Polen & Deutschland

Polonia, wer bist du? Auf der Suche nach polnischer Zugehörigkeit

Der Begriff „Polonia“ scheint eindeutig. Doch je näher die Autorin ihm kommt, desto unklarer wird ihr, wer dazugehört – und warum sie selbst sich darin nicht wiederfindet.
ine Collage zeigt eine Frau, umrahmt von Motiven, die mit dem Polentum assoziiert werden
Wer gehört zu „Polonia“? Die Autorin auf der Suche nach einer Antwort – und nach sich selbst © Piotr Mordel

Ale ty nie jesteś Polonia. 

Und ich antworte auf diesen Satz, der keine Frage darstellt, einfach nur: „ja, stimmt“ (oder wahrscheinlich eher „no tak“) und bin erst später darüber traurig, dass ich nicht dazugehöre, obwohl ich gar nicht weiß, wer diese Polonia ist.

Wenn man mich nach einer Definition fragen würde, würde ich sagen, das sind Menschen, die aus Polen nach Deutschland ausgewandert sind und sich in Deutschland (oder anderswo) als Expats zusammentun. Ja, vermutlich so würde ich es zusammenfassen. Vielleicht würde ich noch hinzufügen, es sind Menschen, denen etwas an ihrer polnischen Kultur und Sprache liegt, sie also beispielsweise polnisches Radio streamen oder Fernsehen schauen, aktuelle polnische Bücher und Nachrichten lesen und in einen polnischen sklep gehen, um fasolka zu kaufen. (Eben beim Schreiben höre ich eine Bahnmitarbeiterin polnisch telefonieren, sie sagt, die fasolka sei jetzt endlich da und könne diesen Donnerstag abgeholt werden. Ich vermute, diese Bahnmitarbeiterin ist eine dieser Polonia.)

Also demnach scheint es wohl eine polnische Gemeinschaft im Nicht-Polen zu sein. Eine, die immer noch mit halbem Herzen und einem Ohr, Auge, Nasenflügel und halber Zungenspitze in Polen lebt.

Aber was unterscheidet mich nun von dieser Polonia?

Sind vielleicht nur Erwachsene, die selbstbestimmt (oder geflüchtet vor politischen Verhältnissen oder Armut etc.) nach Deutschland ausgewandert sind, eine Polonia? Fallen dadurch all die Kinder, die eben mit-migriert wurden, weil das nun mal das Schicksal von Kindern ist, dass sie das tun, was die Eltern sagen, aus dem Raster? Oder ist es in dem Fall von Kindern auch speziell und davon abhängig, wie viel żurek man zuhause vorgesetzt bekommt, oder ob und in welcher Sprache am Küchentisch gebetet wird?

Die Autorin Oliwia Hälterlein lehnt an einer Wand, den Blick direkt in die Kamera gerichtet
Die Autorin Oliwia Hälterlein ist in Bydgoszcz geboren und wohnt in Freiburg © MiNZ&KUNST

Ich krame in meinem Gedächtnis nach Begegnungen mit der Polonia. Ich glaube, ich erlebe sie oft als Expert:innen für die migrantische Identität und Zugehörigkeit anderer. In diesem konkreten Fall: meiner. Auch wenn ich in Polen geboren bin, sieht man mir logischerweise mein Polnischsein nicht an, deshalb hängt oft alles von der Anzahl der in Polen verbrachten Jahre und meiner Sprachfähigkeit ab. Sehr oft beginnt die Abfrage der Polonia nach dem Ort (ob aus Schlesien oder Nicht-Schlesien) und dann nach der genauen Anzahl der dort tatsächlich gelebten Jahre. Spätestens dann kommt ein: Oj, ale byłaś malutka, to ty jesteś Niemką. Wie doppeldeutig oder gerade fehldiagnostiziert, denn erst kürzlich habe ich gelernt, das Wort Niemiec entspringe etymologisch betrachtet dem Begriff niemy – stumm, oder auch nie mówiący po naszemu – nicht auf unsere Art sprechend. Da ich aber doch spreche, überrasche ich ein wenig – denn ja, es ist überraschend für Polonia eine Polin, die eigentlich eine Niemka ist, weil so malutka damals. Es wird ganz genau hingehört mit dem halben Ohr und bewertet, ob ich eine von den nasi – der unseren Art – bin, oder nicht.

Mein Verhältnis zu meiner polnischen Sprache ist janusköpfig. Ach was! Medusaköpfig! Jede Schlange steht für eine Emotion und alle widersprechen sich ständig.

Nun kann man es als Glück oder Pech bezeichnen, dass ich meine polnischen Sprachkenntnisse nicht nur auf mein Niemka-sein schieben kann, sondern auch meiner ländlichen und bäuerlichen Herkunft verdanke. Surprise, surprise, nicht alle polnischen Kinder wachsen in einem Haus mit Büchern auf und wissen, wer Chopin und Kochanowski sind. Ich habe mein język babci (mein Polnisch ist kein język ojczysty, weil ich meinen Vater nie habe sprechen hören und meine Mutter seit der Migration nur noch Deutsch sprach) jede Sommerferien neu erlernt. Dort in dem kleinen kujawsko-pomorski Dorf, in dem ständig wtenczas und w każdym bądź razie und auch placek anstelle ciasto zu Kuchen gesagt wurde und der Hund, soweit das nötig war, na lince geführt wurde. Dort auf den Schaukeln, auf dem boisko, hat mich nie jemand korrigiert. Auch nicht, wenn ich zu den bellenden Vierbeinern piesy anstatt psy gesagt habe oder auf den Platz neben mir klopfend usiądź się gerufen habe. Vielleicht hat mich dabei auch meine naive Neugierde unterstützt, denn czemu wurde zu meiner Standartantwort. Jahre später wurde ich in Krakau darauf hingewiesen, wie peinlich es sei, als erwachsene Frau die Fragen so einzuleiten.

Also Glück oder Pech, dass ich nie eine richtige polnische Schule besucht habe, sondern nur dort we wakacje auf den sandigen Hügeln, die Sprache des Dorfs genüsslich wie selbstgemachtes Karamell gelutscht habe. Da sich dort nicht so viele Polonist:innen aufhielten, konnte ich sprechen, wie es mir passte, ohne korrigiert zu werden.

Außerdem lernte ich mit Songtexten. Ich habe stundenlang die Hits von Budka Suflera, Edyta Bartosiewicz, Ich Troje, Kasia Klich, Kasia Kowalska, Łzy, Marcin Rozynek, Myslovitz, Nosowska, O. N. A., Peja, Perfect, Red Lips, Reni Jusis, Stachursky, T. Love, Wilki … rauf und runter gehört. Wahrscheinlich bin ich auch deshalb etwas sentimental veranlagt und lable meinen Hang zur Melancholie als meine slawische Seele. Und nicht zu vergessen das Fernsehen. Noch bevor das Serienbingen cool geworden war oder als Untersuchungsgegenstand in die Kulturwissenschaften aufgenommen wurde, habe ich seriale mit Babcia geschaut. „M jak miłość”, „Na Wspólnej”, „Na dobre i na złe”, „13 posterunek” und „Kasia & Tomek”. In der Grundschule klebte eine riesige Satellitenschüssel vor meinem Fenster, in der Hoffnung, so viele polnische Sender wie möglich in Deutschland empfangen zu können. Vor dem TV saß ich lieber als in der Schule, dann mampfte ich meine Grześki Toffi, trank kawka po turecku aus Gläsern und spielte Polen.

Also liebe Polonia, falls du das hier liest: Ist das nicht etwas, was eine richtige Polonia tut? Mit Grześki ihre halbe Zungenspitze füttern, vor allem die Spitze dort, wo das Vermissen liegt?

Trotzdem war all das nicht genug – und ich bin studieren gegangen.

Dort in der Slawistiksphäre wurde ich dann auf eine andere Weise damit konfrontiert, wer ich denn sein könnte. Ich hatte ja keine Ahnung von meiner Mischsprache, die aus meiner Dorfsprache und Popkulturslang bestand und die ich seit den Literaturseminaren mit Mickiewicz-Zitaten schmückte. Auch sollte ich zugeben: Ich liebe polnisches Fluchen. Mein damaliges Lieblingsschimpfwort pojeb*** wurde einfach so auf die Worte draufgeklatscht, als lässiges Sahnehäubchen, wie es die Protagonist:innen von Masłowska taten. Glück oder Pech also, dass ich es erst so spät bemerkt habe: Mein Polnisch ist nicht nur das Polnisch einer Migrantin, daher von Haus aus etwas in Zeit und Raum entrückt, sondern auch noch das eines słoiks, dessen Impuls war, alles zu kopieren.

Wahrscheinlich habe ich dort im Studium das erste Mal diese Polonia getroffen und mit ihr eine neue Scham. Bei einer Summerschool, die für Österreicher:innen gedacht war, die Polnisch lernten, habe ich die schlechteste Note der Gruppe erhalten. Die verantwortliche Professorin (eine Polonia) sagte, sie höre, dass ich nicht polnisch denke. Ihrer pädagogischen Meinung nach denke ich nämlich deutsch und übersetze dann ins Polnische und das habe nichts mit richtigem Polnisch – und für mich mit Polnischsein – zu tun. (Ein Österreicher, der die sz, cz, rz, dz, dź Laute nicht unterscheiden konnte, hat einen C1 Abschluss erhalten.)

Dieser Umstand, nicht polnisch genug zu sein, hat mich vermutlich mehr polnische Literatur lesen lassen als eine Durchschnittspolin und hat mich Slawistik studieren lassen. Dieser Umstand, nicht Polonia genug zu sein, hat mich wahrscheinlich unbewusst gleich no tak oder „ja, stimmt“ antworten lassen.

Fairerweise muss ich zugeben, ich mogle mich scheinbar sehr gut durch – ob jetzt als Niemka oder Polka oder Polonia kann ich wohl in diesem Text nicht mehr klären … – aber gerade bei kurzen Begegnungen werde ich oft für meine Sprache gelobt. Das mag jetzt widersprüchlich klingen, aber dieses Lob macht mich nicht glücklich oder lässt mich zugehörig fühlen. Warum lobt eine Polin eine andere Polin für ihre Sprache? Wird hier nicht vielmehr eine bereits getroffene Andersmachung mit Zuckerguss bepinselt?

Es ist komplex und absurd. Was mich zu der Annahme kommen lässt, dass die Sprache eine entscheidende Rolle bei der Identität spielt, oder eben gar keine. Denn wenn selbst das Lob nicht als Ritterschlag übersetzt werden kann?

Liebe Polonia, beim Schreiben dieses Textes merke ich: Nichts lässt mich mehr erschaudern als der Gedanke an dein Urteil. Vielleicht sollten wir uns mal auf einen Grześki treffen und du erklärst mir ganz genau, wer du bist.

Die Collage zeigt die Gesichter von Mateusz Morawiecki, Karol Nawrocki und Jarosław Kaczyński

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ine Collage zeigt eine Frau, umrahmt von Motiven, die mit dem Polentum assoziiert werden

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Oliwia Hälterlein
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