Sanft schiebt die Frau die dunkelgrünen Blätter links und rechts aus dem Weg. Zieht den Kopf ein, denn der Hohlweg ist dicht bewachsen. Am Ende steht sie auf einer Lichtung, vor ihr Ruinen einer Gruft. Man erkennt noch den Grundriss, umschlungen von Efeuranken einige Säulen. Ein vergessener Ort. Und Ingrid Schnabel-Mumme hat ihn gefunden. Auf einem alten, deutschen Friedhof.
Bystrzyca ist ein kleines Dorf im niederschlesischen Bobertal, einem malerischen Landschaftspark am Fuße des Riesengebirges. Aus Wiesenthal, wie Bystrzyca früher hieß, stammte einst ihre Familie. Das hat Ingrid Schnabel-Mumme recherchiert. Viel mehr weiß sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

Als die Zahnärztin aus Salzgitter sich 2015 auf die Spuren ihrer Vorfahren macht, ahnt sie nicht, dass zehn Jahre später ein kleiner Friedhof in Niederschlesien zu ihrem Herzensprojekt werden würde. Trotz der Sprachbarrieren kontaktierte die heute 68-Jährige den Bürgermeister und einen Pastor aus dem Nachbarort, der noch alte Kirchenbücher hatte.
Zerstört und verwahrlost
Vom Pastor hörte sie nie wieder. Und auf dem Hofgut, welches einst ihrer Familie gehört hatte, wussten die heutigen Bewohner nichts von den Menschen, die dort vor dem Krieg lebten. Oder sie wollten nichts wissen. Enttäuscht beschloss Schnabel-Mumme, wenigstens noch den alten Friedhof zu besuchen. Würde sie dort Spuren ihrer Vorfahren finden?
Hoffnung hatte sie wenig. Statt eines gepflegten Dorffriedhofs fand Schnabel-Mumme ein völlig zugewuchertes Areal vor. Hier und dort lagen achtlos einige alte Grabsteine herum. Nur durch Zufall bemerkte ihre Schwägerin einen Namen auf einem zerbrochenen Stein: Schnabel. Heute weiß Schnabel-Mumme, dass „Frau Anna Maria Hauptmann, geborene Schnabel“, die Schwester ihres Ur-Ur-Urgroßvaters war. Und auch wie sie lebte: Denn ihre Lebensgeschichte ist in den Stein eingemeißelt. Schnabel-Mumme ist sofort fasziniert: „So etwas Kunstvolles stellt man heute nicht mehr her.“

Für sie war die Entdeckung des Friedhofs wie ein Weckruf. Schicksal. Und Ingrid Schnabel-Mumme ist keine Frau, die lange Zeit verliert. Nur zwei Jahre später ist sie wieder da. Bewaffnet mit Gartenwerkzeug, Spaten und einer Handvoll Freiwilligen will sie den alten Friedhof wieder in Ordnung bringen. Dass er in solch einem traurigen Zustand bleiben sollte, ist für sie undenkbar. Hier liegt doch ihre Familie.
Argwohn der polnischen Bewohner
Das tiefe Brummen eines Generators wetteifert mit dem kreischenden Aufheulen der Motorsäge. Wenn es kurz still ist, hört man das Klopfen von Metall auf Stein. Ein Steinmetz versucht, Bruchstücke alter Grabsteine wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen. Auf dem Friedhof in Bystrzyca herrscht an diesem regnerischen Samstag im Sommer 2024 reger Betrieb. Die Deutschen sind wieder da, um sich um die Gräber ihrer Vorfahren zu kümmern.
Mittlerweile sind es sogar zwei Friedhöfe, die Schnabel-Mumme aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Von den Anwohnern wird die Deutsche argwöhnisch beäugt. Zweimal im Jahr kommt sie mit vier bis acht Freiwilligen aus Salzgitter, um bei der Friedhofspflege zu helfen. Als einmal junge, polnische Männer, zwischen 20 und 30 Jahren, zum Helfen kamen, gab das richtig Aufschwung, erinnert sie sich. Von den Anwohnern interessieren sich nur wenige für ihre Aktivitäten.

Doch langsam passiert etwas. Bei ihrem letzten Besuch fand Schnabel-Mumme einen alten, deutschen Grabstein vor dem Friedhofseingang. Ein Bauer hatte ihn mit seinem Traktor vorbeigebracht. Es hat sich über die Dorfgrenzen hinaus herumgesprochen, die alten Grabsteine der Deutschen seien kein Schutt. Jetzt landen sie in den behutsamen Händen der Zahnärztin aus Niedersachsen.
Die Verstorbenen des Feindes
Auf dem Gebiet des heutigen Polen soll es laut einer Schätzung des polnischen Kulturministeriums von 2015 ca. 9.000 solcher alten evangelischen, meist deutschen Friedhöfe geben. Nur die wenigsten von ihnen sind denkmalgeschützt. Alle anderen wurden zerstört, der Natur überlassen und nach und nach vergessen. Für die Erinnerung an die deutschen Toten blieb im Nachkriegspolen wenig Raum. Die damalige Volksrepublik setzte alles daran, die Spuren der einstigen deutschen Bewohner der sogenannten Wiedergewonnenen Gebiete zu verwischen. Außerdem waren die Menschen vom Krieg traumatisiert und mussten sich ein neues Leben aufbauen. Der Toten des Feindes gedenken? Für viele Polen undenkbar.
Im Laufe der Jahre scheint sich jedoch etwas verändert zu haben. Gut 40 Vereine, Initiativen oder private Akteure aus Deutschland und Niederschlesien holen die alten deutschen Friedhöfe der Region aus der Vergessenheit. Der Literaturwissenschaftler Alan Weiss hat selbst ein solches Projekt in Breslau ins Leben gerufen. Er beobachtet die jüngere Generation, wie sie der deutschen Vergangenheit der Stadt ohne Groll begegnet. Im Gegenteil: Sie ist neugierig und geschichtsinteressiert.

2022 initiierte das Zentrum für Kunst und Kultur in Breslau (OKiS Wroclaw) gemeinsam mit der Deutsch-Polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz (DPS) das Projekt „Opiekunowie (Nie)Pamieci“ – die „Hüter der (Nicht)Erinnerung“. Sie seien aber mehr die „Hüter der Erinnerung“, erklärt Kulturmanager Marek Sztark, der das Projekt bei OKiS startete und über zwei Jahre hinweg begleitete. Ziel war es, dass die Akteure diese Treffen dazu nutzen, um sich kennenzulernen, ihre Projekte vorzustellen, über ihre Probleme und Lösungen zu diskutieren und sich auszutauschen. „Viele dieser alten deutschen Friedhöfe verstecken sich völlig vergessen in Dörfern oder Parks unter Moos, Pflanzen und Erde. Doch jetzt gibt es einige Menschen, die diesen Orten wieder Respekt und Würde entgegenbringen möchten“, betont Sztark.
Interesse für die deutsche Vergangenheit
Mancherorts werden sogar ganze Friedhöfe gekauft. So wie in Gostków (früher Giesmannsdorf), wo Halina Bryk 2016 gemeinsam mit ihrer Tochter Angelica Babula eine Stiftung gründete und den halben Hektar großen, völlig verwilderten, alten evangelischen Friedhof restaurierte. Mittlerweile ist der Friedhof zu einem gepflegten Garten geworden, einem zentralen Treffpunkt für die Dorfbewohner, romantisch umsäumt von Wildblumen, historischen Grabsteinen und Natursteinmauern.
Von solch einer Romantik ist auf der illegalen Deponie mitten in Breslau nichts zu spüren. Es ist ein Ort zum Vergessen: Halb Wald, halb Müllkippe. Alan Weiss tritt hier, notgedrungen, die Würde der Toten mit Füßen. Denn er läuft über steinerne Grabplatten mit klangvollen deutschen Namen wie Walter Rosner oder Max Koschi. Verstreut liegen Bruchstücke von eingemeißelten Kreuzen und zerbrochenen Engeln zwischen Büschen, Bäumen und Bauschutt. Werden sie je einen würdigen Ort finden, fragt sich Alan Weiss.

Im Laufe der Jahre wurden hier achtlos die Überreste von alten deutschen Friedhöfen entsorgt. Manche stammen aus Parks, andere von evangelischen Trauerstätten, die Platz machen mussten für die neuen, polnischen Bewohner der Stadt. „Die Grabsteine wurden zwar entfernt, aber viele der Toten liegen noch immer dort beerdigt. Sie wurden nie exhumiert“, meint Weiss.
Die Geschichten der Toten
Vor etwa acht Jahren stieß der 45-Jährige beim Gassigehen im Park ganz zufällig auf solch eine alte Grabplatte. Neugierig las er die Inschriften. Sie waren deutsch. Mit der Zeit fand er immer mehr solcher Steine. Schließlich begann er zu forschen. Wer waren diese Menschen, diese früheren Bewohner der Stadt? Wo lebten sie? Wie starben sie? Und in ihm formte sich der Gedanke: Er will diesen Menschen ihre Geschichte und Identität zurückgeben.
2021 gründete er das Projekt „Spod ziemi patrzy Breslau“ („Breslau schaut aus der Erde hervor“), das die Geschichten dieser Menschen bei Instagram und Facebook sichtbar macht. „Je mehr ich recherchierte und über die Menschen, die hier lebten, erfuhr, umso vielschichtiger wurde die Stadt für mich“, stellt Alan Weiss fest.
Der historisch interessierte Pole wirkt gleich an mehreren Orten in der schlesischen Hauptstadt. Denn die alten Gräber finden sich überall. Neben Gleisen der Straßenbahn, als Verstärkung von Teichen oder Mauern in Parks oder auf alten Friedhöfen und Deponien. Auf dem kleinen Friedhof der katholischen Dreifaltigkeitspfarrei zum Beispiel stapeln sich Hunderte von Stelen und Bruchstücken alter, deutscher Grabsteine. Sie wurden in den 1970er-Jahren von Baggern einfach weggeschoben und unter der Erde begraben. Oder wie Weiss es formuliert: „Sie sollten zusammen mit der Erinnerung an die Menschen verschwinden.“
Doch Weiss intervenierte, kratzte 100.000 Zloty, ca. 25.000 Euro, an Fördergeldern zusammen, um die Steine zu sortieren, zusammenzupuzzlen und wiederaufzustellen. Das war 2024. Mittlerweile stehen 32 Grabsteine in einem Halbkreis aufgestellt zusammen. Es ist nicht das erste Lapidarium, das er initiiert hat. Ein weiteres gibt es auch im Park des Stadtteils Tarnogaj.
Friedhöfe als gemeinsames Erbe
Wenn er die dort die aufgestellten Grabsteine besucht, ist es so, als ob er alte Bekannte besucht. Er kennt jeden Namen, alle Lebensgeschichten der Bewohner. Gerne würde Weiss noch viel mehr machen, zum Beispiel die Steine von der Deponie an einen würdigeren Ort bringen. „Aber dazu fehlt es an Zeit und vor allem Geld“, so Weiss.
Dennoch schafft er es, nicht nur andere Menschen zur Mithilfe zu bewegen. Er hilft auch anderen „Hütern“, wie Ingrid Schnabel-Mumme. Zusammen mit dem Steinmetzmeister Dariusz Dembowski und Helfern kam er im Sommer 2024 nach Bystrzyca, um beim fachkundigen Bergen und Zusammensetzen der Grabsteine zu helfen.

Genau diese Art der Zusammenarbeit und Vernetzung hatte Marek Sztark im Sinn, als er die „Hüter der (Nicht)Erinnerung“ ins Leben rief. Auch wenn gerade keine aktiven Treffen stattfinden, sei das Projekt nicht begraben, sagt er: „Wir alle sind noch immer mit Leidenschaft dabei. Aber ich kann nicht der alleinige Kopf einer Organisation sein. Ich habe den Impuls gesetzt und erwarte jetzt auch, dass sich die Leute nun selbst vernetzen, untereinander treffen und helfen.“
Ingrid Schnabel-Mumme würde sich wünschen, wenn vor allem jüngere Menschen aus Polen sich für die alten Friedhöfe in ihren Gemeinden interessieren und mithelfen. „Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Und es wäre schade, wenn das, was wir bisher geschaffen haben, nicht fortgeführt wird. Das ist ja ein gemeinsames Erbe dieses Ortes.“