Wanda Traczyk-Stawska ist tot
Wanda Traczyk-Stawska, die in Polen bekannte Teilnehmerin am Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer, starb am 18. August im Alter von 99 Jahren in Warschau. Trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen mit Nazi-Deutschland setzte sie sich seit Langem für eine Versöhnung mit den Deutschen ein. 2024, aus Anlass des 80. Jahrestages des Warschauer Aufstandes, traf sie sich als Zeitzeugin – Soldatin der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) – mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Dieses Treffen sei eine große Ehre, besonders weil es hier, „wo so viele Herzen begraben liegen“, stattfindet, sagte sie zum Bundespräsidenten. Steinmeier erwiderte: „In Wahrheit ist es so, dass Sie Mut gegen die deutsche Besatzungsherrschaft brauchten, und ich stelle mir vor, wie sehr Sie diesen Mut nach 1945 für eine Wiederannäherung mit Deutschland brauchten.“
Die Wochenzeitung „Newsweek“ (35/24–30.08.26) erinnert an die Rolle von Traczyk-Stawska als aktive Teilnehmerin der Proteste gegen die Verletzungen der Rechtsstaatlichkeit und den Anti-EU-Kurs der PiS-Regierung. „Ihre Lebensphilosophie war so einfach wie ein Soldatenbefehl: Wenn du das Böse siehst, schau nicht weg, sondern handle, hilf. Reagiere, denn das Böse profitiert auch von der Gleichgültigkeit.“
In letzter Zeit hat die Lehrerin gegen die zunehmende Übergriffe gegen die Ukrainer in Polen protestiert. Die „Newsweek“ bringt ein Zitat von Traczyk-Stawska aus einem früheren Interview: „Meine Kindheit ging im September 1939 (sie war damals 12) zu Ende. Ins Gebäude auf der anderen Straßenseite schlug eine Bombe ein. Aus Rauchwolken und Staub kam eine Frau, die ein Säugling auf dem Kissen hielt. Ich habe gesehen, wie die Deutschen aus einem Maschinengewehr auf dieses Kind geschossen haben. Es zerfiel vor meinen Augen in Stücke. Ich habe damals davon geträumt, als erwachsene (Frau) zu schießen und zu töten“, erzählte sie.
„Traczyk-Stawska hat ihr ganzes Leben lang um eine Sache gekämpft – um die Menschenwürde. Nach dem Krieg wurde sie zur bekennenden Pazifistin. Ihre Waffen waren ab dann Worte, Klugheit, Entschlossenheit“, schreibt die „Gazeta Wyborcza“ (Online-Ausgabe v. 19.08.2026). „Der Krieg ist die scheußlichste Methode, um seinen Standpunkt durchzusetzen“, zitiert die Zeitung die Heldin.
Die Beziehungen Polen – Ukraine
Der polnisch-ukrainische Streit um die Weltkriegsgeschichte dauert an und die antiukrainische Stimmung in Polen bleibt bestehen. Politiker und Medien auf der rechten Seite der politischen Szene werfen Kyjiw angebliche Undankbarkeit vor und kritisieren die Verherrlichung der UPA-Kämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg, die für den Massenmord an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien verantwortlich waren.
Die „Newsweek“ (35) überlegt, was geschehen würde, wenn die Ukrainer (derzeit leben in Polen ca. 1,5 Mio. Ukrainer, von denen 770.000 legal arbeiten) das Land plötzlich verlassen würden. Ihre Ausreise würde „zum Drama im Wohnungsbau, Handel, zu Preissteigerungen und hoher Inflation führen“, warnt das Blatt. „Wir wären außer Stande, diese 700.000 Arbeitsplätze mit Polen zu besetzen. Es stimmt nicht, dass die polnischen Arbeitnehmer durch die Ukrainer verdrängt werden. Jedes Jahr verlassen mehrere Hunderttausend den Arbeitsmarkt. Sie gehen in Rente und nur ein Teil von ihnen arbeitet weiter“, zitiert die „Newsweek“ einen Vertreter des polnischen Arbeitgeberverbandes. Laut Redaktion sind nach aktuellen Umfragen 52 Prozent der Polen gegen die weitere Aufnahme von ukrainischen Kriegsflüchtlingen und 67 Prozent befürworten die Ausweisung ukrainischer Männer aus Polen. „Der Krieg dauert schon lange. Wir sehen, wie gut die Ukrainer in Polen über die Runden kommen. Die polnische Regierung unterstützt sie (…), ihre Kinder besuchen Schulen (…). Sie sind keine Opfer mehr, keine Sündenböcke, sie erwecken kein Mitleid mehr. (…) Sie werden als Konkurrenz [auf dem Arbeitsmarkt] betrachtet“, sagte die Soziologin Katarzyna Krzywicka der Zeitung.
Ex-Premier Morawiecki kämpft nach Abspaltung von PiS um seinen Platz
Die neue, aus der PiS abgespaltene Kraft in der polnischen Politik, die Gruppe „Rozwój Plus“ (Entwicklung Plus) um den Ex-Regierungschef Mateusz Morawiecki hat inzwischen eine eigene Fraktion im Parlament mit 41 Abgeordneten registriert. In den Umfragen bekommt seine Schöpfung zwischen 3 und 7 Prozent. Die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ veröffentlichte am 29/30.08.2026 ein Interview mit dem Leader der Vereinigung, die sich selbst „Patriotisches Lager“ nennt. „Die Haupttrennungslinie verläuft in Polen zwischen Patrioten und den Menschen, die keine Wurzeln mehr in Polen haben. Wobei ich nicht die Wähler, sondern viele Politiker meine“, erklärt der Ex-Premier. Auf die Frage, was ihn von Tusk unterscheide, antwortet Morawiecki: „die Liebe zu Polen“. Tusk sei ein „schlauer, zynischer Spieler, ein Manipulator“. „Wir müssen auf den nationalen Zusammenhalt achten, uns darum kümmern, dass die Polen stolz auf die polnische Republik sind. Damit sie bereit wären, für sie zu sterben. Den amtierenden Premier assoziiere ich ausschließlich mit Oikophobie (Hass auf die eigene Nation), Pädagogik des Schams, Mikromanie und der Haltung, sich ständig für fremde Sünden zu entschuldigen“, sagt Morawiecki. Er unterstreicht, bei Tusk sei diese Haltung „besonders sichtbar bei Kontakten mit den Deutschen“. Er nannte in diesem Zusammenhang Tusks Zustimmung für „diesen Stein, der angeblich in Berlin die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges würdigt“.
Der Jahrestag der August-Streiks und der „Solidarność“
Im August wird in Polen der 46. Jahrestag der Streikwelle an der Ostseeküste gefeiert, die zur Entstehung der Gewerkschaft „Solidarność“ und, knapp 10 Jahre später, zur demokratischen Wende in Polen geführt hat.
Bogdan Borusewicz, einer der Streikführer von damals, sieht die Gewerkschaft im Gespräch mit der „Gazeta Wyborcza“ (29.08.–3.09.2026) am Ende. Die „Solidarność“ sei früher ein „auf der ganzen Welt bekanntes Symbol des Kampfes gegen den Kommunismus“ gewesen. „Heute fungiert die Gewerkschaft als Hinterland und Schutztruppe der Partei von Jarosław Kaczyński, der PiS“, kritisiert der Politiker, der seit 2005 im Senat, der Zweiten Kammer des polnischen Parlaments sitzt. Borusewicz gehört der Tusk-Partei Koalicja Obywatelska (Bürgerplattform) an. „Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems gelang es zunächst der Gewerkschaftsleitung, extrem rechte Tendenzen aufzuhalten. Doch nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Eine wichtige Rolle spielte dabei die katholische Kirche, die der Gewerkschaft die ideologische Richtung vorgab“, erklärt Borusewicz. „Solidarność“ sei verkrustet, weil ihre Funktionäre die Gewerkschaftsarbeit als Pfründe betrachten. Die Gewerkschaft „stirbt und der Ruck nach rechts hat diesen Prozess nur beschleunigt“. Solidarność sei „am Ende ihrer politischen Möglichkeiten“, stellt Bogdan Borusewicz fest.
Die riesige Marienstatue im polnischen Konotopie
Für große Aufregung sorgt in Polen die riesige Marienstatue, die am 15. August im Dorf Konotopie eingeweiht wurde. Das Bauwerk hat eine Gesamthöhe von mehr als 55 Metern und gilt als die größte Marienfigur in Europa. Sein Stifter Roman Karkosik, ein Privatunternehmer, der zu den reichsten Menschen in Polen gehört, wollte auf diese Weise für seine Genesung danken.
„Das Gebet an den Beton“, schreibt die „Newsweek“ (3–9.08.2026) und stellt die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, das Geld für Krankenhäuser oder Obdachlosenheime zu spenden. Die „Rzeczpospolita“ (19.08.2026) zitiert den Dominikanerpater Paweł Gużyński, der von einem „King Kong auf dem weiten Feld“ spricht. Laut des Ordensbruders sei die Errichtung solcher Bauten eine Folge des „magischen Denkens oder einer sehr billigen Theologie“. Der Idee liegt die Überzeugung zugrunde, in einer zunehmend säkularisierten Welt religiöse Symbole so im öffentlichen Raum zu platzieren, dass sie nicht übersehen werden können. „Wird die Aufstellung eines ‚King Kongs‘ wirklich die Krise des Glaubens aufhalten?“, fragt Gużyński rhetorisch.
Ganz anders sehen die Bedeutung der Marienstatue die rechtskonservativen und katholischen Medien. Die Wochenzeitung „Sieci“ ruft auf ihrer Titelseite die Polen dazu auf, weitere Marien-Denkmäler aufzustellen. „Die Gottesmutter wird uns in den Zeiten von Chaos und Götzen retten“, versichert die Redaktion des PiS-nahen Blattes. Der Autor Maciej Pawlicki verweist auf die lange polnische Tradition der Marienverehrung, welche „die nationale Gemeinschaft aufbaut, das Verständnis für gemeinsame Interessen stärkt und gegenseitige Achtung sowie Bereitschaft zum Handeln fördert“. Pawlicki betont die Bedeutung des Marienkultes für den Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft. Die „Sieci“ verweist darauf, dass die Welt noch vor Kurzem „sicher und stabil, fast langweilig“ wirkte. Ideologische Beschleunigung und zivilisatorischer Druck hätten allerdings in den letzten Jahrzehnten „eine Periode gefährlicher Stürme“ eingeleitet. „Die Figur der Gottesmutter ist wie ein Leuchtturm, der den Weg zum sicheren Hafen zeigt“, meint Pawlicki und macht einen überraschenden Vorschlag: statt weiterer 3.000 Windräder mit 200 Metern Höhe sollten in Polen 3.000 40 Meter hohe Marienfiguren entstehen.