Politik

NSDAP-Karteikarten. Das Private wird öffentlich

Der Erfolg digitaler Zugänge zu NS-Archivmaterial zeigt die politische Dimension von Familiengeschichten.
Ein alter NSDAP-Mitgliedsausweis
Viele Familien in Deutschland überprüfen in Archiven die eventuelle Mitgliedschaft ihrer Vorfahren in der NSDAP © IMAGO Steinach

Auf SPIEGEL Online ist seit Wochen die Suchmaske für die NSDAP-Karteikarten aus dem US-Nationalarchiv unter den meistbesuchten Positionen. Das heißt, dass das kommerzielle Projekt des Verlags, eine eigene Suchmaske für die Archivmaterialien zu bauen, erfolgreich war. Ein Redakteur schwärmt auf Nachfrage, dass die Ausgabe „War Opa ein Nazi?“ die meisten Online-Zugriffe und neue Abonnements in der Geschichte der Plattform generiert hat. Für den Erfolg gibt es genau zwei Gründe: 1945 hatte die NSDAP 8,5 Millionen Mitglieder. Und das Bundesarchiv hat die in Berlin ebenfalls vorliegenden Kopien der NSDAP-Akten nicht digital zugänglich gemacht.

Es gab kaum eine Familie, in der nicht ein Mitglied die nationalsozialistische Bewegung aktiv unterstützt hatte. Aber nur wenige Nachfahren machten sich die Mühe, um im Militärarchiv in Freiburg oder im zentralen Bundesarchiv in Berlin Lichterfelde einen Antrag auf Akteneinsicht zu stellen. Die Hürde, kurz nachzugucken, ob Opa in der Partei war und wann er genau eintrat, ist seit der Digitalisierung durch die National Archives and Records Administration NARA in Washington ganz niedrig. Es genügt, einen Namen, ein Geburtsjahr und einen Wohnort in eine einfache Suchmaske zu tippen, und schon erscheinen zahlreiche Ergebnisse. Wer seinen Vorfahren findet, kann sich einen Scan der originalen Karteikarte anzeigen lassen.

Die mediale Aufmerksamkeit, die SPIEGEL Online und kurz zuvor auch die Redaktion von ZEIT ONLINE mit den digitalen Suchwerkzeugen schufen, strahlte in ganz Deutschland in Millionen Familien aus. In den Chats auf WhatsApp und Signal tauschen sich seither Enkel und Urenkel über die Ergebnisse ihrer Recherche aus. Sie fragen bei ihren Eltern nach, was sie aus Gesprächen in Erinnerung haben. Und sie diskutieren den Unterschied zwischen einem Eintritt im Jahr 1931 mit einer sechsstelligen Mitgliedsnummer und einem Eintritt im Jahr 1941 mit einer siebenstelligen Nummer.

Ob dieser Impuls verpufft, hängt zum Teil davon ab, ob deutsche Archive ihre Digitalisierungsprojekte so priorisieren, dass auch hierzulande bisher nur analog zugängliche Akten für breite Bevölkerungsschichten geöffnet werden. Wie man dafür selbst freiwillige Helfer im Rahmen von Citizen Science Projekten einbinden kann, machen die Arolsen Archives im hessischen Bad Arolsen vor. Dort entstand ein Suchdienst für die Angehörigen ehemaliger Zwangsarbeiter und anderer Displaced Persons aus dem östlichen Europa, die nach Kriegsende in der Bundesrepublik blieben. Die digitalisierten Karteikarten werden im Rahmen von #everynamecounts von Freiwilligen Korrektur gelesen, was dazu führt, dass Hunderte Menschen auf der ganzen Welt sich mit dem Schicksal der Überlenden des Nationalsozialismus beschäftigen.

Das Bundesarchiv und andere Einrichtungen haben bisher aus zwei Gründen gezögert. Erstens gab es keinen politischen Druck, z. B. die Wehrmachtakten in ähnlicher Weise zugänglich zu machen, wie das jetzt dank der NARA erfolgte. Trotz Wehrmachtsausstellung gibt es bis heute keinen politischen Konsens in der deutschen Gesellschaft darüber, dass es wichtig ist, die Bewegung der eigenen Vorfahren im Vernichtungskrieg im besetzten Ost- und Mitteleuropa zu verstehen, um ein komplexes Bild der NS-Geschichte zu schaffen.

Es wäre möglich, mithilfe digitaler Methoden die Anwesenheit von Wehrmacht-Einheiten in der zeitlichen oder räumlichen Nähe von unterschiedlichen NS-Verbrechen darzustellen, damit sichtbar wird, was die Beteiligung von Opa und Uropa am Krieg im Osten konkret bewirkte. Das erfolgt nicht, weil große Teile des Wissens über die Geschichte von Wehrmacht, Polizei und SS nicht in wissenschaftlich kuratierten digitalen Datenbanken überführt wurde. Stattdessen gibt es große privat betriebene Portale mit einer Fülle von Informationen über die Wehrmacht, die äußerlich betrachtet immer hart an der Grenze zur Verherrlichung der Streitkräfte des Deutschen Reichs agieren.

Anders als die NARA in den USA und die Arolsen Archives ist das Bundesarchiv als Internationales Archiv an den deutschen und europäischen Datenschutz gebunden. Deshalb können die Arolsen Archives aufgrund des Besatzungsstatus aus der Nachkriegszeit relativ ungestört Daten über Lebensläufe zugänglich machen, die deutsche staatliche Archive nicht zugänglich machen können.

SPIEGEL Online hat aber eine elegante Lösung für dieses Problem vorgeführt: Es wurde relativ viel digitalisiert und zur Verfügung gestellt mit der Auflage, dass Karteikarten unsichtbar werden, sollte es sich bei näherer Analyse herausstellen, dass die Person nicht unter die 100-Jahre-Regelung fällt. Diese besagt, dass bei natürlichen Personen erst 100 Jahre nach der Geburt das umfassende Recht auf die persönlichen Daten erlischt.

Kommerzielle Redaktionen zeigen, wie mithilfe von digitalen Technologien wie Schrifterkennung und Großen Sprachmodellen schon heute mit relativ wenig Ressourcen Werkzeuge entstehen, die für Millionen Menschen einen Impuls schaffen. Das heißt, dass nun das Bundesarchiv im Zugzwang ist, um selbst ähnliche Werkzeuge zu entwickeln. Der Vorteil staatlicher Einrichtungen ist, dass sie mittelfristig planen können und über Ressourcen verfügen, die sie nicht zwingen, sich in einen Eilmodus zu versetzten. Das ist aber kein Argument, um ein Projekt zur Digitalisierung der Wehrmacht-Akten aufzuschieben.

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