Als der Krieg in der Ukraine ausbrach, kam in Polen die Meinung auf, der Schwerpunkt des Nordatlantischen Bündnisses habe sich nach Osten verschoben und Warschau werde fortan die Schlüsselposition für die europäische Sicherheit innehaben. Als Donald Trump seine zweite Amtszeit antrat, ließ das aber nur bei einem Teil der polnischen Politik die Hoffnungen wachsen, Polen werde zum Nachteil des bei Trump unbeliebten Deutschlands endlich in diesem Teil Europas zum wichtigsten Verbündeten der Vereinigten Staaten aufsteigen.
Denn diese Hoffnungen waren von Anfang an nicht in der politischen Realität verankert. Sie fanden lediglich deshalb solche Verbreitung, weil die falsche Überzeugung umging, Polens Rolle sei während des Ukrainekrieges sehr viel bedeutender geworden. Polen wurde in der Tat zu einem logistischen Umschlagplatz, über den immer noch Material und Ausrüstung in die Ukraine gelangen. Wie kein anderes Land engagierte sich Polen bei Kriegsbeginn für die Ukrainehilfe und die ukrainischen Flüchtlinge. Doch auch nach vier Kriegsjahren hat Polen keinen ständigen Sitz in den Körperschaften, in denen die wichtigsten Entscheidungen zur Zukunft Ostmitteleuropas getroffen werden.
Ich halte diese etwas lang geratene Einleitung für erforderlich, um zu zeigen, wie sich die wichtigsten Entwicklungen, welche von etlichen polnischen Politikern und Experten als Freifahrtschein auf dem Weg zu einer verbesserten Position im Bündnis mit den Vereinigten Staaten gesehen werden, eigentlich zuungunsten Warschaus auswirken. Deutschland wurde wegen der Langsamkeit und Unentschlossenheit seiner Ukrainehilfe kritisiert, doch heute spricht die ukrainische Regierung von Berlin, nicht von Warschau als wichtigstem sicherheitspolitischem Partner in Europa. Das ist nur ein Aspekt, der deutlich werden lässt, wieso in absehbarer Zukunft Deutschland der wichtigste Verbündete der USA in Europa bleiben wird, gleichsam als Juniorpartner, der diese Abhängigkeit im Austausch gegen die Möglichkeit akzeptiert, Richtungslinien der europäischen Politik zu bestimmen.
Daneben bestehen aber noch andere, vielleicht grundsätzlichere Gründe dafür, weshalb Deutschland und nicht Polen der wichtigste europäische Bündnispartner der USA bleibt.
Deutschland ist noch nicht ganz kaputt
Der erste Grund: Deutschland ist immer noch das wirtschaftlich und demografisch stärkste Land in Europa. Es hat freilich seine Probleme in den Bereichen von Zivil- sowie Kriegswirtschaft, doch im europäischen Maßstab befindet es sich in Sachen industrielles Potential, Innovativität und Know-how nach wie vor auf sehr hohem Niveau. Berlin sieht sich wirtschaftlich ernsthaften Herausforderungen gegenüber, ob es dabei um den Ukrainekrieg, die US-Zölle oder die wachsende Konkurrenzfähigkeit Chinas geht. Daher nimmt es nicht wunder, warum in Polen das Buch des deutschen Journalisten Wolfgang Münchau „Kaputt. Das Ende des deutschen Wirtschaftswunders“ (Freiburg: Herder, 2025) in seiner polnischen Ausgabe Furore machte. Die Probleme sind immerhin so schwerwiegend, dass die deutsche Wirtschaft, die sich bis unlängst auf billige Energieversorgung stützen konnte, sich nunmehr in einer schweren Krise befindet und Berlin keine rechte Lösung weiß, wie damit umzugehen sei.

Das bedeutet aber nicht, Polen, welches sich gegenwärtig dem Kreis der zwanzig weltweit stärksten Wirtschaften anzuschließen sucht, könnte Deutschland in der Rolle des europäischen Motors ersetzen. Wie es mit der polnischen Wirtschaft weitergeht, hängt immer noch stark von der Entwicklung der deutschen Wirtschaft ab, und in dieser Konstellation spielt Polen nach wie vor den Juniorpartner, oft als Subunternehmer. Die polnische Wirtschaft wächst gegenwärtig viel schneller als die deutsche, ist aber vorerst noch zu klein und zu wenig autonom, um aus Sicht der Vereinigten Staaten eine wirkliche Alternative zu Deutschland zu bieten.
Globaler oder regionaler Verbündeter?
Zum Zweiten befindet sich ein wichtiger Teil der Infrastruktur des US-Militärs in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern. Da sind vor allem 35.000 Soldaten in Deutschland stationiert (im Vergleich zu nur 10.000 in Polen), aber auch viele strategisch wichtige Basen, darunter Ramstein, die größte Basis der US Air Force außerhalb der USA mit einer Kommandozentrale für den gesamten europäischen und afrikanischen Schauplatz. Ganz zu schweigen davon, dass Deutschland im Unterschied zu Polen Partnerland der „nuklearen Teilhabe“ ist.
In Polen unterhalten die US-Amerikaner selbstverständlich ebenfalls eine militärische Präsenz, aber ihre Rolle ist dort weitgehend auf den Schutz der NATO-Ostflanke beschränkt. Der Unterschied ist grundlegend: Deutschland bildet eines der globalen strategischen Zentren der US-Militärpräsenz, Polen dagegen einen Verbündeten, den die Amerikaner neuerdings brauchen, doch lediglich in einem regionalen Kontext.
Trotz der Anstrengungen gewisser polnischer Politiker wird sich das nicht ändern. Gegenwärtig legt es die US-Außenpolitik eher darauf an, ihre Militärpräsenz in Europa schrittweise zurückzufahren und nicht noch auszubauen, größere Verantwortung für die konventionelle Verteidigung auf die Europäer abzuwälzen, wobei sie den atomaren Schirm aufgespannt halten, und schließlich einen Modus Vivendi mit Russland zu finden, auf dessen Grundlage ein neues strategisches Gleichgewicht in Europa erarbeitet werden könnte, um den Amerikanern zu gestatten, Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen anderen Weltregionen zuzuwenden.

Daher ist nicht damit zu rechnen, dass die USA den Schwerpunkt ihrer Militärpräsenz in das östliche Europa verlegen werden. Wahrscheinlicher ist eine Bewegung in umgekehrter Richtung. Dabei handelt es sich anscheinend nicht um eine kurzfristige Vorliebe oder die nächste Schnapsidee Trumps, sondern um einen langfristigen Trend, an den ganz Europa seine Politik anpassen muss.
Die EU ist immer noch von Bedeutung
Zum Dritten gibt Deutschland in Europa immer noch die Karten aus. Das ist selbst vom Standpunkt der Trump-Administration wichtig, die von den europäischen Institutionen nichts hält und am liebsten nichts mit ihnen zu tun haben würde. Die Amerikaner sind sich darüber im Klaren: Wichtige Entscheidungen zur Verteidigungs‑, Industrie‑ und Digitalisierungspolitik fallen auf EU-Ebene.
Daher wollen sie möglichst enge Beziehungen zu einem Land, das Einfluss auf die Gesetzgebung der EU hat, darüber hinaus eine zentrale Position einnimmt und einen Ausgleich zwischen der eher auf Selbständigkeit orientierten französischen Vision von Europa und der konservativeren Vision sucht, wie sie von einigen kleineren Ländern gefordert wird. Wiederum, im Gegensatz zu Berlin, wird diese Bedingung von Warschau nicht erfüllt: Polen ist zu schwach, um sich so zu positionieren und vor allem widersetzt es sich dieser Option, weil es die Rolle eines nahezu willfährigen Gefolgsmanns der USA spielen will.
Was zählt die „deutsche Frage“?
Schließlich zum Vierten: Die „deutsche Frage“ bleibt ein Kerndilemma Europas, und das führt dazu, dass die Amerikaner weiterhin ein lebhaftes Interesse an ihrem Verhältnis zu Berlin zeigen werden. In welche Richtung entwickelt sich Deutschland? Wird es, wie es selbst bekundet, in der Tat aufrüsten, um die mächtigste Armee in Europa zu schaffen? Oder wird es auf lange Zeit in der Rezession versinken und weitere Länder mit sich in den Abgrund ziehen? Oder wird es sich womöglich auf eindeutig nationalistische Positionen begeben und von seiner bisherigen, von seinen historischen Erfahrungen geprägten Politik abrücken? Das ist heute noch kaum abzusehen. Dennoch bleibt eines sicher: andere europäische Länder werden aufmerksam und vielleicht ein wenig misstrauisch verfolgen, was Berlin treibt (zumal sich die USA militärisch immer weniger in Europa engagieren), und ihre eigene Politik daran anpassen.

Jedoch sollte nicht vergessen werden, wie lang und nachhaltig die Kooperationsbereitschaft der USA seit dem Zweiten Weltkrieg zurückreicht, gerade mit Blick auf die historische Erfahrung. In Bezug auf Deutschland ist das berühmte Bonmot Lord Ismays irgendwie weiter gültig geblieben: Die NATO sei dazu gegründet worden, die Russen aus Europa heraus‑, die Amerikaner in Europa zurück‑ und die Deutschen unter dem Stiefel zu halten. Während des Kalten Krieges war der Zweck des Bündnisses natürlich, die Sowjetunion einzudämmen, aber darüber hinaus wollte Washington auch den wiederentstandenen (west)deutschen Staat unter Kontrolle halten. Unter anderem deshalb beschloss Präsident Bush senior, die NATO nicht aufzulösen, nachdem der Eiserne Vorhang bereits gefallen war. Die Amerikaner blieben in Europa und vor allem in Deutschland militärisch präsent, weil sie nicht wollten, dass Europa die Fehler der Vergangenheit wiederholte. Aus amerikanischer Sicht besteht im Falle Polens kein derartiges Dilemma.
Die Amerikaner ziehen sich zurück, in Europa nichts Neues?
All dies führt zu der Schlussfolgerung, dass strukturelle Faktoren sowie ein über Jahre angesammelter Vorsprung dazu führen, dass Deutschland in absehbarer Zukunft der wichtigste Verbündete der Vereinigten Staaten in Europa bleiben wird.
Aus US-amerikanischer Sicht verfügt Polen über ein zu kleines Wirtschafts‑, Industrie‑ und Militärpotential, ebenso über zu geringe Autonomie und geopolitisches Gewicht, um dieselbe Behandlung wie Deutschland erwarten zu können. In den letzten Jahrzehnten war Washingtons Polenpolitik eine Funktion seiner jeweils aktuellen Sicht auf Russland, so im Falle des Raketenabwehrschilds und des Ukrainekriegs, ebenso wie seiner Sicht auf das „alte Europa“, wie im Falle des Irakkriegs. Das heißt nicht, es werde immer so bleiben und es heißt auch nicht, Polen könne keine stärkere Position gegenüber Berlin und Washington gewinnen. Die Frage jedoch, ob es Berlin und die Amerikaner dabei ersetzen kann, die Karten in Europa zu verteilen, bleibt aktuell immer noch eine rein rhetorische.
Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann