Polen & Deutschland

Die „humanitäre Geste“ ist machbar und stärkt Europas Resilienz

Nur noch wenige polnische Opfer der deutschen Besatzung sind am Leben. Ihnen jetzt zu helfen, ist machbar und überfällig. Doch es geht um mehr als Gerechtigkeit: auch um die Widerstandskraft demokratischer Gesellschaften. Ein Gastbeitrag.
Ein hochbetagter Mann in Uniform und mit Gehstock steigt in ein Auto, ein Soldat hilft ihm dabei.
Ein hochbetagter Mann in Uniform und mit Gehstock steigt in ein Auto, ein Soldat hilft ihm dabei.
Ringt sich Deutschland zu einer „humanitären Geste“ gegenüber den polnischen Opfern durch? Die Zeit drängt. © IMAGO / NurPhoto

Was haben wir nicht schon hin- und herüberlegt: Wie lassen sich die Gräben der Geschichte, die Deutschland und Polen trennen, überbrücken, überwinden, zuschütten? Generationen von Deutschen und Polen haben sich daran versucht.

Die Liste der Versöhnungsgesten, Verständigungsakte, Verträge, Kniefälle und Kranzniederlegungen, katholischen Hochämter und protestantischen Gottesdienste, Jugendbegegnungen, Städtepartnerschaften, Kulturprojekten ist immens lang, groß und eindrucksvoll. Bis hin zum 2025 errichteten provisorischen Polen-Denkmal in Berlin und zu den Vorbereitungen für ein finales Denkmal reicht sie, für das noch im Dezember 2026 der Wettbewerb entschieden wird. Und immer wieder waren sich die Beteiligten einig: Jetzt aber! Das ist der letzte, der fehlende Schritt. Nun muss es gelingen!  

Nachfahren der Täter erinnern anders als Nachfahren der Opfer 

Es gab auch finanzielle Aufwendungen: Reparationszahlungen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, Entschädigungsleistungen für ehemalige KZ-Insassen, Wiedergutmachung für Zwangsarbeiter, Kriegsopfer aller Art, für nicht-jüdische Polen und jüdische Polen.

Der Findling, an dem Kränze niedergelegt wurden, und die Tafel mit der Inschrift.
Mitten in Berlin steht seit 2025 ein provisorisches Polen-Denkmal. © IMAGO / epd

Letztlich ist die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze nicht nur ein symbolischer Akt gewesen, sondern gleichzeitig ein finanzieller: Denn der deutsche Staat gab feierlich, mit Brief und Siegel, nicht nur seine Ansprüche auf einen Teil seines historischen Gebiets auf, sondern genauso auf all das Vermögen, das ihm dort bis 1945 gehört hatte – und auf das Vermögen all seiner Bürgerinnen und Bürger, die dort ihre Heimat hatten.

Natürlich gab es dafür gute Gründe – die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkrieges, die Ausplünderung des besetzten Europas, jene langen Schatten der NS-Vergangenheit.

Aus diesen langen Schatten tritt die Geschichte immer wieder hervor, sei es in Polen, sei es in Deutschland, sei es in vielen anderen Ländern. Nachfahren der Täter erinnern anders als Nachfahren der Opfer. Zumal es in Polen zum Grundbestandteil nationaler Identität gehört, an historische Ungerechtigkeit zu erinnern. Wie sonst hätte die Nation 1918 nach 123 Jahren ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, wenn nicht durch das stete Erinnern an Schmach und Niederlagen, durch Widerstandskampf und an die einigenden Erzählungen von der Nation.

Und so ist es nur zu verständlich, dass ebenso die Erinnerung an den Krieg in der polnischen Öffentlichkeit nach wie vor äußerst präsent ist – und noch viel verständlicher, dass sie eine politische Rolle spielt.

1,3 Billionen Euro als Weckruf 

Dieser Vorlauf war nötig, um eine aktuelle Frage zu diskutieren: Soll Deutschland noch einmal Geld an polnische Kriegsopfer zahlen? Braucht es diese „humanitäre Geste“? Der Vorschlag, ein letztes Mal polnische Kriegsopfer durch eine – wenn auch symbolische – Zahlung zu entschädigen, entstand im Zeichen der Reparationsdebatte, die in Polen im Grunde seit Jahrzehnten schwelt und gerade während der beiden Regierungszeiten der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) massiv an Fahrt gewann: Zum einen aus innenpolitischen Gründen, um in einem nationalen Überbietungswettbewerb der politischen Konkurrenz zu große Nähe zum liberalen Deutschland vorzuwerfen, und zum anderen aus außenpolitischen Gründen, um Deutschlands Selbstgenügsamkeit und unverbrüchlich scheinende Dominanz in Europa ins Wanken zu bringen.

Die gesellschaftlichen Emotionen unterstützen diese Politik, denn – wie das Deutsch-Polnische Barometer ermittelt hat: Für mehr als die Hälfte der Polinnen und Polen ist die Frage nach Wiedergutmachung nach wie vor eine offene Frage, während weniger als 20 Prozent der Deutschen diese Einstellung teilt.

Zwei Exemplare des Berichts in Buchform, auf einem Tisch ausgestellt.
Während der Regierungszeit der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) wurde ein Bericht über die polnischen Kriegsverluste erstellt. © PAP/Tomasz Gzell

2022 legte schließlich die polnische Regierung von Mateusz Morawiecki einen von einer Arbeitsgruppe des Sejm erarbeiteten Bericht vor, der eine konkrete, immense Summe enthielt, auf die sich die von Deutschland in Polen verursachten Kriegsschäden belaufen sollen – damals waren es umgerechnet 1,3 Billionen Euro.

Wenngleich die Möglichkeit illusorisch war und ist, dass Deutschland diese Summe oder nur ein Zehntel davon jemals an Polen zahlen könnte, so öffnete die medial in Deutschland breit kommentierte Forderung doch vielen Deutschen die Augen: Wie bitte, was haben die Deutschen eigentlich in Polen alles angestellt, wenn diese Summe so astronomisch groß ist? Das ist letztlich ein positiver Nebeneffekt eines politischen „moves“, der zu vielen Kollateralschäden in den deutsch-polnischen Beziehungen ebenso wie in der polnischen Innenpolitik geführt hat.

Die Idee einer „humanitären Geste“ 

Um diesen vorhersehbar hohen Reparationssummen etwas entgegenzusetzen, schlugen verschiedene Akteure der deutsch-polnischen Beziehungen eine „humanitäre Geste“ vor: Deutschland möge, so etwa der damalige grüne Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin im Jahre 2020, einen Fonds einrichten, um die medizinischen Kosten für betagte Kriegsopfer in Polen zu übernehmen und noch nicht ausreichend entschädigte Opfergruppen finanziell zu erreichen. Diese Ideen kursieren seither in den deutsch-polnischen Expertenkreisen und in den Amtsstuben der Ministerien, wobei die Gegner unter anderem vorbrachten, man könne ja keineswegs sicher sein, was eine solche Geste bringe: Würde sie irgendjemand in Polen zufriedenstellen? Und kämen nach einer Zahlung nicht gleich die nächsten Forderungen?

Verpasste Gelegenheiten 

Schließlich brachte Bundeskanzler Olaf Scholz 2024 zu den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen in Warschau das informelle Angebot mit, bis zu 200 Millionen Euro als „humanitäre Geste“ bereitzustellen. Donald Tusk, gerade wegen der deutschen Blockadehaltung auf EU-Ebene in Sachen gemeinsame Verteidigungsausgaben verärgert, dazu von der Furcht erfüllt, mit einer so geringen Summe die geballte Kritik der rechten Opposition auf sich zu ziehen, lehnte brüsk ab. Hätte die Regierung Tusk damals anders entschieden, hätte sie die ausgestreckte Hand ergriffen, gut weiterverhandelt und das Ergebnis dann der eigenen Bevölkerung als Erfolg verkauft, so stünden wir heute in den deutsch-polnischen Beziehungen wohl ganz anders da.

Olaf Scholz und Donald Tusk posieren für ein Foto.
Im Jahr 2024 soll Bundeskanzler Olaf Scholz Warschau rund 200 Millionen Euro angeboten haben. © IMAGO / Anadolu Agency

Nach dem Regierungsantritt von Bundeskanzler Merz gab es von deutscher Seite mehrfach Äußerungen, man werde sich für eine humanitäre Geste einsetzen. Der Kanzler war dafür, auch sein Außenminister, obschon sie zu den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen Ende 2025 anders als die Vorgänger im Vorjahr kein finanzielles Angebot mitbrachten. Daraufhin erklärte Donald Tusk trotzig, zur Not würde die polnische Regierung eben selbst die nötige Summe aufbringen, um die letzten lebenden Kriegsopfer finanziell zu unterstützen. Trotz aller deutschen Beteuerungen fehlt also bis heute diese humanitäre Geste, anders als die symbolische Geste des „Polen-Denkmals“, das nach Jahren des Hin und Her nun Wirklichkeit wird, während die „Geste des Wissens“ mit Namen „Deutsch-Polnisches Haus“ weiter auf die lange Bank geschoben wird.

Jetzt oder nie 

Die Kernfrage für heute lautet: Sollte Deutschland bei der „humanitären Geste“ also noch einmal einen Versuch wagen? Ja natürlich, es sollte, es muss. Wir sind das nach all den Jahren der Diskussion der polnischen Gesellschaft einfach schuldig. Wie es schon die deutsch-polnische Kopernikus-Gruppe in einem Aufruf Ende 2025 formulierte, Władysław Bartoszewski zitierend: „Es lohnt sich, anständig zu sein.“

Zumal dieser Anstand gar nicht so viel kosten müsste, hat doch die Deutsch-Polnische Stiftung Aussöhnung bereits Modelle für monatliche Auszahlungen entwickelt, die im ersten Jahr vielleicht eine Summe von knapp mehr als 100 Mio. Euro erfordern würden, aber in den Folgejahren rasch sinkende Aufwendungen bedeuten, da die Zahl der noch lebenden Begünstigten deutlich sinken wird.

Zu einer solchen Verpflichtung sollten sich die Bundesregierung und der Bundestag doch durchringen können, auch in Zeiten knapper Kassen. Wenn diese Geste jetzt nicht kommt, dann kommt sie nie mehr, denn mit höhnischer Verzweiflung werden Polinnen und Polen, die Betroffenen und ihre Angehörigen sowie alle Freunde der deutsch-polnischen Beziehungen den Akteuren in Berlin nur noch den Kommentar entgegenschleudern: „Ihr wolltet ja nur zynisch warten, bis die Zahl der Lebenden so gering ist, dass ihr nicht mehr viel zahlen müsst …“

Ein alter, gebeugter Mann in Uniform mit einem „Poland“-Aufnäher sitzt im Rollstuhl.
Die Zahl der Menschen, denen die „humanitäre Geste“ zugutekommen könnte, sinkt von Jahr zu Jahr. © IMAGO / NurPhoto

Deshalb besteht bei der humanitären Geste akuter Handlungsbedarf. Es braucht Kreativität, mutige Entscheidungen und Entschlossenheit, um sie doch noch in den Bundeshaushalt 2027 hineinzubekommen. Klar, die Bundespolitik zögert, da die innenpolitische Lage in Deutschland aus Regierungssicht gerade katastrophal ist.

Angesichts der knappen Kassen wirft die populistische Querfront aus AfD und BSW der Regierung ohnehin schon vor, Milliardensummen, die eigentlich dem schwer gebeutelten deutschen Steuerzahler zustünden, an die Ukraine oder als Entwicklungshilfe in alle Welt zu vergeben.

Wie die Kritik an einer Zahlung nach Polen aus dieser Richtung, zusätzlich befeuert durch die sozialen Medien, aussehen könnte, kann man sich denken. Deshalb bedürfte es einer guten Kommunikationsstrategie, um zumindest die Kräfte der Vernunft einzubinden: Es geht doch um nichts weniger als um Gerechtigkeit in einer Welt, in der es immer ungerechter zugeht.

Es geht um die Stärkung der Resilienz demokratischer, liberaler Gesellschaften. Deshalb ist eine „humanitäre Geste“ gegenüber Polen nicht zuletzt ein Beitrag zur Resilienz Europas, denn, indem sie das Gerechtigkeitsempfinden der polnischen Gesellschaft stärkt, stärkt sie die internationale Gerechtigkeit und das, was von der internationalen Werteordnung noch übriggeblieben ist.

Vertrauen als Widerstandskraft 

Die Botschaft müsste lauten: So wie Deutschland gemeinsam mit Europa die Ukraine massiv unterstützt, um dem überfallenen Land in seinem Überlebenskampf beizustehen, so unterstützt Deutschland ebenfalls die polnische Gesellschaft in ihrer Widerstandskraft, indem ihre schwächsten Glieder, die hochbetagten Zeugen des Zweiten Weltkrieges, noch einmal eine zumindest symbolische Wiedergutmachung erhalten.

Deutschland stärkt dadurch das Vertrauen der polnischen Gesellschaft in die Verlässlichkeit Deutschlands. Damit stärkt es auch den polnischen Staat, der gegen das neoimperiale Russland und seinen Vasallen Belarus an vorderster Front steht und sich ebenso wie Deutschland mit politischer Polarisierung und den Versuchen einer Spaltung der Gesellschaft und demokratischer Konsense durch externe Akteure auseinandersetzen muss.

Eine weitere Botschaft: Auch in Zeiten knapper Kassen opfern wir die Zusammenarbeit der liberalen Demokratien nicht dem Popanz der Populisten, selbst wenn es manchmal finanziell weh tut.

Die Regierungsbank im Bundestag, an der Oppositionsführerin Alice Weidel (AfD) vorbeigeht.
Die Regierung von Friedrich Merz muss sparen und wird von der Opposition angegriffen. © IMAGO / Mauersberger

Gewiss, das Thema „Reparationen“ wird mit dieser „Geste“ nicht vom Tisch sein, denn das Gedächtnis der polnischen Gesellschaft und die Erinnerung an erlittene historische Ungerechtigkeit reicht weit zurück. Aber es sind diese kleinen, konkreten Schritte, die Vertrauen aufbauen und es schwerer machen, unsere bilaterale Zusammenarbeit zu torpedieren. Gewiss, von erwartbarer Seite wird es über Oder und Neiße schallen, wie lächerlich niedrig diese Summen im Vergleich zu den erlittenen Schäden seien. Und genau hier müsste die polnische Regierung ansetzen und sagen – besser diese Geste als gar keine Unterstützung. Und besser eine gute Zusammenarbeit mit unserem deutschen Nachbarn als fortwährende Nickligkeiten und Konfrontation.

Notfalls ein Euro pro Kopf 

Sollte aber die deutsche Politik jetzt nicht in der Lage sein, noch einmal über den historischen Schatten zu springen und die „humanitäre Geste“ zu ermöglichen, so gäbe es ja noch die Zivilgesellschaft: Sie hat es in den 1980er Jahren zustande gebracht, Millionen von Hilfspaketen ins darbende Polen zu schicken. Wenn nur jeder Deutsche einen Euro gäbe, so wäre das Geld für ein Jahr Unterstützungszahlungen für die letzten polnischen Kriegsopfer fast zusammen. Nur – wäre das nicht eigentlich ein Armutszeugnis für die Berliner Politik?

Ein hochbetagter Mann in Uniform und mit Gehstock steigt in ein Auto, ein Soldat hilft ihm dabei.

Die „humanitäre Geste“ ist machbar und stärkt Europas Resilienz

Nur noch wenige polnische Opfer der deutschen Besatzung sind am Leben. Ihnen jetzt zu helfen, ist machbar und überfällig. Doch es geht um mehr als Gerechtigkeit: auch um die Widerstandskraft demokratischer Gesellschaften. Ein Gastbeitrag.
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Polnische Presseschau vom 13. Oktober 2026

Interview mit dem Staatspräsidenten Karol Nawrocki über Russland, die USA und Premier Tusk, die Zunahme von Messerattacken an polnischen Schulen sowie die Staatsfinanzen des Landes – darüber berichtet die polnische Presse.
Jacek Lepiarz