Kultur

Frankfurter Buchmesse: Tipps für Polen-Interessierte

Polnische Literatur hat es im deutschen Buchhandel weiterhin schwer. Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse zeigen wir, welche Neuerscheinungen aus Polen jetzt auf Deutsch vorliegen und welche Autoren man im Auge behalten sollte.
Mehrere bunte Buchcover.
Mehrere bunte Buchcover.
Deutschsprachige Übersetzungen polnischer Literatur: etwa 40 Titel pro Jahr, von Lyrik bis Sachbuch. © Piotr Mordel

Polnische Literatur gilt bei deutschen Verlagen als Nischeninteresse. Jedes Jahr werden etwa vierzig Titel ins Deutsche übersetzt, von Lyrik bis zu Sachbüchern. Die Zahl der Übersetzungen aus dem Deutschen ins Polnische liegt viermal höher, dafür ist das deutsche Sprachgebiet einschließlich Deutschlands, Österreichs und der Schweiz aber auch viel größer.

Bücher polnischer Autoren werden in Deutschland von Literaturliebhaberinnen, Slawisten und Menschen mit einem kulturellen Bezug zu Polen gelesen. Nur selten schaffen es polnische Autorinnen und Autoren auf deutsche Bestsellerlisten wie zum Beispiel die Top 20 beim „Spiegel“. Das gelang 2016 dem von Empathie geprägten „Wer fast nichts braucht, hat alles. Janosch – die Biographie“ von Angela Bajorek (aus dem Polnischen übertragen und für die deutsche Ausgabe ergänzt von Paulina Schulz, Berlin: Ullstein, 2016); im Jahr 2022 war es „In den Häusern der Anderen. Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen“ von Karolina Kuszyk (aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, Berlin: Links, 2022). Diese Erzählung von der Suche nach deutschen Spuren in Westpolen interessiert besonders in Deutschland immer noch viele Leser.

Szczepan Twardoch: Großer Erfolg auch in Deutschland

Ein ungeheurer Erfolg war es für Szczepan Twardoch, als er mit seinem von Olaf Kühl übersetzten Roman „Die Nulllinie. Roman aus dem Krieg“ (Berlin: Rowohlt, 2025) es in die Shortlist des „Spiegel“-Preises für das beste 2025 erschienene Buch schaffte und schließlich auf Platz zwei landete. Diese gleichsam asketische, aber auch brutale Erzählung von der vordersten Front im Ukrainekrieg wird in Deutschland sehr geschätzt, die Buchkritiken waren voll des Lobes und scheuten selbst vor dem Vergleich mit Ernest Hemingway nicht zurück.

Twardochs gerade eben in deutscher Übersetzung erschienener Roman „Sehnsucht“ (aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Berlin: Rowohlt, 2026) lässt dagegen an den Stil von Kurt Vonnegut denken. Darin entwirft Twardoch drei unterschiedliche, einander allerdings ausschließende Lebensläufe ein und derselben Figur. Erwin Piontek, im polnischen Original die Titelfigur, ist ein Bergmann in Rente, der mit einer alten Jacht auf eine Weltumsegelung geht; dann aber durchquert er in den nächsten Erzählungen als deutscher Soldat und Kolonisator am Anfang des 20. Jahrhunderts die afrikanischen Wüsten; dann wiederum ist er in einer dystopischen Vision der Doppelgänger des Diktators, der über den Volkspolnischen Staat herrscht, gegründet infolge eines in der Zukunft geführten Krieges.

Ein Mann mit schulterlangem Haar und Brille schaut in die Kamera.
Dieses Jahr ist bereits der neunte Roman von Szczepan Twardoch in Deutschland erschienen. © IMAGO / NurPhoto

Die früheren Romane Szczepan Twardochs, die seit Jahren kongenial von Olaf Kühl übersetzt werden, wie auch die vom selben Übersetzer stammenden, wertgeschätzten Übersetzungen der Texte von Dorota Masłowska, gehören zu einem Korpus von etwa eintausend Werken, die in der 2025 in Heidelberg erschienenen „Geschichte der polnischen Gegenwartsliteratur 1976–2020“ (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2025) besprochen werden. Autoren sind Przemysław Czapliński, einer der gegenwärtig namhaftesten polnischen Literaturhistoriker, und Karoline Thaidigsmann, die am Slavischen Institut Heidelberg die Polonistik vertritt.

Aus der Geschichte der polnischen Gegenwartsliteratur

Dieses Buch schließt eine Lücke in den deutschsprachigen Publikationen zur polnischen Gegenwartsliteratur, die in Buchform zuvor nur bis zum Jahr 1976 gelangt waren. Das Werk stellt aktuelle Phänomene und Strömungen vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Lage dar und nimmt in der polnischen Prosa eine emanzipatorische Ausrichtung wahr. Das Buch erschien in dem prestigeträchtigen, zweihundert Jahre alten Universitätsverlag Winter in Heidelberg, aber es ist eine bravourös verfasst, nie in akademischen Jargon verfallende Darstellung, die dem Literaturliebhaber ein willkommenes Nachschlagewerk und ein intellektuelles Abenteuer bietet.

Vorrang der Lyrik

Seit der Nachkriegszeit und der 1959 von Karl Dedecius herausgegebenen berühmten Anthologie „Lektion der Stille. Neue polnische Lyrik“ (München: Hanser, 1959) erfreut sich die polnische Lyrik besonderer Anerkennung. Zwei Literaturnobelpreise, der für Czesław Miłosz 1980 und der für Wisława Szymborska 1996, scheinen das ganz und gar zu bestätigen. Karl Dedecius, Gründer und Spiritus rector des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt, übersetzte selbst fast ausschließlich Lyrik. Die polnische Lyrik besaß engagierte Bewunderer wie den legendären Herausgeber und Dichter Michael Krüger, der es vermochte, mitten im Kalten Krieg für den geschätzten und bewunderten Zbigniew Herbert ein Stipendiensystem ins Leben zu rufen, das es diesem erlaubte, sein Schaffen fortzusetzen und Studienreisen durch Europa zu unternehmen.

Michael Krüger veröffentlichte in den letzten Jahren nicht weniger als drei Bände Erinnerungen aus seinem Leben als Literat und Herausgeber; er stellte 2021 mit „Meteorologie des Herzens. Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich“ (Berlin: Berenberg, 2021) seine persönliche, literarische Lobpreisung auf den Dichter des „Pan Cogito“ zusammen. Dies ist eine der raren biografischen Skizzen, die in Deutschland dem hier einstmals sehr bekannten Dichter und Essayisten Herbert gewidmet wurden. Niemand hat sich bislang daran versucht, eine zugängliche Herbert-Biografie zu verfassen, etwa für die populäre rororo-Serie, die schon einige hundert Titel umfasst. Genauso wenig ist dem deutschen Leser bislang eine Biografie Czesław Miłosz’ an die Hand gegeben worden. Das Publikum mag zwar ersatzweise auf die in englischer Übersetzung in den USA erschienene, hervorragende Miłosz-Biografie aus der Feder von Andrzej Franaszek zurückgreifen, aber eine allgemeinzugängliche Darstellung von Leben und Werk des Dichters bleibt eine Lücke, die zu schließen lohnen würde.

Als Muster könnte dienen die ausgezeichnete deutschsprachige Darstellung zu Wisława Szymborska der noch nicht recht gewürdigten Marta Kijowska „Nichts kommt zweimal vor. Wisława Szymborska. Eine Biografie“ (Frankfurt/M.: Schöffling, 2023).

Eine grauhaarige ältere Dame sitzt bei einem Interview.
Die Nobelpreisträgerin Wisława Szymborska wurde im deutschen Sprachraum zuerst von Karl Dedecius bekannt gemacht. © IMAGO / Eastnews

Wenn es um Übersetzungen polnischer Lyrik geht, fallen aktuell besonders die beiden zweisprachigen Bände mit Gedichten von Anna Świrszczyńska beim Verlag Secession ins Auge. 2024 erschien die von Peter Oliver Loew angefertigte Übersetzung des zuerst 1974 erschienenen Bandes „Ich habe eine Barrikade gebaut. Gedichte“ (Berlin: Secession, 2024), in dem es um den Warschauer Aufstand geht. Świrszczyńska diente in dem Aufstand als Krankenschwester. In klarer, präziser Sprache spricht sie über den ungleichen Kampf der Aufständischen. Wie der Kritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ es ausdrückt, liefert sie ein Zeugnis von größter dichterischer Ausdruckskraft. Nunmehr gibt Peter Oliver Loew Leserinnen und Lesern als weiteren Band Świrszczyńskas „Ich bin ein Weib. Gedichte“ (Berlin: Secession, 2026) an die Hand, der von der Dichterin 1972 veröffentlicht wurde und in seinem Ausdruck sehr feministisch war. Der Band bestätigt ihr Talent, das antiliterarische Konkrete zu präsentieren, ihre Kompromisslosigkeit und ihre geradezu revolutionäre Einstellung bei der unverblümten Beschreibung weiblicher Sexualität und des Alters.

Von starken Frauen

Einige polnische Schriftstellerinnen gelten als besonders ausdrucksstark. Abgesehen von der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, verdient die aus Niederschlesien kommende Joanna Bator besondere Aufmerksamkeit; ihr Werk ist fest in anthropologischer Theorie verankert und bezieht seine Impulse aus Japan, einem Land, das Bator besonders fasziniert. Zyta Rudzka wiederum erkundet Potential und Stärke ihrer Heldinnen in einer sich im Wandel befindlichen Realität. Die deutsche Leserschaft erhielt 2026 Bators „Die Flucht der Bärin. Erzählungen“ in der Übersetzung von Lisa Palmes (Berlin: Suhrkamp, 2026). Bators Figuren versuchen, ganz von vorne anzufangen, sie wollen die Last der Vergangenheit abwerfen und sich von ihren Traumata befreien. Wie bei Bator üblich, tauchen in dem neuen Buch einige Gestalten auf, die dem Leser bereits von früheren Werken bekannt sind, allerdings in neuen Zusammenhängen.

Dorota Masłowskas Roman „Im Paradies“ (aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Berlin: Rowohlt, 2026) ist eine souveräne, starke und entlarvende Abrechnung mit der Welt des Konsums. Die in Deutschland geschätzte Autorin entblößt die leere Existenz ihrer Heldinnen in Berichten aus der kapitalistischen Wirklichkeit der Gegenwart.

Eine Frau im schwarzen Kleid steht vor einem schwarzen Hintergrund, auf dem linken Arm Tattoos.
Die Übersetzung des jüngsten Romans von Dorota Masłowska „Im Paradies“ erschien Anfang 2026 bei Rowohlt. © PAP/Piotr Nowak

Grażyna Plebaneks Roman „Pola. Das verborgene Leben der Apolonia Machczyńska-Świątek“, der in dem noch neuen österreichischen Verlag Polente von Markus Schnabel erscheint (angekündigt für März 2027), ist eine Erzählung von einer starken Frau. Es ist eine autobiografisch geprägte Reportage, eine Rekonstruktion des Lebens der Großmutter der Autorin, die 1943 von den Deutschen dafür ermordet wurde, dass sie Juden versteckt hatte. Die von Verleger Markus Schnabel übersetzte Erzählung ist ein Versuch, die wirkliche, nicht auf einen Denkmalsockel gestellte Apolonia („Pola“) vorzustellen, aber auch, wie ihre Geschichte in der Familie mit Schweigen bedacht wurde.

Ein Mann steht vor einem Bücherstand.
Markus Schnabel verlegt in seinem Polente Verlag Bücher polnischer Autor:innen. © Polente Verlag

Es ist bemerkenswert, wie der junge und kleine Verlag Polente aus Wien sein Programm vorrangig auf Übersetzungen polnischer Literatur ausrichtet, vergleichbar mit dem Verlag Wagenbach, der zu seiner Zeit in leicht erkennbaren, rot eingebundenen Bändchen italienische Literatur herausbrachte. Die Zeit wird erweisen, ob ein so eng zugeschnittenes Profil Chancen hat, sich am Buchmarkt zu behaupten. Vorerst betreibt der Verleger dem Anschein nach Risikobegrenzung, indem er großteils auf Bücher mit mitreißender Handlung und Krimis setzt, darunter die Thriller der deutsch-polnischen Autorin Magdalena Parys aus Berlin – „Der Magier“ (übersetzt von Lothar Quinkenstein, 2025), „Der Prinz“ (übersetzt von demselben, 2026) –, oder auch „Katharsis“ von Maciej Siembieda (übersetzt von Ewa Krauss, 2026). Dies ist der erste Band einer Trilogie über das Leben des griechischen Partisanen Kostas Tosidos, der mit seiner Familie nach dem griechischen Bürgerkrieg nach Polen gelangt, wo er zwangsweise zur Arbeit in einem Uranbergwerk eingesetzt wird und ihn das Schicksal in Kontakt mit Gestalten aus der Unterwelt von Gdynia/ Gdingen zusammenführt.

Eine langhaarige Frau schaut in die Kamera.
Magdalena Parys ist Autorin der Berlin-Trilogie. © Weronika Kuźma 

Unabhängige deutsche Verleger 

Was an polnischer Literatur in Deutschland an das Lesepublikum gebracht wird, hängt von einigen wenigen großen Verlagshäusern ab, die seit langem Bücher sorgsam ausgewählter polnischer Autorinnen und Autoren veröffentlichen, aber auch und insbesondere von kleineren, unabhängigen Verlagen. Einer davon ist Andreas Rosteks Berliner edition.fotoTAPETA. Sein Angebot an polnischen Autorinnen und Autoren wird dieses Jahr durch einen wunderbaren Essayband von Ariel Rosé bereichert, eine Sammlung von poetischen Texten von tiefer Gelehrsamkeit. Sie wurden inspiriert von Seen und Flüssen, aber auch von in Erinnerung gebrachten Eindrücken und Assoziationen, die aus der Betrachtung von Malerei aus aller Welt und aus Lesefrüchten herrühren. Ariel Rosé identifiziert sich als nicht-binärer queer poet, als aus Polen stammende Person mit norwegischem Pass, die in Berlin ansässig ist, und ihre überraschenden und erfrischenden Texte sind gelungene Beiträge zur traditionsreichen Essayistik.

Unterdessen wird immer noch die Übersetzung von Izabela Tadras Roman „Hotel ZNP“ (aus dem Polnischen von Andreas Volk, Berlin: Edition.fotoTAPETA, 2025) beworben, die 2024 mit dem erstmals von Josepha Literatur vergebenen deutsch-polnischem Literaturstipendium auszeichnete. Josepha wird getragen von dem Verlag edition.fotoTAPETA und dem Atelier Josepha. Der polnische Partner ist der Warschauer Verlag Cyranka. Die am Stil von Thomas Bernhard ausgerichtete Erzählung ist ein Bewusstseinsstrom der Hauptfigur Belcia, der in Gang gesetzt wird von der Begegnung mit einem unbekannten Mann in einem Hotel, das aus volkspolnischer Zeit übriggeblieben ist. Belcia erzählt eine Geschichte voller Galle und Bitternis über ihre kaputten Familienbeziehungen. Mit diesem Ballast kämpft sie um die eigene Identität.

Eine Frau gibt ein Autogramm.
Die Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk auf der Frankfurter Buchmesse 2019. © IMAGO / Zoonar

Der in Wien und Wuppertal angesiedelte Arco-Verlag von Christoph Haacker hat seit fast 25 Jahren Übersetzungen polnischer Literatur im Programm. In diesem Frühjahr schloss Arco die Herausgabe einer Anthologie von Übersetzungen von Stanisław Vincenz’ Tetralogie „Na wysokiej połoninie“ (dt. Ausgabe: „Auf der Suche nach dem Taubenbuch des Baal Schem Tow. Geschichten aus den Karpathen von Huzulen, Chassidim und Rachmanen“, Arco-Verlag, 2026) ab. Vincenz schreibt polnisch, stammt aber aus dem Huzulen-Gebiet, heute in der südwestlichen Ukraine. In den 1930er Jahren begann er ein monumentales, bis Ende der 1960er Jahre fortgesetztes Epos, welches das Wesen der einander durchdringenden Erzählungen der Huzulen und chassidischen Juden aus dem Gebiet der Ostkarpaten erfasst.

Christoph Haacker schrieb selbst das umfangreiche Nachwort zu diesem außergewöhnlichen Werk, das 55 Jahre nach dem Tod des Autors in seinem Verlag erstmals in Deutschland in Buchform erscheint. Als Zugabe wird das Textkorpus durch einige bereits vorhandene Übersetzungen einzelner Erzählungen ergänzt, die unter anderem von Karl Dedecius stammen, sowie durch den Essay „Begegnung mit Chassidim“, den Vincenz auf Deutsch schrieb und erstmals 1961 in Österreich veröffentlichte. Die Kritiker heben lobend die Bedeutung der Veröffentlichung hervor und die enorme Leistung des in Deutschland gerade erst entdeckten Autors des Grenzgebiets zwischen der polnischen und der ukrainischen Kultur.

In Anbetracht der 80.000 neuen Titel, die jedes Jahr auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erscheinen, ist es besonders erfreulich, wenn das Buch des hier zuvor unbekannten Autors, der nach dem Krieg in Frankreich und in der Schweiz lebte und unter anderem für die exilpolnische Zeitschrift „Kultura“ in Paris schrieb, umfassend in der FAZ, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und den „Vatican News“ besprochen wurde.

Witold Gombrowicz: Ein Klassiker im Schweizer Verlag

Ein dagegen bereits seit den 1960er Jahren in den deutschsprachigen Buchhandlungen zu findender Klassiker ist Witold Gombrowicz. Zurzeit ist der junge Schweizer Verlag Kampa mit der Herausgabe seiner Werke befasst. Daniel Kampa war bereits während seines Studiums in den 1980er Jahren von Gombrowicz begeistert. Kampas Edition ist eine wahrhafte Huldigung und Denkmalsetzung für den polnischen Schriftsteller. Der Verlag gab eine Reihe neuer Übersetzungen in Auftrag und sorgte für eine wunderbare grafische Gestaltung.

Zu dem guten Dutzend bei Kampa erschienenen Bänden ist jüngst hinzugetreten „Polnische Erinnerungen I Argentinische Streifzüge“ (aus dem Polnischen von Klaus Staemmler und Gisbert Haefs, Zürich: Kampa, 2026), zu denen Olaf Kühl ein umfangreiches Vorwort geschrieben hat, ein anerkannter Gombrowicz-Kenner. Persönlich würde ich mir wünschen, dass bei Kampa als Höhepunkt der Edition eine eigens für den deutschen Leser gedachte Gombrowicz-Biografie erscheinen möge. Bisher vermitteln nur das von Dominique de Roux geführte Interview und die 1978 von François Bondy und Konstanty A. Jeleński verfasste Kurzbiografie einen Einblick in Leben und Werk des Autors von „Ferdydurke“.

Ein Mann vor einer weißen Wand.
Olaf Kühl übersetzt u. a. die Bücher von Witold Gombrowicz, Szczepan Twardoch und Dorota Masłowska ins Deutsche © Elżbieta Nowakowska-Kühl

Ebenso erschien im Kampa Verlag 2025 die Neuübersetzung des Romans „Die Puppe“ (Lalka) von Bolesław Prus, einem der größten polnischen Romanautoren. Der Roman wird momentan in Polen heiß diskutiert, im Zusammenhang mit einer Netflix-Serie und einer Kinoverfilmung, die in diesem Jahr veröffentlicht wurden.

Zu den Polonica in Buchform gehören in Deutschland Publikationen zum Thema Erinnerungskultur und historisches Gedächtnis. Seit einigen Jahren wird die Zahl der ins Deutsche übersetzten Werke systematisch vergrößert, die in Polen zu den Klassikern zur Thematik der Shoah zählen. So wurden etwa die vorher unbekannten Bücher von Seweryn Szmaglewski, Tadeusz Borowski und Bogdan Wojdowski auf Deutsch veröffentlicht. Zudem erscheint bei Wallstein in Göttingen die auf zehn Bände geplante „Bibliothek der polnischen Holocaustliteratur“. Aktuell ist in der Reihe Stanisław Wygodzkis „Der Mann mit dem Karren. Erzählungen“ (Göttingen: Wallstein, 2026) erschienen.

Migration und Postmigration

Dieser Überblick über neue deutsche Publikationen polnischer Bücher soll mit Autorinnen und Autoren aus der Migration und Postmigration beschlossen werden. Martin Piekars Stern am Firmament der deutschsprachigen Literatur leuchtet immer heller. Piekar sagt über sich, er sei ein deutsch schreibender polnischer Schriftsteller. Das Romandebüt dieses literarisch erfahrenen Dichters dreht sich um eine schwierige Kindheit und Jugend in einer unvollständigen polnischen Familie in Frankfurt, welche aus ihm und seiner alkoholabhängigen polnischen Mutter besteht, die immer tiefer in Krankheit und Depression versinkt. Piekars Roman „Vom Fällen eines Stammbaums“, den er zuvor in Auszügen beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis der Stadt Klagenfurt vorstellte, weckte augenblicklich großes Interesse und stieß auf positive Kritik.

Ein Mann in Hemd und Weste schaut in die Kamera.
Martin Piekars Debütroman „Vom Fällen eines Stammbaums“ wurde bereits für mehrere Preise nominiert. © Charlotte Werndt

Ein ähnlich positives Pressecho fand in diesem Jahr Oliwia Hälterleins Romandebüt „Wir Töchter“ (München: Beck, 2026). Hälterlein kam als kleines Kind mit ihrer Mutter von Polen nach Deutschland. „Wir Töchter“ ist eine in ihrer Bildersprache intensive Kollage von Erinnerungen, aber auch eine Erzählung davon, was es bedeutet, Tochter zu sein, von den Bindungen zwischen den Generationen, die drei Generationen von Frauen zusammenschließen. Waleria, die jüngste, wächst bereits in Deutschland auf. Ähnlich wie die Figur der Mutter in Piekars Roman, weigert sich deren Mutter Róża, in der Öffentlichkeit polnisch zu sprechen. Doch die Besuche bei der Großmutter Marianna im ländlichen Polen graben sich tief ins Gedächtnis des Kindes ein. Es sind Rückkehren zum Wahrhaftigen, ja zum Archetypischen.

Eine Frau, angelehnt an eine Wand, schaut in die Kamera.
Die aus Polen stammende und in Deutschland aufgewachsene Oliwia Hälterlein schrieb einen Roman über drei Generationen von Frauen in ihrer Familie. © MiNZ&KUNST

Ein anderer Autor, der im deutsch-polnischen Kontext nicht vergessen werden sollte, ist Artur Becker, der im Alter von sechzehn Jahre aus Masuren nach Deutschland kam, einige Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer. Er begann alsbald, Texte auf Deutsch zu veröffentlichen. Sein neustes Buch erscheint aktuell bei Arco – ein romantischer Roman als rückwärtsgewandtes Pastiche, angesiedelt in den letzten Jahren der Volksrepublik Polen – „Ein roter Ziegelstein für Izabella. Roman“ (Wuppertal: Arco, 2026).

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

Ein Mann mit Bärtchen, hinter ihm eine Geige.

Ich möchte Schönheit vermitteln. Ein Gespräch mit Adam Bałdych

Ein Gespräch mit dem weltbekannten Jazzgeiger Adam Bałdych über Musik, Grenzen und Hildegard von Bingen.
Natalia Prüfer
Mehrere bunte Buchcover.

Frankfurter Buchmesse: Tipps für Polen-Interessierte

Polnische Literatur hat es im deutschen Buchhandel weiterhin schwer. Zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse zeigen wir, welche Neuerscheinungen aus Polen jetzt auf Deutsch vorliegen und welche Autoren man im Auge behalten sollte.
Joanna de Vincenz
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

Polnische Presse: Kommt endlich „Fort Trump“?

Die Debatte um die ständige Präsenz von US-Soldaten in Polen sowie die Messerattacke eines Ukrainers in einem Kloster im Südosten Polens und deren Folgen für die polnisch-ukrainischen Beziehungen – darüber berichtet die polnische Presse.
Jacek Lepiarz