Hunderttausende demonstrieren in Frankreich, Italien, Spanien und Albanien. Am 31. Oktober wollen auch in Deutschland junge Leute auf die Straße gehen. Die Protestwelle hat Polen bisher nicht erfasst. Trotzdem verfolgen die polnischen Medien aufmerksam die Zwischenfälle und Straßenschlachten in Paris und Mailand. Und warnen vor verheerenden Folgen.
Von den Protesten profitiert Russland
„Es gibt im Westen auch solche, die auf die westlichen Hooligans, die ihre Gesichter hinter schwarzen Kapuzen, Tüchern und Masken verstecken, mit Sympathie schauen. Manche Hooligans fühlen sich so sicher, dass sie ihre Fotos zusammen mit anderen Teilnehmern der Raubzüge und der Zerstörung ins Internet stellen“, schreibt Jerzy Haszczyński in „Rzeczpospolita“ (24/25.10.2026).
„Wer freut sich am meisten über das brennende Europa? Die Antwort: die Gegner Europas. Wladimir Putin ist der wichtigste Gegner dieses Europas, das jetzt die Hooligans aus verschiedenen Ländern schwächen, indem sie das Gefühl der Unsicherheit und der Bedrohung verstärken“, heißt es im Kommentar. Putin freut sich wahrscheinlich auch deshalb, weil die Wut einfacher Bürger auf die wütenden Hooligans zu fundamentalen politischen Veränderungen in Europa führen könnte, vor allem zum Sieg von Marine Le Pen in der Präsidentenwahl in Frankreich im kommenden Jahr.
„Hat Russland seine Finger im Spiel? Ist Moskau imstande, den Aufstand der Wütenden zu lenken?“, fragt Haszczyński und gibt die Antwort: „Joseph Conrad hat im ‘Geheimagent’ (Tajny agent) vor mehr als 100 Jahren literarisch bewiesen, Moskau kann es. Russland sparte damals nicht an Geld für Anarchisten in Europa. (…) Das kann aber nicht als Beweis in der aktuellen Situation gelten“, schränkt die „Rzeczpospolita“ ein.
Die Wut der Franzosen
Die „Gazeta Wyborcza“ (22.10.2026) sieht die Hauptursache der Proteste darin, dass die Franzosen „sich in ihrem Land nicht wie zu Hause fühlen“. Laut Mateusz Mazzini erinnert die explosive Situation an die sozialen Unruhen am Ende des18. Jahrhunderts, welche in die Französischen Revolution von 1789 mündeten. „Die verwüsteten Straßen von Paris zeigen, was geschieht, wenn alle einen starken Staat wollen, aber niemand zu seinem Erhalt finanziell beitragen will“, betont der Autor.
Mazzini hält den Ausbruch der gesellschaftlichen Unzufriedenheit für unvermeidlich. Die Tatsache, dass dieser Protest von Schülern und Studenten vom Zaun gebrochen wurde und anschließend durch Anarchisten, Hooligans und unüberlegte Kommentare vor allem durch Anführer der extremen Linken radikalisiert wurde, ist sekundär. Genauso wie die Hinweise auf eine russische Inspiration der Proteste. Das kann eine bequeme Ausrede sein. „Genauso gut hätten die Lastkraftfahrer, Landwirte, Taxifahrer und sogar Beamte die Mülleimer in Brand stecken und die Schaufenster zerschlagen können. Keine Rolle spielten die Hautfarbe oder Religion. Es gab (unter den Randalierern) Weiße und Nicht-Weiße, Christen, Atheisten und Muslime. Wichtig ist nur, sie alle sind Wutbürger der Französischen Republik“, schreibt Mazzini.
Das Kennzeichen des Staatsbürgers in Frankreich ist der „Empfang der Gelder oder Privilegien von der öffentlichen Verwaltung“. „Die Rentner wollen weiterhin wie Gott in Frankreich leben, Reiche wollen keine Steuererhöhungen und die Landwirte erwarten massive Zuschüsse“, erklärt der polnische Journalist. „Keine soziale Gruppe ist mit dem Funktionieren des Staates zufrieden. Weder Junge noch Alte, weder Reiche noch Arme. Es ist sehr gefährlich, weil sich in der ganzen Nation das Gefühl der Obdachlosigkeit verbreitet hat“, schreibt Mazzini.
Laut der „Gazeta Wyborcza“ kann weder die Rechte noch die Linke die Probleme des Landes lösen. Wenn Bardella, Le Pen, oder Jean-Luc Melenchon das Amt des Präsidenten erobern, wird sich die Situation in Frankreich nur noch weiter verschlechtern. Extreme Rechte und extreme Linke wollen den heutigen Staat demolieren, weil sie glauben, der Staat sei unreparierbar. Das wird zur weiteren Radikalisierung führen“, warnt Mazzini. Er hält einen Zusammenbruch des französischen Staates für möglich, was eine Schwächung der ganzen EU zur Folge hätte. In diesem Fall wird sich Russland „mit voller Wucht“ an der Seine engagieren, lesen wir in der „Gazeta Wyborcza“.
Das Ergebnis von Multikulti?
Die Wochenzeitung „Sieci“ sieht die Ursachen der Proteste in der multikulturellen Gesellschaft. Die Vorfälle in Frankreich, die auf Belgien und Italien ausstrahlen, seien „Anfälle der Kulturkonflikte“, urteilt Bronisław Wildstein. Der Begriff „multikulturelle Gesellschaft“ sei ein Widerspruch in sich. „Die Kultur ist eine Art der Organisation der Gesellschaft und die kann nicht auf verschiedene Art und Weise strukturiert werden, weil wir dann nicht mit einer Ordnung, sondern mit ihrem Gegensatz zu tun haben“, führt Wildstein aus.
Er schreibt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe Europa eine „Explosion des Hasses“ gegen die eigene, westliche Identität erlebt. Statt Assimilierung der Ankömmlinge wurde Multikulti propagiert, Vertreter anderer Zivilisationen sollten Europa bereichern. Die Migranten blieben allerdings fremd, ignorierten mit jeder weiteren Generation die westliche Zivilisation und behandelten sie mit immer größerer Verachtung. „Die Situation nutzen die Islamisten, die immer wirksamer in den Chaosregionen ihre Ordnung errichten. Diese Ordnung steht der westlichen Identität feindlich gegenüber“, lesen wir in dem nationalkonservativen Wochenmagazin.
Die neue Ukraine-Politik der USA
Die Wende Donald Trumps in der Politik gegenüber Russland und die zunehmend kritische Einstellung der USA gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj beunruhigt Polens Regierung. Die polnischen Medien kritisieren den Trump-Deal mit Putin über die Diesellieferungen nach Amerika und werfen den Vereinigten Staaten den Verrat der Ukraine vor.
Die Wochenzeitung „Polityka“ (43/21-27.10.26) bringt ein Interview mit dem Experten für internationale Politik Eugeniusz Smolar. Er präsentiert ein differenzierteres Bild der Weltlage, welches sich in manchen Aspekten vom Mainstream unterscheidet. „Die Bündnisse bestehen weiter, aber sie werden von der inneren Erosion erfasst, es fehlt an Vertrauen zwischen den Verbündeten“, betont Smolar. „Europa hat kein Vertrauen zu Amerika. Wir müssen auf uns zählen, wahrscheinlich mit Ausnahme der Nuklearverteidigung“, ergänzt der Experte.
„Washington und Peking haben ein Ziel – sie wollen den bewaffneten Konflikt vermeiden. (…) Beide sind sich bewusst, wie fundamental sie voneinander abhängig sind, sowohl in der Produktion als auch im Verkauf. Der Krieg in der Ukraine ist für sie eine Quelle der Irritation, weil Russland, mit Ausnahme der nuklearen Dimension, keine wesentliche Rolle in der Weltpolitik spielt. Deshalb will Trump diesen Krieg beenden. Deshalb greift er Selenskyj an, wenn er den Verzicht auf Donbass ablehnt“, erklärt Smolar.
Der Experte meint, Trump unterstütze auf keinen Fall Russland, „… ganz im Gegenteil, er greift ökonomisch und politisch Moskau an“. Aus dem Treffen mit Putin auf Alaska im August 2025 zog Trump den Schluss, Russland wolle keinen Frieden. Der Diesel-Deal habe das Verhältnis zwischen Washington und Moskau und die US-Politik gegenüber Russland nicht grundlegend geändert. „Putin weiß, Trump ist kein Freund von ihm. Noch mehr – ich glaube, Trump setzt die Politik von Joe Biden fort. Das Ziel ist die ökonomische und politische Schwächung Russlands im Krieg in der Ukraine. Im Falle eines Krieges mit China wäre die Eröffnung einer zweiten Front in Europa durch Russland das Letzte, was sich Amerika wünschen würde. Deshalb liegt das Ausbluten Russlands in der Ukraine im Interesse der USA“, meint Smolar.
Gesetzesinitiative gegen Flüchtlingshelfer
Die Situation an der polnisch-belarusischen Grenze befand sich jahrelang im Mittelpunkt des Interesses der Politiker und der Medien. Nach der fast vollständigen Abriegelung der Grenze durch einen hohen Zaun mit Stacheldraht, elektronischer Überwachung, starker Militärpräsenz sowie der Aussetzung des Asylrechts hat das Interesse nachgelassen. Premier Donald Tusk und andere Regierungsvertreter behaupten, die Grenze zu Belarus sei dicht, wodurch keine Migranten mehr ins Land kommen.
Umso merkwürdiger erscheint die Geschichte, über welche die „Gazeta Wyborcza“ (20.10.2026) berichtet. Die Zeitung macht auf den überraschenden Vorstoß des Innenministeriums aufmerksam, wonach die Strafen für Menschen, die im polnisch-belarusischen Grenzgebiet Flüchtlingen humanitäre Hilfe leisten, verschärft werden sollen.
Der stellvertretende Innenminister Czesław Mroczek soll demnach am 13. Oktober dieses Jahres vorgeschlagen haben, die geltenden Vorschriften, die für Schleuser eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren vorsieht, auf Fluchthelfer zu erweitern, die humanitäre Hilfe aus idealistischen Gründen leisten. Die vom Innenministerium vorgeschlagene neue Passage im Strafrecht sollte lauten: „Wer den weiteren Aufenthalt einer Person ermöglicht oder erleichtert, von der er weiß, sie halte sich in Polen rechtswidrig auf, unterliegt einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.“
Wie die „Gazeta Wyborcza“ berichtet, machte die Regierung – offenbar unter dem Druck der Öffentlichkeit – einen Rückzieher. „Selbstlose humanitäre Hilfe wurde niemals und wird weiterhin keineswegs vom polnischen Staat verfolgt“, hieß es einige Tage später auf der Internetseite des Innenministeriums. Der Regierungsvorschlag war grausam und stellte die Menschen vor die Alternative: „dem Menschen in Not helfen und ins Gefängnis gehen, oder ihm kein Essen, keine Decke geben, die Tür vor der Nase schließen, um selbst frei zu bleiben“.
Viele Helfer aus dem Grenzgebiet kündigten „gesellschaftlichen Ungehorsam“ an. Der gescheiterte Vorstoß zeugt laut „Gazeta Wyborcza“ von einem „Rechtsruck“ der Tusk-Regierung. Die Redaktion verweist auf deren gegen Migranten gerichtete Rhetorik. „Wenn 2027 die rechten Parteien die Parlamentswahl gewinnen, werden sie mit Sicherheit auf die Ideen dieser Koalition zurückgreifen“, warnt die liberale Tageszeitung.