Wissen Sie schon?
Woher ich komme? Ja und nein.
Lassen Sie uns damit beginnen, was Sie wissen.
Meine Tochter Monika, die mich die ganze Zeit überreden wollte, ich solle doch was über mich in Erfahrung bringen, machte mir zum Muttertag ein Geschenk: Sie nahm mir eine Speichelprobe ab und schickte sie nach Hamburg. Zu einer Einrichtung, die genetische Untersuchungen zur Feststellung der Abstammung macht. Mein Ergebnis: 98 Prozent jüdische Gene, zwei Prozent südosteuropäische.
Deutschland hat eine gewisse Tradition mit der Feststellung der Abstammung…
Ironie der Geschichte, nicht wahr? Und was meine ganz sicher jüdischen Wurzeln angeht: Das habe ich gespürt. Ich war mein Leben lang für die jüdische Kultur besonders empfänglich. Ich habe viel darüber gelesen, schrieb das Buch zu den deutschen Kirchen und die Juden [A bliźniego swego… Kościoły w Niemczech wobec „problemu żydowskiego“ (Und deinen Nächsten… Die Kirchen in Deutschland und die „jüdische Frage“), Poznań: Instytut Zachodni, 2003]. Waren Sie mal in Tykocin? Ich konnte mich gar nicht sattsehen an diesem alten Schtetl. An der Synagoge und dem Kleinen Markt, der das Zentrum des jüdischen Stadtviertels war. An den jüdischen Grabsteinen, den Mazewot, die ganz in dem Unkraut versunken sind, das den Friedhof überwuchert. An der Seitenwand eines der erhaltenen Häuser konnte ich einen Davidstern entdecken. Erst vor kurzem habe ich Wisława Szymborskas Gedicht „Jeszcze“ (Noch) kennengelernt, veröffentlicht in einem Bändchen von 1957. Das mit den Worten beginnt: „W zaplombowanych wagonach/ jadą krajem imiona…“ (In plombierten Waggons, bewacht/ fahren Namen durch Land und Nacht) [zit. nach der dt. Ausgabe Szymborska, Wisława: Hundert Freuden. Gedichte, hg. u. übertr. v. Karl Dedecius, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1986] Das hat mich sehr berührt.
Wenn das Ergebnis der Hamburger DNS-Untersuchung stimmt, sind Sie wahrscheinlich ein jüdisches Kind, das aus dem Warschauer Ghetto herausgeschafft wurde. Lassen Sie uns jetzt davon sprechen, was Sie immer noch nicht wissen.
Wer meine biologischen Eltern waren? Wo ich ihre sterblichen Überreste suchen soll? In Auschwitz? In Treblinka? Bestimmt habe ich Verwandte, entfernte Verwandte, bloß wie soll ich sie finden? Ich würde gern wissen, wer ich war, bevor ich im Herbst 1943 in einem Krakauer Kinderheim landete, wohin ich in einem Kindertransport aus einem Waisenhaus im Warschauer Stadtteil Żoliborz gebracht wurde.
Ihr Alter wurde auf zwei Jahre geschätzt. In die Dokumente wurde ein frei erfundenes Geburtsdatum eingetragen: 28. Oktober 1941, der Namenstag Ihres Adoptivvaters Tadeusz Wolff, des Sohnes eines Österreichers, der sich als Pole fühlte und deshalb nach Kriegsausbruch nicht von der Möglichkeit Gebrauch machte, die Staatsangehörigkeit zu wechseln.
Ich sah meinen Großvater lediglich einmal: 1945, als die Eltern auf dem Rückweg nach Wągrowiec im früheren Warthegau, von wo sie in den ersten Wochen der Besatzung ausgesiedelt worden waren, sich in Trzemeszno aufhielten. Seine Frau, meine Großmutter, war nicht mehr am Leben. Sie war im Warschauer Aufstand umgekommen. Warum sie nach Warschau gezogen war und nicht bei ihrem Mann lebte, weiß ich nicht. Ihren jüngsten Sohn hatten die Deutschen 1939 erschossen. Der zweite starb gegen Ende des Krieges in einem Krankenhaus in Gnesen. Angeblich, weil er ein Medikament nicht bekam, das knapp war, und der Arzt entschied, die Deutschen müssten Priorität bei der Zuteilung haben. Der Großvater hatte einen Laden. Viele Jahre nach dem Krieg bekannte Mama, sie kaufte dort nicht gern ein, weil sie für alles bezahlen musste wie jeder andere Kunde, selbst für Süßigkeiten für mich. Deshalb denke ich mir, der Großvater war ziemlich geschäftstüchtig und ein ziemlicher Geizkragen.
Wie kommt eigentlich Tarnopol (heute ukrainisch Ternopil) ins Spiel, eine Stadt im südöstlichen Grenzgebiet der Zweiten Rzeczpospolita, die im September 1939 von der Roten Armee besetzt wurde? Worum soll das Ihr Geburtsort gewesen sein?
Weil Tarnopol hinter der Grenze lag und es schwer nachzuprüfen war, ob meine Eltern dort wirklich während des Krieges gewesen waren. Ich fragte Mama, wie sie dorthin gekommen waren. Was ich zu hören bekam war, dass Papa in einem Transportunternehmen arbeitete, und die Deutschen schickten ihn zur Arbeit nach Tarnopol. In ein Gebiet, das sie gerade erst der Sowjetunion abgenommen hatten, gegen die sie seit Juni 1941 Krieg führten, also vier Monate, bevor ich zur Welt kam? Und meine Mutter, schon in der Schwangerschaft, soll hinter meinem Vater her in ein frontnahes Gebiet gekommen sein, um mich zur Welt zu bringen? Ich hatte so meine Zweifel, einzig, ich war mit meinen Gedanken allein.
Ein andermal fragte ich, wo Mama mich zur Welt gebracht habe, zuhause oder im Krankenhaus? „Zuhause“, war ihre Antwort. Aber irgendwann später sagte sie „im Krankenhaus“. Ich behielt diese Ungereimtheit im Gedächtnis, nur bekam Mama gar nicht mit, wie sie beim ersten oder zweiten Mal nicht die Wahrheit gesagt hatte. Um zu lügen, musst du ein gutes Gedächtnis haben, doch Mama hatte ihr Gedächtnis offenbar im Stich gelassen.
Wieso haben Sie nicht gleich nachgehakt, um die Wahrheit herauszufinden?
Wieso hätte ich Mama in eine peinliche Lage bringen sollen? Meine Generation stellte ihren Eltern keine als unangemessen geltenden Fragen, weil sie zum Beispiel zu heikel gewesen wären und die Eltern gezwungen hätten, sich ihren Kindern zu erklären. So passierte das eben in Deutschland, als die Enkel anfingen, ihre Großeltern zu fragen, was sie eigentlich im Krieg gemacht hatten. Kinder stellten keine Fragen. Entweder meinten sie, da gäbe es nichts zu fragen, weil sie das nicht interessierte. Oder sie hatten nicht den Mut, nach etwas zu fragen, was die Eltern gezwungen hätte, von schwierigen Dingen zu sprechen.
Noch so ein Paradox: Mein Verdacht, adoptiert zu sein, wurde schließlich von einem Deutschen bestätigt, Eberhard Schulz, einem Slawisten, den ich seit Jahren kannte. Ich hatte mich in ihn verliebt, das beruhte übrigens auf Wechselseitigkeit, und da wir beide verwitwet waren, wollten wir heiraten. Ich war 55, als ich 1996 dabei war, die Papiere zusammenzusuchen, die ich zum Heiraten brauchte, und deswegen fuhr ich nach Warschau, wo ich aufgewachsen war. Papa war nicht mehr am Leben, er war 1973 gestorben. Ich fragte also Mama, wieso ich meine Geburtsurkunde nicht zuhause finden konnte. Mama versprach mir, sich darum zu kümmern, und nach einiger Zeit gab sie mir die benötigte Urkunde. Damals hatte ich bereits starke Zweifel an meiner Herkunft. Es klang mir immer noch in den Ohren, wie eine Tante vor Jahren, als ich sie als kleines Mädchen irgendwie aus der Fassung gebracht hatte, im Zorn schrie: „Du Bankert!“ Ich merkte mir das Wort und wie ich mich gewundert hatte, wieso meine Tante mich wohl so genannt hatte. Vor einiger Zeit last ich in einem rechtsgerichteten Blatt die Schmähung: „Die Bankerte vom Sender TVN!“
Ich habe meinerseits bei Ihnen gelesen, „Kriege beginnen mit Worten“. Könnte ein Ausdruck wie „Bankert“ einen Krieg starten?
Aber klar doch. „Verräterische Visagen“ ebenso. Mich erschreckt, dass trotz des Hasses der Zuspruch für die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ in jeder Meinungsumfrage bei über zwanzig Prozent liegt. Wenn wir uns deren fanatischste Anhänger anschauen, kann die Partei tun und sagen, was sie will, und sie werden den PiS-Leuten immer noch hinterherlaufen. Bei mir sagen einige in der Familie, Ministerpräsident Donald Tusk habe Polen an die Deutschen ausverkauft und fahre nach Berlin, um sich seine Anweisungen zu holen, wie polnische Geschichte zu schreiben sei. Ich frage mich, woher sie das bloß wissen. Von ihren, also von den rechten Medien, von Fernsehsendern, Zeitungen und Internetportalen. Sie wollen nicht mal hören, welche Quellen ihnen eigentlich suggerieren, sie würden auf diese Medien hören, um sich ihre eigene Meinung zu bilden. Ich gebe zu, ich streite nicht mit ihnen. Wir sprechen einfach über etwas anderes. Ich will nicht, dass uns die Politik entzweit und wir den Kontakt abbrechen. Schließlich wollte ich mein ganzes Leben immer schon eine große Familie haben, weil Papa aus Angst, seine Verwandten könnten mir etwas über meine Herkunft erzählen, keinen Kontakt mit ihnen unterhielt.
So lassen Sie uns auf den Deutschen zurückkommen, der eine Frau heiratete, die im Alter von zwei Jahren nur hatte sagen können: „Boję Niemca“ (ich Angst Deutscher).
Als ich Eberhard heiratete, wusste ich das noch nicht. Ich habe meinen Eltern nie gesagt, ich hätte Zweifel an meiner Herkunft, weil ich wusste, mein Mangel an Vertrauen würde sie verletzen. Wahrscheinlich hätten sie nicht mit mir darüber sprechen können, daher hätten sie gelogen und sich damit nochmals selbst verletzt. In dem Bewusstsein, mir nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Meine Adoptiveltern schenkten mir eine wunderbare Kindheit. Ich war ein gewolltes und geliebtes Kind, das überhaupt nicht wissen musste, woher es kam. Ich bin nach Mamas Tod darauf zurückgekommen. Sie starb 1999, drei Jahre nach meiner Hochzeit. Mir war klar, sollten noch irgendwelche Spuren existieren, dann in Krakau, wo die Eltern die Okkupation überlebt hatten. Dort lebte immer noch eine Schwester von Mama, meine Taufpatin, die damals bei ihnen gewohnt hatte.
Es war nicht einfach. Ich erzählte ihr von meinen Vermutungen. Ich redete mit ihr von meinem Aussehen, das sich vom Rest der Familie so völlig unterschied. Die Tante winkte lediglich ab. „Du gehörst zu uns“, war ihre Reaktion. Ich gab nicht nach. Sie war ja fast neunzig. Ich wusste, wenn sie nicht mehr da sein wird, würde ich niemanden mehr fragen können. Was sie überzeugte, war meine ziemlich entschiedene Feststellung: „Ich habe ein Recht darauf, es zu wissen.“ Daraufhin erfuhr ich, Mama habe nach dem Umzug von Wągrowiec nach Krakau einen chirurgischen Eingriff gehabt, der sie unfruchtbar machte (wahrscheinlich handelte es sich um eine Komplikation nach einer Blinddarmperforation). Kaum war sie aus der Narkose erwacht, schickte sie ihren Mann in das nächste Kinderheim. Papa suchte nach einem kleinen Mädchen, weil sie eine Tochter wollten. Dort erfuhr er, es gebe keine Kinder zur Adoption, aber eine Woche später würde ein Kindertransport aus Warschau eintreffen.
In jenem Transport befand sich ein kleines Mädchen, das wie zwei Jahre alt aussah und von dem bekannt war, dass …
… nichts bekannt war. Ich war eine Unbekannte. Die Eltern gaben mir die Namen Anna Teresa. Ich ging mit Eberhard in das Krakauer Archiv, wozu mir ein mir bekannter Historiker geraten hatte, um nach Informationen über während des Krieges adoptierte Kinder zu suchen. Und tatsächlich, Eberhard fand dort beim Durchforsten von Akten des Polnischen Betreuungskomitees Krakau-Stadt, einer Abteilung des Hauptbetreuungsrats, der einzigen von den Deutschen zugelassenen polnischen karitativen Organisation, den Namen Wolff in einer Liste von Familien, denen Kinder zur Adoption überlassen worden waren. Mein Eintrag, der allerdings erst von 1945 stammte, bevor meine Eltern mit mir nach Wągrowiec zurückkehrten, lautete: „N.N. Anna Teresa, vier Jahre, aus dem Internat in Żoliborz, wahrscheinlich eine Waise. Bei Herrn und Frau Wolff, Kraszewski-Straße 6/8. Das Kind ist sehr schwierig.“
Die Kraszewski-Straße befindet sich in Półwsie Zwierzynieckie im Westteil der Stadt und verbindet den Platz Na Stawach mit den Błonia-Wiesen.
Aus dieser Zeit kann ich mich an nichts erinnern, und die Eltern vermieden es, über die Vergangenheit zu sprechen, besonders über unsere Zeit während der Besatzung in Krakau. Ich habe nur ein paar Einzelheiten, die mir von der Tante erzählt wurden. Einmal soll ich die Hand eines Mannes ergriffen haben, den ich zum ersten Mal im Leben sah. Das war mein Papa. Er war in den Saal gekommen und blickte sich nach dem Mädchen um, das seine und seiner Frau Tochter werden sollte. Das läuft also darauf hinaus, dass ich mir selbst meine Familie ausgesucht habe, und die Zeit sollte zeigen, wieso ich es nicht besser hätte treffen können! Vom Sohn meiner Taufpatin erfuhr ich, warum ich als „sehr schwieriges Kind“ galt. Und zwar hatte ich schon eine misslungene Adoption hinter mir, als ich nach der Hand von Papa griff. Mich hatten zwei Damen zu sich genommen, die mich bereits nach wenigen Tagen zurückbrachten. Offenbar war ich unerträglich. Zum Glück!
In einer anderen Episode habe ich Angst vor lautem Gebrüll, vor großen Sälen und sage die ganze Zeit: „Ich Angst Deutscher“. Dann gibt es noch eine, da werde ich auf den Planty [Krakauer Flaniermeile längs des früheren Befestigungsrings; Anm. d. Übers.] fotografiert, auf dem Weg zur St.-Nikolaus-Kirche, wo ich getauft wurde.
Eine interessante Kirche. 1910 heiratete dort Feliks Dzierżyński, seit 2016 werden dort die sterblichen Überreste der seligen Hanna Chrzanowska, der Krankenschwester, aufbewahrt. Im Krieg war sie Mitarbeiterin des Hauptbetreuungsrats und war damit befasst, Familien für Waisen zu suchen, auch für versteckte jüdische Kinder. Es ist durchaus möglich, dass der Fall des unbekannten Mädchens aus Warschau durch ihre Hände ging.
Vor einigen Jahren besuchte ich gemeinsam mit Tomasz Dostatni, dem Dominikaner, das Grodzka-Tor-Zentrum in Lublin, das Zeitzeugnisse der jüdischen Geschichte der Stadt sammelt. Bis heute erinnere ich mich an den Schock, als ich das Schild „Theater NN“ las, das sich in dem Zentrum befindet. „Aber ich bin doch NN“, fiel mir ein, rein assoziativ, so wie ich mich an meinen Akteneintrag in dem Krakauer Archiv erinnerte.
Nachdem wir nach Großpolen zurückgekehrt waren, hatten die Nachbarn keinen Grund zum Verdacht, weil sie meine Eltern seit ihrer Aussiedlung 1939 nicht mehr gesehen hatten. Die Familie wusste Bescheid, sagte dennoch nichts. Ich lebte in dieser seligen Vergessenheit. Ich wunderte mich über die Emotionalität meiner Mutter. Ich ging zum Schwimmen aus dem Haus – in der Nähe von Wągrowiec sind Seen, die Welna fließt durch –, Mama stand auf der Türschwelle, bis ich am Horizont verschwand, und weinte. Ich spielte Handball und war viel in Trainingslagern. Bei jeder Abfahrt dasselbe Schauspiel: Mama hielt mich an den Händen und weinte, also ob sie Angst hätte, ich könnte nicht zurückkommen. Ich studierte schon Geschichte an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen, und sie hielt mich immer noch bei den Händen, wenn wir gemeinsam Zug fuhren. Wegen dieses Zartgefühls wuchs ich zu jemandem heran, der sich seines Wertes bewusst war. Mich machte das nervös, weil andere Eltern ihre Kinder zwar genauso liebten, ihnen aber mehr Raum gaben.
Sie schloss sie in einer Glocke aus Liebe und Sorge ein, die nicht ein schlimmes Wort an Sie herankommen lassen sollte?
Das wollte sie wohl damit erreichen, dabei ließ es mich misstrauisch werden, insbesondere wenn ich Zweifel hatte, ob ich auch wirklich aus der Familie Wolff kam. Allerdings schüttelte ich solche Zweifel immer schnell ab, schließlich waren meine Eltern so toll, und ich wuchs in einer Umgebung auf, in der sich alle kannten und halfen. Auf meine Freundschaften von damals konnte ich mein ganzes Leben zurückgreifen. In diesem Sinne hat mich meine engere Heimat reich begabt, denn deshalb brauchte ich mich in der weiten Welt nie fremd zu fühlen. Ich wusste, wo sich der eine Ort befand, der mich zu derjenigen gemacht hatte, die ich war, und mich auf das Erwachsenenleben vorbereitet hatte.
Als Kind kam es mir überhaupt so vor, als sei ich privilegiert. Meine Eltern verloren alles, und das gleich zweimal. Zuerst siedelten die Deutschen sie aus und nahmen ihnen das Café, das sie vor dem Krieg betrieben hatten. 1945 kamen wir in Wągrowiec in eine leergeräumte Wohnung zurück, und Mama und Papa eröffneten bald darauf eine Konditorei. Sie verkauften sogar selbstgemachtes Speiseeis, bis sie aufgeben mussten, als die Regierung begann, die privaten Unternehmer zu bekämpfen. Uns blieb ein einziges Zimmer mit einem Durchgang als Küche. Die Eltern nahmen Anstellungen beim Staat an. Mama wurde Verkäuferin und war von früh bis spät nicht zuhause. Und doch dachte ich, mehr als andere zu haben, sodass ich, inspiriert von der Aktion der „unsichtbaren Hand“ wie in Arkadij Gajdars „Timur und sein Trupp“, jede Woche von Mama gebackenen Kuchen heimlich einer Schulfreundin brachte, die mehrere Geschwister hatte. Natürlich wussten alle, woher der Kuchen kam, und trotzdem hüteten sie das Geheimnis.
Ich kann mich bis heute an alle Ladenbesitzer und Handwerker aus meiner Stadt erinnern, an ihre Namen und Adressen. Und an den einzigen Juden, der nach dem Krieg nach Wągrowiec zurückgekommen war. Er hieß Krohn oder Kohn und hatte eine Juwelierbetrieb. Er emigrierte 1968, und einige Jahre später wurde der jüdische Friedhof eingeebnet, und die Mazewot wurden in den See am Ort geworfen. Erst in der letzten Zeit konnten einige davon geborgen werden. Die geretteten Grabsteine wurden zu einem Lapidarium im Stadtpark zusammengestellt.
Waren auch noch Deutsche im Ort geblieben?
Kein einziger. Eberhard wurde einmal von dem Kind eines Bekannten in seinen Kindergarten eingeladen, damit seine Freundinnen und Freunde dort mal einen echten Deutschen zu Gesicht bekamen… Ich selbst hatte leider nie die Gelegenheit dazu gehabt. Ich ging in einen von den Grauen Schwestern geführten Kindergarten und kaute Fingernägel, deshalb musste ich manchmal mit einem großen Knochen in der Ecke stehen.
Wieso denn das?
Um daran zu kauen statt an den Fingernägeln.
Hatte der Knochen oder vielmehr diese Art von Bestrafung Folgen für ihre Einstellung zur Religion?
Religiöse Zweifel hatte ich, seit ich erwachsen zu werden begann, nichtsdestotrotz blieb ich praktizierende Katholikin. Mein deutscher Mann, der immer und bei allem mitmachte, war hin und wieder mit mir in der Kirche, obwohl er in einer kirchenfernen Familie aufgewachsen war. Einmal fragte er: „Wieso wiederholt ihr nur so oft ,Kyrie eleison‘?“
Also „Herr, erbarme dich unser“.
Ja genau. „Woran denkst du dann?“, fragte er. Das war für mich der Wendepunkt. Mir wurde klar, ich bezog keinen geistlichen Gewinn aus Messe und Gottesdienst, wenn ich in der Kirche bestimmte Worte aussprach, ohne darüber nachzudenken. Ich hatte mehr davon, den „Tygodnik Powszechny“ zu lesen oder mir bei einem Spaziergang über die Wiese Gedanken zu machen. So beschloss ich, nicht mehr mechanisch irgendwelche Rituale nachzuvollziehen, bloß um der Kirche gehorsam zu sein. Und so wurden die Befürchtungen eines Priesters aus Posen wahr, zu dem ich vor meiner zweiten Heirat gegangen war. Er holte die Erlaubnis des Bischofs der Diözese ein, in der Eberhard lebte, um uns zu verheiraten, und äußerte seine Befürchtung, diese Ehe würde mich der Kirche entfremden.
Weil Sie einen Deutschen heiraten wollten?
Genau. Paradoxerweise hört ich erstmals im Leben auch wegen der „Nationalitätenfrage“ auf, in die Kirche zu gehen. Während der Wahlen von 1990 war ich in der Messe, nach der der Priester die Anwesenden um das Gebet bat, damit „der Indianer nicht Präsident“ werde. Er meinte damit Stanisław Tymiński, der tatsächlich ziemlich undurchsichtig war, indes war er diesem Priester zufolge wegen der Herkunft seiner Ehefrau gefährlich, die aus Peru kam. Das war für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie konnte man so etwas nur sagen?
Seither haben die Geistlichen der katholischen Kirche in Polen so viel ungeheuerliche Meinungen von sich gegeben, dass ich lieber nochmal nach den Deutschen fragen möchte. Wann haben Sie, die renommierte Deutschlandkennerin und Chefin des Westinstituts Posen 1990–2004, zum ersten Mal den eben erwähnten „echten Deutschen“ gesehen?
Ich war längst im Erwachsenenalter. Im Rahmen eines Mitarbeiteraustauschs zwischen dem Westinstitut, von dem ich 1969 angestellt worden war, und dem Lehrstuhl für Marxismus-Leninismus an der Karl-Marx-Universität Leipzig fuhr ich in die Deutsche Demokratische Republik. Der Aufenthalt dauerte zehn Tage. Der Vorzug bestand für mich besonders darin, die große wissenschaftliche Bibliothek benutzen zu können, die einen Lesesaal ausschließlich für westdeutsche Literatur hatte. Dorthin gelangte man über eine gewundene, enge Treppe. Man brauchte dazu eine eigene Erlaubnis und musste sehr fix damit sein, sich Notizen zu machen, weil die Bibliothek nur bis 13 Uhr auf war.
Allein, ob ich in diesem heute bereits nicht mehr bestehenden Staat „echte Deutsche“ getroffen habe? War etwa Friedrich einer, der mir von der Universität Leipzig zugeteilte Betreuer? Er gab nicht preis, dass er fließend Polnisch sprach, wenn er also mit uns zusammen war, verhielten wir uns in seiner Gegenwart ungeniert, kritisierten zum Beispiel die Führung oder erzählten politische Witze. Als einige Zeit später das Westinstitut seine Mitarbeiter evaluierte, bekam ich für meine wissenschaftliche Arbeit hohes Lob, allerdings mit dem Vorwurf, ich vertrete nicht „die polnischen staatlichen Interessen“.
Was hieß?
Das habe ich mich auch gefragt. Einige Zeit später erfuhr ich, die Direktion habe von den Kollegen aus der DDR unschöne Geschichten über mich gehört, darunter von Friedrich, der doch einen so sympathischen Eindruck gemacht hatte. Das war perfide und ein Vertrauensbruch, aber konnten sich diese Leute überhaupt anders benehmen? In Hitlers Staat mit seinen siebzig Millionen Einwohnern hatte der Sicherheitsapparat gut zehntausend Beamte. In der DDR lebten 17 Millionen Menschen, und die Stasi beschäftigte mehr als 200.000 Personen. Wie effektiv die Überwachung durch einen so gut ausgebauten Apparat ist, erfuhr ich, als mich bei einem Aufenthalt in Leipzig eine mir bekannte Juristin nach Hause einlud. Einen Ausländer zuhause zu Gast zu haben, kam so selten vor, dass ich sicher war, wenn sie das schon mal tat, so könnten wir vielleicht offener miteinander sprechen. Wie naiv ich doch war! Hinter der öffentlichen Fassade, die alle DDR-Bewohner bei der Arbeit aufsetzten, hielten sie sich beim Besuch eines Gastes in ihrem Haus sorgfältig bedeckt. Meine Gastgeberin nahm Bildbände zur Geschichte der Arbeiterbewegung aus dem Regal, und wir verbrachten den Abend damit, sie zu betrachten.
Ist ja nicht zu fassen!
Ja eben. War das eine echte Deutsche? Hat der gleichgerichtete Staat, in dem sie lebte, ihr überhaupt Spielraum für eigene Entscheidungen gelassen?
1976 fuhr ich erstmals nach Westdeutschland, mit einem Stipendium. Es war der 1. November, ein arbeitsfreier Tag, ich spazierte also in Bonn durch die verlassenen Straßen und schaute mir die Villen in ihren gepflegten Gärten an. Durch die Luft zog der Geruch von Grillfleisch. Ich empfand einen ungeheuren Kontrast zwischen mir, dem armen Ding aus dem Posener Plattenbau, und dieser Gesellschaft, die jetzt trotz des von ihr dreißig Jahre zuvor ausgelösten Krieges in behaglichem Wohlstand lebte. Sah ich in diesen Leuten wirklich echte Deutsche, oder einfach Leute mit ihrer Geschichte und ihren eigenen Gedanken? Sie waren für mich wohl immer noch Verbrecher oder deren Nachkommen, denen ich wegen der Vergangenheit das Recht auf Ruhe und gutes Leben absprach.
Sie schrieben Ihre Doktorarbeit über den Polnischen Westverband (PZZ) und standen kurz davor, diese zu verteidigen, als Sie beim Westinstitut anfingen. Wann haben Sie diese Denkweise abgelegt? Schließlich war der PZZ eine ziemlich deutschenfressende Organisation, betrieb nach dem Krieg Forschungen zu den sogenannten „Wiedergewonnenen Gebieten“ und begründete das mit deren „seit Ewigkeiten bestehenden Zugehörigkeit zu Polen“.
Das war zu jener Zeit die Propaganda, gleichwohl nicht ohne Grund. Die neuen Bewohner der Gebiete an der Oder und der Ostsee konnten diese über Jahre hinweg nicht als eigene sehen. Sie hatten Angst, die Deutschen würden zurückkommen und der Staat seine Politik ändern. Aus Rache wurden nicht nur Baudenkmäler zerstört, sondern sogar Landkarten, auf denen die Überschwemmungsgebiete eingetragen waren. Die Plünderung des von den Deutschen zurückgelassenen Hab und Guts war ein gutgeheißener Eigentumstausch. Der PZZ beschrieb die Geschichte dieser Gebiete, die Polen 1945 zufielen, und weckte ein Bewusstsein dafür, dass sie uns nicht völlig fremd waren und daher nicht geplündert und zerstört werden sollten. Ich meine, damals keinen Text veröffentlicht zu haben, dessen ich mich schämen müsste, zumal diese Gebiete zurecht an Polen fielen. Daher war es für mich selbstverständlich, sie zu bewirtschaften und in das neue Land einzugliedern. Darüber hinaus war das wohl das einzige Thema, bei dem zwischen Gesellschaft und Regierung Einigkeit bestand.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Meine Art zu denken änderte sich allmählich, aber endgültig und unumkehrbar erst durch Eberhard. Er war 18, als er 1944 in die Wehrmacht eingezogen wurde. Während der Ausbildung wurde er am Bein verletzt, was ihn davor bewahrte, an die Front geschickt zu werden. Sein ganzes Erwachsenenleben verbrachte er damit, die Länder in Osteuropa kennenzulernen. Aus dem Gefühl der Schuld, sein Wissensmangel hätte ihn zu einem willigen Adressaten der NS-Propaganda gemacht, arbeitete er viele Jahre, um Stipendienmittel für Wissenschaftler und Aktivisten aus den slawischen Ländern zu akquirieren. Er war fünfzehn Jahre älter als ich, so mussten unsere Ansichten auch aus diesem Grund verschieden sein, aber wir diskutierten ohne Tabu über alles. Er nahm mich auf jährliche Zusammenkünfte mit: Klassentreffen, Treffen von Studentenkorporationen, Slawisten, zum Beispiel an so einem schönen Ort bei Göttingen. Die Teilnehmer bekamen von seinen Vorzügen übrigens nichts mit, weil alle zehn Stunden am Tag im Konferenzsaal saßen, um Referate zu hören und zu diskutieren.
Über was denn?
Über Hitler! Zehn Stunden täglich Analysen zu den Gründen, aus denen die Deutschen sich vom „Führer“ hatten auf Abwege bringen lassen. Sie dienten in der Wehrmacht, weil sie einen Einberufungsbefehl bekommen hatten, aber sie wollten verstehen, wieso sie die Unverschämtheiten der Propaganda nicht bemerkten, noch die Gewalt gegen andere Nationen und Staaten. Wie sie den Dienst für Hitler eigentlich als Ehre betrachten konnten. Wie sie Marschlieder singen konnten, in denen andere, schwächere verächtlich gemacht wurden und von der Höherwertigkeit der eigenen Nation die Rede war. Sie klangen schön, es marschierte sich gut dazu, besonders wenn dazu die beschlagenen Stiefel auf den Boden knallten… Da wurde mir plötzlich klar, ich hatte auch Marschlieder gesungen. Im Schulchor. Ich erinnere mich, wie ich als Teenager in mir ein Gefühl aufbaute, Rache zu nehmen für die Leiden, wenn ich sang: „Wir aus verbrannten Dörfern,/ Wir aus hungernden Städten…“.
Die Hymne der Volksgarde – der vermeintlich kommunistischen Partisanen.
Ich dachte über den Wortlaut gar nicht nach, ganz wie Eberhard und seine Kameraden. Überdies gefiel es mir, weil wir in einer Gruppe waren und zusammen sangen, nach einer Melodie, die leicht ins Ohr ging. Die Schwester meines Mannes schrieb einen Aufsatz, in dem sie Hitler für die Arbeit der Eltern und das täglich Brot dankte, weil vorher Krise und Armut geherrscht hatten, und in Polen sagten wir „Ein Wort über Stalin“ von Władysław Broniewski auf. Unser Glaube an die von der Roten Armee gebrachte historische Gerechtigkeit war nicht so verbreitet, wie in Deutschland der an Hitler als Urheber des Wohlstands, nur ging das nicht auf unsere angeborene Vernunft zurück, sondern eher auf eine etwas anders gelagerte Sichtweise. Für die Deutschen waren der Staat und alles wichtig, was seine Institutionen ausmachte. Bei uns die Nation, deshalb war es normal, zur Regierung auf Distanz zu gehen. Dabei sind weder Staat noch Nation wichtig. Einzig der Mensch und seine Würde zählen. Eberhards und seiner Freunde Haltung, die ihr ganzes Leben lang herauszufinden versuchten, warum sie in der Jugend gedankenlos einem Diktator gefolgt waren, hat mich endgültig davon überzeugt. Er brachte mir zudem bei, auf die damaligen Geschehnisse aus deutscher Perspektive zu schauen.
Meine Generation brauchte Zeit, um in den Deutschen nicht nur Aggressoren mit einem angeborenen Verbrechergen zu sehen. Noch meine Tochter lernte eine solche Propaganda kennen – im Geschichtsunterricht und in Kriegsfilmen. Als im Katechismus gefragt wurde, wer denn Christus gekreuzigt habe, antwortete sie: „Die Deutschen!“ Aber es kann überall passieren, Verbrechen werden nun mal begangen, zumal Massenverbrechen, insofern bestimmte Bedingungen erfüllt sind, zum Beispiel ideologische oder politische. Heute werden solche Bedingungen von der Migrationskrise am Mittelmeer oder an der polnisch-belarusischen Grenze geschaffen. Gebiete von der Gültigkeit der Gesetze auszuschließen, Flüchtlinge auf Jahre in Lager zu sperren, Menschen über die Grenze zu schleusen kann als auslösender Funke wirken. Insbesondere letztere Praxis sollte schlechte Erinnerungen wachrufen, denn genau so gingen die Deutschen mit ihren jüdischen Mitbürgern Ende der 1930er Jahre vor. Wieso lösen solche Maßnahmen also keinen solchen Erinnerungen aus?
Ich antworte einmal mit Wyspiański: „Wir haben alles vergessen…“. Wann begannen Sie, deutsch zu lernen?
Als ich am Westinstitut angestellt worden war und als erste Aufgabe bekam, einen systematischen Überblick der Presse der landsmannschaftlichen Organisationen in Deutschland zu erarbeiten.
Waren Sie nicht beim Einstellungsgespräch nach Ihren Deutschkenntnissen gefragt worden?
Zum Glück wurde ich nicht danach gefragt, denn sonst wäre ich nicht angestellt worden, und ich wollte halt unbedingt in der Wissenschaft arbeiten! Nach dem Geschichtsstudium an der Uni Posen hatte ich keine Chance auf eine Assistenz, obwohl ich hervorragende Noten hatte, weil es keine Stellen gab. Es gab kein Promotionsstudium, deshalb schrieb ich meine Doktorarbeit selbständig in der Hoffnung, ich könnte in einiger Zeit eine Anstellung gerade am Westinstitut bekommen. Ich wartete fünf Jahre.
Wie verdienten Sie Ihren Lebensunterhalt?
Indem ich Geschichte an einer Grundschule im Posener Grunwald unterrichtete. Im Leben ist Leidenschaft wichtig, und ich hatte immer Glück, das zu tun, was ich liebte. Mein Glück hat mich wohl ein einziges Mal verlassen, als der Leiter dieser Grundschule Anstrengungen machte, mich an die Abenduniversität für Marxismus-Leninismus zu schicken. Ich fragte, wieso denn nur? Ich war Historikerin, wusste also alles Nötige darüber und brauchte keinen Zusatzkurs. Aber wichtiger noch: Ich hatte dafür keine Zeit. Nach der Arbeit an der Grundschule lief ich zu einigen Unterrichtsstunden, die ich an der Mittelschule gab. Ich musste dazuverdienen, weil mein erster Mann Gesundheitsprobleme hatte und nicht immer auf einer ganzen Stelle arbeiten konnte. Um Material für die Doktorarbeit zu sammeln, arbeitete ich auf eigene Faust in den Archiven, auch in Warschau. Dazu brauchte ich Zeit, nicht für die Abenduniversität! Und damals verließ mich eben das Glück. Wahrscheinlich, weil ich ihm eine Absage erteilt hatte, kürzte der Schuldirektor meine Geschichts- und Sozialkundestunden, damit ich stattdessen Unterricht in Kunst und Musik in den unteren Klassen gab. So bestrafte er in Wahrheit die Kinder, denn ich hatte für keinen Groschen Talent, um diese Fächer zu unterrichten.
Meine Quälerei an der Schule endete dank Professor Jan Wąsicki, Historiker für Staatsrecht an der Uni Posen und mein Doktorvater, darüber hinaus Sejmabgeordneter, der mich der damaligen Direktion des Westinstituts empfahl.
Ich würde zu gern wissen, wieso die Sie nicht nach Ihren Deutschkenntnissen fragten.
Sie interessierten sich für was anderes. Die erste Frage, die mir mein späterer direkter Vorgesetzter Janusz Sobczak stellte, lautete: „Bist du Jüdin?“
War das Intuition?!
Nachdem ich das DNS-Ergebnis aus Hamburg bekommen hatte, überlegten meine Tochter und ich, wieso er die Frage überhaupt gestellt hatte. Das war keine Routinefrage, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass sich der Staub nach den Märzereignissen noch nicht gelegt hatte [gemeint ist der März 1968, in dem auf Studentenunruhen Repressionsmaßnahmen der Regierung und eine von ihr angestachelte antisemitische Hetze erfolgt waren, die mit der Entlassung und Auswanderung der meisten noch in Polen lebenden Juden endete; Anm. d. Übers.]. Ich antwortete ganz aufrichtig, mir sei nichts davon bekannt, ob ich Jüdin sei.
Was Sprachen betrifft, konnte ich fließend Russisch und Latein. Ich lernte Deutsch, indem ich mithilfe des Wörterbuchs Bücher übersetzte, Radio hörte und Zeitungen las. Das war intensives Lernen, aber autodidaktisch. Die Sprache lernte ich also praktisch, bis heute habe ich keine Ahnung von der Grammatik.
Und haben Sie sich nicht gedacht, hier werde ich nicht lange bleiben, denn wie kann jemand das nach der Shoah nur fragen?
Das ist mir nicht einmal durch den Kopf gegangen. Die Zeit war noch nicht gekommen, die Dinge so zu sehen. Ich bekenne übrigens, ich habe mich nie mit meinem Chef und seinen Ansichten befasst. Genauso wenig mit seinem Auftrag, Auszüge aus den Zeitschriften der ausgesiedelten Danziger, Pommern und Schlesier anzufertigen. Diese Blätter waren sehr konfrontativ, sogar aggressiv. Genauso war die Deutschlandpolitik unserer Regierung. Beide Seiten lagen miteinander im Clinch.
Die meiste Arbeitszeit am Institut verwandte ich auf deutsche Geopolitik, weil mich das am meisten interessierte. Und dort hatte ich gerade Glück: mit den Leuten, mit günstigen Umständen. Denn wie sonst, hätte ich nicht Glück gehabt, hätte auf mich, eine völlig unbekannte Historikerin aus Posen, die sich für die deutsche Geopolitik im Krieg interessierte und noch nicht Wesentliches publiziert hatte, Hans-Adolf Jacobsen aufmerksam werden sollen, Politikwissenschaftler und Historiker von der Universität Bonn, dessen Spezialgebiet die internationalen Beziehungen waren? Er stieß auf mich und stellte mir darüber hinaus zwei Koffer mit Dokumenten zu Karl Haushofer zur Verfügung.
Dem Geopolitiker und Geografen, der den Begriff „Lebensraum“ in die Welt gesetzt hatte, von dem sich Hitler inspirieren ließ.
Er beging im März 1946 mit seiner Frau Selbstmord, aus Angst, er würde für die Unterstützung der Nazis zur Verantwortung gezogen. Jacobsen hatte, wie mein späterer Mann, in der Wehrmacht gedient, an Hitler geglaubt, aber sein weiteres Leben widmete er seiner Arbeit für den Teil Europas, der Deutschlands imperialistischer Politik zum Opfer gefallen war. Er warb Mittel für Stipendien ein und lud Gelehrte aus Polen und den Sowjetrepubliken nach Deutschland ein. Wenn er mir nicht in Gestalt der Quellen und mit einem Stipendium geholfen hätte, mit dem ich eine Fahrt an das Bundesarchiv Koblenz finanzieren konnte, wäre aus meinen ehrgeizigen Habilitationsplänen nichts geworden. So hatte ich unbeschränkten Zugang zu Büchern und konnte sogar im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn arbeiten.
So eine Einstellung zu den Polen, wie ich sie bei Jacobsen fand, war in der Bundesrepublik eine Ausnahme. Für die Deutschen gehörten wir nicht zu den Siegern des Krieges (das waren die Russen), noch zu den Opfern (das waren die Juden), sondern wir waren nur Besatzer ihrer alten Ostgebiete. Wir lebten in so unterschiedlichen Welten, wie es heute allenfalls noch schwer vorstellbar ist. Dort war die Mehrheit protestantisch, hier katholisch. Wir sahen Schlesien und Pommern als wiedergewonnene Gebiete, sie als verlorene. Beide Seiten meinten, sie hätten einen ausschließlichen Anspruch darauf. Die Grenze war heilig – lediglich für uns. Daran änderte die Unterzeichnung des Grenzvertrags vom 7. Dezember 1970 durch Bundeskanzler Willy Brandt nichts, noch erst recht sein Kniefall vor dem Warschauer Ghettodenkmal. Eine spontane Geste stummer Ratlosigkeit Brandts, der in keiner Weise selbst mit dem Nazismus zu tun gehabt hatte, und trotzdem war er es, der die Polen im Namen der Deutschen für die Kriegsverbrechen um Verzeihung bat und in seinem Land dafür geschmäht wurde. Die Unterzeichnung des Vertrags wurde als Verzicht auf die Gebiete wahrgenommen, was seine Mitbürger dem Kanzler in anonymen Beleidigungsschreiben vorhielten.
Die polnische Regierung war dagegen der Meinung, Brandt habe nicht an der gehörigen Stelle gekniet, weil er die jüdischen und nicht die polnischen Aufständischen geehrt habe.
Wie zu sehen, waren weder Polen noch Deutsche bereit zur Annäherung, die eine Normalisierung der Beziehungen hätte bewirken können. Ich benutze bewusst nicht den Begriff „Versöhnung“, weil dieser einzig für Individuen gelten kann, nicht für Nationen, bei denen die Entscheidung von oben durch die Regierungen getroffen wird. So musste es aussehen, weil zwischen uns noch die Berliner Mauer stand und die Grenze geschlossen war. Das 1976 geschaffene Deutsch-Polnische Forum und die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission, die seit 1972 tätig war, das waren Maßnahmen auf Ebene der Eliten. Die breiten Massen begannen zumindest im wiedervereinigten Deutschland die Grenze an Oder und Lausitzer Neiße erst nach der Unterschreibung des Vertrags von 1990 durch Bundeskanzler Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki zu akzeptieren. Ich erinnere mich, dass kaum fünf Jahre vorher die Westdeutschen erstmals offiziell von Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Bundestagsrede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges zu hören bekamen, wer den Krieg verursacht hatte. Nicht „Hitlers Clique“, die eine unwillige Nation in das Verbrechen getrieben habe, wie die Leute fast allgemein glaubten, außer den Historikern natürlich, sondern die Deutschen selbst, weil sie die NSDAP 1933 in einer demokratischen Wahl an die Macht gebracht hatten.
Und wenn unsere Versöhnung ein Ritual leerer Gesten ist, darauf aus, heikle Themen zu vermeiden, wie einige Publizisten und Politiker meinen, wenn sie vom „Versöhnungskitsch“ sprechen?
Diese Formel hat zwar Reichweite, ist aber ungerecht, weil sie die Realität unserer Beziehungen schrecklich vereinfacht. Nachdem der Vertrag von 1990 geschlossen war, setzten Polen und Deutsche die Anstrengungen der Eliten aus dem Kalten Krieg fort und nahmen in allen Bereichen die Zusammenarbeit auf. Uns lag an der Annäherung an den Westen, deshalb konnten und wollten wir unserem westlichen Nachbarn nicht die kalte Schulter zeigen. Mit der Zeit änderte sich die Situation. Polen war für Deutschland nicht mehr ein peripherer Nachbar, und die Deutschen lebten nicht mehr in einem Frontstaat. Stattdessen traten nun schwere globale Gefahren auf, wie Terrorismus und Migrationsbewegungen. Daher ist die Verständigung mit den Deutschen nicht, wie die Rechten behaupten, Verrat, sondern ein grundlegendes Erfordernis der polnischen Staatsräson.
Während der acht Regierungsjahre der Vereinigten Rechten wurden die deutsch-polnischen Beziehungen jedoch nicht vom Begriff der „Staatsräson“ beherrscht, sondern zum Beispiel von dem der „Reparationen“. Ist es politische Chuzpe, die Lanze für Reparationszahlungen zu brechen?
Ich denke ja, denn für uns ist wichtiger als Entschädigungen, mit den Deutschen gemeinsame Interessengebiete zu finden und mit ihnen weitere Beziehungen auf menschlicher Ebene anzuknüpfen. Besonders heute ist das eine Aufgabe von überragender Bedeutung, da in der Ukraine Krieg geführt wird und nationalistische Parteien nicht nur in Europa erstarken. In Anbetracht solcher Bedrohungen, bei denen weitere Kriege und soziale Unruhen drohen, müssen sich die prodemokratischen Kräfte zusammenschließen. Demgegenüber ist es unvernünftig, die Unterschiede herauszustellen und vielleicht noch deutschfeindliche Stimmungen in Polen zu schüren.
Ich wage die Vermutung anzustellen, die meisten Polen wissen es und haben ihre Meinung nicht geändert, trotz der deutschfeindlichen Propaganda der Jahre 2015–2023. Diese schadete mit Bestimmtheit Polens Ansehen im Ausland, untergrub aber nicht die deutsch-polnische Zusammenarbeit der vergangenen Jahrzehnte. Das war möglich, weil diese eben nicht auf „Versöhnungskitsch“ beruhte, um nochmals diese handliche publizistische Formulierung anzuführen, sondern auf einer stabilen Grundlage. Sie wurde von Menschen beiderseits der Grenze geschaffen, die sich kannten und zusammenarbeiten. Das Gegeifer dieser oder jener Politiker kann dieses Fundament nicht zerstören. Es ist eine zivilgesellschaftliche Verpflichtung, gute Beziehungen zu erhalten und Initiativen zur Verständigung zu unterstützen, zumal in einer Welt, in der schon ständig von Krieg geraunt wird.
Was müssten wir heute, achtzig Jahre nach Kriegsende, zu hören bekommen, damit die Schrecken des Krieges immer noch greifbar bleiben?
Experten sagen, wir müssten dazu die Kommunikationsmittel der heutigen Jugend einsetzen.
TikTok-Clips zum Beispiel?
Wieso nicht? Als ich meine Nichte Tosia fragte, warum sie ständig auf das Telefon schaut, sagte sie: „Weil ich da alles habe.“ Für ihre Generation ist es die Informationsquelle schlechthin, und wir werden daran nichts ändern. Audiovisuelle Medien haben sicher eine größere Chance, zur Öffentlichkeit durchzudringen, als öffentliche Debatten, die in Polen, anders als in Deutschland, nie solche Beachtung fanden, wie sie sollten. Obwohl alleinig solche Debatten ein Problem von vielen Seiten beleuchten können. Da es davon zu wenige gibt, beziehen die Menschen ihr Wissen über den Krieg aus Familienerinnerungen, Kriegsfilmen und Schulunterricht. All das verzerrt das Bild auf je eigene Weise. Das zeigen die Untersuchungen, die Sabine Moller, Karoline Tschuggnall und Harald Welzer 2002 zu Familienerinnerungen über den Nationalsozialismus und die Shoah veröffentlichten. Der Titel der Studie ist kein Zufall: „Opa war kein Nazi“. Wir wissen eines: erst die Enkel begannen zu fragen, was die Großeltern im Krieg gemacht hatten. Die Forschung zeigt aber, dass die Großeltern nicht unbedingt davon erzählen konnten oder wollten. Sie redeten sich hinaus auf den „Befehl, der nicht verweigert werden konnte“, oder darauf, „wie es im Krieg eben war“. Man kann schon Verständnis dafür haben. Wer würde denn bei der Geburtstagstorte den Enkeln erzählen wollen, wie er in Polen Kinder erschossen hat?
Das Gedächtnis ist trügerisch, und für jede Generation, die mit einer Diktatur zu tun hatte, ist das nicht unbedingt ein Ruhmesblatt. Für die Deutschen begann das Übel daher nicht 1933, sondern zwölf Jahre später, als sie zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen wurden und das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, aus denen zwei deutsche Staaten mit einer streng bewachten Grenze entstanden. Es gab Massenvergewaltigungen, gut zehn Millionen Menschen wurden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Beim Lesen des erwähnten Buches dachte ich mir, der Mensch ändert sich doch eigentlich nicht: Der Wunsch, Opfer zu sein, überwiegt immer den Mut, für seine Taten Verantwortung zu übernehmen.
In Deutschland wurde auch über die Wehrmacht als verbrecherische Organisation diskutiert, über die „gewöhnlichen Deutschen“, die sich ohne Widerstand an der Shoah beteiligten, über die Notwendigkeit, das Schuldgefühl zu vererben, über Denkmäler für die Opfer der Shoah und des Krieges, über ein Zentrum für Migration und Vertreibung… Es wird viele Jahre diskutiert, Bücher werden geschrieben. In Polen läuft eigentlich nur eine Debatte von Bedeutung: Über das Ausmaß, in dem sich Polen an der Judenvernichtung beteiligten. Meinem Eindruck nach führen größere und kleinere Debatten dieser Art nur zur Polarisierung der Gesellschaft, einmal abgesehen davon, wie viele unbekannte Fakten sie an die Öffentlichkeit bringen. Woher kommt diese Unfähigkeit zum Gespräch, oder vielleicht bloß Angst, seine Meinung ändern zu müssen?
Die in Hamburg erstellte Wehrmachtsausstellung wurde von achtzehn Millionen Menschen besucht. Das zeigt das Ausmaß des Interesses an verschwiegenen Tatsachen. Ihre Frage beantworte ich aufgrund eigener Erfahrungen: Ich liebe zu diskutieren, finde dafür aber kaum einen Gegenpart. Wir leben jeweils in unseren Blasen und sind der Meinung, so sei es am besten und sichersten. Ich nehme mich davon nicht aus, schließlich bewege ich mich schon lang in einem Milieu von Gleichgesinnten. Ich habe auch keine Ahnung, was sich in den sozialen Medien tut, wo angeblich verbissene Diskussionen geführt werden. Nur bringen diese die Menschen eher gegeneinander auf, als dass sie die Welt erklärten. Vielleicht ist den Leuten die Zeit für ein Gespräch zu schade?
Die politischen Meinungsunterschiede sind solchen Diskussionen nicht gerade förderlich. In Polen wachsen sie sich geradezu zu einem Bürgerkrieg aus. Ein Ausdruck wie „Pädagogik der Scham“ zur Verunglimpfung eines kritischen Diskurses zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges wird politisch instrumentalisiert. Und wer sich für die Verbesserung des deutsch-polnischen Verhältnisses einsetzt, der ist für jemanden wie Jarosław Kaczyński „ein nützlicher Idiot mit der Haltung eines Bettlers“; solche Leute hätten sich „für die deutschen Silberlinge völlig in der Versöhnung vergessen“. Das Wort „Deutscher“, wie manchmal Ministerpräsident Tusk genannt wird, ist für die Anhänger der Kaczyński-Partei immer noch eine Beleidigung.
Um jede Verdächtigung auszuschließen, frage ich gleich nach: Wo ist Ihr Vaterland?
Ich zitiere dazu meinen Mann, dem diese Frage ebenfalls gestellt wurde. Ich möchte vorausschicken, dass er noch vor unserer Hochzeit ankündigte, er werde nach Polen ziehen, womit er bei Verwandten und Bekannten große Verwunderung auslöste. Eberhard sagte: „Mein Vaterland ist Ania, meine Frau.“ Das hat mich doch sehr berührt, deshalb antworte ich ähnlich: Mein Vaterland ist der Ort, an dem ich lebe, und die Menschen, die mit mir zusammen sein wollen. Das ist der Raum, in dem ich mich zuhause fühle, unter den Meinen.
Früher einmal glaubte ich, das Schlimmste in der Menschheitsgeschichte seien die Religionskriege. Sie führten schließlich zu einem solchen Hass, dass die Angehörigen der verfolgten Konfession sich an neuen Orten niederließen, weil sie nicht mehr mit den Nachbarn leben konnten.
Heute ist die Politik die neue Religion.
Und das gilt für jede mediale und weltanschauliche Blase. Ich wünschte mir, die Opposition wäre während des Wahlkampfs von 2023 ohne Beleidigungen ausgekommen. Das ist nicht eingetreten. Manchmal teilte die Opposition genauso aus, wie es die Regierungspartei tat. Zu welchem Zweck? Das führt nirgends hin, weil sich die Spirale der Gewalt, auch der verbalen Gewalt, immer nur weiter hochschraubt. Endlos.
Papst Paul VI. dachte über die Bedingungen des Dialogs nach und verfiel darauf, das Gespräch beginne, wenn die gegnerischen Seiten zumindest ein bisschen übereinander wüssten. Das ist die Grundlage für unser Verhältnis zu anderen Ländern wie eben bei den innerpolnischen Auseinandersetzungen. Wenn wir über den anderen nichts wissen, verfallen wir leicht der Propaganda, weil wir Vorurteile und Irrtümer zu Wort kommen lassen. Um auf die Frage zur Jugend zurückzukommen, der wir klarmachen wollen, wie furchtbar der Krieg und die Massenmorde vor achtzig Jahren waren: Viele Jugendliche wissen einfach nicht Bescheid. Nicht mal über einfachste Tatsachen. Sie wissen nicht, wer die Täter waren, wieso sie mordeten und wen. Konzentrationslager in Deutschland und in polnischen Gebieten wurden angeblich schon im 19. Jahrhundert gebaut… Daher sind junge Leute die idealen Empfänger für alle Arten von populistischen Botschaften. Deshalb müssen wir Wissen erweitern und mit der Erziehung beginnen, nicht nur der Jugendlichen, weil intellektuelle Faulheit unabhängig vom Alter jeden befallen kann. Die Lügen müssen widerlegt, es muss gegen die Verleumdungen angegangen werden. Immer werden Menschen gebraucht, die sich für die Verfolgten einsetzen. Die fragile Weimarer Republik brach deshalb zusammen, weil sich keine zehn Gerechten zu ihrer Verteidigung fanden. Alle dachten, dieser junge Staat sei nicht der ihre, weshalb die Nazis so schnell breite Unterstützung fanden.
Die Deutschen spielten in Ihrem Leben von Anfang an eine Rolle. Erst haben sie Sie entwurzelt, woraufhin die kümmerlichen Informationen über die ersten beiden Jahre Ihres Lebens vier Zeilen auf einem Zettel von der Größe einer Visitenkarte ausmachen, und dann …
Und dann entwurzelten mich wieder andere Deutsche zusammen mit meinen Adoptiveltern und polnischen Freunden. Da gibt es keine Erinnerungen, in denen ich schwelgen könnte. Ich würde gern meine biologische Familie kennen, bloß so wie ich älter werde, wird mir immer klarer, es hat keinen Sinn, sich an vergangene Leiden hinzugeben. Was zählt, ist nur das Gute in den Menschen, das ist das Wichtigste im Leben. Genauso wichtig: Ich konnte im Leben für eine gute Sache arbeiten, denn für eine solche halte ich mein Engagement für die Normalisierung des polnischen Verhältnisses zu den Deutschen. Es ist wahr, manchmal werden Unterschiede zwischen uns deutlich. Meistens können wir dennoch sachlich miteinander reden. Es kommt vor, dass wir ihnen Vorwürfe machen. Glücklicherweise können wir auch an der Lösung gemeinsamer Probleme arbeiten. Wir sind also im Guten wie im Bösen aufeinander angewiesen – das ist genau das Maß einer Partnerschaft. Und ein Zeichen für normale Nachbarschaft, nicht mit Zuckerguss überzogen und inszeniert, die in der heutigen geopolitischen Lage mit Gold zu wiegen ist.
Eben noch sagten Sie, den Leuten sei die Zeit für ein Gespräch zu schade. Was ist die Zeit ganz bestimmt immer wert?
Seinem Gegenspieler die Hand zu reichen.
Siebenundsiebzig Mal, wie im Matthäusevangelium geschrieben steht?
Ja, endlos. Weil Liebe stärker ist als Hass.
Posen, den 25. November 2024.
Mit Anna Wolff-Powęska sprach Anna Mateja.
Prof. Dr. Anna Wolff-Powęska ist Ideenhistorikerin, Expertin für Geopolitik und deutsch-polnische Beziehungen. Abschluss in Geschichtswissenschaften an der Adam-Mickiewicz-Universität Posen. Seit 1969 Mitarbeiterin am Westinstitut Posen, das als Forschungs- und Entwicklungseinrichtung auf vereinsrechtlicher Grundlage der Polnischen Akademie der Wissenschaften assoziiert war, an der Wolff-Powęska weitere akademische Grade erwarb. 1990 bis 2004 Direktorin des Westinstituts; in dieser Zeit machte sie dieses zu einer unabhängigen Einrichtung und zu einer Anlaufstelle für die Normalisierung und Weiterentwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen. Nach ihrer Emeritierung wurde sie Dozentin an der Abteilung für Politische Wissenschaften und Journalistik der Universität Posen. Sie ist Trägerin des DIALOG-Preises 2019. Zu ihren Publikationen gehören: Polacy wobec Niemców. Z dziejów kultury politycznej Polski 1945–1989 [Die Polen und die Deutschen. Zur Geschichte der politischen Kultur in Polen 1945–1989, Hrg.] Poznań, 1993; Pamięć – brzemię i uwolnienie. Niemcy wobec nazistowskiej przeszłości (1945–2010) [Erinnerung – Last und Befreiung. Die Deutschen und die NS-Vergangenheit (1945–2000)], Poznań, 2011; Bezcenną wartością jest prawda. Eseje [Wahrheit ist ein Wert ohne Preis. Essays], Poznań, 2024.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann