Vor zwei Jahren erschien mein Buch „Oderland. Eine Reise durch die Wiedergewonnenen Gebiete“. Bis ganz zum Schluss grübelte ich, wie der vermaledeite Begriff „Wiedergewonnene Gebiete“ am besten zu handhaben sei. Ich hatte das Gefühl, die Region, um die es ging, bräuchte eigentlich eine neue Sprache, deshalb schlug ich den frei erfundenen Namen „Odrzania“ vor. Und obwohl natürlich einige Teile der Wiedergewonnenen Gebiete an ganz anderen Flüssen und Städte wie Danzig entgegen meiner Konzeption an der Weichsel liegen, wollte ich auf diese Weise die Besonderheit dieses Gebiets gegenüber dem anderen Polen, diesem polnischen Polen, dem Weichselland herausstellen (dem fügte ich dann noch ein drittes Polen hinzu, das noch auf seine Biografen wartet, „Transbuganien“, das Land jenseits des Bugs). Ich stand übrigens nicht allein mit meiner Suche nach einem neuen Namen da. In den letzten Jahren gab es einen ganzen Haufen von Namensvorschlägen für die Wiedergewonnenen Gebiete: Ziemowit Szczerek schlug vor Poniemiecja (Land nach den Deutschen); Sławomir Sochaj Niedopolska (Nochnichtpolen); Tomasz Bonek Repatrland (Land der Repatriierung); Karolina Ćwiek-Rogalska Ziemie (die Gebiete); Filip Springer Kraina (das Land). Fast jeder, der sich als Sachbuchautor mit diesem Thema auseinandersetzt, stellt solche Versuche an.
Und obwohl ich den Begriff der „Wiedergewonnenen Gebiete“ schließlich in den Untertitel des Buchs aufnahm, befasste ich mich doch in der einzigen Anmerkung des ganzen Bandes damit, mich wieder davon zu distanzieren. Damals empfand ich das als notwendig. Nach Dutzenden von Autorenlesungen und Hunderten von Gesprächen mit Leserinnen und Lesern hat sich das inzwischen geändert. Heute bin ich der Meinung, der Begriff „Wiedergewonnene Gebiete“ passt und ich sollte ihn ohne Vorbehalte verwenden.
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Zuerst war ich der Ansicht, es handle sich immer noch um einen Propagandaausdruck, der am besten zu vermeiden sei. Er wurde freilich erstmals benutzt, als Polen 1938 das tschechische Olsagebiet annektierte, doch richtig in Umlauf kam der Begriff erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Bezug auf die vormals deutschen Gebiete (noch so ein heikles Wort). Mir war seine politisch-ideologische Vorbelastung klar: seine Herkunft aus der kommunistischen Propaganda; die Tatsache, dass sich Städte wie Breslau seit Jahrhunderten nicht mehr im Dunstkreis der polnischen Geschichte befunden hatten; dass es unlogisch ist, davon zu sprechen, etwas zurückzugewinnen, das dir nie gehört hat, und dass etwa Stettin, ganz ehrlich gesagt, mit Polen nie zu tun gehabt hatte. Und so weiter…
Doch andererseits sprach ich während der Arbeit an dem Buch mit den letzten noch lebenden Siedlern und las ihre Memoiren, und verstand eines immer besser: Diese Propaganda seitens des Staates und der katholischen Kirche hatte den Nutzen, den Menschen das Gefühl zu vermitteln, nicht die Eroberer zu sein – eine Sichtweise, die im Falle der sowjetischen Besiedlung der Oblast Kaliningrad der Wahrheit näherkam – vielmehr diejenigen, die an den ihnen zustehenden Ort zurückkehren, nicht infolge von Gewalt, sondern Gerechtigkeit. Das Narrativ von den uralten Piastengebieten und den Steinen, die Polnisch sprechen, erleichterte es ihnen, heimisch zu werden, gegen das Gefühl von Unsicherheit und Angst anzugehen und die neuen Gebiete zu einer Einheit mit dem übrigen Land werden zu lassen. Gleichwohl, selbst wenn ein nützlicher Begriff, blieb es doch ein Propagandaschlagwort, das manchmal näher an die Realität herankommen, manchmal jedoch pure Fiktion sein konnte.
Später, als die Propaganda ihre Rolle ausgespielt hatte, blieb eine überlebte Begrifflichkeit. Damit verhielt es sich wie mit bestimmten Phrasen, die wir gleichzeitig richtig und falsch verwenden. Wenn zum Beispiel jemand vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang spricht, heißt das nicht, er wende sich gegen ein heliozentrisches Weltbild, gegen Nikolaus Kopernikus, und behaupte, die Sonne kreise um die Erde. Wenn wir kein geozentrisches Weltbild vertreten, sollten wir also eigentlich vom Erduntergang und Erdaufgang sprechen. Dennoch verwenden wir die semantisch fehlerhafte Redeweise, und die Wörter bedeuten etwas anderes, als sie zu bedeuten scheinen. Dergleichen Beispiele gibt es zuhauf, und so verhielt es sich lange Zeit mit den Wiedergewonnenen Gebieten.
Während ich vor einigen Jahren an „Oderland“ arbeitete, rümpfte ich meine Nase über diesen Ausdruck, weil er politisch nicht korrekt war. Dabei vergaß ich jedoch eine wichtige Lehre: Soweit überhaupt möglich, ist es besser, etwas umzuinterpretieren, als es zu zerstören. Denn manchmal verhält es sich doch anders: Die Symbole nutzen sich eigentlich nicht ab, vielmehr beginnen sie, etwas anderes zu symbolisieren. Ich erinnere mich, wie einmal die Kunsthistorikerin Ewa Chojecka, damals 88 Jahre alt, mir in einem Interview für den „Dziennik Gazeta Prawna“ (Tageblatt der Juristenzeitung) das anhand eines anderen Beispiels erläuterte: „Der Kultur- und Wissenschaftspalast (in Warschau) ist ein Teil unserer Geschichte, der nicht immer einfach und nicht immer schwarz-weiß ist. Dieses Gebäude hat im Laufe der Zeit neue Bedeutungen angenommen. Es ist ein Denkmal des Stalinismus, das es nicht mehr gibt, weil der Stalinismus untergegangen ist, während das Gebäude blieb. Es wäre also vielleicht angebracht, daran eine Tafel mit der Aufschrift anzubringen: ,Denkmal des Sieges über den Kommunismus‘. Ja, der Palast ist ein Symbol der Niederlage des Kommunismus. Ich erinnere mich, wie er gebaut wurde. Warschau lag in Trümmern, der Palast sollte die Stadt beherrschen und tat das auch, niemand sah voraus, dass einmal ringsum Hochhäuser gebaut würden. Allerdings änderte er nach 1989 seine Bedeutung. Jetzt ist er von postmodernen Hochhäusern umringt und beherrscht nicht mehr das Warschauer Panorama. Er musste seine Macht mit anderen teilen, und heute wird er im Vergleich mit den mächtigen Hochhäusern immer mehr zum Kümmerling.“
Und im selben Sinne hat das Schlagwort von den Wiedergewonnenen Gebieten heutzutage Bedeutung, und vielleicht ist es erstmals in seiner Geschichte ein fairer Name. Weil nämlich die Einwohner der verschiedenen Teile dieses Landes im Norden und Westen die Gebiete wahrhaft wiedergewonnen haben.
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Sie haben sie jedoch nicht wiedergewonnen, wie das die Kommunisten wollten, nämlich namens der historischen Gerechtigkeit nach einem tausendjährigen deutsch-polnischen Krieg. Sie haben sie von den Kommunisten wiedergewonnen, sie der Propaganda der Nachkriegszeit entrissen und sie sich zum zweiten Mal angeeignet, diesmal freilich auf eigene Faust und zu ihren eigenen Bedingungen. Nach dem legendären Jahr 1989 interessierten sie sich zunehmend dafür, was vorher dort passiert war, was in den Häusern und auf den Plätzen geschehen war, wer in Breslau oder Gleiwitz in der tausendstel Sekunde vor der Großen Explosion der Wiedergewonnenen Gebiete gelebt hatte. Klar, die meisten beließen es dabei, ihre neuen Heimatgebiete aus nostalgischer Sicht zu betrachten: Ihnen reichte es, sich die Sepiabilder der Promenaden, Caféhäuser und Männer mit Melonen anzusehen. Nur wenige wollten tiefer schürfen, etwas über die Juden erfahren, über die Zwangsarbeiter oder das T-4-Programm, ein Tarnwort für die Verbrechen, die die Nazis an den Behinderten begingen (so zum Beispiel im Allensteiner Stadtteil Kortowo/ Kortau, auf dem heutigen Campus der Universität Ermland-Masuren). Jeder gewann die Gebiete wieder, wie er das wollte.
Dem Interesse an den Wiedergewonnenen Gebieten kommen heute viele Umstände entgegen. Da gibt es eine gute Belletristik und den Versuch, über die Gebiete aus Sicht der Siedler und ihrer Kinder zu erzählen, anstatt sie einfach zum Gegenstand der Erzählung zu machen; so im Werk von Joanna Bator, Olga Tokarczuk und noch einigen anderen. Es gibt viele Reportagen und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen: von Piotr Oleksy über Filip Springer bis zu Karolina Kuszyk. Es sind einige interessante Titel zum Thema erschienen, und ich spreche nicht mal von den Publikationen in niedrigen Auflagen wie Bildbänden, Memoiren oder Arbeiten von Amateurhistorikern, die unablässig in den Regionen entstehen und auf die wir Reporter häufig zurückgreifen. Es gibt daneben zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen, von denen am erfolgreichsten Karolina Ćwiek-Rogalskas „Die Gebiete: Geschichten von Wiedergewinnung und Verlust“ waren [Ziemie. Historie odzyskiwania i utraty, Warszawa, 2024]. Dann gibt es noch die Populärkultur wie zum Beispiel Fernsehserien. Die Wiedergewonnenen Gebiete liefern mit ihrem geheimnisvollen Charakter dafür eine dankbare Szenerie: beispielsweise „Rojst“ (Im Sumpf, Netflix ab 2018), „Belfer“ (Der Pauker, 2016/17, seit 2023) oder „Wzgórze psów“ (Hundehügel, Netflix ab 2025). Wie die alten Einwohner plötzlich verschwanden und die neuen auftauchten, das trägt zu diesem geheimnisvollen Charakter bei und befeuert Plots, die von goldenen Zügen oder anderen von den Deutschen zurückgelassenen Schätzen und Geistern handeln.
Die Wiedergewonnenen Gebiete sind heute sexy.
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Einerseits will mir scheinen, als ob die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit dieser Gebiete, wenn wir uns auf die sicheren Zeiten beschränken und einmal die Jahre 1933 bis 1945 ausklammern, immer weniger kontrovers ist. Andererseits zeigt beispielsweise das Getöse um die Danziger Ausstellung „Nasi chłopcy“ (Unsere Jungs, 2025), dass vielleicht alle zwanzig Jahre, einmal pro Generation, erneut dieselbe Debatte ausbrechen muss und keine Frage ein für alle Male geklärt ist. Zwar ändert sich nicht die Beobachtung, aber es ändern sich die Beobachter, und jeder muss seinen eigenen Weg finden, sich mit der Vergangenheit einzurichten. Ich weiß bloß nicht, ob uns noch große Auseinandersetzungen über die deutsche Vergangenheit dieser Gebiete bevorstehen. Vielleicht wird die Generation der heutigen Mittelschüler diese Geschichte als etwas ganz Selbstverständliches wahrnehmen, vielleicht wird der Wissensschatz, den die heute Vierzigjährigen erarbeiten, die Debatte um die Wiedergewonnenen Gebiete beenden.
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Als ich mit der Arbeit an „Oderland“ begann, war ich besonders daran interessiert, inwieweit es die Einwohner der Wiedergewonnenen Gebiete zu einer gemeinsamen Identität gebracht hatten. Jetzt bin ich davon überzeugt: es gibt eine solche gemeinsame Identität nicht. Klar verbindet die Einwohner der vielen Regionen so einiges („Region oder Regionen?“, diese Frage stellen die Autoren eines vom Breslauer Centrum Zajezdnia herausgegebenen Buches im Titel). Dabei geht es nicht nur um die vor langer Zeit identifizierte Erfahrungsgemeinschaft der Vorfahren oder die Architektur. Es geht um das verbreitete Gefühl der Überlegenheit gegenüber Kongresspolen und Galizien und die Distanz zum eigentlichen, zum polnischen Polen, wie sie in Redeweisen wie „denn bei uns ist es so, aber in Polen so“ zum Ausdruck kommt. Es geht um die positive Konnotation des ehemals Deutschen mit Solidität und Schönheit – im Weichselland würde sich so mancher wundern. Da ist das Gefühl, im polnischen Mainstream-Narrativ nicht vorzukommen; natürlich verhält es sich damit anders in Zielona Góra/ Grünberg und Stettin als in Danzig, welches letzteres in der polnischen Vorstellungswelt stark präsent ist. Die Einwohner dieser Gebiete verbindet vieles, doch dieses Wiedergewinnungstum assoziiere ich manchmal mit dem Slawentum: Vielleicht motiviert es dazu, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, trotzdem ist es nicht gleichbedeutend mit einem Gefühl der Solidarität oder einem allgemeinen Gemeinschaftsgefühl.
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Nein, die Wiedergewonnenen Gebiete, das Oderland sind kein zweites Polen. Oft verbindet Ełk (Lyck) mehr mit Białystok als mit Olsztyn (Allenstein). Aber so wie europäische Geschichte geschrieben wird, indem der Autor auf einigen hundert Seiten aus einer einzigen Perspektive auf Lettland und Portugal, Andorra und Albanien blickt, so ist es manchmal interessant, die Wiedergewonnenen Gebiete als Einheit zu betrachten, selbst wenn sie keine zusammenhängende Region sind und auch niemals waren.
Was sie heute miteinander verbindet, ist vielleicht gerade die Auseinandersetzung um ihre Vergangenheit, die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer wir in diesen Gebieten sein sollen: Eroberer, die sich nicht für die hiesige Geschichte interessieren, oder Erben, die bei ihrer Arbeit an allen diesen Breslaus und Grünbergs etwas fortsetzen wollen? Nicht zuletzt steht im Mittelpunkt dieser Dilemmata der Streit zwischen Zentrum und Peripherie und die Aushandlung dessen, inwieweit die Regionen in ihrer Definition der historischen Erinnerung autonom sind oder ob wir doch alle derselben Geschichtspolitik folgen sollen.
Gerade das war nach dem Schreiben des „Oderlandes“ meine größte Entdeckung. „Wir sind auch das Oderland!“, sagten mir Leser bei einer Buchvorstellung in Posen. Das konnte ich noch verstehen: So mancher Posener spürt eine bestimmte Achtung für die deutsche Kultur, bewahrt etliche Deutsche in guter Erinnerung und einiges mehr. Doch ich fand es sehr erstaunlich, als ich dasselbe in Lodz zu hören bekam. Und die Lodzer führten mir vor Augen, was im polnischen Mainstream-Narrativ nicht vorkommt und was sie für wichtig halten; zum Beispiel die Industrialisierung oder die Revolution von 1905, die im polnischen historischen Gedächtnis als Generalprobe für die bolschewistische Revolution gilt, die aber in Städten wie Sosnowiec und Lodz zentral zur lokalen Identität gehört. Solche Zugänge zum Oderland bekam ich später noch an vielen Orten zu hören, die ganz außerhalb der Wiedergewonnenen Gebiete liegen. So als ob alle ihre Zugehörigkeit zum Weichselland loswerden wollten.
Denn viele polnische Regionen, nicht nur Schlesien und die Kaschubei, haben ihre eigene Erinnerungskultur, die sich von der Warschau-Krakauer Leitkultur deutlich unterscheidet. Und vielleicht ist das ein viel größeres Stück von Polen als nur das eine ehemals deutsche Drittel der Wiedergewonnenen Gebiete. Heutzutage gehört ein jeder diesen an, der seine Region wiedergewinnen will, der mit der unter den Polen immer noch verbreiteten Überzeugung Schluss machen will, Polen sei kulturell homogen und habe keinen Platz für ethnische, konfessionelle, sprachliche und erinnerungskulturelle Vielfalt.
Polen durchlief in den Jahren 1939 bis 1948 eine demografische Revolution: Von einer der im Hinblick auf Nationalitäten, Konfessionen und Sprachen vielfältigsten Gesellschaften Europas wurde es zu einer der homogensten Gesellschaften der Welt. Diese Revolution war so überwältigend, dass wir uns an den Gedanken gewöhnt haben, wir seien alle gleich. Und die Streitereien um Günter Grass, um „Unsere Jungs“ oder die schlesische Sprache sind nur die Spitze des Eisbergs, der sichtbare Teil dessen, was unter der Oberfläche an stärker werdenden regionalen Identitäten brodelt: Nicht allein in den Wiedergewonnenen Gebieten, obgleich heute vielleicht besonders dort. In Polen geht eine Revolution der Regionen vor sich, eine von unten kommende Dezentralisierung der Erinnerungskultur und Demokratisierung dessen, was es heißt, Pole zu sein.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann.
Der Beitrag erschien in der DIALOG-Ausgabe Nr. 151 (2025).
