Polen & Deutschland

Deutsch-Polnisches Barometer: „Zwischen Erinnerung und Sicherheit“

Nachdem im September der erste Teil des Deutsch-Polnischen Barometers erschienen ist, wurde nun die gesamte Studie vorgestellt. Das Ergebnis: Die Vergangenheit trennt, doch persönliche Kontakte bauen gegenseitiges Misstrauen ab.
Ein symbolisches Grenztor, das mit den Flaggen und Namen Polens und Deutschlands gekennzeichnet ist, markiert den Grenzübergang zwischen Ahlbeck und Swinemünde.
Ein symbolisches Grenztor, das mit den Flaggen und Namen Polens und Deutschlands gekennzeichnet ist, markiert den Grenzübergang zwischen Ahlbeck und Swinemünde.
Deutsch-polnischer Grenzübergang zwischen Ahlbeck und Swinemünde © IMAGO / Ardan Fuessmann

35 Jahre ist es her, dass Deutschland und Polen den Nachbarschaftsvertrag unterschrieben haben. Ein Ereignis, das in dem langsam sich dem Ende neigenden Jahr mit vielen Veranstaltungen und Aktionen wie dem Deutsch-Polnischen Freundschaftspass ausführlich gefeiert wurde und noch wird.

Doch was denken die Menschen, abseits der ganzen Festreden, über den jeweiligen Nachbarn?  Die Antworten darauf liefert die nun vorgestellte jüngste Ausgabe des jährlich erscheinenden Deutsch-Polnischen Barometers, einem wichtigen Spiegelbild der deutsch-polnischen Beziehungen. Im August wurden dafür je 1.000 Polen und Deutsche zwischen 18 und 75 Jahren befragt. Zum 35. Jahr des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages kamen auch erstmals je 300 Interviews in der Grenzregion hinzu.

Persönliche Erfahrungen verändern den Blick

Die ersten Ergebnisse der Umfrage wurden anlässlich des Jubiläumsjahrs bereits im September veröffentlicht, in denen vor allem die persönlichen Kontakte zum jeweiligen Nachbarland im Mittelpunkt standen. Und da gibt es eine erfreuliche Entwicklung: Die Zahl der Polen und Deutschen, die west-, bzw. ostwärts gereist sind, wächst, auch wenn eine Asymmetrie bestehen bleibt. Demnach waren 59 Prozent der Polen seit 1990 mindestens einmal in Deutschland. Von den Deutschen haben seit 1989 dagegen nur 42 Prozent Polen besucht.

Wer schon einmal drüben war, urteilt meist freundlicher. Von den Polen mit Deutschlanderfahrung halten 46 Prozent die Deutschen für freundlich, bei den übrigen sind es nur 24 Prozent. Unter Deutschen liegt das Verhältnis bei 69 zu 40 Prozent. „Persönliche Erfahrungen im Nachbarland ermöglichen es, über Stereotypen und Medienberichte hinauszugehen und diese mit der Realität zu konfrontieren“, erklärt dementsprechend Agnieszka Łada-Konefał, stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt und Co-Autorin der Studie.

Der erste Teil der Studie hatte auch einige überraschende Ergebnisse zu bieten. Während zwischen Rhein und Oder die Klagen über das deutsche Eisenbahn-, und Autobahnnetz laut sind, finden die Polen für die deutsche Infrastruktur lobende Worte. Weniger gut schneidet Deutschland bei seinen Nachbarn dagegen beim Thema Sicherheit ab. Wie das Barometer ergab, halten gerade einmal nur 27 Prozent der Polen Deutschland für ein sicheres Land, während das 40 Prozent der befragten Deutschen von Polen sagen.

Die Rolle der Wirtschaft

Der nun unter dem Titel „Zwischen Erinnerung und Sicherheit. Polen und Deutsche 35 Jahre nach der Unterzeichnung des Nachbarschaftsvertrags“ veröffentlichte Gesamtbericht umfasst weitere Aspekte, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Trennlinien zeigen. So liegen beide Gesellschaften nah beieinander, wenn es um Russland und Sicherheitsfragen geht. Bei der Geschichte und beim Urteil über die Politik des anderen trennt sie dagegen viel.

Ein riesiges Gebäude-Komplex mit dem VW-Logo, davor eine Autobahn.
Das Fabrikgebäude von Volkswagen in Posen © iStock / Rafal Rutkowski

Mit dem Zustand der Beziehungen ist jedenfalls gut die Hälfte der Befragten in beiden Ländern zufrieden, was sechs bis sieben Punkte mehr sind als im Vorjahr. Das liegt vor allem an der Wirtschaft, die hier wie dort von 57 Prozent der Befragten als eine wichtige Säule der deutsch-polnischen Partnerschaft betrachtet wird. Dass beide Seiten gleichermaßen profitieren, glauben 53 Prozent der Deutschen und 43 Prozent der Polen. Gut jeder vierte Pole ist der Meinung, dass die Wirtschaftsbeziehungen vor allem für Deutschland von Vorteil sind.

In Polen wächst die Skepsis gegenüber Deutschland

Beim politischen Umgang mit dem Nachbarn gehen die Vorstellungen auseinander. Drei von vier Deutschen setzen auf Zusammenarbeit und Kompromisse, unter den Polen ist es nur jeder zweite. Ein Drittel der Polen möchte, dass Warschau seine Interessen gegenüber Berlin entschlossen verteidigt, in Deutschland wünscht sich das nur jeder Zehnte.

Wie ein Blick in die vergangenen Studien offenbart, ist die Kompromissbereitschaft in Polen seit 2018 um 12 Punkte gefallen, in Deutschland dagegen um 20 Punkte gestiegen. Eine Entwicklung, die in Polen von den persönlichen politischen Präferenzen abhängt. So wünschen sich von den Anhängern der PiS, der Konföderation und der Konföderation der Krone Polens, die das nationalkonservative und rechte Lager in Polen abbilden, 60 bis 67 Prozent eine harte Linie gegenüber Deutschland. Bei den Wählern der Bürgerkoalition von Premierminister Donald Tusk setzen 77 Prozent auf Kompromisse.

Die Autoren erklären die polnische Skepsis mit jahrelangen antideutschen Untertönen in der öffentlichen Debatte und mit der Enttäuschung über die vergangene deutsche Russland-, Energie- und Migrationspolitik. In Deutschland dagegen ist das Ansehen Polens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine gewachsen. Viele Deutsche zweifeln außerdem, ob auf die USA noch Verlass ist, und halten Polen für einen verlässlichen Verbündeten.

Keine gleichberechtigte Partnerschaft?

Ebenfalls unterschiedlich fallen die Einschätzungen aus, wenn es um die Rolle der beiden Länder in der Europäischen Union geht. So glauben nur 31 Prozent der Polen, dass Berlin Warschau wie einen gleichberechtigten Partner behandelt. 46 Prozent sind dagegen der Meinung, dass es selten oder nie der Fall ist.

Die Deutschen beurteilen sich selbst wiederum milder. So ergab das Barometer, dass 45 Prozent der Deutschen die Haltung ihres Landes als partnerschaftlich ansehen. 2018 war es noch andersherum. „In der polnischen Debatte über Deutschland gewinnen die Einschätzung der deutschen Europapolitik und die Frage, ob Polen als Partner behandelt wird, zunehmend an Bedeutung“, erklärt Jacek Kucharczyk, Vorstandsvorsitzender des Instituts für öffentliche Angelegenheiten und Mitautor des Barometers.

Noch ein anderes Ergebnis des Barometers offenbart eine wachsende Skepsis der Polen gegenüber Deutschland. So sind 44 Prozent der Meinung, Deutschland verfolge seine Ziele auf Kosten anderer Staaten. 2021 vertraten diese Ansicht noch 33 Prozent der Polen. Nur noch 30 Prozent trauen Berlin dagegen zu, auch die Interessen anderer Staaten zu berücksichtigen, so wenige wie nie zuvor im Barometer. Begonnen hat dieser Abwärtstrend laut den Autoren 2015 mit dem Streit um die Flüchtlingspolitik und dem Bau von Nord Stream 2. Die damalige PiS-Regierung habe die Kritik an Deutschland zudem gezielt innenpolitisch genutzt.

Eine Einschätzung, die sich noch in einem anderen Aspekt zeigt. So hält knapp ein Viertel der Polen es für möglich, dass Deutschland eines Tages militärisch zur Gefahr wird, mehr als die Hälfte schließt das aus. Unter PiS-Wählern teilt jeder Zweite diese Sorge, unter KO-Wählern sind es 8 Prozent. In Deutschland verläuft die Entwicklung dagegen umgekehrt. 53 Prozent bescheinigen Polen eine Außenpolitik, die auf andere Rücksicht nimmt. Das sind 15 Prozent mehr als 2021.

Die Bedrohung durch Russland

Doch trotz dieser unterschiedlichen Einschätzungen, verbindet Polen und Deutsche auch eine außenpolitische Gemeinsamkeit: Russland. So fühlen sich 72 Prozent der Polen und 62 Prozent der Deutschen von Russland bedroht. 2015 fühlten sich in Deutschland nur 41 Prozent durch Russland bedroht.

Der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz und sein deutscher Amtskollege Boris Pistorius geben sich bei einem Besuch in Polen stationierter Bundeswehrsoldaten die Hand.
Die Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz und Boris Pistorius beim Besuch in Polen stationierter Bundeswehrsoldaten. Die Mehrheit der Deutschen und Polen spricht sich für eine Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik aus © IMAGO / NurPhoto

Was dazu führt, dass eine gemeinsame Sicherheitspolitik trotz aller Differenzen kaum auf Widerspruch stößt. Jeden der fünf abgefragten Bereiche halten in Polen 64 bis 69 Prozent und in Deutschland 58 bis 71 Prozent für wichtig. Ganz oben stehen der Kampf gegen russische Desinformation, die Zusammenarbeit der Geheimdienste gegen Sabotage und die Energiesicherheit, am Ende die Rüstungsindustrie. „Die Umfrage zeigt, dass sich beide Gesellschaften diese Kooperation wünschen“, sagt Kucharczyk. Zurückhaltend sind in Deutschland vor allem Wähler von AfD und BSW. Selbst Polen, die Deutschland für eine mögliche Bedrohung halten, befürworten mehrheitlich die Zusammenarbeit in allen fünf Feldern.

Die Last der Vergangenheit

Ein Streitthema bleibt die gemeinsame tragische Geschichte. Zwar möchten 69 Prozent der Deutschen und 52 Prozent der Polen lieber nach vorn schauen, doch die Wunden der Vergangenheit bleiben ein Streitthema. So sind 29 Prozent der Polen der Meinung, dass die Vergangenheit das eigentliche Problem in den gegenseitigen Beziehungen ist, über das zuerst gesprochen werden müsste. In Deutschland sehen das nur 16 Prozent so.

Eine Gruppe polnischer Nationalisten, die am 82. Jahrestag des Warschauer Aufstands mit dem Plakat „Germans killed thousands of children during Warsaw Uprising“ und Namen damals ermordeter Kinder vor dem Brandenburger Tor in Berlin stand.
Geschichte als politisches Instrument: Kundgebung polnischer Nationalisten vor dem Brandenburger Tor in Berlin zum 82. Jahrestag des Warschauer Aufstands. © IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Am weitesten liegen beide Seiten jedoch bei der Frage auseinander, ob Deutschland das Leid der Polen im Zweiten Weltkrieg ausreichend anerkannt hat. 44 Prozent der Deutschen bejahen das, aber nur 18 Prozent der Polen. Mehr als die Hälfte der Polen vermisst diese Anerkennung, bei den Deutschen ein Viertel. Fragt man nach den größten Problemen im Verhältnis, steht auf beiden Seiten die Wiedergutmachung für das Kriegsunrecht an erster Stelle (Polen 52 %, Deutschland 47 %). Die Versöhnung sieht mehr als die Hälfte der Menschen in beiden Ländern als einen Weg, der noch nicht zu Ende gegangen worden ist. Für abgeschlossen halten diesen 28 Prozent der Deutschen und nur 16 Prozent der Polen. Jeder zehnte Pole glaubt nicht an Versöhnung.

Dementsprechend fällt auch das Gesamtfazit der beiden Autoren der Studie aus. „Der Unterschied in der Bewertung der Anerkennung des Leidens der Polen zeigt, dass ein ehrlicher Dialog über die Vergangenheit notwendig ist“, sagt Łada-Konefał. Ein Dialog, der ihrer Meinung nach „Raum für Gespräche über die heutige Zusammenarbeit“ schaffen würde. Beide Autoren warnen auch davor, Geschichte für politische Machtkämpfe zu missbrauchen, da dies Misstrauen sät. Um dieses abzubauen, bilden persönliche Erfahrungen ein wichtiges Fundament. „Das Grenzgebiet und direkte Kontakte beseitigen zwar nicht alle Unterschiede, verändern aber die Sichtweise auf den Nachbarn“, so Kucharczyk zusammenfassend.

Partner der Studie sind: das Institut für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, das Deutsche Polen-Institut, die Konrad-Adenauer-Stiftung in Polen und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Die vollständige Studie kann man hier herunterladen. 

Ein symbolisches Grenztor, das mit den Flaggen und Namen Polens und Deutschlands gekennzeichnet ist, markiert den Grenzübergang zwischen Ahlbeck und Swinemünde.

Deutsch-Polnisches Barometer: „Zwischen Erinnerung und Sicherheit“

Nachdem im September der erste Teil des Deutsch-Polnischen Barometers erschienen ist, wurde nun die gesamte Studie vorgestellt. Das Ergebnis: Die Vergangenheit trennt, doch persönliche Kontakte bauen gegenseitiges Misstrauen ab.
Thomas Dudek
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

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