Kultur

Unsers. Oder doch nicht?

DIALOG-Gespräch mit Karolina Ćwiek-Rogalska, Autorin eines Buches über die „Wiedergewonnenen Gebiete“.
Eine Frau mit Rosa-Haaren steht vor einer weißen Wand und lächelt
Karolina Ćwiek-Rogalska, © Mikołaj Starzyński, mit Einverständnis des Verlags RN 2026

Churchill, Roosevelt und Stalin posierten am 1. Dezember 1943 für das Abschlussfoto der Konferenz in der sowjetischen Botschaft in Teheran, das Sie in Ihrem Buch „Gebiete: Geschichten der Wiedergewinnung und des Verlusts“ abgedruckt haben. Die drei sitzen dabei auf Stühlen, die nicht zu einem vollständigen Satz gehören. Das Foto hinterlässt einen merkwürdigen Eindruck: drei Männer von so ungeheurerer Macht, dass sie der Welt nach dem Krieg für Jahrhunderte ihren Stempel aufdrücken können, indem sie beispielsweise Polen von Ost nach West verschieben und seine Grenze mit Deutschland an der Oder ziehen, und die Stühle für diese historische Fotografie sind zufällig zusammengesuchte Einzelstücke. Welche Bedeutungen verbergen sich wohl hinter diesem von Ihnen auf Fotos aus dem Archiv der US-Armee aufgefundenen leichten Durcheinander?

Als ich über die „Wiedergewonnenen Gebiete“ schrieb, deren Geschichte ja gar nicht auf der Konferenz der Großen Drei in Teheran begann, wollte ich mich nicht mit den allgemein bekannten Aufnahmen zu diesem Ereignis zufriedengeben. Ich suchte nach anderen, weil es mich interessierte, was außerhalb des Fotoausschnitts passierte, wer worauf sitzt und wie angezogen ist. Ich glaube wirklich fest daran, dass hinter der materiellen Oberfläche eine symbolische Bedeutung steckt, das Durcheinander bei der Inszenierung des Fotos zeigt eine eher menschliche Seite des Ereignisses, das wir nur als ein politisches wahrnehmen. Auf den Fotografien fiel mir noch ein Detail ins Auge: Meistens blickt nur Stalin direkt in die Kamera, so als ob er sich da frei fühlte. Das wird von den Erwartungen der Regierungschefs bestätigt, wie sie in den Memoiren beschrieben sind, sowie in den Dokumenten, die Stalins heitere Gelassenheit völlig erklären. Immerhin wurde doch die Aufteilung Deutschlands nach dem Krieg in Besatzungszonen dekretiert, von denen eine der UdSSR zufiel. Weil sie an Polen grenzen sollte, erleichterte das Stalin zudem, Einfluss über Polen zu gewinnen.

Das Durcheinander von Teheran setzte sich fort in dem Kurort Jalta auf der Krim, wo sich die Großen Drei im Februar 1945 erneut trafen. Ich zitiere Churchill, der in seinen Memoiren bekannte, zu Anfang seien die neuen Grenzen ohne Landkarten festgesetzt worden, weswegen er keine Ahnung hatte, wo genau diese verschiedenen Neißeflüsse eigentlich flossen, also die Glatzer und die Lausitzer Neiße, obwohl davon abhing, was aus Millionen von Menschen wurde. Das war genauso wie bei den ersten Siedlern, die in derselben Zeit in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ anlangten, ohne genau zu wissen, wo sie eigentlich waren.

Bloß mussten sich die Politiker, im Gegensatz zu den Siedlern, nicht in diesen Gebieten zurechtfinden. Letzten Endes wurden bei den Beratungen Karten aufgetrieben, aber es lässt sich leicht denken, wie anders hätte die Westgrenze bei dieser Unordnung ausfallen können. Zumal über die Änderung der Westgrenze in Polen schon vor dem Krieg nachgedacht worden war, als man dort über die an Oder und Ostsee liegenden geforderten Gebiete diskutierte. Das war Kern der sogenannten Westkonzeption, wie das Ideenkonglomerat hieß, in dessen Mittelpunkt die Einbeziehung der östlich der Oder gelegenen Gebiete in den polnischen Staat stand.

Es wurde erwogen, die Westgrenze längs der Flüsse zu ziehen. Damit war die Konzeption der Großen Drei nicht aus der Luft gegriffen, sondern erschien vernünftig. Schließlich hatten alle genau in Erinnerung, wie vor 1939 die Nachbarn versuchten, die multinationalen Staaten zu zerschlagen, indem sie den Nationalismus anheizten. Daher herrschte jetzt die Überzeugung, der Frieden Europas hänge davon ab, möglichst monoethnische Staaten zu schaffen. Das Wissen um social engineering zur Umsetzung solcher Ideen war bereits vorhanden, es war in der Sowjetunion ausgetestet worden, wo man unter anderem die Krimtataren und die Wolgadeutschen umgesiedelt hatte. Im britischen Parlament gab es zwar Kritik daran, dass so viele Menschen umgesiedelt werden sollten, doch Premierminister Churchill wusste darauf die Antwort: Die Deutschen müssten die Rechnung für den Schaden bezahlen, den sie anderen Nationen zugefügt hätten. Für die Ermordung von abertausenden Menschen, ihren Einsatz zur Zwangsarbeit, für Terror und Raub.

Aus den Polen zuerkannten Gebieten wurden 3,5 Millionen Deutsche ausgesiedelt. Zwischen 1945 und 1950 traten an ihre Stelle Einwohner der Ostgebiete der Zweiten Republik (1918–1939), aus denen 2,5 Millionen Personen ausreisten, sowie drei Millionen aus den „Alten Gebieten“, wie Sie die Gebiete nennen, die vor 1939 und nach dem Krieg weiterhin zu Polen gehörten.

Das sind allerdings Angaben, die nur die sogenannten organisierten Aussiedlungen erfassen. Zu meinem Erstaunen gab Churchill den harten Spieler, für den es keinen Unterschied machte, Millionen von Menschen in diese oder jene Richtung umzusiedeln, als er auf Fragen im britischen Unterhaus antwortete. In seinen Memoiren, wo er mit Reaktionen seitens der Öffentlichkeit rechnen muss, schreibt er mit größerer Empathie von den Umsiedlungen. Er bekennt, die Delimitierung der Grenze an der Glatzer Neiße erwogen zu haben, denn dann wären eine Million Menschen weniger umgesiedelt worden. Unabhängig von seinen Bedenken wurde die Grenze längs der Oder und Lausitzer Neiße gezogen, was sie dennoch nicht unbedingt natürlicher machte. Schließlich durchschnitt sie bestimmte Städte (Frankfurt an der Oder, Guben/ Gubin, Görlitz/ Zgorzelec) und Seen, als ob sie nach dem Motto festgelegt wurde: „schließlich muss sie irgendwo verlaufen, also ziehen wir sie hier entlang…“ Ohne dabei etwa auf die Wirtschaftskapazitäten der Region zu achten.

Drei Männer sitzen auf Stühlen.
(v. links) Stalin, Roosevelt und Churchill bei der Konferenz in Teheran, 1943 © Wikimedia; mit KI bearbeitet

Die ersten Siedler wussten nichtmals, wo sie eigentlich waren, war das noch Polen oder schon Deutschland? Schließlich hatte niemand eine Landkarte. Die gab es in den sowjetischen Militärkommandanturen, die auf den Gebieten fortbestanden. Dass sich die polnischen Siedler beim sowjetischen Kommandanten melden mussten, um sich in der Gegend zurechtzufinden, zeigt bestens, wer hier damals das Sagen hatte. Die Siedler benutzten daneben deutsche Karten, auf denen sie mit der Zeit die polnischen Namen mit dem Bleistift eintrugen. Nicht sofort, weil sie fürchteten, in der neuen Welt die Orientierung zu verlieren, in der die polnischen Ortsnamen nicht festgelegt waren. Viele der deutschen Karten wurden übrigens viele Jahre nach dem Krieg weiter in der Schule benutzt, wo polnische Lehrmaterialien fehlten. Chaos und Vorläufigkeit hielten sich lange. Noch 1958 hatte der polnische Kulturattaché in Kabul dem afghanischen Bildungsminister zu erklären, die an Polen angeschlossenen deutschen Gebiet befänden sich nicht unter „vorläufiger polnischer Verwaltung“, wie es damals in den Schulatlanten hieß, sondern gehörten zu Polen.

„(…) Glöckchen verrieten das Geheimnis des Zuges. Er war mit Uhren beladen“, schreibt Bohdan Korzeniewski, Theaterfachmann und Regisseur, in der Reportage „Bücher“. An der Bahnstation Görbitsch, also dem heutigen Garbicz im Lebuser Land, wo er eine Chance abpasste, die von den Deutschen im örtlichen Palais versteckten, aus der Warschauer Universitätsbibliothek geraubten Bücher abzutransportieren, stieß er auf einen langen Zug, aus dem Ticken, Klingeln, das Schlagen von Gongs und Kuckucksuhren zu vernehmen waren. Schrankuhren aus den Esszimmern vormals deutscher Wohnungen, Wecker, selbst von Rathaustürmen abgenommene Uhren wurden in die UdSSR gebracht. Ein weiteres Beispiel dafür, wie in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände in Bewegung gesetzt wurden, wovon Sie viel in ihrem Buch schreiben. Wieso ist es wichtig, davon zu schreiben, wie Dinge in Umlauf gesetzt wurden, deren Eigentümer und Aufbewahrungsorte sich infolge der neuen Grenzen änderten?

Weil die neuen Realitäten in diesen Gebieten nicht nur von Menschen gemacht wurden. Die Absicht meiner ethnographischen Untersuchungen ist zu überprüfen, welchen Einfluss die materielle Kultur auf die neue Gesellschaftsordnung in den von den Umsiedlungen betroffenen Gebieten ausübte. Die Leute kamen mit ihren meist nur wenigen Habseligkeiten, weil zum Beispiel die Leute aus dem Gebiet von Wilna ihre Möbel nicht mitbringen konnten und die Flüchtlinge aus Wolhynien keine Zeit zum Packen hatten. Umsiedler aus Mittelpolen nahmen gegebenenfalls ihre Hausausstattung mit, und sei es auch nur das Bettzeug, aber wenn es Warschauer waren, deren Häuser im Aufstand niedergebrannt worden waren, kamen sie mit leeren Händen an. Manchmal quartierten sie sich bei den deutschen Eigentümern ein, die auf ihre Aussiedlung warteten, und dann benutzten sie deren Sachen und übernahmen diese nach der Aussiedlung. Es kam vor, dass die vorherigen Eigentümer schon nicht mehr da waren und nur ihre Sachen vorzufinden waren. Und manchmal waren die Häuser schon völlig leergeräumt: Die Siedler fanden komplett ausgeplünderte Häuser und Wohnungen vor, deshalb begann ihr Leben am neuen Ort damit, die ganze Umgebung nach Möbeln, Bettwäsche, manchmal sogar nach Fenstern und Türen abzusuchen.

Die Sachen wurden gebraucht, um sich in der neuen Umgebung einrichten zu können, aber sie trugen auch zur Erhöhung des Sozialstatus bei, wenn die Leute von der Armut in die „Wiedergewonnenen Gebiete“ getrieben wurden. Wenn Objekte mit dem Hakenkreuz oder einem Hitlerbild versehen waren, konnten sie Veranlassung zu Racheakten geben. Geplünderte Sachen konnten gewinnbringend verkauft werden, womit sich die Plünderer für die Jahre der Not unter deutscher Besatzung schadlos hielten. Manchmal waren Schaden und Nutzen gegeneinander abzuwiegen: Nicht jedes Geschirr mit einem Hakenkreuz darauf wurde zerschlagen. Die Raub- und Plünderzüge stellten eine Verbindung zwischen „Alten“ und „Wiedergewonnenen Gebieten“ her, obwohl sich die Verwaltung nach Kräften bemühte, ihnen ein Ende zu setzen. Als ich meine Forschung in einer Kommune an der tschechisch-deutschen Grenze durchführte, fragte ich nach den dort üblichen Fachwerkhäusern, die schließlich ein Merkmal vergangener Epochen waren. Provisorisch sprach ich von „unbeabsichtigten Denkmälern“ der deutschen Kultur, denn heute werden sie sorgfältig restauriert. Ich kann nicht von „postdeutscher“ (poniemiecka) Kultur sprechen, denn ein solches Adjektiv gibt es nicht in der tschechischen Sprache.

Wie nennen denn die Tschechen die von den Millionen ausgesiedelten Deutschen übernommenen Kulturgüter?

Meine Gesprächspartner verneinen nicht, gewisse Sachen hätten bis 1945 andere Besitzer gehabt, doch sie sprechen davon deskriptiv: „diese Villa wurde von den Deutschen gebaut“, „diese Skier fanden wir auf dem Dachboden, sie gehörten früher den Deutschen“. Ich bin nach wie vor am Überlegen, weshalb nur das Polnische in diesem Teil Europas so flexibel war, um mit einem eigenen Wort die Abwesenheit des vormaligen Eigentümers zu bezeichnen.

Des Weiteren konfrontierten mich meine Forschungen in Polen, Tschechien und der Slowakei mit der Erkenntnis, welche Katastrophe die Umsiedlungen gewesen waren. Ich sehe daher die Region als mitteleuropäisches Labor, in dem von jedem anderen Ort bekannte Prozesse abliefen, an dem Grenzen verschoben und ethnische Gemeinschaften zerschlagen wurden. An denen die Sachen ihrer früheren Eigentümer zurückblieben, die Spuren einer anderen Kultur, die in ein neues Umfeld und neue lokale Gemeinschaften integriert wurden.

 

Die Dinge sind eine Eintrittskarte zu einer Welt, in der nach den Worten der von Ihnen in Ihrem Buch zitierten Anthropologin Elizabeth Cullen Dunn „Doppelgänger“ umgehen.

Die erkläre ich im Anschluss an Michał Jakuszewski als Stadtdopplung (miastowtór), womit ich klarstelle: ich sehe zwei Städte, die sich ein und denselben Raum teilen. Man kann sich bei dieser Begriffsbildung leicht verhaspeln und stattdessen miastotwór sagen (Stadtkreatur), womit wir den Nachdruck auf Formierung und Entstehung legen würden.

Denn es geht um zwei Orte, die aus denselben Straßen, Häusern und Parks bestehen und deren Einwohnern „eingeschärft wird, sich gegenseitig nicht zu sehen“. Die Siedler selbst waren dafür, die frühere Identität des Ortes zu verwischen, denn um sich diesen anzueignen, mussten sie verdrängen, in wessen Bett sie sich zur Ruhe legten. Vielleicht war das aber auch, was die staatliche Propaganda ihnen eintrichterte, welche die angestammten Einwohner von Breslau, Deutsch Krone und Köslin als Eindringlinge in die „ewig piastischen“ Gebiete hinstellte.

Wie bei der Stadtdopplung war nicht alles eine bewusste Praxis, und die Regierung musste nicht alles regulieren. Wenn sie eine Verordnung erließ, wurde diese bei der Vielzahl der bürokratischen Zwischenebenen womöglich gar nicht umgesetzt. Und wenn sie doch bei dem anlangte, an den sie sich richtete, war dieser vollauf mit Dingen beschäftigt, die für ihn dringlicher waren, zum Beispiel für den Lebensunterhalt seiner Familie zu sorgen, was die meisten Siedler komplett in Anspruch nahm, woraufhin er keine Zeit dafür fand, auf die Leiter zu steigen und eine deutsche Aufschrift zu übermalen. Oder er könnte zu dem Schluss kommen, bei etwas Zuwarten würden die deutschen Spuren ganz von alleine verwischen oder zu Staub zerfallen.

Als ich in sieben ausgewählten Kreisen in Westpommern zusammen mit meinen Mitarbeitenden Daten zu den Erinnerungsorten für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten sammelte, von denen sich nach der Grenzverschiebung tausende innerhalb Polens befanden, stieß ich auf eine weitere Praxis der Stadtdoppelung. Die meisten Denkmäler waren nicht zerstört, sondern in kleine Kapellen umgewandelt worden, meist der Muttergottes gewidmet. Das lag nahe, weil die Denkmäler sich oft direkt an Kirchen befanden und mit Kreuzen ausgestattet waren, auch wenn es manchmal Eiserne Kreuze waren, die nicht religiösen Charakters sind. Manchmal waren die Namen der Gefallenen ausgelöscht, aber es kam vor, dass sie in Ruhe gelassen worden waren. Es war also nichts ausgelöscht worden, ganz zu schweigen mit voller Absicht, sondern es gab eine neue Nutzung. Erst in den 1960er Jahren, als die Millenniumsfeiern Polens geplant wurden, machte man sich an eine systematischere Tilgung der deutschen Geschichte in den „Wiedergewonnenen Gebieten“.

„(…) ob sie wirklich alle deutschen Grabsteine herausreißen mussten?“, beschwert sich Manfred, Christiane Hoffmanns Onkel, deren Buch „Alles, was wir nicht erinnern“ ich gleichzeitig mit ihrer Monografie las [Alles, was wir nicht erinnern. Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters, München: Beck, 2022]. Zusammen mit ihrem Vater und Onkel kam sie 1978 als Elfjährige nach Rosenthal, das heutige Różyna in Niederschlesien: „Er ereiferte sich darüber, dass die Polen in unseren Gräbern lagen, weil er sich nicht darüber ereifern durfte, dass sie in unseren Häusern wohnten.“ Churchill hatte Recht, als er das Unterhaus überzeugte, die Deutschen sollten die Gebiete verlieren und durch die Umsiedlungen die Rechnung für den Krieg bezahlen. Was aber hatte irgendjemand davon, die Erinnerung an die Verstorbenen auszulöschen?

Sie füllten die Lücke zwischen den piastischen Zeiten und dem Jahr 1945 und zeugten von der langen und reichen Geschichte dieser Gebiete, die nicht in Erinnerung gerufen werden sollte, weil sie keine exklusiv polnische Geschichte war. Die Vorschriften über Friedhöfe und Bestattungen wurden an der Wende von den 1950er zu den 1960er Jahren novelliert; sie ermöglichten die Aufhebung von Friedhöfen und führten faktisch zur Verwischung der Spuren des „Deutschtums“ in den „Wiedergewonnenen Gebieten“. Dabei stand jedoch nicht die Ideologie im Mittelpunkt. Im Archiv fand ich einen Vorgang zu Veteranen des Zweiten Weltkrieges, die auf dem Powązki-Friedhof eine Parzelle zu Ehren gefallener Kameraden einrichten wollten. Sie besorgten schwarzen schwedischen Granit aus Słupsk (Stolpe), weil sie gehört hatten, er sei dort leicht zu bekommen. Woher stammte er? Natürlich von den dortigen Friedhöfen. Die Behörden wussten, dass die vormals deutschen Bestattungsplätze Vorräte an Marmor, Granit und Sandstein bereithielten, und bis heute geht ein Handel mit diesen Materialien weiter, über den weder Warschau noch die Lokalbehörden die Kontrolle haben. Bei der Legalisierung dieses Prozederes wurden viele Friedhöfe beseitigt, vor allem evangelische. Dabei verschwand dann auch so mancher Schandfleck der Vernachlässigung. Die katholischen Friedhöfe wurden meist weiter genutzt, indem man die Toten zu den bestatteten Deutschen dazulegte. Damit wurden sie zu den ersten Orten der Begegnung zweier Gesellschaften: der Einwohner von vor und nach 1945. Ich finde es sehr symbolisch, wie die Grabsteine mit den Namen in deutscher Frakturschrift umgedreht wurden, um polnische Namen darauf zu setzen.

Vor kurzen habe ich mich aufgemacht anzuschauen, wie an einem Ort unweit von Wałcz, dem früheren Deutsch Krone, der Grabstein einer bestimmten deutschen Familie aussieht. Einigen wenigen Hinweisen folgend, machte ich mich auf den Weg in den früheren Gutspark, in dem sich die Grabstelle befinden sollte, aber während ich noch suchte, bestätigte sich der alte Grundsatz: Folge der Spur des Mülls. Hier fiel mir ein entsorgter Staubsauger auf. Der führte mich zu dem Grabstein. Und das ist ein zusätzliches Problem mit den „vormals deutschen Friedhöfen“, das bis heute anhält: ihre Vernachlässigung. Zerschlagene Gedenksteine, kein Zaun um das Gelände, Müllberge. Es ist zu sehen, dass die Lebenden von den Toten nicht viel wissen und keine Verbindung zu ihnen spüren, obwohl sie auf ihren Wegen wandeln, in ihren Häusern wohnen und ihre Dinge benutzen.

Und wenn sich dazu, wie in Zielona Góra (Grünberg), der Grünkreuzkirchhof ideal zum Park eignete, wegen seiner Größe, seiner terrassenförmigen Anlage und seines schönen Altbaumbestands.

Oder wenn sich der Friedhof an einem attraktiven Ort befand, der fernerhin nicht vom Raumbewirtschaftungsplan erfasst war, dann bot dies Gelegenheit für neue „Investitionen“. Erst 2024 wurden in Mittelpommern zwei solche Friedhöfe aufgehoben oder zerstört (von denen mir bekannt ist). Einer wurde umgegraben, um Hochspannungsleitungen hindurchzulegen. Der andere, in der Dorfmitte gelegene, wurde auf einmal wirtschaftlich interessant, als die Sache mit dem ersten in den Lokalmedien bekannt gemacht worden war. Mit einiger Vereinfachung lässt sich sagen: Wenn wir in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ einen Sportplatz oder einen Spielplatz an einem etwas ungewöhnlichen Ort sehen, befindet er sich wahrscheinlich dort, wo früher der Friedhof war. Den Teil unter der Erde gibt es nach wie vor, denn normalerweise wurden keine Exhumierungen vorgenommen.

Ein kleiner Friedhof.
Alter evangelischer Friedhof in Krobielewko (ehemals Klein Krebbel) © Wikimedia, Mos810

„Unsere publizistische Sprache ist hilflos“, bekennt Franciszek Gil, einer der von Ihnen zitierten Siedler. Er ärgere sich und sei beschämt, weil er, seiner Auffassung nach, nicht so von seinem Leben in Stettin erzählen könne, wo er keineswegs „für immer“ habe bleiben sollen, wie es sich gehöre. Ihr Buch ist wie eine Plauderei: Sie laden die Leserin und den Leser in Ihre Welt ein, wie auf einen Ausflug, bei dem wir bei unterschiedlichen Gelegenheiten immer wieder auf dieselben Menschen stoßen und Orte zu unterschiedlichen Zeiten besuchen. Manchmal schreiben Sie ganz direkt: „Blättern Sie um, wir müssen uns im Bahnhofswartesaal in die Warteschlange stellen und zuhören, was da so gesagt wird.“ Also was haben wir da zu hören bekommen?

Meine Helden in Bewegung, so typisch für die „Wiedergewonnenen Gebiete“. Mit dem Fokus auf kleine Landschaftsausschnitte wollte ich zeigen, wie sie aufeinander zukommen, sich im gleichen Raum befinden und aneinander vorbeigehen, ohne etwas übereinander zu wissen. Wie die sieben Gestalten in Andrzej Wróblewskis Bild „Der Bahnhof in den Wiedergewonnenen Gebieten“, das mich an den Bahnhof von Piła (Schneidemühl) erinnert.

Hinter Memoiren oder einem amtlichen Dokument steckt immer ein Mensch, zum Beispiel Tadeusz Skoczeń, Sekretär der Polnischen Arbeiterpartei und Mitglied einer der Vortrupps, die in die „Wiedergewonnenen Gebiete“ entsandt wurden. Er bewegt sich ohne Karten durch das neue Gebiet, daher meinte er anfangs, Kreissitz sei in der Ortschaft Jastrow (heute Jastrowie). Aber er bemerkte seinen Fehler und begab sich in die eigentliche Kreishauptstadt, nach Deutsch Krone. Oder beispielsweise Leonard Borkowicz, einer der Bezirksbevollmächtigten für Westpommern; er wollte aus demselben Städtchen den provisorischen Wojewodschaftssitz machen, weil es in dem schrecklich zerstörten Schneidemühl, also Piła, unmöglich war, ein Wojewodschaftsamt einzurichten.

Eine Komödie der Irrungen.

Eben, weil alles in Bewegung war. Die Menge der Quellendokumente, hinterlassen von den Menschen, die in die „Wiedergewonnenen Gebiete“ kamen, erlaubte mir, hinter die landläufigen Meinungen zu blicken. Man war schließlich der Auffassung, in den angeschlossenen Gebieten hätten sich vor allem die Leute aus den vormaligen polnischen Ostgebieten niedergelassen. Die neuen Einwohner hätten sich dort de facto provisorisch gefühlt, und deswegen habe bis 1989 niemand einen Nagel in die Wand geschlagen, aus Angst vor der Rückkehr der Deutschen. Ich ging davon aus, dass mehr als achtzig Jahre nach der Westverschiebung Polens diese Geschichte die Chance hat, die Leser zu berühren, insofern ich sie anders als bisher erzählen würde.

Um aber auf die Sprachprobleme zurückzukommen: Wir streiten uns fortwährend darüber, wie wir am besten die Gebiete benennen sollen, die an das verschobene Polen fielen. Wir haben dafür keinen einheitlichen Namen. Ganz so, wie wir keine Definition für die dort gewachsene neue Gesellschaft haben, gebildet von „Repatrianten“, „Umsiedlern“, „Remigranten“ und „Autochthonen“.

Wieso soll uns diese Geschichte weiterhin berühren? Wird das Bewusstsein, dass die Großeltern vieler von uns damals ihre Heimat verlassen mussten, uns sensibler für die Migranten von heute machen?

Fragen nach der Vergangenheit sind ein jedes Mal Fragen über uns selbst, über die Identität, die an einem Ort entsteht, dessen Geschichte bis 1945 von einer anderen Gesellschaft bestimmt wurde. Allein die Fragen zu stellen, erscheint mir wichtig, selbst wenn wir darauf keine Antwort fänden. Die Realität aufbrechende Fragen verursachen Unruhe, die ihre glatte Oberfläche zerstört und neuen Bedeutungen eine Chance gibt. Das gesagt, gebe ich zu bedenken: Man kann ruhig in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ leben, ohne darauf zu achten, wie sich hier zum Beispiel Orte und Dinge offenkundig doppeln. Mit der Ruhe ist es zu Ende, wenn uns beispielsweise erstmals die Andersartigkeit eines bestimmten Gebäudes ins Auge fällt. „War das ein Gasthaus?“, fragen wir die Leute vom Ort. „Nein, eine Schule“, antworten sie. „Was denn für eine Schule?“, wenden andere ein, weil sie sich daran erinnern, dass der Schulunterricht in diesem Bau erst nach dem Krieg begann, und was damit zu deutschen Zeiten war, müssen wir im Archiv herausfinden.

Diese Doppelung von Ort und Sache verändert die Wahrnehmung, weil wir uns eines bewusst werden, wir waren nicht als erste hier. Jemand hat vor uns hier gewohnt, der eine bestimmte, greifbare Person war. Es spielte sich Geschichte ab, und dies wurde von unseren Großeltern, die vor achtzig Jahren in diese Gebiete zogen, fortgesetzt.

Ihr Großvater, Kazimierz Ćwiek, der freiwillig in die Umgebung von Wałcz kam, aus der Gegend des armen Pionki in der Umgebung von Radom, so wie Christiane Hoffmanns Großmutter Olga, die brutal aus Rosenthal ausgesiedelt wurde, sagten jedoch nichts. Wie ist das Schweigen der ersten Generation zu erklären?

Wir nehmen an, erst die dritte Generation, also die Enkel, will wissen, was passiert ist. Die Erlebnisgeneration hatte keine Zeit, über ihre Erfahrungen zu fabulieren. Die zweite Generation hat zwar schon ein bisschen Ahnung, stellt aber meist keine Fragen. Erst die Enkel haben Zeit und Spielraum für das Nachforschen. Ich habe schon einen Grund, wieso ich meine Feldforschung mit der Frage beginne: Woher sind Sie gekommen? Oder ihre Familie. Manchmal fällt der Ortsname, aber gelegentlich lassen sie ihre Erinnerungen damit beginnen, was sich vorher abgespielt hatte, zum Beispiel während des Krieges, was schließlich über ihre Ansiedlung in den „Wiedergewonnenen Gebieten“ entschied. Die Leute gingen nicht zuletzt dorthin, um wegen vorheriger Untergrundtätigkeit ihre Spuren oder ihre soziale Herkunft zu verwischen. Die Memoiren, die bei den zahlreich ausgeschriebenen Wettbewerben entstanden, hatten ähnliche Beweggründe. Selbst wenn einige Autoren Probleme mit dem Schreiben hatten, nahmen sie die Anstrengung in der Überzeugung auf sich, ihre Geschichte sei es wert, erhalten und anderen mitgeteilt zu werden. Das zeigt, dass nicht alle aus der Erlebnisgeneration sich für das Schweigen entschieden.

Ähnlich sehen die Erinnerungen der deutschen Umsiedler aus, wie sie etwa Christiane Hoffmann am Beispiel ihrer eigenen Familie vorstellt. Während seiner einsamen Fußwanderung von mehr als 500 Kilometern, die mehrere Jahrzehnte zuvor ihr Vater als Zehnjähriger bewältigen musste, zog er sich in der Erinnerung auf das zurück, was vor der Umsiedlung war. Er erinnerte sich beispielsweise an Onkel Manfred, einen fanatischen Nazi, der in der Hitlerjugend diente und sich bei Kriegsende zur SS meldete. Als einziger aus der Familie kehrte er dann unbeschadet aus dem Krieg zurück und richtete sich in der Bundesrepublik hervorragend ein. Die Geschichte dieser Familie beginnt also nicht im Winter 1945, als die Rote Armee vor Rosenthal auftauchte. Hoffmann führt an, welche Einstellungen in Familien wie der ihren zu der Katastrophe geführt hatten. Sie beschreibt, wie deren Folgen auf ihren Vater, auf ihr eigenes Leben und sogar ihre Töchter einwirkten. Anfang und Ende der Geschichte von Menschen, die entweder ausreisen mussten oder sich in den verlassenen Gebieten ansiedeln wollten, sind wichtig. Denn sie zeigen den weiteren Hintergrund, reichen zu den Ursachen und zeigen die Folgen.

Gegenstand Ihres Buches sind sehr schmerzliche Geschichten, dennoch wäre es weit gefehlt, nur von einer deprimierenden Lektüre zu reden, denn manchmal geht es geradezu lustig zu. Wer das nicht glaubt, dem sei das Unterkapitel „Die Hand aus dem Grab“ empfohlen, die eine Maschinenpistole hält; den Schlüssel dazu liefert ein Märchen der Brüder Grimm.

Wir wären wohl gar nicht in der Lage, eine solche Anhäufung von Atrozitäten zu ertragen, wie sie sich während der Umsiedlungen und Migrationen ereigneten, wenn die Erzählung einzig und allein daraus bestünde. Das würde auch nicht der Realität entsprechen, weil der Alltag ganz in Vergessenheit geriete, in dem es auch bessere Tage und heitere Ereignisse gab. Genau das war meine Absicht: Den Alltag der Zeit zu beschreiben, als es die „Wiedergewinnung und den Verlust“ der Orte gab, die meine Heimatgegend sind.

„Ethnographie zuhause“, so nennen Sie das.

Also am Herkunftsort vorgenommene Forschung, und ich wollte immer schon die Geschichte Mittelpommerns zeigen, das als ewiges Grenzgebiet und Peripherie oft unbeachtet bleibt. Zudem wollte ich die Geschichte aus Sicht der Dörfer und Kleinstädte der „Wiedergewonnenen Gebiete“ erzählen, nicht nur derjenigen der großen Städte.

Es heißt, der Ethnograph komme mit seiner Forschung immer zu spät. Ich kam dagegen zu früh, denn als meine Großeltern noch am Leben waren, hatte ich als Forscherin zu wenig Erfahrung, um sie nach allem Wesentlichen zu fragen. Ich brauchte deshalb die Geschichten anderer Menschen, um mich an dem Mythos der „Wiedergewinnung“ abzuarbeiten. Besteht dieser immer noch? Und wenn ja, wo? Übrigens frage ich ständig danach und mache mir Notizen.

Mit Karolina Ćwiek-Rogalska sprach Anna Mateja.  

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

Karolina Ćwiek-Rogalska ist Bohemistin, Ethnologin und Mitarbeiterin am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Forschung ist der Anthropologie der Landschaft und den Umsiedlungsgebieten des slawischen Teils von Mitteleuropa gewidmet. In diesem Kontext forscht sie zu Erinnerung und Gedächtnis sowie zur materiellen Kultur. Ćwiek-Rogalska ist Autorin der Bücher „Zapamiętane w krajobrazie” (In der Landschaft festgehalten; 2018) und „Ziemie. Historie odzyskiwania i utraty” (Gebiete. Geschichten über das Wiedergewinnen und den Verlust; 2024).

Der Beitrag erschien in der DIALOG-Ausgabe Nr. 151 (2025).

Menschen steigen in einen Zug ein.

Deutsch-Polnischer Freundschaftspass: Umsonst ins Nachbarland reisen

Ab jetzt kann man sich für den deutsch-polnischen Freundschaftspass bewerben. Mit diesem können insgesamt 60.000 junge Menschen aus Polen und Deutschland das jeweilige Nachbarland per Zug entdecken. Man muss schnell sein.
Thomas Dudek
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

Polnische Presseschau vom 14.09.2026

Russische Drohnen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, ein Kulturkampf in den polnischen Schulmensen und der AfD-Erfolg – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
Jacek Lepiarz
Ein Mann in Hemd und Weste schaut in die Kamera.

Autor Martin Piekar: „Polen – eine Nische, die gerade erst aufgeht“

Viele Polinnen und Polen in Deutschland hätten sich lange nicht offen zu ihren polnischen Wurzeln bekannt. Sie fingen gerade erst an, dazu zu stehen, sagt Martin Piekar, Autor des Buches „Vom Fällen eines Stammbaums“.
Natalia Prüfer