Die Geschichte beginnt mit einer Bombe, produziert „irgendwo in den entlegenen Fabriken im Osten, inmitten von Kälte und Hässlichkeit, in Hallen, worin im Lärm der Maschinen Gefangene arbeiteten.“ Im März 1945 fällt die Bombe auf ein Mietshaus in der belagerten Festung Breslau.
Bereits in der ersten Szene des Buches haben die noch namenlosen Deutschen ihren Auftritt. Für sie endet gerade ihre gewohnte Welt. Im Keller, dem einzigen einigermaßen sicheren Ort, „begann […] jemand, laut zu beten, und weil die Leute schon einige Tage dort saßen, waren einige halb verrückt geworden. – ,Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: „Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue.“‘“ Das Gebet bewahrt die Menschen vor dem Tod, an diesem Tag überleben sie noch einmal. Doch ob das günstige Schicksal an den nächsten Tagen vorhält?
Während die Handlung sich in das Jahr 1946 verlagert, wird das von der Bombe in Mitleidenschaft gezogene, aber vorläufig noch bewohnbare Haus zum Ausgangspunkt für den Plot von „Świata jest za dużo“ (Zu viel der Welt), dem lange erwarteten neusten Roman von Olga Tokarczuk.
In dem arg mitgenommenen Haus begegnen sich die Menschen, mit deren Schicksal Leserinnen und Lesern auf nahezu 700 Seiten vertraut gemacht werden. Es sind Aussiedler aus den von der Sowjetunion annektierten Ostgebieten der Zweiten Republik Polen, die wie durch ein Wunder dem von ukrainischen Nationalisten begangenen Wolhynien-Massaker (1943–1945) entgangen sind, und Zuzügler aus Zentralpolen, die in den soeben von Polen erworbenen Gebieten ihr Glück, Vergessen und neue Möglichkeiten suchen wollen. Es sind Gerettete aus der Shoah, denen das Manuskript des letzten Werks eines gewissen Lehrers aus Drohobycz [gemeint ist der im dortigen „jüdischen Wohnbezirk“ ermordete polnisch-jüdische Künstler, Schriftsteller und Zeichenlehrer Bruno Schulz (1892–1942); A.d.Ü.] in die Hände gefallen ist, und es sind polnische Remigranten aus Frankreich, die auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit vor dem Zweiten Weltkrieg dorthin emigriert waren. Da gibt es den Polen Szuber, der seine wahre Vergangenheit verschweigt und sich als Majordomus geriert, aber auch „Szubers Deutschen“, dem es noch nicht gelungen ist, in das von den Alliierten besetzte Restdeutschland auszureisen.
„He, he, Alois!, rief Szuber in Richtung der klaffenden Fensterlöcher des Hauses. Sein Gesicht war gerötet, er hatte sich gerade vor dem an der Wand aufgehängten Spiegel rasiert. Es hörte sich so an, als ob er das ganze durchlöcherte Haus Alois nannte.
Das Haus antwortete nicht.
Komm zu uns raus, zeig dich, du deutscher Hundsfott.
Szubers Deutscher war sehr hager, von mittlerem Wuchs, er hatte eine, man könnte sagen, jungenhafte Gestalt – seine Bewegungen waren unsicher, zaghaft, und seine auffallend roten Haare gaben seinem mickrigen Äußeren ein irritierendes Aussehen, als ob er einer anderen Spezies angehörte. Als er näherkam, war zu sehen, woher sein schwankender Gang kam – er hinkte auf einem Bein.“

Unter Tokarczuks Figuren ist noch ein anderer, wie durch ein Wunder aus dem griechischen Bürgerkrieg geretteter Bursche, nebst etlichen weiteren Figuren. Und sie alle, gemeinsam mit den schon genannten, bilden ein eigentümliches Konglomerat, eine Mischung der Herkunftsländer, die sich in den „erworbenen“ (und keineswegs „wiedergewonnen“) Gebieten niedergelassen haben [Ziemie Odzyskane („Wiedergewonnene Gebiete“) war in Polen nach 1945 die offizielle Bezeichnung für die vormaligen reichsdeutschen Gebiete im Norden und Westen; A.d.Ü.] Diese Territorien sollten infolge der Beschlüsse der Konferenzen der Alliierten von Teheran (1943) und Jalta (1945) zu einem eigentümlichen Labor werden, zum Beweis dafür, dass sich auf den Trümmern einer alten, in Verruf geratenen, vom Bösen angefressenen Welt eine neue Welt aufbauen ließ.
„Eine Art Pflicht“
Olga Tokarczuk hat sich sehr lange darauf vorbereitet, einen Roman über die Geschichte einer Region zu schreiben, aus der sie selbst stammt und die ihr besonders am Herzen liegt. Sie hat mehrfach davon gesprochen, wie diese Vorbereitungsphase 2019 abrupt unterbrochen wurde, als ihr nämlich die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis zuerkannte für ihre „narrative Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft Grenzüberschreitung als Lebensform repräsentiert“. Sie musste die Arbeit an einem Buch aufschieben, das zu schreiben sie für ihre Pflicht hielt.

Sie bekennt, schon immer gewusst zu haben, die Geschichte der Menschen, unter denen sie aufgewachsen war und deren Biografien sie als Kind angehört hatte, aufzeichnen und in Literatur verwandeln, ihre Lebensgeschichte, ihre von der Geschichte des 20. Jahrhunderts durchgerüttelten Schicksale erzählen zu müssen. „Das war eine besondere Welt“, sagte sie unlängst in einem Interview im Dritten Programm des Polnischen Radios.
Allem Anschein nach hat die Schwedische Akademie damals sehr treffend benannt, was die Autorin auch in ihrem jüngsten Buch „Świata jest za dużo“ tut; denn dies ist eine epische Erzählung von der Grenzüberschreitung, darunter derer, die im Menschen selbst liegen; es ist die Aufzeichnung einer geradezu enzyklopädischen Leidenschaft für die Wiedergabe von Realitäten, innerhalb derer in den von Polen erworbenen Gebieten eine neue Ordnung entstand; es ist ein weiterer Beweis für ihre unerschöpfliche Fantasie und Gabe zur Erfindung eines Handlungsgangs voller Überraschungen.
Ohne ein Urteil zu fällen
Tokarczuk versteht es gekonnt und geschickt, wenn auch selbstverständlich in Fiktion eingebettet, die Welt an der Wende von den 1940er zu den 1950er Jahren wiederentstehen zu lassen und uns die Komplexitäten im Schicksal ihrer Figuren vor Augen zu führen.
Sie gibt dem Leser die Chance zu verstehen, wie ihre Gestalten diese oder jene Wahl treffen, ohne selbst ein Urteil zu fällen. Können wir der polnischen Jüdin, die während des Krieges alle Angehörigen und Freunde und alles Habe verloren hat, wirklich daraus einen Vorwurf machen, dass sie in einem mit dem puren Bösen assoziierten Land nicht mehr leben will, und dass auch die „neuen“ Gebiete keine Hoffnung aufkommen lassen, in Ruhe fortleben zu können? Ist das Mädchen zu tadeln, das im Krieg gedemütigt und ausgenutzt wurde und sich an dem Mann rächt, der ihr Leid zuzufügen versucht? Ist das Heimweh nach dem Haus schwer zu verstehen, aus dem die Menschen verjagt wurden, und die Abneigung, sich in die neuen Gegebenheiten einzufinden? Ist es verwunderlich, wenn jemand eine falsche Identität annimmt, seinen neuen Bekannten eine neue Version seiner selbst vorspiegelt und noch dazu sich aufführt als jemand, der mit harter Hand und voller Hass gegen die alten Bewohner des Landes an der Oder vorgeht? Nimmt es schließlich Wunder, wie angsterfüllt die Deutschen sind, die den totalen Niedergang überstanden haben und zu Geiseln der neuen Ordnung geworden sind?

Es ist beachtenswert, welches Gewicht Tokarczuk in ihrem neuen Roman darauf legt, von allen Figuren ausgewogen und ohne Vorurteil zu erzählen. Sie durchleuchtet ihre Handlungen und Motive, davon nicht ausgenommen diejenigen ihrer deutschen Figuren. Da sind die namenlosen Opfer der Festung Breslau, da sind die Vertriebenen und schließlich diejenigen, die von den Kommunisten gezwungen wurden, auf Posten zu bleiben, weil ohne ihre Kenntnisse und Fähigkeiten die meisten Betriebe, von den Bäckereien bis zu den Hütten und Bergwerken, ihre Arbeit nicht wieder hätten aufnehmen können. Das ist auch der eingangs erwähnte Alois, „Szubers Deutscher“ oder vielmehr „deutscher“ (niemiec), weil damals das Wort aus nachvollziehbaren Gründen im Polnischen klein geschrieben wurde, der sich in der neuen Realität zurechtzufinden versucht und sich zwei Gesichter gibt, indem er einerseits Botengänge macht und andererseits dubiose Geschäfte betreibt. Und der unablässig nach seiner Mutter sucht, die er während der Belagerung in einem Keller zurückgelassen hat, in der ständigen Hoffnung, sie noch am Leben anzutreffen. Doch interessanterweise gehören dazu auch Nazisoldaten, die finster entschlossen sind, den Kampf im Untergrund bis zum bitteren Ende, bis zum letzten Blutstropfen fortzusetzen, weil sie immer noch an die Sinnhaftigkeit der alten Welt glauben, obwohl diese doch mit dem Sturm auf Berlin und Hitlers Selbstmord untergegangen ist. Was bringt sie dazu, Jahre später immer noch auf der verrufenen und mörderischen Ideologie zu beharren? Entbehrte nicht dieser Widerstand jeden Sinnes?
Je nachdem welcher Generation sie angehören, wird das neue Buch der Nobelpreisträgerin für polnische Leserinnen und Leser ein ergänzendes Narrativ zu den Westgebieten des Polen der Gegenwart sein, über die Komplexität der Geschichte ihrer Einwohner, über das neue soziale Gefüge, das dort geschaffen werden konnte. Oder – insbesondere für Leser der jüngeren Generation – eine Exkursion in die Wunderwelt, in der das Böse und das Gute miteinander verwoben waren, in der alles möglich war und doch die Wunden verheilten.
Und was wird der Roman für deutsche Leserinnen und Leser sein, wenn erst die Übersetzung erschienen ist? Vielleicht eine weitere Erklärung dafür, was doch unvermeidlich war und wovon Walter Kempowski so großartig in seinen Romanen schrieb? Vor achtzig Jahren endete für die Vorfahren der heutigen Deutschen unwiederbringlich eine Welt, an die sie glaubten, eine Welt des Glaubens an den Übermenschen, der Gewalt, der Verachtung, des Nihilismus, der Ausbreitung des Bösen im Namen von vermeintlich erhabenen Ideen. Tokarczuk schreibt in „Świata jest za dużo“ in Bezug auf die Breslauer Realitäten des Jahres 1946 und eine ihrer Frauengestalten, die im Viehwaggon aus dem Osten an die Oder gekommen ist:
„Sie schritt weiter über den Markt und betrachtete mit Neugier die Handel treibenden deutschen Frauen oder die älteren deutschen Männer. Einige scheuten nicht davor zurück zu betteln, in der Hoffnung auf christliches Mitgefühl. Sołomija ging an ihnen vorüber, und sie taten ihr wirklich leid, weil sie selbst keine Erfahrung damit hatte, von ihnen schlecht behandelt worden zu sein. Die Deutschen hatten verloren. Alle sahen, wie klein und schwach sie waren. Sie hatten sich schlimm verspielt. Jetzt verkauften die hochgewachsenen deutschen Frauen ihre Unterröcke für einen Krumen Brot, ihre eleganten Hüte für einen Apfel. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich an diesen Deutschen für ihre vergangenen Sünden zu rächen, ihnen ihre Waren aus der Hand zu reißen und damit fortzugehen. Wer würde schon für sie eintreten?“
Vielleicht wird das Buch die historischen Abläufe verständlich machen, die unausweichlich waren? Wer Hitler vertraute und ihm 1933 die Macht überließ, galt als mitschuldig, weil niemand, der ganz bei Verstand war, ihm die Ausflucht abnahm: „Ich habe nur Befehle ausgeführt.“

Die Welt von „Świata jest za dużo“ ist dicht und vieldeutig. Sie wimmelt nur so von unvorhersehbaren Kehrtwendungen und Gestalten. Sie überrascht und verleiht selbstverständlichen Dingen neue Bedeutung … Olga Tokarczuks neustes Buch ist eine universelle Erzählung vom Fortgehen, vom Unterwegssein, von der Wandelbarkeit von Grenzen, Ordnungen, Regimes und Gesetzen, die unsere Existenz bestimmen. Ebenso erzählt es von dem Bedürfnis zu vergessen, was schmerzt, auch wenn, wie Tokarczuk zeigt, sich die Traumata nicht auf Zuruf überwinden lassen, sondern nur durch bewusste und jahrelange Arbeit. Es ist ein Roman über die Hoffnung, eine bessere und gerechtere Zukunft schaffen zu können, in der alle, Männer wie Frauen, ihre Stimme zu Gehör bringen können. Es ist eine auf den Tatsachen beruhende Aufzeichnung des Zusammenlebens von Menschen von überall her, die es geschafft haben, ihre eigene Sprache wiederzufinden und eine neue Art zu begründen, miteinander an einem Ort zu leben, den sie gewählt haben oder der ihnen aufgezwungen wurde.
Aber Obacht, vielleicht ist das auch ein Text über den… „großen niederschlesischen Schriftsteller“, wie es nach Auskunft von Tokarczuk an der Oder hieß (oder immer noch heißt?), wenn die Leute von Bruno Schulz sprechen. Denn „Świata jest za dużo“ lässt sich nicht lesen, ohne darin eine Hommage an den Autor der „Zimtläden“ zu erkennen, einen großartigen Schriftsteller, dessen Leben von der Kugel beendet wurde, die ein Nazischerge im Ghetto von Drohobycz an der Kreuzung Czacki‑ und Mickiewicz-Straße auf ihn abfeuerte, und der, hätte ihn das Schicksal die Shoah überleben lassen, ganz gewiss nach Wrocław/ Breslau oder Wałbrzych/ Waldenburg gelangt wäre, den Städten der Helden des Romans?
Wie viele Leser, so viele Möglichkeiten der Interpretation – und das ist doch schließlich das Wichtigste an der Literatur.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann
Das Buch „Świata jest za dużo“ wurde am 14. Oktober in Polen offiziell vorgestellt. Die deutsche Übersetzung von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein ist bereits in Vorbereitung und erscheint voraussichtlich im Mai 2027 im Kampa Verlag.