Preise an Grafiker und Zeichner aus Polen und Deutschland verleiht.

Ein Kupferstich stellt eine Familie dar.
Chodowiecki und seine Familie: „Cabinet d’un Peintre“, 1771 © Public domain

Es gibt allerdings auch ein weniger beschauliches Kapitel in der Geschichte des Chodowiecki-Gedenkens. In den 1980er Jahren kam die Idee auf, in Danzig eine neue Gedenktafel zu platzieren. Den Entwurf dafür lieferte der Bildhauer Zygfryd Korpalski, und für den Text wurde der Danzig-Historiker Andrzej Januszajtis als Berater herangezogen.

Doch aus dem Projekt wurde nichts. Denn die Zensurbehörde verweigerte ihre Zustimmung und verwies nicht zuletzt auf den deutsch klingenden Namen von Chodowieckis Vater (Gottfried), den Mädchennamen seiner Mutter (Ayrer) sowie seinen Sterbeort (Berlin). Es half nicht einmal, Chodowieckis eigene Worte zu zitieren: „Ich mache mir eine Ehre daraus ein wahrer Pole zu sein, auch wenn ich mich als erster Chodowiecki in Deutschland niedergelassen habe.“

Nach dem politischen Umbruch in Polen von 1989 konnte das Chodowiecki-Gedenken wieder Einzug in die Stadt halten, ganz ohne dergleichen Quisquilien. 2009 wurde aufgrund einer Bürgerinitiative in einem Park an der Küste eine Chodowiecki-Büste enthüllt. Sie ist Bestandteil der Freiluftausstellung „Große Danziger“.

Ausstellungen

Im Herbst 2026 erinnern anlässlich des 300. Geburtstages Chodowieckis die Städte Berlin und Danzig an den geschätzten Künstler. Es finden zahlreiche Jubiläumsausstellungen und Vorträge statt, bei denen es um sein Werk, aber auch um seinen aktiven Anteil am Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit geht.

Das Nationalmuseum in Danzig kuratierte eine vierteilige Ausstellung unter dem Titel „Achteinhalb Wochen. Daniel Chodowiecki“. Der vierte und letzte Teil wird in der Abteilung für Alte Kunst gezeigt und wird bis Ende Oktober 2026 geöffnet sein.

Innerhalb dieses vierteiligen Zyklus werden die wichtigsten Schaffensgebiete Chodowieckis präsentiert. Im ersten Ausstellungsteil ging es um die Anschauungen der Aufklärung zur Familie, im zweiten um soziale Sensibilität und Sinn der Beobachtungen Chodowieckis, der dritte stellte seine Tätigkeit als Lehrer vor. Im aktuellen vierten Teil werden des Künstlers weite Horizonte und seine zahlreichen Begegnungen mit hervorragenden Persönlichkeiten seiner Zeit vorgestellt.

Worauf geht der Ausstellungstitel zurück? „Achteinhalb Wochen“ bezieht sich auf die konservatorischen Anforderungen zur Ausstellung von Werken auf Papier. Jeder Abschnitt der Ausstellung dauert genau acht Wochen; das ist die Maximalzeit, in der die lichtempfindlichen Radierungen und Zeichnungen gezeigt werden können, ohne Schaden zu nehmen. Die zusätzliche halbe Woche dient dazu, die Exponate auszutauschen und den nächsten Abschnitt des Zyklus vorzubereiten.

Eine Reihe von Radierungen in schwarz-weiß.
Radierungen aus der Reihe „Totentanz“ von Chodowiecki, 1791 © Public domain

Zu den Danziger Jubiläumsveranstaltungen wurde weiters die Sonderausstellung „Mein Leben lang zeichnete ich das Leben. Zum dreihundertsten Geburtstag Daniel Chodowieckis“ vorbereitet, die im Museum der Stadt Danzig zu besichtigen ist. Im Rechtstädtischen Rathaus wurden fast zweihundert Arbeiten präsentiert: Meisterporträts, Buchillustrationen und einzigartige Radierungen, welche die damaligen sozialen Ungleichheiten dokumentieren. Der Hauptteil der Ausstellung ist der erwähnten Reise des Künstlers nach Danzig von 1773 gewidmet. Die Ausstellung bleibt bis zum Geburtstag des Meisters für das Publikum geöffnet, also bis zum 16. Oktober.

In Berlin wiederum wird aus demselben Anlass im Hugenottenmuseum bis zum 25. Oktober die Ausstellung „Chodowiecki 300. Zwischen Kunst und Konfession“ zu sehen sein. Wie die Kuratoren betonen, wird erstmals ein komplexes Gesamtbild von dem spannungsreichen Verhältnis zwischen dem in ganz Europa geschätzten Werk des berühmten Grafikers und Kupferstechers und seiner starken Verwurzelung in der Berliner Hugenottengemeinde gezeigt.

Die Ausstellung stellt eine einzigartige Auswahl an Zeichnungen, Grafiken, historischen Büchern, Medaillen und kunsthandwerklichen Erzeugnissen aus dem Archiv und den Sammlungen des Französischen Doms in Berlin vor. Die für diese Kirche von Chodowiecki geschaffenen Werke befinden sich an der Grenze zwischen reformiertem Glauben, aufklärerischen Ideen, bürgerlichem Engagement und künstlerischer Freiheit. Seine für ihn typischen Bilder und andere Arbeiten hinterließen zahlreiche Spuren im Französischen Dom, womit sie die Erinnerungskultur der Berlin-brandenburgischen Hugenottengemeinde dauerhaft geprägt haben.

Auch das Schlossensemble im brandenburgischen Neuhardenberg schließt sich den Jubiläumsveranstaltungen an. Das Schloss präsentiert die Ausstellung „Die zwölf Leben des Daniel Chodowiecki. Eine Wiederentdeckung zum 300. Geburtstag“. Die Ausstellung ist bis Ende des Jahres für das Publikum geöffnet.

Der Künstler als Zeitzeuge

Daniel Chodowiecki lebte zwischen mehreren Welten. Er kam in Danzig zur Welt, in einer multikulturellen Familie, als Erwachsener wählte er Berlin zum Wohnsitz, und seinen Platz in der Kunstgeschichte eroberte er sich vor allem als Zeichner und Grafiker. Doch ließ er an seiner Herkunft aus Danzig nie einen Zweifel. Denn als er nach langen Jahren seine Heimatstadt besuchte, setzte er ihr in seinen Zeichnungen ein Denkmal.

Zwei Paare, links fein gekleidet, rechts leicht bekleidet.
Kupferstich aus „Natürliche und affektierte Handlungen des Lebens“, 1778 © Wikimedia Commons

Vielleicht steht sein Werk deshalb auch dem heutigen Betrachter noch so nah. Chodowiecki sah die Welt nicht nur mit den Augen des Künstlers. Er betrachtete sie als aufmerksamer Beobachter. Er interessierte sich dafür, was rings umher passierte: Mensch, Straße, Gebärde, Alltag. Das normale Leben war für ihn ein der Aufzeichnung würdiges Thema.

Und dank seiner aufmerksamen Beobachtung können wir auch nach fast drei Jahrhunderten immer noch einen Blick auf die Welt tun, wie er sie sah.

Chodowieckis Danzig ist daher nicht nur eine Stadt der Vergangenheit. Es ist eine dem Gedächtnis überantwortete Stadt, überantwortet durch den Strich eines Menschen, der zu schauen verstand.

Zur Ergänzung empfehle ich den wunderbaren Animationsfilm „Chodowiecki“ von Jakub Pączek, der auf YouTube angeschaut werden kann.  

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