Wie fühlt es sich an, den Karl-Dedecius-Preis bereits zum zweiten Mal zu erhalten? Es ist schließlich eine sehr renommierte Auszeichnung für Übersetzerinnen und Übersetzer polnischer Literatur ins Deutsche und deutschsprachiger Literatur ins Polnische.
Ich war überrascht, ich fühlte natürlich Freude und ein bisschen Aufregung, denn bei der Verleihungszeremonie muss man ja etwas Kluges sagen…
Den vorherigen Preis erhielten Sie 2017 für Ihr translatorisches Gesamtwerk. Die diesjährige Auszeichnung wurde Ihnen für die Übersetzung von Jenny Erpenbecks „Kairos“ verliehen. Was hat Ihrer Meinung nach die Jury dazu bewogen, gerade diese Übersetzung auszuzeichnen?
Das müsste man die Jurymitglieder fragen. Ich habe darüber nachgedacht, kenne aber keine abschließende Antwort, außer dass das Buch gut ist. In Polen wurde es sehr positiv aufgenommen. Die Verkaufszahlen waren gut. Ich habe das jedoch nicht mit der Möglichkeit in Verbindung gebracht, einen Preis zu gewinnen. Ich las die Shortlist der für den Karl-Dedecius-Preis nominierten Bücher und freute mich zum Beispiel darüber, dass sich darauf die deutsche Übersetzung von Zyta Rudzkas „Lachen kann, wer Zähne hat“ sowie die Nominierung von Małgorzata Gralińska für ihre Übersetzung von Gregor von Rezzoris „Schnee der vergangenen Jahre“ befanden.
Haben Sie im Internet das kurze Video gesehen, in dem Rafał Trzaskowski, der Bürgermeister von Warschau, dazu aufruft, „Kairos“ in Ihrer Übersetzung zu lesen?
Wirklich? Nein, das habe ich nicht gesehen. Ich verfolge wenig, was über meine Übersetzungen geschrieben und gesagt wird – ich habe Angst, möglicherweise etwas Unfreundliches zu lesen.
„Kairos“ war letztes Jahr sehr präsent in den polnischen Medien. Jetzt, nach der Preisverleihung, werden sicherlich noch mehr Menschen nach diesem Buch greifen. Was wird die polnische Leserin, der polnische Leser darin entdecken?
Es ist Jenny Erpenbecks erstes Buch über die Liebe. Als ich vor etwa drei, vier Jahren mit der Autorin sprach, während ich an der Übersetzung von „Gehen, Ging, Gegangen“ arbeitete, verkündete sie mir zum Abschied freudestrahlend, als wäre es ihr sehr wichtig: „Weißt du, ich schreibe gerade ein Buch über die Liebe!“ Erst später zeigte sich, wie reich dieser Roman an Ereignissen und Emotionen ist. Die Liebe in „Kairos“ wandelt sich – von totaler Verliebtheit, Liebe auf den ersten Blick, über ein destruktives, gewaltsames Gefühl, bis hin zur Zerstörung der Beziehung. Neben der Liebesgeschichte gibt es noch einen weiteren sehr wichtigen Faden – den Untergang der DDR. Ich bin nicht objektiv, denn ich halte die Autorin für außerordentlich originell. Ich bewundere alles, was sie schreibt. Sie hat einen einzigartigen Stil, man kann sie mit niemandem verwechseln.
Wie würden Sie ihre Literatur charakterisieren?
Sie ist anspruchsvoll – sowohl für die Leserinnen und Leser, als auch für die Übersetzerinnen und Übersetzer. Das sind Bücher, die man mehrmals lesen, in deren Details und Mehrdeutigkeiten man tief eintauchen muss. Erpenbeck sollte mit Verständnis und Konzentration gelesen werden. Es sind anspruchsvolle Bücher. Die Autorin stammt aus einer sehr intellektuellen Familie, ihre Werke wimmeln nur so von Zitaten und Bezügen zur Kultur, Literatur, Musik und Oper. Sie schöpft aus ihrem Wissen und ihren Erfahrungen, sie war auch als Theaterregisseurin tätig. All das fließt in ihre Literatur ein. Nicht weil sie damit prahlen will, sondern um es mit dem zu verknüpfen, worüber sie gerade schreibt.
Wie gestaltete sich die Arbeit an der Übersetzung von „Kairos“?
Ich kannte bereits den Stil der Schriftstellerin, und dieser unterschied sich in „Kairos“ nicht wesentlich von ihren früheren Büchern. Allerdings musste ich deutlich mehr recherchieren, etwa nach literarischen Bezügen oder musikalischen Zitaten, was zeitaufwendiger war. In diesem neuesten Buch gibt es wenige Dialoge, sie sind in beschreibende Passagen eingebettet. Vieles spielt sich zudem im Inneren der Figuren ab.
Sie haben bereits viele Bücher von Jenny Erpenbeck übersetzt, kennen sie persönlich und haben ein Gespür für ihren Stil. Hilft das bei der Übersetzung weiterer Bücher?
Ja, ich hoffe, das ist so.
Mussten Sie bei der Übersetzung von „Kairos“ Kontakt zur Schriftstellerin aufnehmen?
Nein. Ich hatte „Kairos“ gleich nach seinem Erscheinen in Deutschland gelesen, kannte das Buch also und wusste, worum es darin ging. Nach der Vertragsunterzeichnung mit dem Verlag erhielt ich von der Autorin einen Text, der bestimmte Fragen erläuterte, welche für Übersetzerinnen und Übersetzer schwierig sein könnten. Erpenbeck hilft auf diese Weise ihren Übersetzenden bei jedem Buch. Sie nimmt mögliche Fragen und Probleme vorweg und schickt Fragen und Antworten anderer Übersetzenden. Bei der Arbeit an „Kairos“ las ich sehr viele Interviews mit der Autorin. Sie ist eine Schriftstellerin, die sich selbst hervorragend interpretieren und mit Kommentaren ergänzen kann. Das hat mir sehr geholfen.
Eine Schriftstellerin, die aus Zitaten der Kultur, Geschichte und Literatur schöpft, ist auch Olga Tokarczuk. Sie gab kürzlich zu, künstliche Intelligenz zu nutzen, was in den polnischen Medien einen wahren Sturm auslöste. Und ich frage mich, wie das bei der Arbeit von Literaturübersetzenden aussieht. Wie ist Ihr Verhältnis zur künstlichen Intelligenz?
Reserviert. Ich werde mich mit künstlicher Intelligenz nicht anfreunden. Ich nutze Informationen, die ich im Internet finde, aber ich verspüre kein Bedürfnis, sie darüber hinaus zu nutzen. Ich bin ein Relikt aus einer vergangenen Epoche. Doch zurück zu Olga Tokarczuk: Meiner Meinung nach war das, was in den Medien geschah, eine große Überinterpretation dessen, was die Nobelpreisträgerin gemeint hatte. Es geht ja nicht darum, künstliche Intelligenz ein Buch für sie schreiben zu lassen – das wäre absurd.
Haben Sie Angst, dass künstliche Intelligenz literarische Übersetzerinnen und Übersetzer ersetzen könnte?
Ja. Was sich denken lässt, lässt sich genauso verwirklichen – der technische Fortschritt ist enorm. Das wäre jedoch ein Drama. Die Berufung zum Übersetzen von Büchern und dieser Beruf selbst würden dann überflüssig. Ich sehe das schwarz.
Ich glaube, Sie selbst müssen sich keine Sorgen machen, dass Ihnen die Bücher zum Übersetzen ausgehen würden. Woran arbeiten Sie gerade?
Ich habe ein kleines Büchlein übersetzt und in die Schreibtischschublade gelegt, nun werde ich versuchen, irgendwas damit anzufangen. Seine Autorin ist Elke Heidenreich. Es ist eine Geschichte über ein reizendes Schweinchen namens Erika, aber kein Kinderbuch. Dank diesem Schweinchen geschieht immer etwas Gutes; es ist wie ein Lichtstrahl. Ich werde in Polen nach einem Verlag suchen – vielleicht gelingt es jetzt, dieses Buch zu veröffentlichen.
Das wünsche ich Ihnen von Herzen und hoffe, dass der Dedecius-Preis dabei helfen wird.
Danke.
Mit Eliza Borg sprach Natalia Prüfer.
Eliza Borg studierte Germanistik an der Universität Warschau, wo sie bis 2007 am Institut für Germanistik unterrichtete. Mit literarischen Übersetzungen befasst sie sich seit Ende der 1980er Jahre. Für die Übersetzung des Romans „Kairos“ von Jenny Erpenbeck wurde Eliza Borg mit dem Karl Dedecius Preis 2026 ausgezeichnet, für die beste Übersetzung aus dem Deutschen ins Polnische.