Kultur

Polente Verlag: polnische Krimis in deutscher Sprache

Ein Gespräch mit Markus Schnabel, dem Gründer des Polente Verlags in Wien, der sich auf polnische Krimiliteratur spezialisiert hat.
Ein Mann mit Buchcovern im Hintergrund.
Der Wiener Verleger Markus Schnabel © Polente Verlag

Man muss ein bisschen verrückt sein und das Risiko lieben, um einen Literaturverlag zu gründen, der sich auf polnische Krimis spezialisiert. War dir das von Anfang an klar, oder wird dir das erst jetzt, nach zwei Jahren, bewusst?

Natürlich gehört ein gewisses Maß an Verrücktheit dazu, einen Verlag zu starten. Obwohl ich die Buchbranche schon länger kenne und darin gut vernetzt bin, habe ich gemerkt, wie schnell man an Grenzen stößt, und wenn man diese Grenzen nicht auf herkömmliche Art und Weise durchstoßen kann, muss man nach anderen Möglichkeiten suchen – und genau diese habe ich gefunden. Von wirtschaftlicher Seite her ist es ein extremes Risiko und zeitlich sprengt das jeglichen Rahmen. Umso schöner ist es, wenn sich Erfolge einstellen und man merkt: man hat eine Lücke gefunden, die man jetzt bedienen kann. Und wenn noch so tolle Sachen dazukommen, wie das Weimarer Dreieck als Gastland bei der Leipziger Buchmesse 2027, dann freut man sich, dieses Risiko auf sich genommen zu haben.  

Du hast dich bereits während deines Studiums für polnische Krimis interessiert. Was hat dich daran fasziniert, und warum sind es ausgerechnet die polnischen Krimis?

Ich habe Slawistik mit Hauptfach Polnisch an der Universität Wien studiert, ohne mit polnischem Hintergrund aufgewachsen zu sein. Erst mit etwa 22 Jahren habe ich mit dem ersten Polnisch-Sprachkurs begonnen, weil das Land für mich aus wirtschaftlicher Sicht – der EU-Beitritt Polens stand kurz bevor – spannend war. Durch das Slawistikstudium bin ich mit polnischer Kultur und Literatur in Kontakt gekommen, jedoch beruhte es stark auf Klassikern, auf nichtzeitgenössischer Literatur. Als ich dann während meines Studienaufenthalts in Krakau Anfang der 2000er Jahre verschiedene Polonistik-Vorlesungen besuchte, gab es auf einmal zeitgenössische Themen, wie populäre Literatur, die ich in Wien nicht gekannt hatte und die äußerst mitreißend war – mit sehr vielen Hörerinnen und Hörern in den Vorlesungen.

Insgesamt war ich ein Jahr in Krakau und habe in dieser Zeit über sechs Monate ein Volontariat beim österreichischen Generalkonsulat gemacht, wo ich mit noch mehr Autorinnen und Autoren in Kontakt kam. Ich wollte einfach Fortschritte machen, und zwar abseits der Klassiker, die für Sprachlernende im Original teils nicht so leicht zu lesen sind. Ich habe zu Marek Krajewski gegriffen, der in Polen zu dieser Zeit sehr populär war. Er war der Erste, der das Krimigenre zugänglich gemacht hat, sodass plötzlich in großen Massen heimische Krimis gelesen wurden. Davor, im Kommunismus, „gab es keine Verbrechen“, danach kamen viele importierte Übersetzungen aus dem Englischen, und teils aus dem Skandinavischen, und erst danach kamen polnische Krimis.

Später verwies mich Michał Rusinek auf eine seiner Doktorandinnen, die eine Doktorarbeit über die Entwicklung des Kriminalromans in Polen geschrieben hatte. In diese Arbeit habe ich mich vertieft, und seit dieser Zeit, seit über 20 Jahren, arbeite ich mit dem polnischen Buchinstitut (Instytut Książki) in Krakau zusammen, weil es ebenfalls versuchte, das Krimigenre zu popularisieren. Es gibt durchaus honorable Namen wie Olga Tokarczuk, Marcin Świetlicki – oder früher Stanisław Lem –, die auch Krimis geschrieben haben.

Die Krimilandschaft ist heute riesig. Anfang der 2000er waren es tatsächlich nur fünf oder sechs Bücher pro Jahr, die unter einem echten polnischen Namen – nicht unter Pseudonym – im Original veröffentlicht wurden. Das hat sich immer weiterentwickelt, und mittlerweile liegen wir bei jährlichen Veröffentlichungszahlen von etwa 700. Für die Buchbranche ist das wie ein Schneeballeffekt: Man sieht, wie sich damit Content machen und Gewinn erzielen lässt. Das ist allerdings eine zweischneidige Sache: Je mehr Kriminalromane veröffentlicht werden, desto schwieriger ist es, diejenigen herauszufischen, die es wert sind, ins Deutsche übersetzt zu werden.

Ein Mann steht an einem Bücherstand.
Markus Schnabel verlegt polnische Kriminalromane seit 2024 © Polente Verlag

Was unterscheidet polnische Krimis von deutschen oder skandinavischen? Du hast erwähnt, es gehe dabei um Politik, Geschichte, den kulturellen Hintergrund. Gibt es noch etwas?

Grundsätzlich ist es der Stil: etwas rauer und sehr bildgewaltig. Man ist faktisch in der Geschichte drin, kann sich alles vorstellen – natürlich bei den Büchern, die ich dem deutschen Publikum gerne vorstellen möchte. Fast jeder dieser Romane eignet sich als Drehbuchvorlage. Ich habe erst kürzlich wieder eine neue Rezension zum aktuellen Band von Tomasz Duszyński gelesen, in der jemand schreibt, die Region und Umgebung würden so plastisch und bildgewaltig beschrieben, dass man einfach dorthin fahren möchte. Hinzu kommt bei vielen Romanen eine politische Komponente, die stark auf den Zweiten Weltkrieg zurückgeht. Aber auch andere spannende Umbrüche werden verarbeitet, wie etwa die Transformationszeit, der Wechsel des politischen Systems.

Die Krimis von Duszyński übersetzt du selbst. Du bist also sowohl Übersetzer als auch Verleger – welche Rolle gefällt dir mehr?

In erster Linie bin ich gern derjenige, der ein Projekt leitet und hereinbringt – diese Managersache an sich gefällt mir sehr gut. Beim Übersetzen ist dieses Grübeln, wie man etwas am besten transportieren kann, sehr spannend. Aber das ist zeitaufwendig, und so stoße ich beim Aufbau des Verlags stark an meine Grenzen – da sind wir wieder bei der ersten Frage, ob man ein bisschen verrückt sein muss. Zeitlich, gerade jetzt im Hinblick auf die Leipziger Buchmesse 2027, wird das ein ganz besonderes Jahr, und daher habe ich wenig Kapazitäten. Ich bringe zwar nächstes Jahr wieder ein Buch in eigener Übersetzung heraus, doch wird das kein Krimi sein, sondern der Roman „Pola“ von Grażyna Plebanek, mit dem sie gerade in Polen bei verschiedenen Festivals sehr erfolgreich ist.

Du arbeitest mit polnischen Instituten zusammen – unterstützen sie deine Arbeit, oder eher nicht? 

Sie unterstützen mich sehr bei der Werbung und bei Veranstaltungen. Wie bereits erwähnt, arbeite ich seit rund 20 Jahren mit dem polnischen Buchinstitut zusammen. Die Unterstützung hängt immer mit der nationalen Buchförderung zusammen und davon ab, wo Polen gerade als Gastland eingeladen wird.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass es in den letzten Jahren etwas schwieriger geworden ist: Es sind weniger Titel gefördert worden, vor allem nur die ganz großen Namen, gerade bei Übersetzungsförderungen. Für nächstes Jahr erwarte ich mir viele Impulse, wenngleich die Zeit bis zur Buchmesse etwas knapp bemessen ist. Doch wir als Polente sind gut aufgestellt, weil wir eben nur diese eine Art von Literatur haben, nur polnische Literatur, und deswegen ein fertiges Programm für vieles bereithalten.

Auch in den einzelnen Ländern im deutschsprachigen Raum arbeiten wir mit den Polnischen Instituten zusammen – in Wien, Berlin oder in Leipzig. Wir können dort viele Veranstaltungen organisieren und die Autoren und Bücher präsentieren. In Wien bereiten wir gerade gemeinsam mit dem Polnischen Institut die Buch Wien vor, die drittwichtigste Messe auf dem deutschsprachigen Markt. Polente wird dort einen eigenen Stand haben, direkt neben dem Polnischen Institut, und wir organisieren gemeinsam das Veranstaltungsprogramm. Magdalena Parys und Maciej Siembieda werden nach Wien kommen und auf einer der Hauptbühnen ihre Bücher präsentieren. Unterstützung erhalten wir hier vom Polnischen Buchinstitut und sogar vom Literaturpreis der Europäischen Union (EUPL).

Zwei Männer an einem Tisch mit einem Mikrofon.
Markus Schnabel (l.) und Maciej Siembieda (r.) bei der Leipziger Buchmesse © Polente Verlag

In erster Linie geht es darum, den Verlag sichtbarer zu machen. Ich merke manchmal, wie wenig man mich in all den Institutionen kennt, die uns fördern könnten, also arbeite ich daran, mehr Präsenz und Information zu schaffen.

Das ist ein langwieriger Prozess – uns gibt es ja erst seit zwei Jahren. Wir haben dieses Jahr erst unser erstes Programmheft herausgebracht, und auf Social Media muss man sich erst eine Reichweite erarbeiten. Da sind wir auf Zusammenarbeit angewiesen, damit wir die polnische Literatur noch intensiver transportieren können. Manchmal wünscht man sich mehr, aber das Verlegerleben ist kein Wunschkonzert.

Nach welchen Kriterien wählst du die Autorinnen und Autoren aus? 

Im Krimibereich sind das Autorinnen und Autoren, deren Bücher auf dem polnischen Markt relevant sind, d. h. mit Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Im Fall der Krimis gibt es dafür einen Referenzpreis schlechthin: den Großkaliber-Preis (Nagroda Wielkiego Kalibru), der während des Internationalen Krimifestivals in Wrocław überreicht wird.

Eine alte Pistole.
Der Großkaliber-Preis wird auf dem Internationalen Festival der Kriminalliteratur in Breslau verliehen © Piotr Mordel

Die Preisträger sind ein Indikator, weil sie von einer Jury ausgewählt werden. Noch wichtiger und interessanter sind teilweise die Publikumspreisträger, weil das großen Zuspruch der Leserschaft bedeutet. Hier kann man abschätzen, ob ein Buch ankommt und tatsächlich gekauft wird. Verlegen ist ein wirtschaftliches Unterfangen, man muss Geld verdienen, weil das ebenso ein Indikator ist. Wichtig ist zudem die Qualität der Bücher. Wer drei bis fünf Bücher pro Jahr schreibt, dient nur dem Kommerz, und davon gibt es auf dem deutschsprachigen Markt genug.

Im aktuellen Verlagsprogramm sprechen die Autorinnen und Autoren einfach sehr unterschiedliche Leser an. In den nächsten Jahren werde ich nicht sehr viele neue Namen bringen, sondern die bestehenden Reihen weiterführen, damit diese Namen auf dem deutschen Markt bekannter werden. Das ist die Strategie von Polente: mit vorhandenen Autoren zunächst den Türöffner zu machen und danach andere, die vielleicht keine Reihen haben, aber sehr spannende Themen transportieren, auf den Markt zu bringen.

Welcher Autor verkauft sich am besten?

Die Glatz-Reihe von Tomasz Duszyński wird immer wieder nachgefragt und gekauft. Wir hatten sehr viele Vorbestellungen, weil wir seine Bücher im Jahresrhythmus herausgebracht haben. Im Übrigen gab es für sein neues Buch, das im Juni erschienen ist, so viele Vorbestellungen wie bei keinem anderen Buch zuvor.

Manchmal dauert es seine Zeit, bis die Verkaufskurve nach oben geht. Die Bücher müssen gelesen, rezensiert werden und sich am Markt etablieren. Maciej Siembiedas „Katharsis“ ist so ein Fall. Es kam im März heraus, im Juni wurde es in die Krimibestenliste aufgenommen und hatte sehr gute Pressebesprechungen, etwa in der FAZ. Das ist etwas Besonderes, noch dazu beim ersten Buch. Sonst werden immer große Namen besprochen, wie Szczepan Twardoch, Joanna Bator oder Olga Tokarczuk, doch wenn eine erste Übersetzung eine solche Aufmerksamkeit bekommt, ist das wirklich ein Erfolg. Das wirkt sich auf den Buchhandel aus, weil solche Besprechungen von Buchhandlungen, Bibliotheken und Lesern in großem Rahmen aufgenommen werden. Deshalb arbeiten wir jetzt am zweiten Band von Siembieda, „Nemesis“, der nächstes Jahr veröffentlicht wird.

Kannst du etwas über Neuerscheinungen verraten? Du hast gesagt, es werde erst mal keine neuen Autoren geben.

Anfang Oktober erscheint der zweite Band der Trilogie von Zygmunt Miłoszewski über den Staatsanwalt Teodor Szacki. Diese Reihe war schon vor über zehn Jahren auf dem deutschen Markt, beim Berlin Verlag beziehungsweise bei Piper, und wird jetzt neu aufgelegt, weil es dafür große Nachfrage gibt, auch bei Krimiexperten. Miłoszewski ist dreifacher Preisträger des wichtigsten polnischen Krimipreises und einer, der die Szene trägt. Der dritte Band kommt im März 2027 – dann ist die Trilogie rechtzeitig zur Messe in Leipzig komplett abgeschlossen.

Zwei Autoren und die Buch-Cover.
Die preisgekrönten polnischen Krimiautoren Maciej Siembieda und Zygmunt Miłoszewski © Polente Verlag

Im März 2027 starten wir mit „Pola“ von Grażyna Plebanek auch eine neue Reihe namens „Polente-Spuren“. Es geht um deutsch-polnische Verflechtungen der letzten Jahrzehnte, die teilweise schwierig, aber wichtig sind. Es geht eher um literarische Essays und Reportagen mit sehr persönlichen Einblicken.

Wo kann man die Polente-Bücher kaufen? Sind sie in Österreich und Deutschland in jeder Buchhandlung verfügbar, oder sucht man lieber online auf deiner Website?

Man kann alle Kanäle nutzen. Auf meiner Homepage gibt es direkte Bezugslinks, über die man beim Verlag selbst kaufen kann – das hilft dem Verlag, weil ein größerer Anteil beim Verlag bleibt. Den Buchhandel empfehlen wir trotzdem, weil das für viele die bequemste Art ist. Die Herausforderung liegt darin, im Buchhandel präsent zu sein. In Berlin etwa gibt es zwei wichtige Buchhandlungen, bei denen die Bücher vorrätig sind: zum einen bei Dussmann, zum anderen in der Hammett-Krimibuchhandlung in Berlin-Kreuzberg.

Welche gesellschaftlichen und politischen Themen sind sonst besonders präsent in der polnischen Literatur und den polnischen Krimis?

Ich habe zum Beispiel Marek Stelar auf dem Radar. Seine Bücher sind an der deutsch-polnischen Grenze angesiedelt, in Stettin und am Stettiner Haff. In einem Krimi spielt die Handlung oft nicht nur in der Gegenwart, es gibt immer wieder Rückblenden: Etwas ist passiert, und das hat Auswirkungen auf das Leben der heutigen Figuren. Stelar greift dabei andere, europäische Themen auf, die aus polnischer Sicht wahrgenommen werden, welche wir in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gar nicht kennen.

Warum Duszyński auf dem deutschen Markt so gut angenommen wird, ist der Bezug zur Zwischenkriegszeit in Niederschlesien: Er hat seine Glatz-Reihe in einer Region angesiedelt in einer Zeit, als diese noch nicht polnisch, sondern deutsch war. Polen spielt darin eine fast marginale Rolle. Es geht um die nach dem Ersten Weltkrieg aufkeimenden Nationalitätenkonflikte, die an die heutige Zeit erinnern.

Man sieht: 100 Jahre sind vergangen, und man hat nicht wirklich etwas aus der Geschichte gelernt. Bei Duszyński kommen Antisemitismus, aufkeimender Nationalsozialismus, bis hin zu Entwicklungen, die im Aufstieg der Nazis gipfelten, vor. Es lohnt sich, diese Retrokrimis oder historischen Kriminalromane zu lesen, um für die heutige Zeit mit ihren aktuellen politischen Tendenzen etwas zu lernen.

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.  

Mit Markus Schnabel sprach Natalia Prüfer.  

Nachtrag:

Am 06. August wurde die Top 30 der HOTLIST 2026, der Auswahl der Unabhängigen Verlage veröffentlicht (https://www.hotlist-online.com/die-kandidaten-der-hotlist-2026/). Mit dabei Magdalena Parys mit „Der Prinz“. Jetzt geht es ins Publikumsvoting, zu dem wir alle Leserinnen und Leser sehr herzlich einladen. Bis zum 4. September kann man für Magdalenas Buch abstimmen und ihr damit einen Platz in den Top 10 der HOTLIST 2026 garantieren.

Hier geht’s zum Abstimmungslink:

https://www.hotlist-online.com/wahllokal-polling/ 

Markus Schnabel ist Gründer und Inhaber des Polente Verlags (seit 2025), Übersetzer und zertifizierter Rechte- und Lizenzmanager. Er studierte Slawistik mit Hauptfach Polnisch an der Universität Wien und in Krakau, mit Schwerpunkt auf zeitgenössischer Literatur und Krimis. Zu Studienzeiten schrieb er die Gastkolumne „Krakauer Schwarze Post“ für Alligatorpapiere.de und arbeitete mit dem „Portal Kryminalny“ zusammen. 2023 war er Stipendiat des Deutschen Übersetzerfonds für Tomasz Duszyńskis „Glatz“-Reihe. 

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