Ukraine

Die Schulbuchdiplomatie. Polnisch-ukrainisches Geschichtsbuch?

Die Prozesse, die zu gemeinsamen Schulbüchern führen, sind weit mehr als pädagogische Instrumente. Sie sind Vertrauens- und Laborräume.
Schüller sitzen im Klassenraum
Gelingt es ein polnisch-ukrainisches Geschichtsbuch zu schreiben? © IStock-Skynesher

Transnationale historische Verständigungsprozesse bilden eine essenzielle Voraussetzung für den europäischen Zusammenhalt. Nicht erst durch, aber spätestens seit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine ist die Dringlichkeit solcher Verständigung, aber auch das Maß an Versäumnissen unübersehbar geworden. Kann hier Schulbuchdiplomatie helfen?

Entgegen einer weit verbreiteten Erwartung löst Dialog keine politischen Konflikte. Er beendet keine Kriege, hebt keine Besatzungen auf und heilt keine historischen Traumata. Seine Aufgabe ist bescheidener – und vielleicht gerade deshalb von so grundlegender Bedeutung. Dialog setzt dem zerstörerischen Einfluss politischer Konflikte auf Bildung, Wissenschaft und gesellschaftliche Beziehungen Grenzen. Er bewahrt etwas, das in Zeiten der Polarisierung besonders leicht verloren geht: die Möglichkeit, überhaupt noch miteinander zu sprechen.

Diese Einsicht wirkt beinahe unspektakulär. Und doch ist sie von erstaunlicher Tragweite. Denn jede Gesellschaft lebt nicht nur von ihren Institutionen, sondern auch von ihrer Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, Widersprüche auszusprechen und selbst dort nach gemeinsamen Begriffen zu suchen, wo gemeinsame Erinnerungen längst zerbrochen sind. Wo diese Fähigkeit verlorengeht, beginnt Geschichte ihre Form zu verändern. Sie wird nicht länger Gegenstand der Erkenntnis, sondern Werkzeug der Mobilisierung. So entsteht aus Vergangenheit Munition.

Die nationale Perspektive genügt nicht

Kaum eine andere Region Europas wie der Raum zwischen Deutschland, Polen, den baltischen Ländern, Belarus und der Ukraine hat häufiger erlebt, wie Grenzen sich verschoben, Staaten verschwanden und neue politische Ordnungen entstanden. Kaum irgendwo sonst mussten Menschen so oft lernen, dass dieselbe Landschaft verschiedene Namen tragen kann, dieselbe Straße mehreren Staaten gehörte und dieselbe Familiengeschichte völlig verschieden erzählt wird. Hier war Geschichte niemals bloß Vergangenheit. Sie ging durch Klassenzimmer, Betriebe, Bahnhöfe und Marktplätze. Sie veränderte Sprachen, kulturelle Zuordnungen und Biographien. Deshalb genügt es in Ostmitteleuropa nicht mehr, Geschichte ausschließlich aus nationaler Perspektive zu erzählen. Nicht weil dies unwichtig geworden wäre. Sondern weil sie allein die Wirklichkeit dieser Region nicht mehr vollständig abbildet.

Marcin Wiatr guckt in die Kamera
Marcin Wiatr koordiniert auf deutscher Seite die Arbeit der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission © Aureliusz M. Pędziwol

Wer heute die Geschichte Polens verstehen will, begegnet zwangsläufig der Geschichte der Ukraine. Wer über Litauen spricht, stößt auf Polen und Belarus. Wer sich mit Deutschland beschäftigt, gelangt unweigerlich nach Polen. Die historischen Räume Ostmitteleuropas waren niemals sauber voneinander getrennt. Sie waren stets Räume engmaschiger Verflechtungen, sie bildeten über Jahrhunderte hinweg ein dichtes Gewebe aus freiwilligen oder erzwungenen Migrationen, Mehrsprachigkeit, religiöser Vielfalt und politischen Brüchen. Vielleicht besteht gerade darin ihre europäische Bedeutung. Denn Europa ist weniger durch Homogenität entstanden als durch die Fähigkeit, Verschiedenheit auszuhalten. Diese Erfahrung verlangt nach einer anderen Form historischen Lernens – hier kommt transnationale Geschichte ins Spiel.

Vertrauens- und Laborräume

Transnationale Geschichte bedeutet nicht, nationale Perspektiven aufzulösen oder durch eine vermeintlich objektive Meistererzählung zu ersetzen. Sie beginnt mit einer viel bescheideneren Erkenntnis: Jede historische Erzählung besitzt einen Standort. Erst wenn unterschiedliche Standorte sichtbar werden, entsteht jener Raum, in dem Verstehen überhaupt möglich wird. Gerade deshalb sind Prozesse, die zu gemeinsamen Schulbüchern führen, weit mehr als pädagogische Instrumente. Sie sind Vertrauens- und Laborräume. Man könnte sie als eine stille Form europäischer Diplomatie bezeichnen. Nicht Diplomatie der Außenminister, sondern Diplomatie der Historikerinnen, Didaktiker und Lehrkräfte. Ihre Verhandlungen finden selten unter den Kameras der Weltöffentlichkeit statt. Sie enden nicht mit feierlichen Handschlägen. Und doch verändern sie langfristig den Blick kommender Generationen auf Europa.

Die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission hat dies in einzigartiger Weise gezeigt. Als sie 1972 ihre Arbeit aufnahm, schien ein gemeinsames Nachdenken über Geschichte kaum vorstellbar. Der Eiserne Vorhang durchschnitt Europa. Die Erinnerung an Krieg, Besatzung und millionenfaches Leid war noch unmittelbar gegenwärtig. Niemand erwartete schnelle Einigkeit, aber gerade darin lag ihre Stärke. Die Kommission wollte nie politische Konflikte lösen. Sie wollte wissenschaftliche Maßstäbe sichern. Sie schuf Verfahren des Zuhörens, Regeln des Widerspruchs und eine Kultur fachlicher Zusammenarbeit, in der Dissens nicht als Scheitern, sondern als notwendiger Bestandteil wissenschaftlicher Erkenntnis verstanden wurde. Die von 2008 bis 2020 entstandenen vier Bände des von deutschen und polnischen Fachleuten verfassten europäischen Geschichtsbuches „Europa – Unsere Geschichte | Europa. Nasza historia“ sind ein sichtbares Ergebnis dieses jahrzehntelangen Prozesses. Aber der eigentliche Erfolg besteht in etwas viel Fragilerem.

Es entstand Vertrauen. Vertrauen nicht in identische Erinnerungen, sondern in gemeinsame Verfahren wissenschaftlicher Arbeit. Vielleicht liegt gerade darin der eigentliche europäische Wert der Schulbuchdiplomatie, die gerade nicht versucht, Geschichte zu vereinheitlichen, sondern Bedingungen schafft, unter denen unterschiedliche Erinnerungen miteinander ins Gespräch gebracht werden.

Die Schulbuchdiplomatie

Diese Erfahrung erhält heute eine neue Aktualität. Mitten im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine startete 2025 ein neues Projekt: Transnationale Geschichte unterrichten: Deutschland – Polen – Ukraine. Gemeinsame Schulbuchprojekte im Kontext des gesellschaftlichen Wandels nach Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine 2022. Es werden Empfehlungen für ein polnisch-ukrainisches Geschichtsbuch bzw. gemeinsame Unterrichtsmaterialien erarbeitet. Im Februar 2026 fand im Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften (CBH PAN) ein Kick-Off-Workshop im Rahmen des Projekts statt. Das von der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung geförderte Vorhaben wird vom Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Universität „Kiew-Mohyla-Akademie“ in Kyjiw in Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut und dem CBH PAN durchgeführt.

Dass die weltweit auf dem Feld der Schulbuchdiplomatie einzigartige deutsche Einrichtung – das Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut in Braunschweig – diesen Prozess begleitet, besitzt eine besondere Symbolik. Die deutsche Seite tritt darin nicht als Vermittler historischer Wahrheiten in Erscheinung, sondern als Partner, der Erfahrungen aus einem über Jahrzehnte gewachsenen deutsch-polnischen, deutsch-französischen, deutsch-israelischen oder deutsch-tschechischen Schulbuchdialog einbringen kann. Gerade darin liegt die eigentliche Innovation: Es geht nicht darum, ein fertiges Modell zu exportieren. Was weitergegeben werden kann, sind Erfahrungen, Methoden, wissenschaftlich abgesicherte Verfahren. Und nicht zuletzt die Kunst, wissenschaftlichen Streit produktiv werden zu lassen. Wie erinnern unterschiedliche Gesellschaften denselben historischen Raum oder historisch kontroverse Persönlichkeiten? Welche Bilder der Ukraine existieren heute in Polen und Deutschland? Welche Erwartungen verbinden ukrainische Flüchtlinge, die polnische Minderheit in der Ukraine oder die ukrainische Gemeinschaft in Polen mit einer gemeinsamen historischen Erzählung? Welche Leerstellen prägen bestehende Schulbücher und Bildungsmedien? Welche Sprache ermöglicht Verständigung, ohne Unterschiede zu verwischen?

Mehr als ein Lehrwerk

Schon diese Fragen zeigen, dass hier weit mehr entsteht als ein Lehrwerk. Es entsteht ein gemeinsamer Forschungsraum. Und das ist ein entscheidender Schritt auf dem mühsamen Weg zu einem Produkt, das Dialog- und Verständigungsprozesse in Gang setzt. Denn historisches Wissen entsteht nicht ausschließlich in Archiven. Es entsteht ebenso im Gespräch unterschiedlicher Erfahrungen. Dabei verändert sich auch die Rolle wissenschaftlicher Arbeit. Lange Zeit galt Objektivität vor allem als Distanz. Heute zeigt sich immer deutlicher, dass sie zusätzlich etwas anderes verlangt: die Fähigkeit, die Blickwinkel des Anderen nicht nur zur Kenntnis, sondern ernst zu nehmen, und bestehende Wissensstände gegenseitig abzugleichen.

Vier Bücher legen aufeinander
Vier Bände des Geschichtsbuches „Europa – Unsere Geschichte | Europa. Nasza historia“ © Eduversum (mit KI bearbeitet)

Die Perspektiven aus Ostmitteleuropa sind in Zeiten wie diesen notwendig. Wer hier aufwächst, lernt oft früh, dass Familiengeschichten mehrsprachig sind. Dass Erinnerungen einander widersprechen können. Dass Identität nicht selten aus mehreren kulturellen Traditionen besteht. Vielleicht erklärt dies auch, weshalb Polen und die Ukraine heute gemeinsam mit deutschen Partnern ein solches Projekt wagen. Deutschland bringt eine lange Tradition analytischer Wissenschaft und institutioneller Zusammenarbeit ein. Polen und die Ukraine bringen Erfahrungen mit, die für das Verständnis heutiger europäischer Herausforderungen kaum weniger bedeutsam sind: das Erleben politischer Umbrüche, imperialer Gewalt und einer Geschichte, bis heute nachwirkt. Aus beidem könnte etwas Neues entstehen. Nicht eine deutsche, polnische oder ukrainische Methode. Sondern eine europäische.

Denn Europa wird im 21. Jahrhundert nicht allein daran gemessen werden, wie es Grenzen schützt oder wirtschaftliche Stabilität sichert. Es wird sich ebenso daran messen lassen müssen, ob es unterschiedliche Erinnerungen in einen gemeinsamen Horizont des Verstehens und des Handelns überführen kann.

Gerade hier erhält die Arbeit an Schulbüchern eine unerwartete politische Dimension. Denn autoritäre Systeme führen Kriege nicht nur um Territorien. Sie führen sie ebenso um Begriffe. Sie verändern Wörter. Sie verfälschen Quellen. Sie stiften Verunsicherung und Chaos. Und sie besetzen Erinnerung. Der russische Angriff auf die Ukraine richtet sich deshalb nicht allein gegen Städte und Menschen. Er richtet sich ebenso gegen historische Fakten, gegen kulturelles Selbstverständnis. Gegen das Recht einer Gesellschaft, ihre eigene Geschichte selbst zu erzählen. Wer unter solchen Bedingungen an gemeinsamen historischen Unterrichtsmaterialien arbeitet, betreibt keine akademische Randbeschäftigung, sondern stärkt die demokratische Infrastruktur Europas.

Diese Arbeit kennt keine schnellen Erfolgsmeldungen. Sie verlangt Geduld, wissenschaftliche Präzision und die Bereitschaft, eigene Gewissheiten immer wieder zu hinterfragen. Aber gerade darin liegt ihre Kraft. Denn Vertrauen wächst langsam. Wie ein Baum. Nicht zufällig braucht jedes gute Geschichtsbuch beides: Wurzeln und Flügel. Wurzeln, weil historische Bildung ohne Quellen, kritische Reflexion und wissenschaftliche Sorgfalt ihren Halt verliert. Flügel, weil Geschichte nicht im Gestern endet. Sie soll Vorstellungskraft wecken – die Fähigkeit, sich in andere Erfahrungen hineinzuversetzen, um Zukunft gemeinsam denken zu können.

Vielleicht besteht genau darin die eigentliche Aufgabe transnationaler Geschichtsarbeit: Sie schützt jene gemeinsame Sprache, ohne die weder Wissenschaft noch Demokratie, weder Nachbarschaft noch Europa Bestand haben können. Europa beginnt nicht erst mit Vertragsunterzeichnungen oder abgehaltenen Gipfeln. Es kann in einem Seminarraum beginnen, in dem Historiker, Didaktikerinnen und Lehrkräfte über dieselbe Quelle diskutieren. Oder in einer Arbeitsgruppe, die um Ansätze zur Vermittlung historischen Wissens ringt. In einem Klassenzimmer, in dem Schülerinnen und Schüler entdecken, dass Geschichte mehr sein kann als die Erzählung über etwas, was angeblich längst vergangen und daher so gut wie nicht von Bedeutung ist.

Vielleicht beginnt Europa also genau dort, wo Menschen lernen, einander und gemeinsam Geschichte zu erzählen, ohne ihre Unterschiede aufzugeben. Das wäre keine Utopie. Es wäre die Grammatik des Friedens. Denn Vergangenheitsdeutung und Gegenwartsverständnis sind aufs Engste verbunden. Ohne profundes historisches Wissen ist beidem jeglicher Boden entzogen, auf dem doch so viel Gutes gedeihen kann.

Menschen steigen in einen Zug ein.

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Ab jetzt kann man sich für den deutsch-polnischen Freundschaftspass bewerben. Mit diesem können insgesamt 60.000 junge Menschen aus Polen und Deutschland das jeweilige Nachbarland per Zug entdecken. Man muss schnell sein.
Thomas Dudek
Eine Zeitung liegt auf dem Tisch.

Polnische Presseschau vom 14.09.2026

Russische Drohnen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet, ein Kulturkampf in den polnischen Schulmensen und der AfD-Erfolg – darüber berichtete die polnische Presse in den letzten Tagen.
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Viele Polinnen und Polen in Deutschland hätten sich lange nicht offen zu ihren polnischen Wurzeln bekannt. Sie fingen gerade erst an, dazu zu stehen, sagt Martin Piekar, Autor des Buches „Vom Fällen eines Stammbaums“.
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