Kaum ein ausländischer Regierungschef ist in der Ukraine so beliebt wie Bundeskanzler Friedrich Merz, der am vergangenen Sonntag in Kyjiw weilte. Laut einer Umfrage des renommierten Instituts Rating Group vom August sehen ihn 64 Prozent der Ukrainer positiv. Das sind sieben Prozentpunkte mehr als bei seinem Vorgänger Olaf Scholz. Nur der französische Präsident Emmanuel Macron schneidet mit 79 Prozent besser ab. US-Präsident Donald Trump bewerten dagegen nur 16 Prozent positiv und 77 Prozent negativ.
Die Zahlen zeigen, wie sehr sich die Ukraine-Unterstützung seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit gewandelt hat. Bis 2025 waren die USA Kyjiws wichtigster militärischer Unterstützer. Washington verkauft zwar weiterhin Waffen und Munition über europäische Länder an die Ukraine und teilt wichtige Aufklärungsdaten, doch zum wichtigsten Unterstützer wurde in diesem Jahr Deutschland.
Derzeit halten nur noch 54 Prozent der Ukrainer die USA für ein freundliches Land. Deutschlands Wert steigt dagegen seit Jahren und liegt inzwischen bei 77 Prozent, gleichauf mit Litauen, das seit dem ersten Tag der russischen Vollinvasion die Ukraine kräftig unterstützt. Etwas besser schneiden nur Großbritannien (80 Prozent) und Frankreich (81 Prozent) ab.

Die Studie hat jedoch ihre Makel. So wurde nach den übrigen baltischen Staaten Lettland und Estland sowie den skandinavischen Ländern gar nicht gefragt, obwohl diese ebenfalls zu den wichtigsten Unterstützern der Ukraine gehören. Auch der knappe Vorsprung Frankreichs vor Deutschland, der die tatsächlichen Hilfeleistungen nicht widerspiegelt, ist mit Vorsicht zu lesen. Er dürfte vor allem daran liegen, dass Macron besser in die stark personenbezogene politische Kultur der Ukraine passt, die dem französischen Modell ohnehin ähnelt.
Dennoch gibt die Umfrage einen aktuellen Einblick in die Stimmungslage. Bezeichnend ist etwa, dass vor dem Hintergrund des polnisch-ukrainischen Geschichtsstreits und wiederkehrender Wirtschaftskonflikte nur 50 Prozent der Ukrainer Polen als ein freundschaftlich gesinntes Land sehen. Ministerpräsident Donald Tusk bewerten 45 Prozent positiv, Staatspräsident Karol Nawrocki nur 20 Prozent. Sein Vorgänger Andrzej Duda stand in ähnlichen Umfragen einst auf Platz eins.
Alle Augen auf Berlin
Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen in Frankreich und die Parlamentswahlen in Italien im kommenden Jahr, die für die Ukraine böse Überraschungen mit sich bringen könnten, richtet sich der Blick Kyjiws vor allem auf Deutschland. Trotz des Streits um Nord Stream 2 und holpriger Kommunikation zu Beginn der russischen Vollinvasion erreichten die deutsch-ukrainischen Beziehungen schon unter der Ampel-Koalition einen historischen Höhepunkt. Die Regierung Merz führt diese Linie grundsätzlich fort.
Deutsch-ukrainische Rüstungsprojekte
Dass die Beziehungen unter Merz noch enger wurden, liegt aber nicht nur an dessen direkter Rhetorik, die ihn von seinem Vorgänger Olaf Scholz unterscheidet. In Kyjiw schätzt man besonders das stärkere Engagement Deutschlands in gemeinsame Rüstungsprojekte. Ebenso begrüßt man, dass die Bundesregierung Details der militärischen Zusammenarbeit weit seltener vorab öffentlich macht. Die Taurus-Frage bleibt zwar weiterhin auf der Tagesordnung, hat aber an Brisanz verloren, weil die Ukraine eigene Marschflugkörper und ballistische Raketen entwickelt, was Deutschland unterstützt.

Umso wichtiger war Merz’ Besuch in Kyjiw vor einem durch die täglichen russischen Angriffe drohenden schweren Winter mit Strom- und Heizungsausfällen. Begleitet wurde Merz bei seiner Ukraine-Reise von Vertretern zahlreicher deutscher Rüstungsunternehmen, vor allem aus den Bereichen Drohnen- und Flugabwehr. Angesichts des weltweiten Mangels an Patriot-Abfangraketen muss die Ukraine eigene Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen und im Gegenzug eigene entwickeln, um auch Startrampen auf russischem Territorium treffen zu können.
Zudem sucht sie nach einer kosteneffizienten Verteidigungsmöglichkeit gegen die neuen russischen Jet-Drohnen Geran-4 und Geran-5, deren Produktion Russland überraschend stark hochfahren konnte. Die dafür notwendigen Abfangdrohnen selbst sind technisch kein Meisterwerk. Da sie jedoch Düsenantrieb und Zielsteuerung benötigen, ist deren Produktion in hoher Stückzahl teuer.
In beiden Bereichen sind deutsch-ukrainische Kooperationen mit Firmen wie Diehl Defence und Quantum Systems essenziell. Deshalb wird in Kyjiw die innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland sehr aufmerksam verfolgt. Dabei geht es nicht nur um die Ergebnisse russlandfreundlicher Parteien wie AfD, BSW, sondern vor allem um die Stabilität der Bundesregierung.
Hinter den Kulissen sollen Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche der ukrainischen Seite versichert haben, dass die Regierung die verbleibenden zweieinhalb Jahre bis zu der nächsten Bundestagswahl durchhält. Aus ukrainischer Sicht hat zudem Merz selbst, der sich als „Außenpolitik-Kanzler“ inszeniert und mit Martin Jäger den ehemaligen Botschafter Deutschlands in der Ukraine an die Spitze des BND berief, eine zentrale Rolle. Es wird bezweifelt, ob mögliche Nachfolger sich ähnlich für die Ukraine einsetzen würden.
Finanzprobleme der Ukraine
Warum diese Frage Kyjiw so beschäftigt, ist klar: Die in den französischen Umfragen führende Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen stellt eine Ukraine-Politik nach dem Vorbild der Trump-Administration in Aussicht, die zumindest das Ende der Finanzhilfen vorsieht. Die komplizierte Regierungskoalition in Italien ist bei Verteidigungshilfen schon heute zurückhaltend. Weshalb Deutschlands Beitrag, trotz aller Unterstützung Großbritanniens oder Finnlands, eine besondere Bedeutung zufällt.

Wie wichtig die Unterstützung der Ukraine ist, zeigt die akut schwere finanzielle Situation des sich verteidigenden Landes. Die russischen Angriffe schwächen die Wirtschaft systematisch, und durch die fortlaufende Mobilisierung gehen ständig Steuerzahler verloren. Im zivilen Haushalt, der fast vollständig durch ausländische Hilfen gedeckt wird, klafft bis Jahresende eine Lücke von gut 26 Milliarden US-Dollar. Diese kann Kyjiw selbst schließen, da die Gelder größtenteils an Reformen gebunden sind. Schwieriger ist jedoch der Verteidigungshaushalt, der mit der technologischen Entwicklung des Krieges weiterwächst. Hier fehlen rund 27 Milliarden Dollar.
Laut dem Finanzministerium will die Ukraine davon sieben Milliarden selbst aufbringen, für zwölf Milliarden hofft man auf Lösungen mit Partnern. Der Rest bleibt aber ungedeckt, ohne Aussicht auf direkte Übernahme durch die EU. Jede Verkleinerung der deutschen Rolle wäre daher fatal, zumal die Aussichten für das nächste Jahr noch düsterer sind. Was die ukrainische Regierung auch durch kleine Gesten zeigt. Den Empfang der deutschen Botschaft in der Ukraine anlässlich der Deutschen Einheit, besuchte auch Außenminister Andrij Sybiha. Botschaftsempfänge stehen in den Terminkalendern der Außenminister eigentlich nicht oben auf der Liste.
Polnisch-ukrainischer Geschichtsstreit
In Bezug auf Polen, das mit Abstand wichtigste Transitland für Militärgüter, hatte man in Kyjiw lange gehofft, nicht wie im Frühjahr in Ungarn zum Wahlkampfthema zu werden. Diese Hoffnung scheint sich im Hinblick auf das Nachbarland, wo im nächsten Jahr Parlamentswahlen stattfinden, nicht erfüllt zu haben. Die Wurzeln dafür liegen in einem der dunkelsten Kapitel der polnisch-ukrainischen Beziehungen.
Im Mai benannte der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj eine Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte nach der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA), dem militärischen Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Diese war maßgeblich beteiligt an dem Massaker von Wolhynien, dem zwischen 1942 und 1945 laut Schätzungen bis zu 100.000 Menschen, vorwiegend Polen, zum Opfer fielen.

Es war eine Entscheidung, die in Polen, wo das Verbrechen als Völkermord angesehen wird, für Empörung sorgte. Der polnische Staatspräsident Karol Nawrocki entzog Selenskyj als Reaktion den Orden des Weißen Adlers, die höchste polnische Auszeichnung. Die Verleihung durch seinen Vorgänger Andrzej Duda wurde vor allem als Würdigung des sich verteidigenden ukrainischen Volkes verstanden. Selenskyj schickte daraufhin die Auszeichnung per Kurierdienst nach Warschau zurück.
Heute sind die polnisch-ukrainischen Beziehungen so angespannt wie schon lange nicht mehr. In der Ukraine mehren sich zwar kritische Stimmen, was die Umbenennung der Einheit angeht. Das Ausmaß der polnischen Empörung überraschte jedoch, da in der Westukraine seit Jahren viele Straßen und Denkmäler an die UPA erinnern.
Vielen Ukrainern fehlt das historische Wissen über die UPA
Die Geschichte der UPA wird in der Ukraine etwas anders gesehen, wobei man dort betont, das Massaker damit nicht relativieren zu wollen. Denn zum Kontext zählt man in der Ukraine auch die Repressionen gegen ukrainische Bauern und Kirchen im Vorkriegspolen sowie die Vergeltungsaktionen der polnischen Einheiten, denen bis zu 15.000 Menschen zum Opfer fielen.
Zudem ist das Verhältnis der Ukrainer selbst zu OUN und der UPA kompliziert. Vor Beginn des russisch-ukrainischen Konflikts sah noch fast die Hälfte diese beiden Organisationen kritisch. Im vergangenen Jahr waren es laut dem Kyjiwer Internationalen Institut für Soziologie (KIIS) jedoch nur noch acht Prozent. Die Hälfte konnte sich jedoch kein Urteil bilden, weil schlicht das historische Grundwissen fehlt. Sie sehen die OUN oft nur als Gegenpol zur russischen Propaganda, die ukrainische Nationalisten seit Jahrzehnten dämonisiert.

Laut einer KIIS-Studie von Ende Juni 2026 meint nur ein Prozent der Ukrainer, Kyjiw solle die polnische Sicht auf die gemeinsame Geschichte vollständig übernehmen. Umgekehrt meinen nur vier Prozent, Polen solle die ukrainische Sicht übernehmen. 57 Prozent finden, jede Nation dürfe ihre eigenen Helden haben, ohne dass andere sich einmischen. 33 Prozent wünschen sich eine gemeinsame Sichtweise, erarbeitet von Historikerkommissionen statt von Politikern. Rund 90 Prozent befürworten also einen konstruktiven Weg.
Illusionen macht man sich in Kyjiw dennoch nicht: Dass Polen, gleich unter welcher Regierung, die Ukraine im Falle eines EU-Beitritts als wirtschaftlichen Hauptkonkurrenten sieht, wird die Beziehungen noch lange prägen. Im Vordergrund sollen aber die gemeinsamen Sicherheitsinteressen stehen.
Auch andere Themenfelder sind strittig
Doch gerade hier herrscht, auch aufgrund unterschiedlicher Deutungen, in der ukrainischen Politik viel Unverständnis gegenüber Warschau, auch bei Selenskyj selbst, der kaum zu den Verehrern der OUN und UPA zählen dürfte. Kyjiw ist Polen für die Unterstützung und die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge dankbar. Zugleich sieht man in Kyjiw aber allein die Abwehr der ersten Phase der russischen Großinvasion als großen, teils entscheidenden Beitrag zu Polens Sicherheit.
Zudem profitiere Polen nach Meinung Kyjiws wirtschaftlich von den ukrainischen Flüchtlingen und von dem Waffentransit in die Ukraine. Die Abgabe sowjetischer Waffen an die ukrainischen Streitkräfte sei auch im Kontext der Modernisierung des polnischen Militärs durch NATO-Partner wie die USA zu sehen. In Fachkreisen wird dennoch kritisiert, dass Selenskyj nicht zu der Ukraine-Wiederaufbaukonferenz nach Polen reiste und für Auslandsreisen zunehmend Moldau statt Polen als Transitland nutzt.
Die Umbettung von aus polnischer Sicht umstrittenen Figuren wie Andrij Melnyk und Jewhen Konowalez sowie der Aufbau eines eigenen „Pantheons der Helden“ gelten allerdings vor allem als Projekt von Kyrylo Budanow. Der frühere Chef des Militärgeheimdienstes HUR leitet seit Januar das Präsidialbüro und will damit wohl Teile der Armee ansprechen.
Eskalieren wie das Verhältnis zu Ungarn, das auch nach der Abwahl Viktor Orbáns äußerst schwierig bleibt, darf der Streit mit Polen jedenfalls nicht, denn die gegenseitige Abhängigkeit ist ungleich größer. Für Kyjiw und die ukrainische Bevölkerung bleiben die Partner im langen Abnutzungskrieg entscheidend. Russland setzt darauf, dass die Unterstützung mit der Zeit schwindet, um seine Ziele mit der Brechstange zu erreichen.
In Kyjiw weiß man auch, dass Moskau der Ukraine mit seinem Luftkrieg mehr Schaden zufügt als umgekehrt. Weil Russland seinen Angriffskrieg jedoch selbst finanzieren muss, kann internationale und vor allem europäische Hilfe diese Rechnung zugunsten der Ukraine verschieben.