Ukraine

Edzio unserer Tage oder die Solidarität mit der Ukraine

Der Krieg ist zurück auf unserem Kontinent. Nach Jahrzehnten des Friedens rückt ein Krieg auf NATO-Gebiet näher. Der russische Angriff auf die Ukraine und die hybriden Angriffe auf die EU lassen die Bedrohung greifbar und real erscheinen.
Eine alte Postkarte von Drohobytsch
Eine alte Postkarte von Drohobytsch, Archiv

Anfang November, wenn ich an Allerheiligen und Allerseelen die Gräber meiner Angehörigen besuche – oder, wenn das nicht möglich ist, wenigstens in Gedanken bei ihnen bin –, kehrt unweigerlich die Erinnerung an meinen Großvater aus Gleiwitz zurück. Er fand seine letzte Ruhe auf jenem Boden, auf dem er nicht laufen gelernt hatte, mit dem er sich aber versöhnt und verbunden fühlte. Nach Oberschlesien verschlug es ihn erst nach Kriegsende, im Juni 1945. Dort begegnete er fremden Menschen, mit denen ihn dennoch etwas verband: Auch sie waren in der Vorkriegszeit polnische Staatsbürger, bewahrten aber ihre deutschen Wurzeln. Im Frühling dieses Jahres jährte sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal. Auf die Welt kam er jedoch weit im Osten, jenseits des Bug, in einem staubigen, verschlafenen Städtchen – wie es viele in Ostgalizien gab. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte die Region, nun als östliches Kleinpolen bezeichnet, zu Polen. Heute liegt sie in der Westukraine. Meine Urgroßeltern lebten mit ihren beiden Kindern – meinem Großvater und seinem Bruder – unweit des Drohobyczer Marktplatzes, in der damaligen Straße ul. Berka Joselewicza Nr. 5. Heute heißt sie ul. Ковальська/ul. Kowalska (schreibt also den Namen aus österreichischer Zeit fort: Schmiedgasse) und das Haus steht noch immer dort.

Die Ursprünge der Heimatstadt meines Großvaters, die heute Дрогобич heißt, reichen bis ins späte 11. Jahrhundert zurück, als hier, im hügeligen Vorland der Karpaten, die Kiewer Rus mit ihrer aus Skandinavien stammenden Rurikiden-Dynastie das Sagen hatte. Mitte des 14. Jahrhunderts fiel das hier gegründete Fürstentum Galizien-Wolhynien an das Königreich Polen. Lange Zeit blieb Drohobycz ein beschauliches Bezirksstädtchen, geprägt vom polnisch-jüdischen Nebeneinander. Zudem fanden hier einheimische Ukrainer, Huzulen und Lemken sowie bereits im Mittelalter angesiedelte Deutsche, Schlesier und Armenier und später sogar Österreicher ihr Zuhause. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als Galizien bereits seit über einem Jahrhundert Teil der Habsburger Monarchie war, verwandelte sich die Umgebung von Drohobycz und des benachbarten Borysław in ein Eldorado der Ölgewinnung. Das war die Geburtsstunde der galizischen Erdölindustrie. Man stellte unzählige Bohrtürme auf und hob wenig später Erdwachsschächte mit so verheißungsvollen Namen wie „Columbus“, „Rockefeller“ oder „Bavaria“ aus, um das Erdöl – das „schwarze Gold“ Galiziens – an die Erdoberfläche zu pumpen. 1858 geriet Drohobycz sogar europaweit in die Schlagzeilen, weil mit dem hier gewonnenen Erdöl, das hiesige Raffinerien zu Naphthalin verarbeiteten, der Wiener Nordbahnhof (Franz-Josefs-Bahnhof) als erstes öffentliches Gebäude der k.-u.-k. Monarchie beleuchtet werden konnte. Daraufhin zogen unzählige Unternehmer, aber genauso zwielichtige Glücksritter und skrupellose Spekulanten in die Stadt, weil sie sich hier ein Millionengeschäft versprachen. Die Provinzstadt, bald als „österreichisches Texas“ berüchtigt und verlockend zugleich, war dabei, sich in eines der ergiebigsten Ölfelder des Kronlandes Galizien zu verwandeln.

Jedenfalls dachte ich als Junge, wie großartig es wäre, in einem solchen galizischen Städtchen aufzuwachsen – dort musste es recht aufregend gewesen sein. Abgesehen von meinem Großvater und den Geschichten, die er mir über Drohobycz erzählte – deren volle Bedeutung ich jedoch erst viele Jahre später ergründen sollte – verband mich mit der imaginierten galizischen Landschaft zumindest eines: Auch im Oberschlesien meiner Kindheit gab es „schwarzes Gold“ – die Kohle – und unsere Bohrtürme, selbst wenn es meist nur Bergwerksseilscheiben waren. Drohobycz lag damals weit entfernt und war für uns unerreichbar; bis Ende der 1980er Jahre trennte uns eine unüberbrückbare Grenze von der Stadt – die zwischen Polen und der Sowjetunion. Ich erinnere mich noch, wie mein Großvater zum x-ten Mal seinen von den Behörden der Volksrepublik Polen ausgestellten Personalausweis hervorholte und auf die Angaben darin zeigte: „Schau nur, was sie hier eingetragen haben! Drohobycz, UdSSR! Welche UdSSR???!!! Ich, ein alter Galiziendeutscher, bin doch in Polen geboren. In Polen!!!“

Doch eines Tages wurde mir klar: dies war nicht das Wichtigste, was ich im Gedächtnis behalten sollte.

Vergiss niemals Edzio

„Vergiss niemals Edzio.“ Dieser kurze Satz, den mein Großvater einst sprach, während er mich mit seinen Augen fixierte, holt mich bis heute immer wieder ein und lässt mich nicht los. Ich erinnere mich kaum noch, unter welchen Umständen er überhaupt ausgesprochen werden musste. Die Worte klangen wie eine Belehrung und trugen zugleich einen Hauch von Missbilligung in sich. Wer war dieser Edzio überhaupt – eine ebenso geheimnisvolle Gestalt wie das weit entfernte Drohobycz selbst? Um es herauszufinden, musste ich eine nur wenige Seiten lange Erzählung lesen, geschrieben von einem Schriftsteller, der ebenfalls in Drohobycz geboren wurde, dort als Lehrer tätig war und meinen Großvater unterrichtete. Ich fand den Text in einem Buch mit einem überaus rätselhaften Titel: „Das Sanatorium zur Sanduhr“.

Bereits mit den ersten Zeilen zog mich diese Erzählung in ihren Bann: „Im gleichen Stockwerk wie wir, im langen und schmalen Flügel auf der anderen Seite des Hofs wohnt Edzio mit seiner Familie. Edzio ist schon lange kein kleiner Junge mehr, Edzio ist ein erwachsener Mann, und er hat eine schallende, männliche Stimme, mit der er manchmal Opernarien singt. Edzio neigt zur Korpulenz, jedoch nicht zu der schwammigen und weichen Form, sondern eher zur athletischen und muskulösen Variante. In den Schultern ist er stark wie ein Bär, doch davon hat er nichts, da seine völlig degenerierten und deformierten Beine zu nichts zu gebrauchen sind.“

Mit jedem Satz wuchs mein Erstaunen – und noch mehr mein Mitgefühl – für den Jungen, den das Schicksal auf so unbarmherzige Weise gezeichnet hatte. Bis heute spüre ich diese Empathie, besonders beim Lesen des folgenden Abschnitts: „Man kann eigentlich nicht genau sagen, worin die sonderbare Verkrüppelung besteht, wenn man Edzios Beine ansieht. Es scheint, als hätten sie zu viele Gelenke zwischen Knie und Knöchel, mindestens zwei mehr als normale Beine. Kein Wunder, daß sie in diesen unzähligen Gelenken kläglich einknicken, und zwar nicht nur seitwärts, sondern auch nach vorne und in alle Richtungen.“

Mein Großvater besuchte das Staatliche König-Władysław-Jagiełło-Gymnasium in Drohobycz, und seine Klasse wurde vom Autor der wundersamen Erzählung – dem berühmtesten Sohn der Stadt, Schriftsteller und Zeichner Bruno Schulz – in Handarbeiten unterrichtet. Schulz war ein stiller, unscheinbarer Mann mit „schwarzen, brennenden Augen“, den „keiner ernstnahm, unterrichtete er doch das missliebig beäugte Zeichnen und Handwerk“ – wie sich ein anderer seiner Schüler, der Dichter und Schriftsteller Andrzej Chciuk, erinnerte. Man sagte über ihn, er habe etwas Ungewöhnliches an sich, als stamme er nicht von dieser Welt. Auch mein Großvater erinnerte sich an die nach innen gerichteten, nachdenklichen Augen seines Lehrers, die den Eindruck erweckten, als blickten sie in eine andere Dimension. Ich stelle mir vor, dass auch er damals ein sensibler Junge war, der in Büchern lebte und sich vom Duft von Farbe und Klebstoff verzaubern ließ, der sich im kleinen Werkraum seiner Drohobyczer Schule ausbreitete. Ich bin mir sicher, er lauschte den wundersamen, ja befremdlichen Märchen und Geschichten, die Schulz seinen Schülern zum Besten gab. Sie ließen die Zöglinge wie zu Stein erstarren. Wer weiß – vielleicht fesselte eine davon, die vom Schicksal des verkrüppelten Edzio erzählte, die Kinder besonders stark?

Nach einigen Jahren, als ich selbst das Alter von Schulz’ Schülern erreicht hatte, verstand ich kaum, was mein Großvater meinte, als er mir jene geheimnisvoll klingende Mahnung mit auf den Weg gab: „Vergiss niemals Edzio.“ Erst viel später erkannte ich darin eine Botschaft – ein Echo der Schulz’schen Lektion über Menschlichkeit und zugleich eine Warnung, die für meinen Großvater kein leeres Gerede war. Er hatte selbst die blutigen Katastrophen des 20. Jahrhunderts erlebt und gewusst, die Welt folge immer denselben Bahnen: Das einmal besiegte Böse verschwindet niemals endgültig, sondern kehrt wie ein Hautwechsler wieder, nun in anderer Gestalt, um erneut seine alte Wirkmacht zu entfalten. Hass, Krieg, Gewalt – sie kehren immer wieder zurück, warten geduldig, bis ihre Stunde naht, um in anderer Form erneut hervorzubrechen. Kann es da überraschen, warum mich heute, in so bewegten Zeiten, die Worte meines Großvaters umtreiben? Es lässt mich keinesfalls kalt, wenn ich den nun über vier Jahre währenden Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine durch die Augen eines Zeitzeugen betrachte. Wenn ich sehe, wie die Ukraine für ihr Recht kämpft, selbst über den eigenen Weg innerhalb der europäischen Gemeinschaft zu bestimmen, wie sie für die Wahrung ihrer staatlichen Souveränität auf die Schlachtfelder zieht, verstehe ich die Worte meines Großvaters neu: „Vergiss niemals Edzio“ – das heißt: Vergiss niemals, selbst inmitten der Trümmer gibt es so etwas wie Würde. Vergiss niemals, ein würdiges Leben braucht Solidarität und Freiheit – Werte, die wir leicht aus den Augen verlieren, wenn wir uns zu lange in Sicherheit wiegen.

Der russische Angriff auf die Ukraine und die zunehmenden hybriden Attacken auf EU-Länder machen die Bedrohung greifbar und real. Doch mittlerweile ist all dies bedroht, denn der Krieg ist zurück auf unserem Kontinent. Europäische Armeen – allen voran die Bundeswehr – stehen vor tiefgreifenden Herausforderungen. Nach Jahrzehnten des Friedens rückt das Undenkbare näher: Ein Krieg auf dem Boden des NATO-Bündnisses ist längst keine abstrakte Möglichkeit mehr. Der russische Angriff auf die Ukraine und die hybriden Angriffe auf EU-Länder lassen die Bedrohung greifbar und real erscheinen.

Führen wir uns die Ukraine vor Augen – ein gequältes, blutgetränktes Land, das, ähnlich wie Schulz’ Edzio, ohne eigene Schuld und ohne die geringste Provokation durch die imperialen Machtgelüste Russlands zum Opfer einer weiteren Wiederkehr des grausamen europäischen Schicksals geworden ist –, dann wird umso deutlicher, wie wichtig es ist, an Schulz’ Erzählung zu erinnern. Sie mahnt uns, selbst angesichts der größten Widrigkeiten unsere Würde zu bewahren: „Doch sobald er den ebenen Boden erreicht hat, wird Edzio unerwartet ein anderer. Er richtet sich auf, bläht seinen Torso zu stattlicher Größe, und sein Körper holt Schwung. Edzio stützt sich auf die Krücken wie auf einen Barren, und er schleudert seine Beine, die mit ungleichmäßigem Poltern wieder auf die Erde aufschlagen, weit vor sich, dann setzt er die Krücken ein Stück weiter auf, holt neuen Schwung und wirft sich wieder mit aller Kraft nach vorne. Mit solchen Körperwürfen erobert er den Raum.“

Im vergangenen Jahr sah ich auf den Straßen von Drohobycz und Lwiw viele junge Soldaten, denen Gliedmaßen amputiert worden waren, manche auf Krücken, andere auf Stelzen oder mühsam auf eigenen Beinen gehend, auf eine Weise, wie sie Bruno Schulz in seiner Erzählung so eindringlich beschrieben hat: „So bewegt sich Edzio mit Hilfe von zwei Krücken fort (…). An diesen Krücken geht er täglich hinunter, um eine Zeitung zu kaufen, das ist sein einziger Spaziergang und seine einzige Abwechslung. Es ist schlimm mitanzusehen, wie er die Treppe bewältigt. Seine Beine biegen sich, nicht den Regeln entsprechend, mal zur Seite, mal nach hinten, sie knicken an unerwarteten Stellen ein, und die Füße, kurz und plump wie Pferdehufe, krachen wie Holzklötze auf die Bretter.“ Dieser Anblick erinnerte mich damals an die Erzählung von Bruno Schulz, und ich dachte, unsere Zeit ist die Zeit von Schulz’ Edzio – jenes Jungen aus Drohobycz, der zum Spiegel der menschlichen Existenz wird: gezeichnet von körperlichem Schmerz und Einsamkeit, zugleich aber getragen von Kampfeswillen und einem unbezwingbaren Drang nach Selbstbestimmung. So hoch ist der Preis, um wenigstens den letzten Rest menschlicher Würde zu bewahren. Diesen Preis zahlt heute vor allem die Ukraine, die doch „(im) gleichen Stockwerk (wohnt) wie wir, im langen und schmalen Flügel auf der anderen Seite des Hofs (…).“

Edzios Zeit, Europas Zeit  

In seiner parabolischen, an biblische Gleichnisse erinnernden Erzählung entwirft Bruno Schulz eine Welt von beklemmender Enge, eine Welt des Verfalls, durchdrungen von Schmerz und einem an Absurdität grenzenden Weiterbestehen. Der Protagonist, Edzio – der Krüppel aus Drohobycz – ist gefangen in einer Welt, die in Scherben liegt. Er lebt zwischen Dingen, die ein Eigenleben entfalten, und Menschen, die ihren moralischen Kompass verloren haben. Selbst seine Eltern, mit denen er aufgrund seines Gebrechens zusammenleben muss, geraten immer wieder in heftige Konflikte mit ihm: „Daraus läßt sich schwer bestimmen, was sie Edzio vorwerfen, doch dem Ton seiner Reaktionen kann man entnehmen, daß er, zutiefst gekränkt, bis zum Äußersten getrieben wird. (…) Und so geht es mehrere Viertelstunden, dazwischen immer wieder Edzios Ausbrüche der Wut und der Empörung, er schlägt sich an die Stirn und raut sich in hilflosem Zorn die Haare aus. Doch manchmal, und das ist die eigentliche Pointe, die spezifische und grausige Würze dieser Szenen, manchmal folgt darauf das, worauf wir mit angehaltenem Atem gewartet haben. In der Tiefe der Wohnung hört man einen dumpfen Aufschlag, eine Tür öffnet sich krachend, irgendwelche Möbel stützen polternd um, und es ertönt das gellende Kreischen von Edzio. Wir hören dies mit Entsetzen und Beschämung (…).“

In dieser kalten und brutalen Welt des moralischen Verfalls unternimmt Edzio den Versuch, sein eigenes „Ich“ zu bewahren – als wären Körper und Seele der letzte Ort, an dem noch jeglicher Sinn verteidigt werden kann. Sein Kampf ist unspektakulär, und doch existenziell: Es geht darum, die Gefühle nicht verstummen zu lassen und sich der Sinnlosigkeit nicht zu beugen. Auf diese Weise schuf Schulz – Künstler aus einer galizischen Provinzstadt, ein Jude, der auf Polnisch und Deutsch fühlte und schrieb – eine Metapher, die nach Jahrzehnten an neuer Kraft gewinnt. Denn heute, in derselben Region Europas, in der Edzio auf die Welt kam und aufwuchs, tobt ein anderer Kampf: der Krieg der Ukraine gegen eine neue Welle imperialistischer Machtansprüche Russlands. Es ist ein Kampf nicht nur um die Verteidigung oder Rückeroberung gewaltsam geraubten Territoriums, in dem täglich entsetzliche Verbrechen geschehen, sondern um die Würde des Menschen und sein unveräußerliches Recht auf Freiheit.

Europa, das auf diesen Krieg mit Entsetzen und Solidarität blickt, zugleich aber auch Anzeichen zunehmender Ermüdung und Gleichgültigkeit zeigt, erkennt in der Erzählung über Edzio sein eigenes Spiegelbild. Schulz hält uns diesen Spiegel bereits seit fast einem Jahrhundert vor.

Wanzen der Desinformation  

Die von Bruno Schulz literarisch herbeigezauberte Welt, gespeist aus der Landschaft einer galizischen Kleinstadt und der genauen Beobachtung der unverrückbaren Mechanismen menschlicher Existenz, ist ein Mikrokosmos Ostmitteleuropas – zerbrechlich, fragmentiert, geprägt von Spannungen zwischen dem geistreich Gedachten und dem Fassbaren, zwischen Erinnerung und Vergessen, zwischen Mythos und Alltag. Edzio aus Drohobycz gehört zu den vielen „Kindern des Grenzlandes“ – wie auch Ukrainer, Polen und Litauer, die in eine wechselvolle und gewaltsame Geschichte verstrickt sind, weil sie in einer geografischen Region leben, in der sich seit Jahrhunderten die Ansprüche imperialer Mächte überlappen.

Bei Schulz ist die Wirklichkeit ständiger Erschütterung ausgesetzt – als könnte sie jeden Augenblick in sich zusammenfallen. Dieser Zustand der Instabilität lässt sich heute als Metapher für Europa lesen: für ein Europa, das nach der Hekatombe des Zweiten Weltkrieges und nach der Überwindung der ideologischen Spaltungen des Kalten Krieges in den drei Jahrzehnten vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sich damit begnügte, wichtige Lehren aus der Geschichte zu vergessen. Gewiss, es errichtete die Fundamente eines gemeinsamen Hauses – doch seine Bewohner blieben einander fremd. Selbst die verbindende Kraft der gemeinsamen Verflechtungsgeschichte konnte sie nicht vor den Sünden des Hochmuts und der Gleichgültigkeit bewahren. Bei Schulz lesen wir: „In allen Betten liegen die Menschen mit angezogenen Knien, mit einem heftig zur Seite geworfenen, konzentrierten, in den Schlaf vertieften und diesem bedingungslos ausgelieferten Gesicht.“

Es ist ein Europa, das hinkt wie Edzio – ein Europa, das versuchte, eine neue Ordnung vor allem auf den Pfeilern wirtschaftlicher Prosperität zu errichten, statt auf gemeinsames Erinnern, auf Wissen voneinander, auf Dialogfähigkeit und Vorstellungskraft zu setzen. Deshalb konnten die scheinbar unsichtbaren Wanzen der russischen Propaganda unser Europa so leicht befallen. Wir müssen alles daransetzen, damit Europa nicht wie Adela aus Schulz’ Erzählung wird – die einzige Person, mit der Edzio die schwere Last seines Schicksals teilt, die aber „nichts dagegen tun (kann), daß die Wanzen über ihren Körper wandern, ganze Reihen und Kolonnen von Wanzen. Diese leichten und platten Rümpfe laufen so zart über sie hinweg, daß sie die winzigen Berührungen gar nicht spürt.“ Leider waren – und sind es bis heute – unsere Ignoranz, unser Halbwissen und unsere Uninteressiertheit ein idealer Nährboden für russische Narrative, die Verunsicherung stiften, Verwirrung säen und Zweifel an den Grundfesten unseres demokratischen Zusammenlebens wecken – Zweifel, deren Bekämpfung uns enorme Kraft abverlangt.

Unterdessen ist – wie Czesław Miłosz schrieb – auch die Literatur, auch die Poesie Hüterin unseres gemeinsamen Gedächtnisses. Was nützt es, wenn selbst die bedeutendsten Werke (und sei es nur in Auszügen) heute an europäischen Schulen oder Universitäten kaum noch gelesen oder diskutiert werden? Einzelne Bausteine unseres gemeinsamen Gedächtnisses werden zwar langsam wieder zusammengesetzt, doch geschieht dies nur zögerlich und nicht ohne Hindernisse. Umso dringlicher ist es, denn der Krieg in der Ukraine macht deutlich: manche Lektionen unserer gemeinsamen Geschichte sind noch nicht wirklich begriffen und unter der glatten Oberfläche der Moderne treiben Engstirnigkeit, Ignoranz und schlichtes Unwissen weiterhin ihr Unwesen. Umso unangenehmer muss es berühren, wenn die politischen Eliten in Deutschland und Polen, die noch vor sechzehn Jahren eine gemeinsame Vision für das deutsch-polnische Schulbuch „Europa – Unsere Geschichte“ aus der Taufe hoben und den entscheidenden Impuls dazu gaben, das Buch tatsächlich auf den Markt zu bringen, seit einigen Jahren die Früchte dieser Arbeit und das damit freigesetzte Potenzial verspielen. Schweigend sehen sie zu, wie unsere Gesellschaften einander zunehmend gleichgültig werden und wie Strukturen, die für einen nachhaltigen Dialog unerlässlich wären – Strukturen, die anderswo als vorbildhafte Weitsicht gegolten hätten – allmählich bröckeln. Der beste Beweis dafür liegt darin, dass dieser Text im letzten (sic!) gedruckten Heft des renommierten Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG erscheint.

Auch Polen und Deutschland erinnern heute an Edzio – jenen Menschen, gefangen zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Krankheit und Lebenswillen, der existenziellen Grenzerfahrungen ausgesetzt ist. Die 2022 auf heimtückische Weise überfallene Ukraine sieht sich noch weit dramatischeren Grenzerfahrungen gegenüber: Sie schwebt in einer Todeszone, in der Überleben und Vernichtung, Treue zu den eigenen Werten und die Notwendigkeit, angesichts der Verbrechen des Aggressors selbst zu Gewalt greifen zu müssen, untrennbar nahe beieinanderliegen. Wie Edzio besitzt die Ukraine keinen Rückzugsort, keine Zuflucht – um zu bestehen, muss sie weiterkämpfen. Doch gerade in diesem heroischen Widerstand liegt ihre eigentliche Stärke: Aus dem Schmerz erwächst Bewusstsein, und im Glutfeuer leidvoller Erfahrungen wird ein Gedächtnis geschmiedet, das sowohl das Individuum erreicht als auch ganze Generationen umfasst.

Eine Lektion aus Drohobycz

Schulz war kein Moralist. Seine Sprache, reich an Metaphern, vermied jede Eindeutigkeit. Und doch steht im Mittelpunkt seiner Prosa eine fundamentale Frage nach der Rolle von Verantwortung: Wie lebt man in einer Welt, die in Stücke zerfallen ist? Wie bleibt man sich selbst treu, wenn nichts mehr sicher scheint? Dieselbe Frage könnten sich die Autorinnen, Redakteure und Leserinnen sowie Leser der vorliegenden, wohl letzten Printausgabe von DIALOG stellen. Der derzeitige Kampf der Ukraine liefert darauf eine Antwort: Er besteht darin, im Chaos das Dauerhafte zu bewahren – den eigenen Staat, die Gemeinschaft, die Sprache. Es ist ein Ringen darum, eigene Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Aus diesem Ringen erwächst die Überzeugung, jede Anstrengung sei lohnenswert, um in einer Welt, die von Drohnen, Landminen und Raketen durchzogen ist, etwas Bleibendes, etwas von Dauer zu schaffen.

Doch der Kampf der Ukraine ist zugleich ein Versuch, den moralischen Kompass zu bewahren – die Überzeugung, dass das Böse nicht ungestraft bleiben darf. Indem die Ukraine Widerstand leistet, richtet sich dieser nicht allein gegen Russland, sondern gegen die Logik des Zerfalls selbst – jene Logik, die Schulz in seinen Erzählungen so eindringlich beschrieb. Sein Drohobycz war ein Ort, an dem selbst die banalsten Alltagsdinge mit mythischer Bedeutung aufgeladen waren. Heute ist Drohobycz erneut ein symbolträchtiger Ort: eine Stadt in Europas oft vergessener Mitte, gezeichnet vom Krieg. Hier spricht uns die Geschichte erneut mit der Stimme der Opfer an. In Drohobycz wurde Bruno Schulz im November 1942 von einem deutschen Kriegsverbrecher ermordet; heute wird seine Heimatstadt Zeugin neuen Leids.

Edzio musste still vor sich hin leiden. Die Ukraine hingegen schreit – in jedem Tropfen vergossenen Blutes, in den Trümmern zerbombter Städte, in den zerrissenen Familien, die so zahlreich in polnischen oder deutschen Häusern vorübergehend Zuflucht und Schutz fanden. In beiden Fällen jedoch wird das Leiden selbst zur Zeugenschaft.

Kraft der Zeugenschaft

In einer Welt, in der Gott und Vernunft schweigen und der Mensch seine moralische Orientierung verliert, bleibt nur eines: Zeugnis abzulegen – die letzte Form der Wahrheit. Edzio erträgt sein Leid still, doch durch seine würdevolle Haltung bezeugt er vor allem, dass er existiert, dass er dem Leben trotzt und dass er nicht aufgibt. An dieser Stelle treffen sich zwei große Menschen des historischen Galiziens: Bruno Schulz, der Erzähler, und Józef Tischner, Priester, Vordenker der Solidarność-Bewegung, ein Mann des Dialogs und der Versöhnung. In seinem posthum veröffentlichten Buch „Krótki przewodnik po życiu“ („Kurzer Wegweiser durchs Leben“) schrieb Tischner: „Jeder Mensch, besonders ein kranker Mensch, legt für andere ein Zeugnis ab. Es ist keine leichte Zeugenschaft, aber gerade deshalb ist sie wertvoll und unverzichtbar. Nicht selten braucht der Mensch diese Zeugenschaft der Kranken mehr als alles andere, um weiterleben zu können.“

Dieser Gedanke eröffnet eine außergewöhnliche, wenngleich harte ethische Perspektive: Leid ist nicht vergeblich, wenn es zur Botschaft, zum Aufruf, zum Zeichen des Guten wird. Ein kranker, angeschlagener, verletzter Mensch – so einer ist Edzio – bleibt ein Lehrmeister, sofern sich andere von seinem Leid, von seinem Schicksal angesprochen fühlen. Heute erfüllt die Ukraine diese Rolle für ganz Europa. Sie legt Zeugnis ab von Schmerz und mutigem Durchhaltewillen und hält uns einen Spiegel vor, in dem unser Kontinent sein wahres Antlitz erkennen kann. Paradoxerweise erscheint dieses schwer gezeichnete Land moralisch stärker. Denn aus Schmerz und Verwundbarkeit kann eine Kraft erwachsen, die zur Verwandlung anderer führt.

In diesem Sinne reicht Tischners Gedanke von der „Zeugenschaft der Kranken“ über das Individuum hinaus und bezieht sich auf ganze Völker und Gemeinschaften. Die Ukraine – gleich einem kranken Menschen, der vor lauter Kummer und Schmerzen taumelt – durchlebt einen leidvollen Weg, doch sie wandelt dieses Leiden in die Sprache des Gewissens um. Diese über sich hinauswachsende Zeugenschaft mahnt Europa: Freiheit ist kein einmal geschenktes Gut, sie verkümmert ohne Wachsamkeit, Empathie und den Mut, Verantwortung zu übernehmen.

Solidarität als Form des Widerstands  

Schulz’ Blick auf die Welt war zutiefst von Einsamkeit geprägt – seine Figuren bewegen sich in eigenen, oft schwer zugänglichen Sphären. Tischner jedoch setzt dieser Einsamkeit eine weiterreichende Perspektive entgegen: Leiden, sofern es als Zeugnis verstanden wird, setzt die Existenz eines Gegenübers voraus, für das man sich einsetzt. Wer leidet, richtet sein Wort an einen anderen; wer zuhört, wird zum Mitbeteiligten.

Es scheint, als benötige Europa heute genau diese Form des Zuhörens. Solidarität mit der Ukraine ist angesichts der immer aggressiveren imperialen Machtgelüste Russlands nicht nur eine Frage politischer oder strategischer Weitsicht – sie ist existenziell. Sie ist zugleich der Versuch, den dringenden Stimmen und Signalen aus der Ukraine Gehör zu verschaffen. Tischner schrieb, der Mensch werde seiner eigentlichen Größe erst in Beziehung gerecht – das „Ich“ existiert nicht ohne das „Du“. Gleichgültigkeit hingegen ist eine Form intellektueller Selbstzersetzung, ja ein schleichender geistiger Niedergang. Umso beunruhigender sind die Anzeichen wachsender antiukrainischer Stimmungen, die sowohl in Deutschland als in Polen zu beobachten sind. Seit Februar 2022 hat sich die Haltung gegenüber den Ukrainerinnen und Ukrainern spürbar verändert: von enthusiastischer, spontaner Solidarität zu ambivalenten, zunehmend von Gleichgültigkeit, Ablehnung und Ausgrenzung geprägten Reaktionen. Die Bilder aus den ersten Kriegsmonaten, als Mitgefühl und das Bewusstsein historischer Schicksalsgemeinschaft dominierten – besonders in Polen, wo Hunderttausende Menschen spontan ihre Häuser und Herzen für Kriegsgeflüchtete öffneten – wirken heute weit entrückt.

Mit der Zeit jedoch trat Ermüdung zutage, und Spannungen, die aus der Sorge um den eigenen Arbeitsplatz, den Mühen der Integration oder dem Konkurrenzdenken um soziale Transferleistungen resultierten, bahnten sich ihren Weg. Die Wurzel dieser Spannungen liegt jedoch in vergifteten Narrativen, von denen ein Großteil offenkundig von Russland inspiriert ist. In Deutschland wich die anfängliche Welle spontaner Gastfreundschaft einer nüchternen und zugleich selbstgenügsamen Abwägung: Wie weit kann Solidarität noch gehen? In beiden Ländern wirft dieser Wandel ein Licht auf die Mechanismen sozialer Empathie – und darauf, wie schnell sie unter wirtschaftlichem Druck erodiert. Gleichzeitig offenbart sich, wie stark Politik und Medien – besonders die sogenannten sozialen Medien – kollektive Emotionen gegenüber „den Anderen“ formen und steuern, gerade gegenüber denen, die noch vor Kurzem die moralische Verpflichtung zur Hilfe symbolisierten. Nach wie vor fällt es uns leichter, den Splitter im Auge des Nächsten zu erkennen, als den Balken im eigenen.

In diesem Sinne ist Solidarität mit der Ukraine zugleich ein Akt der Selbstbehauptung Europas. Wer das Leid seines Nachbarn willentlich übersieht, kann sich nicht als wahrer Europäer in Szene setzen. Schulz’ Drohobycz – mit seiner bedrückenden Atmosphäre und dem Zerfall der Welt – bleibt eine mahnende Erinnerung: Wenn wir das Mitgefühl verlernen, verwandelt sich unser Kontinent in ein geistiges Sanatorium zur Sanduhr. Europa droht spätestens dann zu einem Ort zu werden, in dem die Zeit stillsteht und das Leben erstarrt.

Solidarität ist kein Akt des Mitgefühls aus der Distanz, sondern eine Form des Widerstands. Sie setzt die bewusste Entscheidung voraus, nicht tatenlos zu bleiben. Jede Geste der Unterstützung für die Ukraine – sei es die Aufnahme eines Geflüchteten, eine Spende oder der Widerstand gegen gezielt verbreitete Lügen – ist weit mehr als eine bloße Handlung: Sie wird zu einem metaphysischen Akt, einem Bekenntnis, dass der Mensch sich dem Guten zuwenden und dem Bösen entgegentreten kann.

Edzio in den Schützengräben des 21. Jahrhunderts

Wenn wir heute in die Gesichter junger ukrainischer Soldaten – ebenso wie in die von Studierenden, Frauen, Kindern und Alten – blicken, erkennen wir darin Spiegelbilder des Edzio von damals. Ihre Züge tragen die Erschöpfung eines ununterbrochenen Krieges: Städte, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, selbst die kleinsten Siedlungen werden von Raketen und Drohnen verwüstet; alles Leben droht ausgelöscht, jeder Widerstand zermürbt zu werden. Und doch glimmt in den Augen dieser erschöpften Menschen etwas auf, das beschämt und inspiriert zugleich: der stille Heroismus der Beharrlichkeit. Auch Edzio kämpfte um Sinn in einer Welt, die ihn verstoßen hatte. Die Ukrainer kämpfen in einer Welt, die ihnen über Jahre hinweg nicht zuhören wollte, die ihre Warnungen und Zeugnisse lange Zeit nicht ernst nahm. Ihr unbeirrbarer Widerstand wird so zu einem Widerstand für uns alle – für alle, die noch daran glauben, dass der Mensch zur Freiheit berufen ist und das Recht hat, sein Schicksal selbst zu gestalten.

Bruno Schulz lehrte – auch meinen Großvater –, dass die Welt durch einen schöpferischen Akt gerettet werden kann. Heute ist es die Ukraine, die dieser Botschaft neuen Sinn verleiht. Aus den Trümmern entsteht eine neue Gemeinschaft, eine neue Sprache der Solidarität. Zwischen dem Heulen der Sirenen und dem Gesang der Hymne vollzieht sich die tägliche Liturgie des Durchhaltens. In dieser Liturgie kehrt der Geist von Bruno Schulz zurück: sein stiller Glaube daran, dass jeder Geste, jedem Wort, jedem Beharren an Gutem ein Wert innewohnt.

Und Europa? Europa muss zuhören – und zugleich lernen, was Umkehr, Mut und Empathie wirklich bedeuten. Wenn Europa vergisst, warum Freiheit ein bleibendes Engagement erfordert (und, so bitter es klingt, manchmal auch die Bereitschaft, Opfer zu bringen), droht es zu verkümmern und sich in das zu verwandeln, wovor Schulz warnte: in einen toten Traum.

Was hinkt, geht

Die Geschichte von Edzio endet mit einem lediglich angedeuteten Ausgang – als hätte Schulz uns bewusst Raum gelassen, sie selbst zu vollenden. Heute schreibt die Ukraine an diesem Ausgang weiter. Wie wir auf das Kommende reagieren, entscheidet darüber, ob wir als Gemeinschaft bestehen werden.

Edzios Tage sind jedenfalls noch nicht zu Ende. Sie sind geprägt von Schmerz, aber ebenso von Hoffnung. In dieser Zeit werden unsere Gewissen auf eine harte Probe gestellt. Denn dieser Krieg stellt uns wohl die grundlegendste aller Fragen, wie wir das Wesen unserer Menschlichkeit auslegen. Wie lange wird Europa, getrieben von der Furcht um den eigenen Wohlstand, noch bereit sein, der Ukraine die notwendige wirtschaftliche und militärische Unterstützung zu gewähren? Wird es im Schicksal der Ukraine nicht nur das Leid erkennen, sondern auch den Aufruf zu einer längst überfälligen Erneuerung der europäischen Gemeinschaft? Noch einmal sei es gesagt: Der Kampf der Ukraine ist wie Edzios Kampf – ein Kampf um den Sinn, um die künftige Beschaffenheit unserer Welt, die noch nicht zerfallen ist, die aber von einem geopolitischen Erdbeben erschüttert wird. Es brechen Zeiten an, die uns eine neue Ära der Solidarität und der kritischen Selbstbefragung abverlangen, Zeiten, in denen geistige Klarheit und entschlossenes Handeln dringender denn je sind.

In der kurzen Stille nach den Explosionen, im flackernden Kerzenlicht, das in den verwüsteten, frontnahen Städten des Donbas noch brennt, in den Augen von Edzio und in den Augen der Ukrainer – dort glimmt die Hoffnung, die verhindert, dass unsere Welt zu Staub zerfällt. Ich wünschte, man könnte diese Hoffnung auch im Kontext der deutsch-polnischen Nachbarschaft erkennen. Denn ohne das Potenzial dieser beiden Länder, ohne ihre wirtschaftliche Kraft und strategische Weitsicht, könnte dieser schwache Funke leicht vom kalten Novemberwind ausgelöscht werden. Etwas Trost finde ich in diesen trüben Tagen in dem genialen Einzeiler von Stanisław Jerzy Lec – einem anderen Sohn jener Region, aus der mein Großvater stammte: „Was hinkt, geht.“

Möge uns also der hinkende Edzio in Erinnerung bleiben – ein Krüppel aus Bruno Schulz’ Welt, dessen stolpernder Gang uns noch lange den Weg weisen dürfte.

Der Beitrag erschien in der DIALOG-Ausgabe Nr. 152 (2025-2026).

Die Collage zeigt die Gesichter von Mateusz Morawiecki, Karol Nawrocki und Jarosław Kaczyński

Kaczyński schwächelt. Die polnische Rechte ordnet sich neu

Jarosław Kaczyński beherrschte über Jahre die rechte Seite der polnischen politischen Bühne. Jetzt schwächelt er, und auf der Rechten beginnt ein Machtkampf. Könnte Präsident Karol Nawrocki zum Schirmherrn des gesamten Lagers werden?
Rafał Kalukin
ine Collage zeigt eine Frau, umrahmt von Motiven, die mit dem Polentum assoziiert werden

Polonia, wer bist du? Auf der Suche nach polnischer Zugehörigkeit

Der Begriff „Polonia“ scheint eindeutig. Doch je näher die Autorin ihm kommt, desto unklarer wird ihr, wer dazugehört – und warum sie selbst sich darin nicht wiederfindet.
Oliwia Hälterlein
Menschen in einem Ausstellungsraum.

Die Vergangenheit ist bis heute da. Ostgebiete – Ziemie Zachodnie

Die Ausstellung „Ostgebiete / Ziemie Zachodnie“ erzählt unaufgeregt und persönlich deutsch-polnische Beziehungsgeschichten ohne Versöhnungskitsch.
Felix Ackermann