Nach dem Auftritt des Adam Bałdych Quintetts beim ältesten Open-Air Jazzfestival in Europa erzählt der polnische Musiker von seinen Eindrücken aus Frankfurt am Main, von den Unterschieden zwischen dem polnischen und dem deutschen Publikum, von seinem Album „Portraits“, in dem es um die Grausamkeiten des Krieges geht, und von Hildegard von Bingen, die seit über einem Jahrzehnt für seine Musik besonders wichtig ist.
Das Festival „Jazz im Palmengarten“ in Frankfurt am Main findet schon seit 1959 statt und ist unter anderem für die Auftritte polnischer Jazzmusiker bekannt. Hattest du früher schon mal Gelegenheit, dabei zu sein?
In diesem Jahr habe ich hier zum ersten Mal gespielt und ich kenne den Ort ausschließlich aus Sicht des Künstlers. Ich bin der Meinung, Veranstaltungsorte können einander ähneln, aber das Publikum, das sie ausmacht, das steht auf einem anderen Blatt. Hier spürte ich sofort, das sind Leute, die schon lange kommen und so etwas wie eine eingeschworene Gemeinschaft bilden. Die Leute im Publikum kannten sich, sie waren angestammte Festivalbesucher, die sich miteinander und an diesem Ort wohlfühlen. Sie fühlten sich ganz in ihrem Element, und das hat uns ungeheure Energie vermittelt. Für mich war das ein wunderbares Erlebnis. In Frankfurt habe ich vor einigen Jahren zum letzten Mal gespielt, an einem anderen Ort, und ehrlich gesagt, erinnere ich mich nicht, wo genau. Es tut sich einfach zu viel, um sich an jedes Konzert aus den letzten Jahren erinnern zu können. Aber im Palmengarten war ich zum ersten Mal und ich bin begeistert – es war ein wunderbarer Abend.
Ich hatte den Eindruck, das Publikum beim Konzert war sehr gemischt, unter anderem viele in Frankfurt lebende Menschen, die aus Polen stammen. Unterscheiden sich das polnische und das deutsche Publikum voneinander?
Ich empfinde das polnische Publikum in Deutschland immer als sehr spontan. Ich denke, die Leute freut es riesig, wenn jemand aus Polen mit seiner Musik kommt. Sie können darin ihre eigene Herkunft wiedererkennen, die in meinen Stücken zu hören ist. Ich sage immer ganz offen: Eine meiner Inspirationen ist die polnische Volksmusik. Nicht völlig eins zu eins, aber wenn diese Klangfarbe, dieser trockene Ton meiner Geige zu hören ist, dann steckt darin viel aus der Volksmusik, die ich als junger Bursche selbst oft gespielt habe. Daher fühle ich mich dem polnischen Publikum besonders nah, nicht nur in Deutschland, sondern ähnlich auch in Frankreich oder anderswo im Ausland. Dann kommt es mir so vor, als sei ich zuhause. Aber ich fühle mich auch unter deutschem Publikum immer sehr willkommen. Deshalb spiele ich hier so oft, und seit gut vierzehn Jahren habe ich einen Vertrag mit dem bekannten deutschen Jazz-Label ACT. Mir scheint, deutsche Hörer finden in meiner Musik etwas, was ganz auf ihrer Welle liegt.

Gegenwärtig promotest du dein neues Album „Endless“. Deine vorletzte Platte „Portraits“ nahm ausdrücklich auf den Zweiten Weltkrieg Bezug. Einerseits der Krieg, andererseits begehen wir dieses Jahr den 35. Jahrestag der deutsch-polnischen Partnerschaft. Nimmst du die heutigen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland im Licht der schwierigen Geschichte wahr, oder doch eher im Licht des Jubiläums? Oder interessiert dich das eigentlich gar nicht?
Ich befasse mich nicht so intensiv mit Politik, eher versuche ich, mich davon fernzuhalten. Ich bringe die Schönheit, die ich vermitteln möchte, dabei überlege ich nie, wem genau ich das Schöne nun anbiete. Ich teile die Leute nicht nach ihrer Herkunft aus diesem oder jenem Land auf, weil das, was ich mitteilen möchte, über solchen Aufteilungen steht. Ich schätze die Eigenart jeder Nation und ihrer Kultur. Aber mir kommt es so vor, als ob das Schöne, besonders in der Improvisationsmusik, gerade darin besteht, dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen können, und diese Sprache ist vorwiegend verbindend. Die Kunst war für mich immer eine Weise, um an einen Ort zu kommen und zu zeigen, wie Grenzen, Unterschiede und Probleme zu bestehen aufhören, wenn wir in allem zu einer Gemeinschaft werden.
Für mich brachte dieses Projekt, also das Album „Portraits“, in Erinnerung, wie oft viel von dem, was im Zweiten und auch im Ersten Weltkrieg geschah, sich bis heute wiederholt, weil wir vergessen, was für ein schweres Joch, was für eine ungeheuerliche Sklaverei das für viele Menschen bedeutete. Als Künstler wollte ich meinen Widerspruch dagegen ausdrücken, dass sich das wiederholt. Direkt jenseits unserer Ostgrenze leiden die Menschen und leben im Krieg. Bei der Vorbereitung auf das Album las ich sehr viele Berichte von Augenzeugen, Zeugnisse und Privatbriefe von Menschen, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten. Dabei ist mir aufgegangen, wie viel von dem, was damals geschah, heute wieder passiert. Jetzt hängt es von uns ab, ob wir etwas dagegen unternehmen oder nicht.
In diesem Sinne war das Album „Portraits“ ein Protest, ein Aufruf zum Frieden, kein Versuch, jemandem erneut die Rechnung aufzumachen oder an etwas zu erinnern, um jemanden damit zu quälen. Es geht vielmehr darum, sich gemeinsam für das Gute einzusetzen, damit in dieser Welt mehr Liebe waltet als Probleme, die sie auseinanderreißen.
Du hast schon erwähnt, dass dich die polnische Volksmusik inspiriert. Gibt es deutsche Musiker oder eine Kunstströmung, die dich besonders interessieren?
Deutsche Einflüsse spielen in meiner Musik eine erhebliche Rolle. Ganz besonders wichtig ist für mich die Heilige Hildegard von Bingen. Diese mittelalterliche Komponistin schuf Gesänge, einstimmige geistliche Lieder, die für mich eine tiefe Quelle der Inspiration sind. Ich habe mich sehr ausführlich mit ihr befasst, und auf fast allen meinen Alben aus den vergangenen zehn Jahren ist mindestens ein Werk von Hildegard von Bingen zu finden, jedes Mal in einer ganz anderen Instrumentalbesetzung. Ich hatte immer das Gefühl, in ihrer Musik etwas zu finden, das für mich ein Heilmittel für unsere Zeit ist: Schönheit, Ruhe, Harmonie, alles, was ich selbst so dringend brauche. Wenn ich Stücke von Hildegard spiele, bekomme ich daraus etwas Wichtiges, das ich weitergeben kann. In dieser eigentlich schon verlorenen Musik sehe ich bestimmte Dinge, die im Kontext der modernen Klangsprache und des musikalischen Experiments sehr modern klingen können und die den experimentellen Charakter ausbalancieren.

Was ist dir am wichtigsten – Tradition, Volksmusik oder Experiment und Improvisation?
Das definiert grundsätzlich den Ort, an dem ich mich heute künstlerisch befinde: Meine Musik bewegt sich ganz vernehmbar an der Grenze zwischen klassischer Musik und Jazz. Einerseits ist sie ziemlich stark auskomponiert, weil ich bewusst auf die Kompositionsform setze. Andererseits bleibt immer großer Spielraum für Improvisation, weil ich mich durch Improvisation am besten ausdrücken kann. Ich schöpfe aus dem Reichtum der klassischen Musik, weil ich damit groß geworden bin und sie für mich wichtig ist. Zugleich bin ich eingefleischter Improvisator und fühle mich dabei ganz in meinem Element. Auf Improvisation werde ich niemals verzichten. Für mich sind das also wichtige Quellen. Aber die Volksmusik ist einfach ein Teil von mir, den ich nicht verleugnen kann – es geht nur darum, wie ich sie in meiner Musik durchklingen lasse. Für mich ist es völlig natürlich, sie meinen Inspirationsquellen zuzufügen, weil ich diese Art von Musik tief verinnerlicht habe. Man muss ihr nur Raum geben, damit sie klingen kann, und plötzlich hat die Volksmusik eine ganz deutlich erkennbare geografische Verwurzelung. Sie kommt von hier, nicht aus Amerika, nicht aus Skandinavien, eben gerade aus Polen. All das klingt in meiner Musik mit.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Adam Bałdych sprach Natalia Prüfer.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann.
Das Gespräch fand direkt nach Adam Bałdychs Konzert beim Festival „Jazz im Palmengarten“ in Frankfurt am Main am 6. September 2026 statt.
Adam Bałdych wurde 1986 in Gorzów Wielkopolski/ Landsberg an der Warthe geboren. Er ist einer der weltweit bekanntesten und meistgeschätzten polnischen Jazzgeiger und Komponisten. Musikkritiker sehen ihn als ein Genie der Technik, das den Klang der modernen Violine neu definiert. Er findet innovative Weisen, um die Grenzen zwischen Jazz, klassischer Musik, moderner Improvisation und polnischer Volksmusik zu verwischen. Eines seiner bekanntesten Projekte ist das Album „Portraits“, das in Zusammenarbeit mit dem Pilecki-Institut entstand und eine anrührende musikalische Erzählung darstellt, die von Erlebnissen von Augenzeugen des Zweiten Weltkriegs inspiriert wurde. Bałdych gewann prestigeträchtige internationale Auszeichnungen, darunter den „ECHO Jazz“, den Preis der deutschen Schallplattenkritik und den polnischen „Fryderyk“ (2026).