Polen & Deutschland

Berlin und Warschau: das Jubiläumsprojekt „Näher als du denkst“

Unter dem Motto „Näher als du denkst“ feiern Berlin und Warschau gemeinsam das deutsch-polnische Jubiläumsjahr. Wir sprechen über das Projekt mit Anna Jankowska und Christof Lootze vom Berliner Büro des Deutschen Polen-Instituts.
Ein großes Plakat an der Mauer
„Näher als du denkst“. Berlin und Warschau feiern ihre Zusammenarbeit © Antonina Polukhina

Berlin und Warschau sind Partnerstädte – stimmt die Chemie zwischen ihnen? Und wenn ja, wie äußert sie sich?

Anna Jankowska: Die Chemie zwischen Berlin und Warschau stimmt, wobei ich den Eindruck habe, sie hat sich in den letzten 35 Jahren, seit Berlin und Warschau Partnerstädte sind, sehr verändert. In Warschau ist das Interesse an Berlin riesig – das war übrigens schon immer so. Mir scheint jedoch, als ob in Berlin das Interesse an Warschau gewachsen sei, was sich zum Beispiel im Zug auf der Strecke Berlin–Warschau beobachten lässt. Ich fahre regelmäßig mit diesem Zug von Berlin aus und sehe, dass es längst nicht mehr nur polnische Familien sind, die ihre Angehörigen besuchen, sondern jede Menge Menschen, die einfach an Warschau interessiert sind und die Stadt kennenlernen möchten. Dies beweist eine unglaubliche Entwicklung der Beziehungen, die heute viel ausgewogener sind als vor 35 Jahren.

Christof Lootze: Dabei entdecken diese Menschen, wie sehr sich beide Städte ähneln – sie zeichnen sich durch ständigen Wandel aus, es entstehen neue Orte. Ich glaube, für viele ist es interessant, diese Ähnlichkeiten zu entdecken und zu erfahren, mit welch ähnlichen Herausforderungen beide Hauptstädte zu kämpfen haben. Sie sind sich näher, als man früher gedacht hätte.

„Bliżej niż myślisz“ – „Näher als du denkst“ ist das Leitmotto eures Projekts. Was steckt dahinter?

C.L.: Zahlreiche Menschen, die durch die ganze Welt reisen, waren, wie sich herausstellte, noch nie in Polen, abgesehen von irgendwelchen grenznahen Orten – für billige Einkäufe oder billiges Benzin. Es freut mich sehr, wenn Menschen, die jahrelang keine größere polnische Stadt besucht haben, entdecken, Polen sei anders, als sie es sich vorgestellt haben. Sie können tatsächlich schnell dorthin gelangen – es ist nur eine Stunde Fahrt von Berlin bis zur Grenze und vielleicht noch eine Stunde bis zu den größeren Städten. Wenn sie dort sind, mit Menschen sprechen und den Alltag beobachten, merken sie: Wir unterscheiden uns gar nicht so sehr voneinander und das passt nicht mehr zu den Klischees, die bisher unser gegenseitiges Bild geprägt haben. Unser Projekt zeigt, dass wir uns näher sind, als wir denken.

Ein Fahrradfahrer fährt an dem Plakat vorbei
Plakate sind schon in Berlin zu sehen © Antonina Polukhina

A.J.: Die deutsch-polnischen Beziehungen betrachten wir oft aus der Perspektive der Politik, dessen, was zwischen den Regierungen Polens und Deutschlands geschieht. Themen, die in den letzten Jahren besonders präsent in den polnischen Medien waren, betreffen zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg oder die Reparationen. Uns liegt daran, im Projekt verschiedene Bereiche in den Fokus zu rücken und aufzuzeigen, wie viele Menschen sich in der Zivilgesellschaft engagieren, die deutsch-polnischen Beziehungen pflegen. Darauf möchten wir den Blick stärker richten als auf die Themen, von denen wir alltäglich in den Nachrichten, im Mainstream, hören.

Soll das Projekt zeigen, was sich abseits des politischen Medien-Mainstreams abspielt?

A.J.: Wir legen Wert darauf, mehr Aufmerksamkeit auf das langjährige Wirken der Zivilgesellschaft und der Institutionen zu lenken, die sich seit Jahren für gute deutsch-polnische Beziehungen einsetzen. Hier haben wir gegenseitiges Kennenlernen, Verständnis und gegenseitigen Respekt. Aber unsere zivilgesellschaftlichen Projekte sind viel zu wenig sichtbar.

Welche Veranstaltungen sind geplant und wann finden sie statt? Ich weiß, das Projekt läuft bereits…

C.L.: Das Projekt hat bereits begonnen. Es finden öffentliche Veranstaltungen statt, wie Chopin-Konzerte, Lesungen, Sommerkino, Konferenzen, eine Gedenkveranstaltung zum 1. September 1939, aber genauso Projekte, die sich an bestimmte Zielgruppen richten – an Jugendliche oder generationenübergreifende Projekte, die nicht für alle offen, sondern an konkrete Personengruppen gerichtet sind.

Das Programm ist so reichhaltig, dass es schwer ist, es in wenigen Sätzen zusammenzufassen.

C.L.: Am besten besucht man unsere Website: berlinwarszawa.eu, wo Interessierte alle Details in beiden Sprachen finden. Veranstaltungen finden auch an anderen Orten statt, wir laden also zur kostenlosen Teilnahme ein und freuen uns, alle Interessierten begrüßen zu dürfen. Das ist ebenfalls eine Gelegenheit, neue Menschen kennenzulernen.

A.J.: Wir befassen uns mit einem ganzen Spektrum verschiedener Themen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen unter anderem jene, die sich mit der Rolle und Geschichte von Frauen im deutsch-polnischen Kontext befassen. Anlässlich des Jubiläums erscheint eine Sonderausgabe des Deutsch-Polnischen Barometers, das die Einstellung der Bewohner der Grenzregionen zu den Bewohnern auf der anderen Seite der Oder untersuchen wird. Es gibt politische Themen, Themen der Erinnerungskultur, der Wissenschaft, der Rolle von Frauen in der Wissenschaft und natürlich den „Kulturzug“. Das ist ein sehr attraktives Angebot, welches hoffentlich viele Menschen dazu bewegen wird, in den Zug Richtung Warschau oder Berlin zu steigen und dabei die deutsch-polnische Kultur zu erleben. Der „Kulturzug“ verkürzt die lange Reisezeit mit einem vielfältigen Programm und ermöglicht vor allem, Berlin oder Warschau aus einer anderen Perspektive kennenzulernen.

Das Deutsche Polen-Institut (DPI) ist Hauptorganisator dieses großen Vorhabens, aber einzelne Veranstaltungen haben verschiedene deutsch-polnische Institutionen oder Vereine übernommen. Wie ist es gelungen, sie für die Zusammenarbeit zu gewinnen?

A.J.: Partner zu gewinnen war nicht schwer, denn es gibt sehr viele Institutionen, die sich für die Pflege der deutsch-polnischen Beziehungen engagieren – mit einer Fülle interessanter Ideen und Aktivitäten, die nicht nur in diesem Jahr stattfinden, sondern schon seit vielen, vielen Jahren. Wir arbeiten hauptsächlich in Berlin, obwohl die Veranstaltungen natürlich auch in Warschau und an anderen Orten in Deutschland und Polen stattfinden. Für uns als DPI ist diese Zusammenarbeit sehr interessant, weil jeder Partner etwas anderes ins Projekt einbringt, was das Programm sehr bereichert.

C.L.: Eine echte Herausforderung war es dagegen, alles zu ordnen – passende Orte zu finden, Gespräche mit Künstlern zu vereinbaren, ein stimmiges Programm zu erstellen. Wobei für jede Institution ihre eigene Veranstaltung im Mittelpunkt steht, und wir als für das gesamte Jubiläumsprogramm verantwortliche Organisation müssen wiederum dafür sorgen, nicht nur einzelne Veranstaltungen zu organisieren, sondern alle unsere gemeinsamen Aktivitäten zu koordinieren und zu bewerben.

Der „Kulturzug“ fuhr früher auf der Strecke Berlin–Breslau, jetzt wird es Berlin–Posen–Warschau sein. Was ist ungewöhnlich an diesem Format und an diesen Reisen? Wie geht ihr mit dem Schienenersatzverkehr um, da diese Züge derzeit nicht direkt verkehren?

C.L.: Die Züge sollen erst Ende August direkt verkehren, denn bis dahin fährt der Schienenersatzverkehr. Unser Zug startet nicht vom Berliner Hauptbahnhof, sondern vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg.

Früher, auf der Strecke Berlin–Breslau, war es beim „Kulturzug“ unterschiedlich – manchmal war es ein gewöhnlicher Regionalzug, in dessen Teil ein Konzert, eine Lesung oder eine Silent Disco stattfand. Diesmal wird ein separater Waggon angehängt, der ausschließlich für das Programm im Zug reserviert ist. Animateure werden Fahrgäste aus anderen Wagen zur Teilnahme an der Veranstaltung ermutigen, indem sie durch den Zug gehen, Flyer verteilen und mit den Menschen sprechen.

A.J.: Das Programm werden wir in den kommenden Wochen kennenlernen – es wird auf unserer Website berlinwarszawa.eu erscheinen. Ich denke, die beste Empfehlung für dieses Projekt sind die zahlreichen Anfragen und Reaktionen, die wir seit Monaten erhalten: ob dieser Zug wirklich wieder fahren wird, und wie wunderbar es ist, den „Kulturzug“ zurück auf der Strecke zwischen Polen und Deutschland zu wissen.

Du hast bereits erwähnt, dass Frauen in diesem Projekt stark präsent sind – von Widerstandskämpferinnen bis zu Wissenschaftlerinnen. War das beabsichtigt oder Zufall?

Ein Man und eine Frau sitzen nebeneinander
Anna Jankowska und Christof Lootze vom Berliner Büro des Deutschen Polen-Instituts © Natalia Prüfer

A.J.: Wir als koordinierende Organisation des Projekts haben in keiner Weise Einfluss auf die Themenwahl unserer Partner genommen. Das Thema Frauen in den deutsch-polnischen Beziehungen ist einfach wichtig und findet natürlichen Niederschlag in unserem Programm. Es findet eine Konferenz statt, denjenigen polnischen Frauen gewidmet, die während des Zweiten Weltkrieges im polnischen Widerstand in Berlin aktiv waren, dazu gibt es eine Ausstellung. Präsentiert wird außerdem eine Ausstellung über Frauen aus Polen, die sich in deutschen Verwaltungs- und politischen Strukturen engagieren, nicht nur in Berlin, sondern in verschiedenen Bundesländern, und noch eine Ausstellung – über aus Berlin stammende Frauen in der Wissenschaft, die bereits in Warschau gezeigt wurde. Die Sichtbarkeit von Frauen in der Geschichte ist ein wichtiges Thema für die Organisationen, die sich in den deutsch-polnischen Beziehungen engagieren.

Auf der einen Seite haben wir das Kennenlernen der Städte, auf der anderen den Jahrestag des 1. September 1939. Es werden sicherlich Gedenkveranstaltungen zum deutschen Überfall auf Polen stattfinden. Wie wird euer Projekt in diesem Kontext die Nähe und Freundschaft zwischen Berlin und Warschau feiern?

A.J.: Im Rahmen des Projektes befassen wir uns mit verschiedenen Themen, und Erinnerungskultur und -politik sind ein sehr wichtiger Teil der deutsch-polnischen Beziehungen, besonders in den letzten Jahren. Das Thema der deutschen Verantwortung für das, was Polen im Zweiten Weltkrieg angetan wurde, gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit, besonders in Polen, aber auch hier. Deshalb ist der Dialog über historische Themen wichtig, die zwar nicht leicht sind, uns aber keineswegs trennen. Ganz im Gegenteil – dadurch, dass wir uns mit ihnen befassen, können wir die Perspektive der anderen Seite besser verstehen.

Was müsste geschehen, damit ihr das Projekt nach seiner Umsetzung als wirklich erfolgreich betrachtet?

A.J.: Wir hoffen, dass alle, die sich in Berlin bewegen, unser schönes Jubiläumsplakat mit der Warschauer Meerjungfrau und dem Berliner Bären sehen werden – wenngleich sie es nicht sofort erkennen – und die Website berlinwarszawa.eu besuchen, an den Veranstaltungen teilnehmen, die wir zusammen mit unseren Partnern planen. Wir wünschen uns, dass nach diesem Jubiläumsjahr das Interesse am Nachbarland, an der anderen Stadt – Berlin oder Warschau – auf beiden Seiten der Grenze wächst und zur weiteren Pflege der deutsch-polnischen Beziehungen ermutigt.

C.L.: Ich hoffe, dieses Projekt überdauert die Veranstaltungen selbst und weckt ein dauerhaftes Interesse. Vielleicht entstehen sogar Freundschaften, die all das weiter stärken werden.

Die letzte Frage betrifft die grafische Gestaltung. Wer ist für diese schönen Plakate verantwortlich? Gab es einen Wettbewerb? Und wo wird man sie noch sehen können – in Berlin hängen sie bereits, sind sie auch in Warschau sichtbar?

C.L.: Ja, es gab einen Wettbewerb. Wir arbeiten mit dem Studio Lekko zusammen, das seinen Sitz sowohl in Berlin als in Warschau hat und mit Menschen aus ganz Europa arbeitet – kennt also diese Welt von beiden Seiten. Unser Leitmotiv mit der Meerjungfrau und dem Bären hat Izabela Wilk entworfen. Am Anfang gab es nur Skizzen, und ehrlich gesagt, als ich sie zum ersten Mal sah, wirkten sie ziemlich roh, aber am Ende entstand ein unglaublich schönes Motiv. Am Anfang rief es verschiedene Reaktionen hervor – es gab sogar Bedenken, ob die Meerjungfrau nicht zu unförmig aussieht. Zugegeben, es war schwierig, den Bären und die Meerjungfrau so zu verbinden, dass sie in eine freundliche Interaktion treten, denn Schwert und Schild assoziiert man eher mit Kampf oder Verteidigung. Aber ich denke, es ist uns gemeinsam gelungen, ein wirklich schönes, wiedererkennbares Motiv zu schaffen. Wir bekommen unzählige Anfragen, ob das Plakat irgendwo erhältlich ist, ob man es kaufen kann. Die gute Nachricht für alle Interessierten: Wir werden die Plakate als Andenken bei unseren Veranstaltungen verschenken.

A.J.: Große Plakate und Billboards erscheinen vor allem im öffentlichen Raum Berlins, da hier die meisten unserer Veranstaltungen stattfinden, aber sie werden auch an den Orten in Polen sichtbar sein, wo die Jubiläumsveranstaltungen stattfinden. Wer an einem solchen Plakat interessiert ist, kann sich bei uns melden – wir freuen uns sehr, weil das Motiv unserer Jubiläumskampagne positiv aufgenommen wurde, obwohl es keineswegs naheliegend ist.

Mit Anna Jankowska und Christof Lootze sprach Natalia Prüfer.

 Anna Jankowska ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen im Berliner Büro des Deutschen Polen-Instituts.

Christof Lootze koordiniert das Projekt „Zwischen Berlin und Warschau – 35 Jahre Nachbarschaft“ im Berliner Büro des Deutschen Polen-Instituts.

Das gesamte Programm finden Sie hier.

Eine Animation zeigt eine Wahlurne und einen Wahlzettel

Wenn Populisten regieren: Lehren aus Ungarn und Polen

Früher verlief der Untergang von Demokratien meist gewaltsam – durch einen Staatsstreich. Heute werden die weißen Handschuhe übergestreift, wenn es an die Demontage der Demokratie geht. Eine Analyse der Regierungen von PiS und Fidesz.
Maria Skóra
Zwei Tafeln mit Wahlwerbung für Sachsen-Anhalt.

AfD an der Macht in Sachsen-Anhalt? „Risiken für Polen“

In Sachsen-Anhalt könnte die AfD erstmals in einem Bundesland an die Regierung kommen. Daraus würden Risiken für Polen erwachsen, sagt die Analytikerin Patrycja Tepper im Gespräch mit DIALOG online.
Wojciech Szymański
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

Polnische Presseschau vom 31.08.2026

Der Tod von Wanda Traczyk-Stawska, die Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine und die riesige Marienstatue in Konotopie – darüber berichtete in den letzten Tagen die polnische Presse.
Jacek Lepiarz