1978 wurde Janosch, der bürgerlich Horst Eckert hieß, mit „Oh, wie schön ist Panama“ weltberühmt. Sein Werk wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Auf Polnisch erschienen seine Kinderbücher aber erst 1992.
Später besuchte Janosch, der 1931 in Zabrze, damals Hindenburg, das Licht der Welt erblickte, seine alte oberschlesische Heimat regelmäßig, der er sich immer verbunden fühlte und welcher er mit dem Roman „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“ ein literarisches Denkmal setzte. Zu Ehren von Janosch alias Horst Eckert veröffentlichen wir in gekürzter Fassung einen Text von Marcin Wiatr über Eckerts Bedeutung für Oberschlesien aus dem Jahr 2011. Der vollständige Beitrag erschien im Deutsch-Polnischen Magazin DIALOG, Nr. 97.
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Als er vor ein paar Jahren, kurz nach der Theateraufführung seines „erzoberschlesischen“ Buches „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“ zu Autorenlesungen nach Oberschlesien kam und dabei seine Stadt Zabrze besuchte, fand er dort Zeit, um sich früh morgens auf die Wege seiner weit zurückliegenden Kindheit zu begeben. Er ging zu früher Morgenstunde hinaus und verschwand bis zur Mittagszeit. Er trieb sich in Zabrze herum, von keinem auf der Straße erkannt, von keinem angesprochen oder nach irgendetwas gefragt.
In einer kleinen Nebenstraße im Stadtzentrum bemerkte er einen Lumpensammler, der am Straßenrand saß. Er setzte sich einfach zu ihm. Schweigend starrten beide eine ganze Weile vor sich hin. Und gingen danach beide ihres Weges. „Es war reine Metaphysik. So etwas konnte mir nur hier, in Zabrze, passieren. Als wäre ich dem alten Haderlok von der Bergwerkstraße begegnet“, berichtete Janosch begeistert.

Hier, im damals deutschen Hindenburg, oder im genau genommen vom Bergwerkmilieu geprägten Stadtviertel Poremba, kam am 11. März 1931 Janosch, eigentlich Horst Eckert, zur Welt. Zu jener Zeit ging es hier recht unruhig zu. Einige Jahre zuvor, infolge eines Plebiszits und eines wahren Bürgerkrieges, der später als Aufstand bezeichnet werden sollte, wurde Oberschlesien durch eine deutsch-polnische Grenze zerschnitten.
Das Haus in der Beckerwegstraße (spätere ul. Piekarska), in dem der kleine Janosch wohnte, war ein typischer oberschlesischer „Familok“, ein Siedlungshaus für mehrere Familien, wo gelebt, gefeiert und gestorben wurde – immer im Visier der zahlreichen Nachbarn. Das Haus stand knapp zweihundert Meter von der Czarnawka entfernt, einem schmalen Fluss, der seinerzeit bei Poremba den Verlauf der deutsch-polnischen Grenze markierte. Eben dieser zweistöckige, ziegelrote „Familok“ sollte sich Janosch als seine eigentliche Erlebniswelt einprägen.
Der Einfluss des Großvaters
Ein magisches Land, heißt nicht sorgenloses oder einfach glückliches. Dafür ein authentisches, wo keine überflüssige Schönheit der Wahrheit im Wege steht. Es war kein sicherer Ort. In seinem bisher wohl persönlichsten Interview, das Janosch 2005 während des „Lesungsmarathons“ in Schlesien gab, erinnerte er sich daran, wie Grenzschützer ohne Warnung auf Leute schossen. Jeder war ein potenzieller Schmuggler.
Einmal haben polnische Grenzschützer einen Mann erschossen und der kleine Junge hat das gesehen. Dabei war es ein sensibler Junge, vielleicht sogar ein allzu empfindlicher. Trotzdem faszinierte ihn stets sein Niemandsland. „Das war ein magischer Ort, wo ich mich niederlassen wollte. Ich stellte mir vor, dort würde mir alles erlaubt sein“, erinnerte er sich.
Janosch war also ein sensibles Kind mit einer ausgeprägten Fantasie. Vielleicht war es sein Großvater, ein Invalide nach einem Unfall auf der Grube, der diese Fantasie noch zusätzlich beflügelte. Der kleine Janosch saß stundenlang auf dessen Schoss und konnte Opas Geschichten nicht satt werden.

Janosch betont oft in seinen Interviews, Großvaters Geschichten seien sein größtes Kapital. Er schreibe sie nur auf. Dabei vermittelten sie lediglich schlichte oberschlesische Lebensweisheiten, dass es etwa unnötig sei, sich um materielle Dinge zu kümmern, denn man wisse sowieso nicht, was der nächste Tag mit sich bringt; dass die Zeit, die einem nun mal gegeben ist, ein Schatz sei und ein Besitzloser sich zu nichts gezwungen sähe.
Der Großvater rauchte seine Tabakpfeife von früh an bis spät abends und schrie den Enkelsohn niemals an, selbst wenn dieser, in Geschichten verloren, manchmal Opas einzige Hose vollpinkelte. Der Junge durfte manchmal sogar Großvaters Tabakpfeife probieren. Dann schien es ihm, als ob er fliegen könnte. Es waren die Momente, als er sich geborgen fühlte. Vielleicht sogar glücklich. Doch häufiger kam es vor, dass seine Eltern ihm Furcht einpflanzten. Dieses Kind hatte Angst vor seinen Eltern und vor dem zornigen Gott, der für jede üble Tat eine Strafe parat hatte.
Armes Elternhaus
Zu Hause ging es unsagbar elend zu. Der Vater, soeben aus der Haft entlassen, ging verschiedenen Beschäftigungen nach und soll gar in die SA eingetreten sein, um das erbärmliche Dasein etwas aufzubessern. In einem Interview erinnert sich Janosch, wie sein Vater eine Uniform und einen Knüppel bekam, doch bereits nach Ablauf einer Woche herausgeschmissen wurde. Womöglich wegen Völlerei. Um etwas zu verdienen, schnappte er sich Hunde, strich sie und verkaufte als reinrassig. Selbst einen Schultheiss von der Hindenburger Brauerei konnte er sich nicht leisten, weshalb er schwarzgebrannten Schnaps trank. Zu Hause gab es nur Sauerkraut und Kartoffeln zu essen.
Aber jede Armut bringt auch Unglück. Man will sich die Mühen ersparen und wählt den kürzeren Weg. So zeigt Janosch in seinem Kultbuch „Cholonek“ auf eine schlichte, geradezu brutale, aber zugleich der Wahrheit nahekommende Art und Weise, wie Oberschlesier dem Nationalsozialismus gegenüberstanden. Sehr viele, wie etwa der Schwiegersohn von Frau Schwientek, Detlev Hübner, oder selbst Stanik Cholonek, haben Hitlers neue Ordnung eifrig befürwortet. Andere wiederum, erinnert sich Janosch, schauten weg und versuchten so die Zeit zu überstehen, zu überleben.
Oberschlesier erscheinen in „Cholonek“ als Menschen, die sich eher keinem Machthaber entgegensetzten. Janosch weiß jedoch von dem Umstand, dass in dieser Region Obrigkeiten und Staatsgrenzen oft wechselten und der einfache Mensch irgendwie weiter zu bestehen hatte. Deshalb liest sich sein Buch nicht als eine Anklage gegen seine Landsleute. Janosch ist eher versucht, die konkrete Welt zu skizzieren, mit der sie konfrontiert wurden, in der sie lebten und die sie 1945 letztendlich verlassen mussten.
Flucht nach Oldenburg
Die Eckerts fuhren bald in einem Viehwaggon Richtung Westen. Wenig später sollen polnische Behörden einen positiven Verifizierungsbescheid an die Familie abgeschickt haben, doch dieser erreichte sie nicht mehr. Der Schriftsteller bleibt allerdings dabei, dass dies auch ohnehin nichts geändert hätte, denn seine Eltern hielten an der Entscheidung fest, Zabrze den Rücken zu kehren. Sie hatten hier ja keine Wohnung und nichts zu essen. Janosch überlebte die weite Reise nur mit Glück. Er erkrankte an Typhus, später kam noch Gelbsucht dazu. Aber er überstand alles. Zusammen mit anderen Vertriebenen aus dem Osten kam er schließlich in Oldenburg an.
In dieser Stadt, weit im Norden Deutschlands, wollte sich kein Einheimischer so recht mit den hier angesiedelten Oberschlesiern, die aus den weit entlegenen Ostgebieten des einstigen Dritten Reiches kamen, vertraut machen oder sich in deren Eigenart und Lage hineindenken. Es musste sicher lange dauern, bis man sich in dem neuen Ort einigermaßen einlebte.
Dabei blieben den meisten Neuankömmlingen auch bittere Erfahrungen nicht erspart. Der 15-jährige Horst begann aber schon bald damit, in einer Textilfabrik zu arbeiten. Doch stets hegte er den einen Wunsch: Zeichner werden. Er bemühte sich, diesen Traum zu verwirklichen, auch wenn es anfangs schien, diese Hürde wäre für einen einfachen oberschlesischen Jungen einfach zu hoch. Horst Eckert wurde bald Gasthörer an der hochangesehenen Akademie der Schönen Künste in München, die er aber nach einigen Monaten verlassen musste. Man bescheinigte ihm „mangelnde Begabung“.
Später Erfolg
Nichtsdestoweniger begann er zu zeichnen und schrieb zu den Bildern einfache Texte. Die Anfänge Horst Eckerts mit seinen Kinderbuchgeschichten waren allerdings schwer. Die Bücher verkauften sich schlecht, vom Schreiben konnte der Autor kaum leben. Janosch erzählt bis heute, dass er für sein erstes Kinderbuch „Die Geschichte von Valek dem Pferd” (1960) zwei Flaschen Wodka von seinem Verleger Georg Lenz bekam. Man weiß nicht, ob man dieser Geschichte uneingeschränkt Glauben schenken sollte, denn der Schriftsteller blieb seiner ausgeprägten Kindheitsfantasie treu.

Ähnlich unterschiedliche Versionen kreisen um das Pseudonym, unter dem er heutzutage unzähligen Kindern und deren Eltern weltweit bekannt ist. Auch hier soll sein Verleger eine gewisse Rolle gespielt haben, da er einmal befand, der Name Eckert klinge nicht anziehend genug. Gemeinsam wurde dann der Deckname „Janosch“ erfunden, der mehr einen exotischen, als geheimnisvollen Beiklang hatte.
Der Durchbruch gelingt spät, denn erst 1978, aber dennoch recht unerwartet. Die Geschichte darüber, wie der kleine Bär und der kleine Tiger sich auf die Suche nach einem Traumland namens Panama machen, eroberte die Herzen der Kinder. Was ist das eigentlich Bezaubernde an dieser abenteuerlichen Geschichte? Einfach die Idee, sich auf eine Reise in ein vermeintlich besseres Land zu machen? Oder eine bedingungslose Freundschaft? Oder der Glaube daran, man müsse das Glück selber suchen?
Ja, bestimmt all das auch. Doch vor allem die Tatsache, dass unser Bedürfnis danach, die Welt kennenzulernen, Weisheit und Bescheidenheit beibringt. Wir müssen erst einen Ort verlassen, um durch Perspektivwechsel seine Schönheit richtig einzuschätzen. Und dass sich alles im Grunde nur in unseren Köpfen abspielt. Schön ist auch der Erzählstil: einfache, kindergerechte Sprachstellung, die dem Gedankengang der Kleinsten folgt.
Die Tigerente gibt es erst ab 1992 auf Polnisch
Seitdem „Oh, wie schön ist Panama” erschienen war, wurde Janosch mit Preisen überhäuft, darunter gab es auch höchste staatliche Auszeichnungen wie etwa das Bundesverdienstkreuz oder die Staatsauszeichnung von … Panama. Schon bald sollte die Kinderbuchserie über den kleinen Bären und den kleinen Tiger über 150 Bücher umfassen, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Darunter auch ins Polnische – worauf man lange warten musste, denn Kinder in Polen konnten erst 1992 (!) erste Kindergeschichten von Janosch kennenlernen.
Nach dem fabelhaften Erfolg wurde Janosch zum Papst der Kinderliteratur erklärt (bis heute ist die „Generation J.“ recht zahlreich). Janosch wurde über Nacht zum Millionär. Und er hörte ebenso plötzlich auf, einer zu sein. Der Schriftsteller behauptet, er habe aus Gutmütigkeit und Einfalt seine Urheberrechte an eine Firma übertragen, die ihm jetzt Hungerhonorare auszahle.
Der Traum, eine Kinderstiftung ins Leben zu rufen, waren dahin. Aber – wie Janosch sagt – es ist passiert und nun Schwamm drüber. Vielleicht stand da noch etwas anderes im Wege. „Von seinem 13. bis zum 47. Lebensjahr trank er täglich, ohne Alkohol konnte er nicht einmal fünf Stunden durchstehen”, schrieb im Vorwort zur polnischen Ausgabe von „Cholonek” der Kattowitzer Schriftsteller und Publizist Wilhelm Szewczyk.
1980 fand Janosch schließlich Zuflucht auf Teneriffa, wo er sich mit seiner Lebensgefährtin in San Miguel niederließ und mit bewundernswerter Entschlossenheit seiner Trinksucht entkam. Wie er nun in zahlreichen Interviews erzählt, verbringt er die meiste Zeit des Tages auf seiner Hängematte und arbeitet lediglich ein paar Monate im Jahr – vorwiegend mit Malen und Zeichnen beschäftigt. Seine Arbeiten werden auf Ausstellungen in Deutschland präsentiert. Davon lebt er.
Rückkehr nach Oberschlesien
Als vor ein paar Jahren Janosch zu einer Reihe von Autorenlesungen nach Oberschlesien kam, gefiel es ihm hier so sehr, dass es schien, er stehe kurz davor, seine ehemals angekündigte Rückkehr nach Zabrze auch tatsächlich umzusetzen. Diese Stadt habe er schließlich niemals wirklich verlassen. Er wollte schon längst sein Umherirren in der Welt zu Ende bringen, in der alten Heimat seinen Lebensabend genießen und hier, auf der oberschlesischen Erde, sterben – unbekümmert und bei bester Laune. Stadtvertreter überwanden anfängliches Misstrauen und machten sich sogar ernsthaft daran, nach einer passenden Wohnung für Janosch zu suchen. Doch es blieb bei der bloßen Absicht. Janosch kehrte nach Teneriffa zurück und warf sich auf seine Hängematte.
Wie gesagt, Janosch ist in Oberschlesien wieder da. Und triumphiert. In dieser spezifischen, multikulturellen Region rezipiert man den Schriftsteller zwar auch über seine Kinderbücher, aber noch intensiver über den „Cholonek“. In Oberschlesien ist es ein Kultbuch, da es vom Leben der Einwohner in Zaborze – einem Stadtviertel von Zabrze – erzählt. Es ist eine Geschichte über einfaches Dasein und außergewöhnliche Lebensentscheidungen der Oberschlesier in den 1930er und -40er Jahren. Sie beginnt humorvoll und endet tragisch – mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen und der Aussiedlung der einheimischen Bevölkerung.

Das Buch strotzt vor oberschlesischem Humor, der andernorts vielleicht nicht wirklich nachvollziehbar ist, bringt viele Anekdoten und schildert ungewöhnliche Schicksale. Es ist im gewissen Sinne auch traurig, voller Bitterkeit und Angst. Janosch hält im ungeschminkten Stil Momentaufnahmen von kurzweiligem Glück und großem Niedergang seiner Protagonisten fest. Im „Cholonek“ erscheint Oberschlesien gänzlich anders als die Welt aus Janoschs Kinderbüchern. Doch zugleich wirkt es irgendwie ähnlich – einfach, ohne Pathos und dadurch authentisch.
Wie viel „Cholonek” für die Oberschlesier bedeutet, kann man an ununterbrochen enthusiastischen Reaktionen auf ein Theaterstück sehen, das 2004 – hauptsächlich dank der Unterstützung dieses Projektes durch das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit – von Schauspielern eines kleinen privaten Theaters Korez mit seinem Leiter Mirosław Neinert an der Spitze aufgeführt wurde.
Das Stück haben in den letzten Jahren bereits über 100.000 Zuschauer gesehen (bei ca. 500 Aufführungen), die Eintrittskarten müssen dabei einige Wochen zuvor bestellt werden, denn die Leute schauen sich das „Cholonek“-Theaterstück immer wieder an und empfehlen es ihren Bekannten weiter. Großeltern bringen ihre Enkel mit, die Eltern ihre Freunde, Schulen Kinder. Aus ganz Oberschlesien kommen nun Sonderbusse voller Zuschauer, darunter Mitarbeiter aller kommunaler Verwaltungsebenen.
Kazimierz Kutz (Anm.d.Red.: in Polen bekannter oberschlesischer Regisseur), der während des zweiten Besuchs von Janosch 2007 an einer gemeinsamen Autorenlesung mit dem Schriftsteller teilnahm, verkündete, das Stück gehöre seiner Ansicht nach zu den bedeutendsten Kulturereignissen in Oberschlesien nach 1989, denn es rufe die vielschichtigen und dramatischen Entscheidungen von Menschen dieser Region in Erinnerung. Und diese wurden für viele Jahrzehnte aus der Öffentlichkeit und den Schulbüchern verdrängt…
Janosch hinterließ also bleibende und dabei kreative Spuren nicht nur in der Fantasie der Kinder, sondern vielmehr in der heutigen, so intensiv geführten Debatte über die oberschlesische Identität. Er kam in sein „Land dazwischen”, begeisterte sich für das Theaterstück, begegnete unzähligen Kindern und den treuen Fans von „Cholonek“. Und er kehrte auf seine Hängematte zurück.
Es scheint aber, dass er dank der Popularität seiner literarischen Darstellung in Oberschlesien fest angekommen ist und hier auch schon für lange bleibt. Seit 2005 verleiht die Kattowitzer Redaktion der „Gazeta Wyborcza” die „Janosch-Ziegel” – einen Preis, der Persönlichkeiten zugedacht ist, die sich für die Popularisierung der Region und für die Stärkung der oberschlesischen Identität verdient gemacht haben.