Wer verstehen will, was Kathrin Przadkiewicz an Warschau so gut gefällt, muss sie nur auf einen Spaziergang begleiten. „Ich mag die Stadt wirklich sehr, hier ist jede Menge los. Warschau ist international, man lernt schnell viele Menschen kennen und das kulturelle Angebot ist riesig“, erzählt sie und nimmt ihren Kaffee entgegen. „Aber obwohl Warschau eine Großstadt ist, fühlt sie sich nicht danach an. Es ist nicht so überlaufen, dafür aber schön grün.“
Es ist ein sonniger Tag auf dem Pole Mokotowskie (Mokotower Feld), eine der größten Parkanlagen Warschaus. Das etwa 70 Hektar große Areal mit seinen vielen Bäumen, farbenfrohen Blumenbeeten und der erst kürzlich renaturierten Wasserlandschaft – deren Neugestaltung in enger Bürgerbeteiligung geplant wurde – zieht an diesem Freitagnachmittag zahlreiche Menschen an. Auf den weitläufigen Grasflächen jagen zufriedene Hunde um grillende Familien herum, fern am Horizont glänzen die Wolkenkratzer in der Sonne.
Kathrin kommt gerne hierher. Im Sommer kann man im kleinen Pub Tola unter bunten Lampions ein kaltes Bier für 8 Zloty (etwa 1,80 Euro) trinken oder sich ein paar Schritte weiter beim kostenlosen Open Air Kino – eines von mehr als 40 in der ganzen Stadt – berieseln lassen.

„Bevor ich nach Warschau gezogen bin, kannte ich Polen eigentlich nur durch die Besuche bei meiner Oma und aus dem Urlaub“ erzählt die 33-Jährige weiter. „Ich verband es daher zuallererst mit der Natur und Ländlichkeit Schlesiens.“
Kathrin ist das, was man eine typische rheinische Frohnatur nennt: offen, fröhlich und zugewandt. Sie stellt viele Fragen und lacht oft. Geboren in Mönchengladbach als Tochter polnischer Einwanderer, hatte sie das Heimatland ihrer Eltern eigentlich nie wirklich als einen potenziellen Wohnort wahrgenommen. Das änderte sich 2019.
„Eigentlich wollte ich nach dem Studium noch etwas Auslandserfahrung sammeln, am liebsten in England. Aber England war viel zu teuer. Und so rückte Polen, das wesentlich günstiger war, in meinen Fokus. Ich wollte sowieso meine Polnischkenntnisse verbessern“, erklärt Kathrin. Also begann sie kurzerhand ein Praktikum bei VocApp, einem Unternehmen für Sprachlern-Apps, in Warschau – und war sofort begeistert von der Stadt und dem Land.
Modern und international
„Als ich dann hier war, war es einfach großartig. Ich war selbst überrascht, wie modern Warschau schon damals war. Die Digitalisierung war viel weiter als in Deutschland. Ich konnte die gesamten Verwaltungsaufgaben online erledigen, überall mit Karte zahlen“, schildert sie ihre ersten Eindrücke. „Ich habe dann bei VocApp mit Menschen aus allen Ländern zusammengearbeitet und schnell Kontakte geknüpft. Wir haben jede Menge unternommen, Polen bereist und Warschau besser kennengelernt.“
Dass aus den ursprünglich geplanten drei Monaten mittlerweile sieben Jahre geworden sind, ist ein wenig dem Zufall sowie dem gnädigen polnischen Arbeitsmarkt geschuldet. „Ich erfuhr später über eine Freundin von einem Job für deutsche Muttersprachler und hab dann dort direkt angefangen. Deutsch war und ist sehr gefragt, das Einstiegsgehalt war gut und viele Leute, die ich bereits kennengelernt hatte, sind ebenfalls in Warschau geblieben.“
War die Entscheidung, in Polen zu bleiben, schwierig? „Nein, ich war ja schon seit ein paar Monaten in Warschau und es gefiel mir dort. Die Abwägung war leicht. Wer weiß, wie lange ich in Deutschland als Geisteswissenschaftlerin ohne Berufserfahrung nach einem Job gesucht hätte. In Polen waren diese Hürden niedriger. Man fand schnell etwas, worauf man Lust hatte und was zum Hintergrund passte.“ Und, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu, Polen sei nicht nur bei Homeoffice-Regelungen flexibler und offener als die deutsche Heimat.
Die Migration ändert ihre Richtung
Kathrin Przadkiewiczs Weg steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich erst in den letzten Jahren abzeichnet: Polen verändert seine Rolle im europäischen Migrationsgeschehen. Aus dem Auswanderungs- ist längst ein Zuwanderungsland geworden. Das registriert man auch auf der anderen Oderseite.

Seit den 1980er Jahren führte der sogenannte Wanderungspfad – die Migrationsbewegung von einem bestimmten Land in ein anderes – für hunderttausende Polinnen und Polen fast durchgängig in dieselbe Richtung: von Polen nach Deutschland, Jahr um Jahr, Schritt um Schritt.
Doch dieser klassische Migrationspfad scheint mittlerweile allzu ausgetreten zu sein, neue Wege müssen her. Das zumindest deutete 2024 die Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamtes an, wo in den Tabellen der Statistiker erstmals ein Zeichen auftauchte, das dort normalerweise nicht zu finden ist: ein Minus.
Nach Angaben der Statistikbehörde verließen demnach rund 95.000 polnische Staatsbürger 2024 die Bundesrepublik in Richtung Polen, während nur etwa 84.000 Menschen aus Polen nach Deutschland emigrierten. Das Ergebnis: ein negativer Migrationssaldo von -11.239 Personen – eine Trendwende in der deutsch-polnischen Migrationsgeschichte?
Tatsächlich spielen laut einem Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aktuell 30,7 Prozent der in Deutschland lebenden Polinnen und Polen mit dem Gedanken, auszureisen und führen damit die Gruppe der befragten Ausländer an.
Die vom IAB ermittelten Beweggründe für den Wegzug aus Deutschland sind überwiegend struktureller Natur: Ausschlaggebend sind die allgemeine Wirtschaftslage (57,7 Prozent), die politische Situation (56,0 Prozent), die steuerliche Belastung (45,9 Prozent), der bürokratische Aufwand (38,0 Prozent) sowie persönliche Präferenzen (29,6 Prozent).
Was steckt hinter den Statistiken?
Verlassen also gerade reihenweise Polen die Bundesrepublik?
Es ist, wie so oft, komplizierter. Die negative Migrationsbilanz von 2024 ist nur der Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits 2015 einsetzte. Laut Nils Witte, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Migration und Mobilität am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, begannen ab 2015 langsam weniger Polen einzuwandern. Neu im Jahr 2024 sei nur gewesen, dass erstmals mehr Menschen aus- als einreisten. „Das lag aber weniger an einem Anstieg der Fortzüge als an einem fortgesetzten Absinken der Zuzüge“, erklärte Witte in einem Euronews-Beitrag.
Der eigentliche Grund für diese Kehrtwende ist also kein großflächiger polnischer Exodus aus Deutschland. Sie resultiert vielmehr aus der schwindenden Auswanderungsbereitschaft in Polen selbst. Und gerade die jüngere Generation scheint diesen Mentalitätswandel zu repräsentieren.
War die Bundesrepublik zwischen 2009 und 2013 für die 18- bis 34-jährigen Polinnen und Polen noch das unangefochtene Top-Zielland (23 Prozent), schrumpfte dieser Anteil bis 2024 auf magere 9 Prozent zusammen. Gleichzeitig erteilen immer mehr Menschen mit akademischem oder höherem Berufsabschluss der Auswanderung eine Absage. Sie sehen ihre Zukunft im eigenen Land.
Gründe dafür gibt es viele. Polens Wirtschaft boomt. Seit 2015 verzeichnet die sechstgrößte Volkswirtschaft der EU Wachstumsraten, von denen man in Deutschland nur träumen kann. Während Polens Wirtschaft regelmäßig um rund 5 Prozent zulegte, erreichte Deutschland im Spitzenjahr 2017 gerade einmal 2,7 Prozent. Mittlerweile ist Polen auf Platz 20 der weltweit größten Wirtschaftsnationen geklettert.
Gleichzeitig glänzt Polen mit einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten Europas: 3,1 Prozent (EU-Schnitt: 5,9 Prozent) und liegt sogar etwas unter dem deutschen Niveau (3,8 Prozent). Arbeitnehmer östlich der Oder profitieren nicht nur von dynamisch steigenden Löhnen, sondern genauso von einer deutlich geringeren Steuer- und Abgabenlast als in Deutschland. Und nicht zuletzt sind die Lebenshaltungskosten in Polen noch immer wesentlich niedriger als in Deutschland, wenngleich Städte wie Warschau, Krakau oder Danzig spürbar angezogen haben.
Austausch in den sozialen Medien
Wie nimmt Kathrin Przadkiewicz den neuen Polen-Boom wahr? „Warschau hat sich sehr verändert. Ich habe das Gefühl, die Stadt ist nicht mehr so ein Geheimtipp wie früher. Es sind mehr Westeuropäer und generell Touristen hier. Zugleich haben die Preise extrem angezogen.“
Die Vorzüge Polens ziehen auch deutsche Staatsbürger und Staatsbürgerinnen an, wenngleich die Zahlen weiterhin vergleichsweise gering sind. Laut Statistischem Bundesamt verlegten 2025 fast 5.000 Menschen mit deutschem Pass ihren Lebensmittelpunkt ins Nachbarland. Damit bewegt sich der Zuzug leicht über dem Niveau der letzten Jahre, in der im Schnitt jährlich rund 4.700 Deutsche den Weg nach Polen einschlugen.

Lange war man als Deutsche in Polen ein Kuriosum, das häufig mit der Frage begrüßt wurde: „Ah, du kommst aus Deutschland? Aber was machst du dann ausgerechnet hier?“ Mit dieser Exotik dürfte es allmählich vorbei sein. „Diese Frage habe ich sehr oft gehört“, lacht Kathrin. „Aber ich würde schon sagen, die Polinnen und Polen sind mittlerweile etwas selbstbewusster geworden und nicht mehr ganz so überrascht darüber, dass man lieber in Polen lebt als anderswo.“
Die Gründe für den Zuzug anderer nach Polen kann sie nur schätzen. „In manchen internationalen Gruppen wird oft darüber geschimpft, in Deutschland und anderen Ländern gehe es den Bach runter und Polen sei jetzt so wie zum Beispiel Großbritannien früher. Oder Leute sagen, dass man als Frau in Warschau wenigstens noch nachts allein rumlaufen könne. Aber diese Diskussionen werden oft sehr polemisch geführt“, erklärt Kathrin.
Ihre Beobachtungen werden in den digitalen Netzwerken der Auswanderer-Community bestätigt. Hier reihen sich Jobofferten an Wohnungsanzeigen, Einladungen zum Spieleabend an Gesuche für Sprachtandems. Dazwischen mischen sich auch trockene Behördenfragen: Wie beantragt man die polnische Steuernummer PESEL? Wie gelingt die korrekte Anmeldung des Wohnsitzes? Und, vielleicht am wichtigsten: Wer wohnt noch hier und hat Lust auf ein Treffen?
Was hat diese Menschen dazu bewegt, der Bundesrepublik den Rücken zu kehren und ihr Glück in Polen zu suchen? Genau diese Frage stellte ein Nutzer in der Facebook-Gruppe „Deutsche in Polen“ – einer der größten einschlägigen Social-Media-Kanäle der Auswanderer-Community.
„Ganz einfach: Deutschland geht steil bergab, Polen steil bergauf!“, bringt es ein Gruppenmitglied auf den Punkt und beschreibt ein Gefühl, das viele in der Community teilen: Während man in Deutschland zunehmend Stillstand und Krisenstimmung wahrnehme, verspüre man in Polen eine ansteckende Dynamik.
Auswanderung oder Rückkehr?
Neben dem wirtschaftlichen Optimismus spielen ebenso weiche Faktoren wie Lebensqualität, Herzlichkeit und das Gefühl von Sicherheit eine Rolle. „Ich bereite mich vor, zurückzugehen“, schreibt eine Nutzerin, „die Gründe sind vielfältig, ich fühle mich nicht mehr sicher, nicht mehr wohl.“ Eine andere pflichtet ihr bei: „Das, was ich mit Deutschen erlebt habe, habe ich noch nie bei Polen erlebt. Und auch die Sicherheit etc. spielt natürlich eine große Rolle.“ Ein User, der regelmäßig mit seiner polnischen Partnerin nach Polen reist, schreibt: „Ich würde sofort nach Polen ziehen wollen. Die Menschen sind dort tatsächlich anders. Herzlicher, freundlicher und haben mehr Spaß am Leben.“
Dass der Schritt gen Osten längst kein rein ideologischer, sondern ein handfester wirtschaftlicher Vernunftgrund ist, zeigen die Berichte von Auswanderern ohne polnische Wurzeln. Ein Nutzer berichtet, er sei vor 16 Jahren nach hunderten erfolglosen Bewerbungen im DACH-Raum für einen Job nach Polen gezogen – auch ohne Sprachkenntnisse. Ein anderer deutscher Auswanderer, der mit seiner polnischen Frau nach Stettin gezogen ist, verweist auf die harten Zahlen auf dem Immobilienmarkt: „Es ist ja noch alles günstiger als in Deutschland. Eine vergleichbare Wohnung hätte uns das Doppelte bis Dreifache gekostet.“
Gerade für jene Menschen mit polnischen Wurzeln ist die Auswanderung aber vor allem eines: eine späte Heimkehr. „Ich fühle mich in Deutschland nicht wohl, mein Herz ist in Polen“, gesteht eine Nutzerin mit schlesischen Wurzeln, die seit ihrer Kindheit in Deutschland lebt, aber fest plant, nach Polen zurückzukehren. „Mein Herz wird immer weiß-rot sein.“