Über viele Jahre verband der Kulturzug Berlin mit Breslau. Jetzt verkehrt er auf der Strecke Warschau–Berlin, wenn auch nur für wenige Wochen. Was für die Fahrgäste vorbereitet wurde, erzählt eine der Projektkoordinatorinnen, Natalie Wasserman, im Gespräch mit DIALOG online.
Was unterscheidet den Kulturzug nach Warschau von dem früheren nach Breslau?
Der Zug von Berlin nach Breslau war ein Regionalzug, der auf der Fernstrecke eingesetzt wurde. Das war eine Zugverbindung fürs Wochenende, speziell dafür konzipiert, Berliner:innen und Brandenburger:innen nach Breslau zur Europäischen Kulturhauptstadt zu bringen (2016). Dann wurde das Projekt immer wieder verlängert, das Konzept ist aber quasi technisch gleichgeblieben: Ein Regionalzug, zwei Dieseltriebwagen, und wir haben das Programm gestaltet. Die kulturellen Formate haben wir über die Jahre stetig weiterentwickelt. Doch alles, was an Design oder Raumgestaltung da war, wurde vor jedem Wochenende hineingebracht und im Anschluss wieder herausgeholt. Alles war mobil.
Bei dem Kulturzug nach Warschau nutzen wir wiederum eine bestehende Fernverkehrsverbindung, nämlich den Berlin-Warschau-Express, und wir hängen einen extra Waggon von der PKP Intercity dran. Daher haben wir hier völlig andere Möglichkeiten, weil wir den Waggon für die Dauer des Projektes gestalten können. So haben wir erst mal alles herausgenommen und mit der Designerin Joanna Tofiło ein neues Konzept entwickelt. Dieses Jahr ist es das Konzept einer verflochtener Weideninstallation, passend zum Motto „Näher als du denkst“, welches die Idee der Verbindung, der Verflechtung auch räumlich widerspiegeln sollte.

Durch die längere Strecke und die Kapazitäten eines kompletten Waggons haben wir die Möglichkeit, ein umfangreicheres Programm anzubieten. Die Strecke wurde in zwei „Episoden“ eingeteilt: in die Strecken Berlin–Posen und Posen–Warschau. Auf jeder Episode gibt es zwei Programmpunkte plus jeweils noch mal zwei in der lebendigen Bibliothek. Die lebendige Bibliothek ist eine Weiterentwicklung des Kulturzugs Berlin–Breslau. Da hatten wir eben eine mobile Bibliothek und konnten dabei beobachten, dass Bücher immer ein Grund sind, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Dies wurde ausgebaut. Wir haben weiterhin Bücher an Bord, aber auch das Prinzip der lebendigen Bibliothek: Wir laden Expertinnen und Experten, Menschen aus Kunst, Kultur, Bildung etc. dazu ein, ein Programm anzubieten, damit die Besucher einander kennenlernen und miteinander tiefer ins Gespräch kommen. Den Quiz über interessante Themen des Grenzraums und die zweisprachige Moderation aus dem Breslauer Kulturzug haben wir ebenfalls beibehalten.
Am wichtigsten ist nun der eigene Raum für unsere Fahrten.
Der Kulturzug von Berlin nach Breslau ist zehn Jahre lang gefahren. Der Kulturzug Berlin – Warschau fährt dagegen nur achtmal. Ist das finanziell bedingt, oder ist das Programm zu aufwendig? Wird eine Fortsetzung geplant?
Ja, das stimmt, der Kulturzug nach Breslau ist über 1.500 Mal gefahren, die Kosten für den Zug und das Programm haben die Länder Berlin und Brandenburg übernommen. Bei dem Kulturzug nach Warschau sind zudem die Städte Posen und Warschau finanziell beteiligt. Den Großteil des Budgets kostet die Infrastruktur, also der Zug. Deshalb sind wir der PKP Intercity sehr dankbar, weil sie uns dieses Mal als Kooperationspartner unterstützt. Das ist finanziell viel besser für das Projekt. Und wir freuen uns sehr darüber, dass wir nun nach 10 Jahren endlich ein echter deutsch-polnischer Kulturzug sind – also ein Zug, der einen symmetrischen Fahrplan hat und attraktiv für Fahrgäste aus beiden Ländern ist. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für eine dauerhafte gemeinsame Finanzierung gegeben.

Kompliziert in der Ausführung ist das Projekt insofern nicht, weil der Wagen an bestimmte Züge angehängt werden kann. Wenn wir von der Zukunft sprechen, dann ist nächstes Jahr das Weimarer Dreieck auf der Leipziger Buchmesse ein wichtiges Thema. Wir würden gern eine Kulturzugverbindung Warschau–Berlin–Paris anbieten, um diese Dreieck-Verbindung sichtbarer zu machen.
Was sind die Highlights des Kulturzugs Berlin-Warschau? Was würdest du gerne empfehlen?
Das ist eine schwierige Frage. Jeder Tag ist reich an unterschiedlichen Programmen, daher ist es schwer, ein einziges Highlight auszusuchen. Bei diesem Berlin–Posen–Warschau–Express ist es so, dass wir gemeinsam mit den Städten kuratieren. Posen und Warschau tragen also zum Programm bei. Was ich prinzipiell am Kulturzug am allerbesten finde, ist eben dieses Dialogische: Man kommt wirklich mit den Leuten ins Gespräch. Die lebendige Bibliothek ist eine großartige Geschichte. Heute (25.09.2026) haben wir zum Beispiel das Berlin Institute of Health an Bord mit der Ausstellung „Berlin – Hauptstadt der Wissenschaftlerinnen“, die in Deutschland und in Polen getourt ist. Darüber hinaus ist unser Träger, die Europäische Akademie, an Bord und wird über europäische Themen sprechen.

Es war uns sehr wichtig, Literatur an Bord zu haben. Und deswegen sind wir sehr froh, da aus Warschau Uśpiona Księgarnia / die schlafende Bibliothek dabei ist: Das Kollektiv wird ein sehr interaktives Format anbieten.
Wir finden es sehr gut, dass wir ein Stück Breslau in den Kulturzug nach Warschau mitnehmen konnten: Wir werden das literarische Magazin „Zakład“ an Bord haben.
Es gibt viele sehr konkrete Herausforderungen, denen wir uns stellen, die aber oft nicht mit einfachen Antworten zu begegnen sind. Ich habe den Eindruck, es wird immer wichtiger, zwischen den Zeilen zu lesen, gewisse Themen zwischen den Zeilen zu behandeln, über Kunst und Literatur an die Menschen zu appellieren, sich mit Dingen auseinanderzusetzen.
Im Oktober wird es zum Beispiel eine Art performativen Vortrag über die Kunst der Improvisation geben. Das ist ein Warschauer Beitrag von Krystyna Lama Szydłowska mit der Musik von Peuczu. Zugleich ist polnischer Jazz weltweit bekannt, und zwar besonders, weil es eine andere gesellschaftliche Relevanz hat: Jazz war nirgendwo in Europa so früh zu hören wie in Polen. Das ist ein Punkt in der lebendigen Bibliothek, der von Wolf Kampmann vorgestellt wird.
Nicht zuletzt wird das Computerspielemuseum wieder an Bord sein. Es geht hierbei um neue Methoden, einander kennenzulernen, um ein analoges Treffen.
Wir haben noch sieben Fahrten, und jede hat vier Programme. Eine Sache ist wirklich wichtig. Ich hatte schon gesagt, das Weimarer Dreieck würden wir gern als Thema aufnehmen. Wir werden Sourd Boucan Dérive an Bord haben, das ist eine Kooperation mit dem Institut français Berlin. Es ist eine Tänzerin und Performerin, die im Kulturzug eine Performance darbieten wird. Das ist ein Punkt bei unserer letzten Fahrt, der schon mal diese Warschau–Berlin–Paris–Verbindung ein bisschen als Impuls mit reinnehmen soll. Wir finden es sehr wichtig, dass auch dieses Europa mitgedacht wird. Zum Schluss wird es noch Mode geben. Darauf bin ich sehr gespannt. Es wird ein kleiner Mode-Zug sein, wo auf die gesellschaftliche Relevanz von Identitäten Bezug genommen wird.

Wie sieht eine Fahrt mit dem Kulturzug aus? Muss jeder Passagier mitmachen?
In den normalen Zugabteilen findet kein Programm statt. Unsere Moderator:innen kommen an Bord, verteilen das Programm sowie das Quiz und laden zu den unterschiedlichen Programmen ein. Man muss sich schon aktiv zu uns auf den Weg machen, in unseren Wagen, was natürlich freiwillig ist. Auch hier gibt es eine große Auswahl. Wir versuchen, verschiedene Stufen der Partizipation anzubieten. Nicht jeder will gleich an einem Workshop teilnehmen. Man kann sich an der Bibliothek aufhalten, Spiele ausleihen; man kann sich mit den Gästen in der lebendigen Bibliothek unterhalten. Oder einfach nur kurz vorbeischauen, das Quiz ablegen und wieder rausgehen.
Mit Natalie Wasserman sprach Natalia Prüfer.
Natalie Wassermann ist freiberufliche Dramaturgin, Theaterpädagogin, Lektorin und Übersetzerin in Berlin. Sie arbeitet interkulturell, inklusiv sowie partizipativ und kuratiert u. a. den Kulturzug Berlin–Wrocław/ Poznań.
Seit 2016 verbindet der mehrfach ausgezeichnete Kulturzug Städte und Regionen dies- und jenseits der Oder. Er macht europäischen Dialog mobil und schafft Räume für grenzübergreifende Begegnung, Kultur und Austausch.