Kultur

Mateusz Stach: Ich spiele gern mit Klischees – und räume mit ihnen auf

Als Polen und Deutsche müssen wir uns neu begegnen und einander neu einschätzen. Ich denke, wir haben heute eine sehr gute Ausgangsposition, um Brücken zu bauen, sagt der polnisch-deutsche Content-Creator Mateusz Stach, alias Stach Mat.
Ein Mann steht vor der Siegessäule im Berliner Tiergarten.
Ein Mann steht vor der Siegessäule im Berliner Tiergarten.
Mateusz Stach vor der Siegessäule in Berlin-Tiergarten. © Natalia Prüfer, DIALOG online

Warum treffen wir uns zum Gespräch an der Siegessäule?

Die Siegessäule und die Gegend um sie herum sind ein großartiges Beispiel für die Schönheit Berlins. Viele assoziieren die Hauptstadt mit negativen Dingen, wie Kriminalität, Härte und Dreck. Oben auf der Siegessäule kann man die ganze Stadt von oben sehen und staunen, wie grün sie ist. An diesem Ort kann ich nachvollziehen, warum sich mein Vater in diese Stadt verliebt hat. Er ist nach West-Berlin gekommen ohne die Absicht, hier zu bleiben. Als er all das hier gesehen hat, konnte er nicht mehr zurückgehen. Jedenfalls stelle ich es mir so vor. Die Siegessäule verbinde ich mit meiner Kindheit. Ich bin oft hierhergekommen, entweder mit der Schule oder mit meinen Eltern.

Wann kam dein Vater nach Deutschland?

Es war Anfang der 1980er Jahre. Mein Vater war zuerst hier. Dann sagte er meiner Mutter, sie solle nachkommen und sich diese Schönheit anschauen. Meine damals schwangere Mutter musste aber noch in Polen einige Sachen klären. Im Dezember 1981 wurde das Kriegsrecht verhängt, und sie konnte nicht mehr nach Berlin reisen. So war mein Vater hier, meine Mutter dort. Mein Bruder hat unseren Vater erst mit zwei Jahren kennengelernt. Schließlich gelang es meinen Eltern, doch noch zusammenzuziehen, sodass ich als erstes Kind in meiner polnischen Familie in Berlin geboren wurde. Das heißt, ich bin der einzige „Echt-Berliner“.

Fühlst du dich als Berliner?

Ich fühle mich auf jeden Fall als Berliner. Ich glaube, jeder Mensch, der zwei Nationalitäten hat, hat auch zwei Herzen. Ich kann nicht sagen, ob ich mehr Deutsch oder mehr Polnisch bin. Ich bin einfach beides. Sehr lange dachte ich, dies wäre etwas Schlechtes, weil man irgendwie nichts so richtig ist. Für die Berliner bist du der Pole, für die Polen bist du der Berliner. Noch lustiger war es für mich auf meiner katholischen Schule. Da waren sehr viele Polen, und für sie war ich wiederum nicht polnisch genug. Nun habe ich das Beste aus beiden Welten gemacht und finde das sehr gut.

Ein schwarzhaariger Mann im schwarzen T-Shirt posiert vor der Kamera auf weißem Hintergrund.
„Ich kam zu dem Schluss, dass meine deutsch-polnische Identität sehr besonders ist.“ © Privatarchiv Mateusz Stach

Wann kam dir der Gedanke, dass es gar nicht so schlimm ist, beide Seiten zu leben?

Sehr spät. Ich habe mich lange Zeit wie ein Deutscher gefühlt, der irgendetwas mit Polen zu tun hat. Aufgrund meiner polnischen Eltern war ich sehr oft in Polen im Urlaub, konnte schon immer Polnisch sprechen und schreiben. Polnisch war sogar meine erste Sprache. Erst bei einer Tagesmutter habe ich sehr schnell Deutsch gelernt. Trotzdem habe ich mich sehr deutsch gefühlt. Ich habe [mit der Band HARTHOF; Anm. d. Red.] deutschsprachige Musik gemacht und bin auf Tourneen gegangen. Ich war hier sehr verwurzelt und habe das deutsche System sehr genossen, wie die deutsche Schule oder die deutsche Hochschule. Erst nachdem ich selbst Vater geworden bin, kam bei mir die Identitätsfrage auf. Und durch den Content, den ich nun mache, durch diese Beschäftigung mit dem Polnischen, habe ich gemerkt, wie viel in mir drin ist, was gar nicht so Deutsch ist.

Wie kam es zu der Erfindung deiner Kunstfigur „Polenpapa“?

Als ich mit meinem Content beginnen wollte, wusste ich nur, ich will Instagram und TikTok-Videos machen. So habe ich überlegt: Was weiß ich? Was kann ich, was andere nicht können? Ich kam zu dem Schluss, dass meine deutsch-polnische Identität schon sehr besonders ist. Gleichzeitig dachte ich mir, es wäre schön, den in Deutschland unauffälligen Polen sichtbar zu machen, um damit die Unterschiede zwischen Polen und Deutschen aufzuzeigen. Natürlich will ich die Leute nicht penibel trennen. Es ist dennoch schön, wenn der Deutsche auch mal sagt: „Ach stimmt, das ist ja nicht einfach nur ein anderer Mensch, sondern zugleich ein Pole mit seiner persönlichen Vergangenheit, wie beispielsweise einer Fluchtgeschichte.“ Ich wollte ebendies sichtbar machen. Nun mache ich das seit drei Jahren.

Was macht den „Polenpapa“ so besonders?

Der „Polenpapa“ erklärt uns zum Beispiel oft die Sprache. Er neigt dazu, hin und wieder etwas zu viel zu trinken, bloß stets mit einem Augenzwinkern. Ich finde, da ist immer genug Ironie und Sarkasmus dabei, somit eigentlich jeder, der sein Hirn ein wenig einschaltet, weiß: Ah, die Satire ist nur der Hebel, um eigentlich etwas darunter zu zeigen.

Da du das Thema Trinken ansprichst: Sind es nicht manchmal zu viele schädliche Klischees, die du für die Klickzahlen bedienst, wenn du als „Polenpapa“ über Wodka und Sauergurken sprichst?

Ja, natürlich geht es dabei ein Stück weit um die Hook. Am Anfang habe ich zum Beispiel sehr viel über das K-Wort und den Alkoholkonsum gemacht. Das brachte übrigens die meisten Klicks. Mittlerweile versuche ich, derlei etwas herunterzufahren.

Gleichzeitig fände ich es jedoch nicht korrekt, dieses Thema komplett auszulassen. Wenn wir uns Polen anschauen, dann ist das immer noch ein Land mit einem hohen Alkoholkonsum, was nicht unbedingt schlecht ist. Wenn eine Hochzeit gefeiert wird und dort die Flaschen fliegen, dann ist es einer der Gründe, warum die Deutschen mit etwas Neid auf Polen schauen. Wenn Deutsche von einer polnischen Hochzeit erzählen, klingt das wie ein Mythos.

Ein verkleideter Mann mit künstlichem Schnurrbart und in einem blauen Morgenmantel posiert vor der Kamera.
Der „Polenpapa“ greift Stereotype auf, aber mit einem Augenzwinkern. © Privatarchiv Mateusz Stach

Oder eben die Sauergurke. Die Polen sind berühmt für ihre „Gierkchen“. Die Deutschen mögen ihre Spreewaldgurken. Die Gürkchen verbinden Deutsche und Polen. Gleichzeitig darf man sich nichts vormachen. Auch ich bleibe ein wenig in den Klischees gefangen, da man innerhalb von 60 Sekunden keine tiefschürfende Geschichte erzählen kann. Und ich spiele halt gern mit den Klischees, aber genauso baue ich sie ab.

Ein Spiel mit den Klischees, das nicht jedem in der deutsch-polnischen Community gefallen dürfte.

Vor allem bei Facebook gibt es sehr viele böse Kommentare. Ich vermute, es liegt an der etwas älteren Zielgruppe. Die Kommentare zeigen allerdings, warum die Leute kein Stück besser sind als meine Darstellungen. Wenn ich jemanden wegen der Verwendung von Schimpfwörtern kritisieren möchte, benutze ich doch selbst keine.

Ich nehme das zur Kenntnis, aber es trifft mich nicht. Ich glaube, Hass gehört zum Erfolg. Gleichzeitig bekomme ich sehr viel Zuneigung und positives Feedback, sodass ich manchmal wirklich gerührt bin. Wenn Menschen erzählen, ein Video habe alte Erinnerungen an ihre Omas hochgeholt und sie schmecken plötzlich wieder diesen Kompott im Sommer, obwohl sie seit 20 Jahren nicht mehr in Polen waren. Solche emotionalen und melancholischen Reaktionen auf meine Videos berühren mich sehr.

Kommen wir noch einmal auf das Thema Sprache zurück. Du hast vorhin erwähnt, dass ihr zu Hause stets Polnisch gesprochen habt. Wie ist es heute?

Wir sprechen immer noch Polnisch, aber mit deutschen Einschüben wie „Możesz mi podać Gabel?“, oder Mischwörtern. Erst als ich meine Videos gemacht habe, fiel mir ein: wir benutzen Wörter wie „schaffnąć“, „genießować“, „duschować“ oder „bastelujemy“.

Ich dachte, unsere Familie hätte sie erfunden. Dann stellte sich heraus, dass es in ganz vielen polnischen Familien in Deutschland zu diesen Wortschöpfungen gekommen ist. Manche kommen aus dem Schlesischen, manche sind wiederum in Berlin oder Deutschland erfunden worden. Da habe ich gemerkt, es gibt eine Verbindung zwischen mir und diesen anderen Deutsch-Polen.

Habt ihr früher in der Öffentlichkeit Polnisch gesprochen?

Mich hat es im Nachhinein sehr bewegt, dass meine Eltern mit mir auch in der Öffentlichkeit Polnisch gesprochen haben. Sie haben sich nicht versteckt, obwohl sie oft blöde Kommentare zu hören bekommen haben. In den 1990ern war die Fremdenfeindlichkeit noch breiter gefächert, da gab es abfällige Aussagen über Polen. „Hier wird Deutsch gesprochen“, haben wir manchmal gehört. Als Kind habe ich die Intention dahinter nicht verstanden. Heute verstehe ich: es war Ausländerfeindlichkeit.

Und wie ist es in den heutigen Zeiten, in denen die AfD Erfolge feiert?

Ich lehne mich ein bisschen aus dem Fenster, da ich glaube, der Pole gilt jetzt als der „gute Ausländer“. Aktuell schauen alle eher mit Neid auf Polen. Gerade für die deutschen Rechtspopulisten gilt Polen derzeit als Vorbild – sie sagen: „So kann es gehen, wenn man niemanden reinlässt, wenn man die Straßen sauber hält usw.“

Es ist eine sehr spannende Situation, weil es früher genau andersherum war. Da war Polen ein Land, über das man geschmunzelt hat, wenn man in den Urlaub gefahren ist. Das galt gar nicht als Urlaub, sondern als Sparmaßnahme. Ich fuhr tatsächlich mit Menschen nach Polen, die fragten, ob man da Warmwasser hat. Heute ist es komplett anders. Deswegen denke ich, heute würde sich niemand mehr trauen, ernst gemeinte Polenwitze zu erzählen.

Du bist eigentlich Sozialarbeiter. Hast du für deinen eigentlichen Beruf noch Zeit?

Von der Zeitaufteilung her ist Social Media mein Hauptjob. Ich mache noch an Wochenenden Schulungen im sozialen Bereich, zum Beispiel zur Traumapädagogik oder zum Kinderschutz. Ich habe sehr lange in der praktischen Sozialarbeit gearbeitet, hauptsächlich mit schwer traumatisierten Jungen, daher verfüge ich in diesem Bereich über Wissen, welches ich weitergeben möchte. Es wäre ein bisschen verschenkt, nur „dumme“ Social-Media-Videos zu machen. Ansonsten versuche ich, meinen Internetauftritt zu meinem Hauptstandbein zu machen.

Bleibst du in der Zukunft der „Polenpapa“ von Instagram?

Ich wäre zukünftig gerne „der Pole in Deutschland“. Wenn man im Fernsehen irgendwas über Polen machen will, soll Mateusz Stach eingeladen werden. Nicht der „Polenpapa“, weil er eine Comedyfigur ist. Er ist nur mein Aufhänger. Ich möchte Brücken bauen. Und zwar in beide Richtungen. Deutschland wird leider in Polen aktuell wieder unbeliebter.

Die Skyline von Warschau.
„Ich möchte zeigen, wie schön und großartig Polen ist.“ © IMAGO / Aviation-Stock

Ich will auch, dass die Deutschen Polen kennenlernen. Ich möchte zeigen, wie schön und großartig dieses Land ist. Das Interesse dafür ist da. Ich habe letztens ein Video gemacht, in dem ich Warschau zeige und wie es sich verändert hat. Es ist bei YouTube wie eine Bombe eingeschlagen.

Dieses Jahr sind 35 Jahre vergangen seit der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags. Gibt es etwas zu feiern?

Ich finde schon. In meinem Content schaue ich ins Jetzt und in die Zukunft. Manchmal auch in die Vergangenheit, jedoch eher auf meiner persönlichen Ebene bei den deutsch-polnischen Erziehungsgeschichten. Was mich auf dieser Ebene inzwischen überhaupt nicht interessiert, sind die Kriegsgeschichten. Ich weiß, es ist sehr wichtig, aber davon habe ich nun wirklich genug.

Ich würde gern einfach sagen, wir müssen uns neu treffen und neu bewerten. Dafür ist gerade die beste Situation, weil Polen dermaßen nach oben gekommen ist, so stabil ist. Jetzt kann man sich auf Augenhöhe begegnen.

Das finde ich großartig. Der Deutsche kann keinen Polenwitz mehr machen, der ernst gemeint ist. Der Pole kann Deutschland gegenüber offener sein. Ich glaube, wir haben aktuell eine sehr gute Ausgangslage, um Brücken zu bauen.

Was würdest du außer Satire noch machen, um die Brücken zu bauen?

Für mich ist es wichtig, die polnische Küche zu zeigen. Polen zeigen, wenn ich im Urlaub bin. Ich denke, es ist wichtig, nicht übereinander, sondern miteinander zu lachen.

Deswegen ist Comedy so stark. Es ist am schönsten, wenn die Gemeinsamkeiten entdeckt werden und nicht die Unterschiede. Selbst in den Videos, wo ich die Unterschiede zeige, betone ich eigentlich die Gemeinsamkeiten. Man muss sehen, wie nah Polen und Deutsche beieinander sind. Es ist eigentlich ein Trauerspiel, wenn sowas teilweise nicht genug gewürdigt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Mateusz Stach sprach Natalia Prüfer.

Mateusz Stach ist als Sohn polnischer Eltern in Berlin geboren. Neben seiner früheren Musikkarriere absolvierte er ein Studium der Sozialen Arbeit und war in diesem Bereich viele Jahre tätig. Nun ist er wieder künstlerisch aktiv als Digital Content Creator und begeistert weit über 300.000 Follower mit seiner Mischung aus Humor, Satire und Nostalgie. Seine Sketche über polnische Familien in Deutschland berühren viele Menschen mit einer ähnlichen Migrationsgeschichte. Auch auf Live-Bühnen weiß der Deutsch-Pole sich zu beweisen und zeigt: In zwei Nationen zu Hause zu sein ist kein Makel, sondern ein ganz besonderer Schatz. 

Ein Mann steht vor der Siegessäule im Berliner Tiergarten.

Mateusz Stach: Ich spiele gern mit Klischees – und räume mit ihnen auf

Als Polen und Deutsche müssen wir uns neu begegnen und einander neu einschätzen. Ich denke, wir haben heute eine sehr gute Ausgangsposition, um Brücken zu bauen, sagt der polnisch-deutsche Content-Creator Mateusz Stach, alias Stach Mat.
Natalia Prüfer
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